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1962

Masse statt Klasse wäre natürlich unfair gegenüber dem Jahrgang, aber speziell für Bordeaux stimmt das im Vergleich zum berühmten Vorgängerjahrgang schon. Groß war die Ernte in Bordeaux und von guter, aber nicht überragender Qualität. Leider besaßen die Weine aus Bordeaux auch nicht das Standvermögen der 61er. Viele haben ihre beste Zeit schon lange hinter sich.

Ganz angetan war ich 1995 und 96 von Chasse Spleen in einer belgischen Händlerabfüllung, schöne Farbe und Nase, wirkte jünger, etwas schlank und staubig am Gaumen, baute nach 2 Stunden ab – 86/100. Lanessan war 2003 aus der Magnum bis auf ganz leichten Korkton wunderbarer Wein mit viel Kraft und Länge, macht´s noch lange - 92/100.

Ganz grausames Zeugs ist Calon Ségur. 1994 eine ganz üble Magnum. Im selben Jahr dann noch eine halbwegs trinkbare 1tel, ziemlich hell mit Brauntönen, wenig Frucht, ausgezehrt, baute nach 1 Stunde völlig ab – 82/10. Eine weitere Flasche nach dem ersten Probeschluck gleich entsorgt. Mehr brauche ich davon nicht. Eine enttäuschende Nase hatte 2006 Cos d´Estournel. Am Gaumen war er trotz heftiger Säure deutlich besser und blühte mit feiner Süße und viel Pilzen noch mal auf – 87/100

Batailley war 1996 auf einer Drawert-Probe aus der Magnum mit sehr kräftiger, dichter Farbe rustikal, aber auch etwas einfach gestrickt und säuerlich am Gaumen – 85/100. Lafite Rothschild hatte 1995 im Landhaus Bacher aus der Doppelmagnum eine reife Nase mit Zedernholztönen, war über den Höhepunkt hinaus, etwas säuerlich, aber noch gut trinkbar – 85/100. Drei Monate zuvor war ich auf einer Rodenstock-Probe wie viele andere froh, dass dieses furchtbare, säurelastige Gesöff abgeräumt wurde. Mein Tischnachbar, Michael Broadbent, behielt als einziger sein Glas, um zu sehen, wie er sich weiter entwickelt. Irgendwas habe ich da wohl nicht richtig mitbekommen. Auch Lafites Zweitwein der Carruades war 1989 nur ein leichtes, schlappes Weinchen, schon weit über Höhepunkt, falls es den jemals hatte – 82/100.
Sicher einer der langlebigsten 62er ist Latour. Der hat lange gebraucht, bis er überhaupt trinkbar wurde. Ich erinnere mich an einige Flaschen aus dem Anfang der 90er, wo Latour noch gar nichts rausließ. Überraschenderweise war dann mein erster richtig großer, trinkreifer 62er Latour 1994 in Hamburg eine wunderbare Imperiale. Ein Jahr später auf Willi Krählings großer Latour-Probe aus der Magnum wieder groß, aber noch etwas unfertig – 94/100. 2000 auf einer Best Bottle dann sehr junge, dichte, kräftige Farbe, Klassiker mit schöner Minze, Riesenteil - 94/100. Ähnlich noch mal 2002. Ich vermute, dass Latour erst nach 2010 richtig zeigt, was er kann und dann sicher 10-15 Jahre auf 95-96/100 Niveau sehr viel Spaß machen wird. Also ein unbedingter Kauf- und Investmenttip. Zuletzt 2007 ein kerniger, wunderschöner, trüffeliger Latour mit viel Kraft und Biss – 95/100. Ein paar Monate danach allerdings aus der Magnum schon sehr weit entwickelt. Ein sehr feiner, reifer, aromatischer Latour mit ganz leicht metallischen Tönen – 92/100. Lynch Bages war 2001 aus der Magnum schon etwas müde und nicht mehr sehr generös - 86/100. Aus der 1tel 2008 rustikal ohne jegliche Finesse mit deutlicher Altfassnote - 78/100. Mouton Rothschild war 1998 in der 1/2 erstaunlich kräftig und jugendlich mit gut eingebundener, tragender Säure, die aber mit der Zeit Überhand gewinnt, wohl doch über Höhepunkt weg – 88/100. Kurz danach eine deutlich jünger wirkende, sehr schlanke 1tel. 1999 auf einer großen Mouton-Probe dann eine sehr schöne Flasche, wunderbare Minznase, Minze auch am Gaumen, lang, toller Stoff, hat auch noch Frucht, in dieser Form durchaus noch Zukunft – 93/100.
Ducru Beaucaillou hatte 1995 auf einer Drawert-Probe aus der Magnum noch eine kräftige Farbe, Milchkaffee-Töne, war sehr lang und ausgewogen – 93/100. 2006 auf der großen Ducru-Probe nur noch ein kleiner, feiner Wein - 86/100. Nach einer unglaublich guten Doppelmagnum 1993 am Arlberg habe ich Gruaud Larose 1995 noch einmal aus der 1tel getrunken. Da war er deutlich reifer, aber immer noch sehr druckvoll und aromatisch – 91/100. Für Leoville las Cases konnte ich mich 1989 und 1994 nicht sonderlich erwärmen. Der wirkte schon sehr reif mit ersten Brauntönen, verhaltene Nase mit Teer, Lakritze, kräftig am Gaumen, alkoholisch, etwas kurz im Abgang – 85/100. Ein säuerliches, leichtes Weinchen, das man getrost vergessen kann, war sowohl 1994 als auch zuletzt 2000 Leoville Poyferré. Ein sicherer Tipp aus 1962 könnte Talbot sein. Davon ging mir 2007 im Keller eine Doppelmagnum kaputt. Mit klarer, dichter Farbe, kaum Brauntöne, ergossen sich da 3 Liter feinsten, topgereiften St. Juliens in meinen Kellern und verströmten einen wunderbaren Duft. Was für eine geile Nase! Da musste ich den Rüssel nicht tief ins Glas stecken. Ich brauchte nur kräftig durch die Nase zu atmen. Vor Schreck erst starr, rettete ich den Flaschenfuß mit noch genug Wein, um bei aller Vorsicht trotz Scherbengefahr wenigstens noch ein Dezi dieses köstlichen Elixiers zu erhaschen. Das war reifer Medoc in Reinkultur und hätte in einer Degustation sicher mit mindestens 94/10 abgeschnitten. Zuletzt 2008 dann aus der Magnum eine herrliche, reichhaltige, üppige Nase, mit der der Gaumen allerdings nicht mitkam –89/100.
Cantemerle war es 1997 selbst in der Magnum nicht mehr, helle Farbe, säuerlich, kein Genuß - 79/100. Nur noch in perfekten Großflaschen würde ich mich an Margaux rantrauen. Das war Ende der 80er/Anfang der Neunziger ein sehr schöner, fruchtiger Wein mit feiner Nase, aber schon weit entwickelt. Am besten gefiel er mir 1994 auf der großen Margaux-Probe in der Wachau aus der Magnum, herrliche Kaffenase, auf der leichteren Seite, harmonisch, nicht besonders lang – 89/100. Nach staubigem, verdrecktem Pferdestall roch er zuletzt 2007 auf René Gabriels großer Matgaux-Probe. Auch am Gaumen eine säuerliche Plörre, die man getrost vergessen kann- 78/100.

Domaine de Chevalier hatte 2000 aus der Magnum eine sensationelle Farbe und tolle Graves-Nase, am Gaumen weniger überzeugend, kam dann aber mit der Zeit und entwickelte später feine Süße – 90/100. Sehr oft getrunken habe ich Haut Brion, einen Wein, der sich Ende der 80er und Anfang der 90er ähnlich darstellte wie heute der unverwüstliche 79er. Nach ein paar schwächeren 1teln dann 2003 noch mal eine traumhaft schöne Magnum – 93/100. Wahrsccheinlich eine fehlerhafte Flasche zuletzt 2006 auf der Haut Brion-Probe. Sehr kompakt, etwas gezehrt wirkend, viel Lakritz, animalische Töne, aber auch laktisch wirkend, einfach nicht stimmig, der müsste zumindest aus der Magnum noch deutlich mehr bringen – 78/100. Da kann der in 1962 nicht besonders gelungene La Mission nicht mithalten. 1995 wirkte er völlig La Mission-untypisch, wie ein gereifter Burgunder – 86/100. 1997 dann wieder sehr reif, weich, burgundisch, nur dezente Cigarbox-Nase, keine Zukunft – 85/100.

Noch gut trinkbar auf niedrigem Niveau war 1996 Clos René aus der Magnum – 85/100. Zu Croix de Gay in einer Hanapier Abfüllung notierte ich 1995 nur: typischer Hanapier-Einheitsbrei, muffig, angesengt, erdig - neue Fässer waren denen wohl zu teuer - 77/100. Gazin überraschte 2003 aus der Magnum mit einer geilen Pomerol-Nase und noch viel Kraft am Gaumen – 93/100. Eher Medoc als Pomerol war 1993 in Mautern auf der Petrus-Probe ein Petrus aus der Marie-Jeanne, tiefdunkle Farbe, kräftige Tannine, entwickelte sich sehr schön im Glas und wandelte sich mehrmals mit Schokolade, aber auch Teenoten, dezente Süße – 95/100. 2005 auf René Gabriels großer Petrus-Probe reif, aber immer noch mit dichter Farbe, ein interessanter, leckerer Hustensaft, Riccola, malzig kräuterige Süße, ein Schuß Portwein, sehr süß am Gaumen, dabei sehr nachhaltig mit langem Abgang, sicher einer der besten Weine dieses Jahrgangs – 95/100. Vieux Chateau Certan war 1998 sehr klar, reintönig, sehr schön, aber auch etwas schlank – 90/100. 2005 ein perfekt gereifter, toller Wein, geprägt von reifem Merlot mit faszinierender Nase und beeindruckender Aromatik.
Dünn und wässrig war 1994 ein Canon-la-Gaffelière in einer Hanapier-Abfüllung. Ich habe die Hälfte der Flasche weggeschüttet. Cheval Blanc war 2000 kräuterig, ganz ok, aber über Höhepunkt lange weg - 89/100. Troplong Mondot hatte 2008 eine wunderbare Nase, die an die dicke, dunkle Kruste eines Bauernbrotes erinnerte und die auch von der Rhone kommen könnte. Am Gaumen war er eher schlank mit deutlicher Säure, wird sicher nicht mehr besser und gehört getrunken – 89/100.

Aus Sauternes habe ich nur d´Yquem getrunken, der mich aber 1995 in Hamburg nicht vom Hocker riß.

Sehr gutes Jahr in Burgund, hier deutlich besser als 1961.
Corton Clos des Cortons
von Faiveley war 1988 bei Jörg Müller ein absoluter Burgundertraum, voll trinkbar, genau auf dem Punkt – 95/100. Ein Chambertin von Remy war 2004 bei Jörg Müller erstaunlich schön und kräftig, sehr lang am Gaumen - 91/100. Ein Chambolle-Musigny desselben Erzeugers war 1997 sehr schöne, reife und süßliche Burgundernase, am Gaumen kompakt und kurz – 85/100. Bei einem Chambertin von Jaboulet Vercherre merkte man deutlich die Zäsur in der Stilistik der Burgunder, die sich nach 1960 entwickelte. Richtiggehend pummelig wirkte dieser süße, füllige Wein in der Nase, dem es bei aller Qualität einfach an Komplexität fehlte. Dafür war er wenigstens noch recht frisch und jung am Gaumen – 90/100.

Sehr gutes Rhone-Jahr, das völlig zu Unrecht unter die Räder des 61ers geriet.
Hermitage la Chapelle von Jaboulet-Ainé war 2007 massig schwarzes Lakritz pur, so, wie man es nur beim Apotheker kaufen kann, Kraft ohne Ende, leicht animalisch, ein breitschultriger, sehr dichter Wein mit noch langer Zukunft – 96/100.

Schwieriges Weinjahr in Deutschland. Und nicht häufig anzutreffen.
Überhaupt nicht alt und zeitlos schön wirkte 1994 eine Wehlener Sonnenuhr Auslese von JJ Prüm – 90/100.

Eigentlich gibt´s den Bucaco Tinto Reserva nur im Palace Hotel von Bucaco im dortigen Restaurant. Doch Willi Krähling war irgendwie an eine Flasche gekommen, die sich dann als einer der Stars seiner 2000er Probe entpuppte. Dichte, junge Farbe ohne Alter, auch am Gaumen dicht, kräftig und wie ein klassischer Chateauneuf wirkend, ganz erstaunlich - 96/100.

In Spanien war 1962 ein sehr gutes Rioja-Jahr.
So war dann auch Vina Real 2003 ein Rioja in Perfektion, ganz großer, wunderbarer Wein, füllig, dicht und lecker - 96/100. Ein
Torres Gran Coronas Black Label war 1998 reif, weit in Farbe und am Gaumen, kam aber mit der Zeit noch und könnte aus guter Lagerung durchaus noch interessant sein – 85/100.
Vega Sicilia Unico hatte 2001 eine sensationelle Farbe, eine rauchige, kräuterige Nase, war am Gaumen erstaunlich frisch, mineralisch, mit schönem Abgang, durchaus mit Zukunft – 92/100. Zuletzt 2007 kühle Frucht, laktische Noten, Himbeeryoghurt, aber auch Kraft und Länge, entwickelte sich im Glas, wurde gefälliger und runder mit Nuss- und Schokonoten – 93/100.

Eigentlich ein unbedeutendes, kleines Kalifornien-Jahr. Doch der Inglenook 2008 in der Ungerschen Kalifornien-Probe war ein minziger, kräftiger, immer noch erstaunlich kompletter und sehr langer Wein – 96/100. Alte Inglenooks sind unsterbliche Monumente vergangener, kalifornischer Weinbaukunst. Sie faszinieren mit ihrer Komplexität und aromatischen Dichte, die auf das „Glutamat“ der modernen Winzer, den hohen Alkoholgehalt als Geschmacksverstärker, nicht angewiesen sind.
Ein großes Erlebnis war 2002 ein Penfolds Bin 621 Vintage Port
, traumhaft reifer, süßer, nicht übermäßig alkoholischer Port aus Shiraz-Trauben, der mit seiner Reife und der hellen Farbe auch aus Portugal und dem 19.JH stammen könnte - 98/100. Zwar immer noch schön trinkbar, aber sicher nicht besonders groß war 1999 auf der Grange-Probe der Penfolds Grange, ein eher leichtgewichtiger, reifer Schmeichler mit dem für heutige Granges ungewöhnlich niedrigen Alkohol von nur 12% - 90/100.

Schon häufiger durfte ich Dom Perignon trinken, der dem legendären 61er des Hauses kaum nachsteht. 1995 auf einer Drawert-Probe meine erste Flasche, helle, junge Farbe. Frische, fruchtige, junge Nase, feinperliges Mousseux, keinerlei Alter, sensationell gut – 97/100. 2002 in Aschau zum Geburtstag eines guten Weinfreundes, kräftige Farbe, erstaunlich frisch, immer noch schönes Mousseux, kräftig und komplex am Gaumen, keinerlei Alterstöne, Ausnahmestoff - 97/100. Zuletzt 2007 fast ein Stillwein, da perlte nicht mehr viel. Dafür zeigte dieser große Stoff eine unglaubliche Komplexität und Länge. Dazu eine perfekte Struktur, viel besser geht reifer Champagner nicht - 97/100.

Quinta do Noval Nacional war 2002 ein sehr schöner, intensiver, langer Port, gegen den überragenden Penfolds aber nur 2. Sieger - 97/100. Niepoort Colheita Port war 2006 ein toller Stoff, Tabak ohne Ende gepaart mit feiner Süße, reif und voll da – 93/100.



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