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1974

Was hätte das für ein schöner Bordeaux-Jahrgang werden können ohne den leider so häufig einsetzenden September-Regen. Der hielt sich verbunden mit kaltem Wetter bis über die Ernte im Oktober dran. Das Ergebnis sind Weine sehr mäßiger Qualität. 2006 auf der großen Ducru-Probe war Ducru Beaucaillou für den Jahrgang eine Sensation, noch erstaunlich jung und frisch wirkend, das kleine Jahr merkte man nur am kurzen Gaumen - 85/100. Ein Mouton Rothschild, 1988 in einem Sylter Bistro Offen-Ausschank, starb damals schon ganz schnell im Glas und hatte dann nicht nur die Farbe eines rostigen Fiat-Kotflügels, sondern auch dessen Geschmack - Bah!! Einzige positive Ausnahme und in Großflaschen vielleicht auch heute noch schön ist La Mission, der sich 1998 aus der Magnum mit seiner klassischen Cigarbox-Nase und viel Tabak am Gaumen als sehr guter Wein erwies.

Wie so oft standen die 74er Burgunder ihren Bordelaiser Kollegen in geringer Qualität und mangelndem Charme nicht nach. Ich kann mich noch gut an einen ungenerösen, ausgetrocknet und hohl wirkenden La Tâche in 1986 erinnern. Während alles vor dem großen Namen erstarrte, suchte und suchte ich vergeblich im Glas, mehr als 86/100 war da nicht drin.

Aus Italien habe ich nur den 74er Sassicaia getrunken. Auf Willi Krählings Sassicaia-Probe 1993 zeigte er aus der Magnum schon deutliche Brauntöne, war sicher schon über Höhepunkt hinaus, aber immer noch ein faszinierender, kräftiger, sehr langer Wein – 93/100. Drei Jahre später auf der Sassicaia-Probe der Ungers war dann der Lack entgültig ab. Sehr bräunlich, ungenerös und definitiv auf dem Weg ins Jenseits – 85/100. Da würde ich mich heute nicht mehr rantrauen. Nicht getrunken habe ich bisher 74er Barolos, aber da soll es noch die ein oder andere langlebige Entdeckung geben.

In Spanien hat Vega Sicilia 1974 einen großen Unico produziert mit dichter, frischer Farbe, füllig und cremig am Gaumen mit schönem Abgang. War 2001 auf der Vega Sicilia Probe eine Wohltat nach den vielen säurelastigen alten Unicos und sicher 96/100 wert. Im September 2004 kam er aber trotz betörender Frucht in einem großen 74er Kalifornien-Flight völlig unter die Räder. Zuletzt 2006 betörende Nase, eine üppige Süße am Gaumen, aber auch eine mächtige, darunterliegende Säure - 93/100. Ich würde diesen guten, aber nicht außergewöhnlichen Unico, den ich schon mehrfach deutlich besser erlebt habe in den nächsten Jahren trinken. Die Säure scheint sich wie bei vielen älteren Unicos immer mehr in den Vordergrund zu drängen. Groß war auch im April 2004 ein Scala Dei aus dem Priorat. Sehr dichte junge Farbe, in der Nase massive Porttöne, am Gaumen überreife Trauben, sehr reif, portig - 94/100. Ein Gran Sangre de Toro von Torres hatte 2007 zwar eine dichte Farbe, war aber sehr medizinal in der Nase und erinnerte eher an Hustensaft, am Gaumen säuerliches Naturyoghurt – 70/100.

Abenteuerlustigen empfehle ich einen Ausflug nach Österreich. 1994 durfte ich bei Hirtzberger mit Weinpfarrer Denk neben weiteren Wachauer Raritäten eine noch unglaublich frische Ried Hochrain Riesling Spätlese mit schöner Frucht und Säure probieren.

Deutschland wurde 1974 zwar Fußball-Weltmeister, beim Wein reichte es allerdings nur zur Kreisklasse. Ein verregneter Herbst machte die Erzeugung langlebiger Spitzenerzeugnisse praktisch unmöglich.

Als sehr langlebig könnte sich der 74er Grange aus einem ansonsten als eher schlechter eingestuften Australien-Jahr erweisen. Auf der Grange-Probe 1999 zeigte er Tannin ohne Ende, massive Röstaromen, entwickelt sich im Glas mit wunderschöner Süße und wurde sehr schön – 95/100.

Und wo wir in der neuen Welt sind, die Europas Wetterkapriolen ja nicht mitmacht: 1994 hielten wir auf einer Blindprobe alle einen Uitkyk Cartonet Cabernet Sauvgnon aus Südafrika für einen großen, gereiften Bordeaux.

Die besten 74er kommen aber eindeutig aus Kalifornien. Dort war 1974 ein Superjahr, in dem sehr reife, komplette, große Weine erzeugt wurden. Kein Wunder, dass diese Weine, als sie dann 77 und 78 in Vergleichsproben auf die dürren europäischen Gewächse trafen, für viel Aufsehen sorgten. Obwohl die meisten 74er aus Kalifornien bereits das Zeitliche gesegnet haben, gibt es immer noch ganz tolle Tropfen, aber natürlich inzwischen auch herbe Enttäuschungen. Hervorragend 2007 in der Coburg Caymus. So fein, fast filigran, unendlich elegant mit delikater Frucht, mit faszinierender, minziger Frische und dem obligatorischen Schuss Eukalyptus, entwickelt immer mehr lakritzige Töne – 97/100. Der wohl beste Wein des Jahrgangs ist Heitz Martha´s Vineyard, inzwischen eine der großen Weinlegenden unserer Zeit. Dicht, kräftig, mit reichlich Eukalyptus und Minze, aber auch Leder und Tabak ähnelt er sehr dem 45er Mouton Rothschild. Ich erinnere mich noch gut, wie 1999 in einer Blindprobe ein französischer Weinfreund felsenfest überzeugt war, dass da 45 Mouton vor ihm stand. Den hatte er sich eine Woche vorher in Paris gegönnt und erkannte ihn natürlich sofort wieder. Meinte er zumindest, denn in unserer Magnum war Heitz! Siebenmal hatte ich bisher das Martha-Vergnügen, zuletzt im September 2004, und habe diese Ausnahmewein, der in guten Flaschen sicher noch bis zu 20 Jahre Freude machen wird, stets mit 97-100/100 bewertet.
In der Stilistik dem Martha´s ähnlich und sicher nicht schlechter ist der Mayacamas Cabernet Sauvignon. Der hatte 1996 eine gesunde, kräftige Farbe, Eukalyptus ohne Ende mit einem Schuß Minze, großer Wein – 97/100. In einem tollen Flight im September 2004 stellte er selbst Heitz in den Schatten. Kompletter, großer Wein, superdichte Farbe, irre Kraft. In der Nase frisch gemahlener schwarzer Pfeffer, feine Minze, erdige Töne, Lakritz. Sehr langer Abgang. Entwickelte mit der Zeit Tabaknoten und großen provencalischen Kräutergarten und war selbst nach 7 Stunden im Glas immer noch taufrisch - 99/100. Mayacamas hat in den 70ern fantastische, sehr langlebige Weine erzeugt. Ich erinnere mich noch gut an einen 74er Mayacamas Chardonnay(!), Ende 2001 im Bostoner Troquet getrunken, traumhaft gereift mit wunderbarem Aroma kandierter Früchte – 92/100. Da kam 2007, ebenfalls im Troquet, ein Heitz Pinot Chardonnay Lot Z-41 nicht mit. Güldene Farbe, in der Nase eine Mischung aus Karamell, nussigen Tönen und Sherry. Auch am Gaumen eher ein guter, trockener Sherry, baute sogar noch aus und gab zumindest noch einen sehr interessanten Drink ab – 83/100.
Inglenook Limited Cask D-7 hatte 2007 in der Coburg eine reife Farbe und wirkte spontan 20 Jahre älter als der Caymus. Mit Liebstöckel, malziger Süße und der großen Gemüseplatte ging er spontan als großer, alter Rioja durch. Doch das war nur der erste Teil der Geschichte. Der Inglenook baute im Glas nicht ab, sondern wunderschön aus, wurde kräftiger, minziger, aber auch mit Paprikanoten und kräftiger Säure. Ein durchaus spannender und komplexer Wein. Wer davon nur einen Probeschluck bekommt, sieht vom Film nur den Vorspann – 95/100. Groß in 74 ist auch der Mondavi Cabernet Reserve, den ich inzwischen sicherlich gut 20mal getrunken habe, so z.B. im Sommer 2004. Geiler Wein mit Schmelz ohne Ende. Stellte zu Anfang Heitz und Mayacamas in den Schatten, feine Süße, endlos lang am Gaumen, mit Minze und etwas Eukalyptus. Wurde nach längerer Zeit im Glas etwas breiter und langweiliger - 97/100. Zuletzt 2006 irre Nase, Minzfrische, Eukalyptus, noch so jung, dicht und lang. Klar, da ist nicht das Üppige, Ausladende der heutigen Kalifornier. Aber von denen schafft sowieso keiner die 32 Jahre, die der Mondavi auf dem Buckel hat. Und wahrscheinlich überlebt dieser feine, eher schlanke, aber perfekt strukturierte, sehr nachhaltige Wein noch einige der modernen Kreationen – 97/100. Sicher auch noch kaufens- und trinkenswert ist Chateau Montelena. Den habe ich 2000 im Pariser Tan Dinh mit absolut junger Farbe ohne jeden Alterston erlebt, in der Nase Eukalyptus und schwarze Trüffel, sehr überzeugender Wein, der wohl ewig lebt, falls er nicht irgendwann austrocknet. 2007 in der Coburg aus der Magnum undurchdringliche, dichte Farbe. Bei der satten Blaubeere kam mir spontan Fat´s Dominos Blueberry Hill in den Sinn, sehr mineralisch, viel Minze, kräftige Säure und bewundernswerte Statur, steht wie eine Eins im Glas und wirkt aber auch eine Spur zu monolithisch. Ich würde diesen Wein, der in dieser Form sicher noch lange lebt, gerne mal im Stadium absoluter Reife trinken – 93+/100.
Auch kleinere kalifornische Weine können noch für Überraschungen gut sein. Ein einfacher Phelps Cabernet Sauvignon hatte ebenfalls 2000 im Pariser Tan Dinh eine reife Farbe mit deutlichem Orangenrand, war perfekt gereift und voll auf dem Punkt mit Minze ohne Ende. Sehr schön und noch lange nicht am Ende war 2002 ein Clos du Bois Cabernet Sauvignon Proprietor´s Reserve – 91/100. Den gab´s kürzlich noch mehrfach für kleines Geld bei Ebay. „Sturdy and deep flavoured“ stand auf dem Etikett eines erst 79 abgefüllten Sebastiani Founder´s Reserve. Auf einer Koppe-Auktion hatte sich (außer mir) kaum jemand an die Flaschen herangetraut, gilt doch Sebastiani heute als Massenweingut minderer Qualität. Doch dieser Wein hatte im Juli 2004 eine dichte Farbe mit ersten Brauntönen, in der Nase intensiv Karamell, aber auch etwas Möbelpolitur, dazu Minze und Eukalyptus, wirkte zu Anfang „spanisch“ und wurde im Glas immer Bordeaux-affiner – 90/100. Deutlich besser 2007 die Zwillingsflasche. Immer noch superdichte Farbe mit ersten Orangentönen am Rand. Minznase, massig Eukalyptus, aber auch Lakritz. Am Gaumen bei aller Fülle so unglaublich fein. Kein überalkoholischer Hammer, wie die heutigen Kalifornier, da war totale Harmonie angesagt, ein großer Wein, der am Gaumen gar nicht mehr aufhörte – 95/100. Sehr überzeugend auch 2005 ein Simi Alexander Valley Cabernet Sauvignon Reserve junge Farbe, die klassische Kalifornien-Stilistik mit Eukalyptus und Minze, spicy, am Gaumen lang und nachhaltig mit Fisherman´s Friends, wirkt insgesamt noch so frisch, da sind noch 10+ Jahre drin - 92/100. Zuletzt 2006 und 2007 klassische Bordeaux-Aromen, Zedernholz, feine Frucht, dazu etwas Minze und ein Hauch von Eukalyptus, und das alles mit einer wunderbaren Frische. Zeigt die überragende Qualität nicht nur des Jahrgangs, sondern auch der alten Simis - 94/100. Nicht minder interessant 2005 ein
Simi Alexander Valley Pinot Noir. Erstaunlich, welche junge Farbe, Frische und Ausdruckskraft dieser recht nachhaltige, gut gelungene Pinot Noir zeigte, ebenfalls noch gut für 10+ Jahre – 90/100. Reif, fein, 2007 ein Alexanders Crown von den Sonoma Vineyards,mit Eukalyptus und viel Minze, auf dem Punkt, kraftvoll, füllig und auch etwas ungelenk, sonst wären noch mehr als die 93/100 drin gewesen. Ungewöhnlich 2007 die Nase des Spring Mountain Cabernet Sauvignon. Kandierter Liebstöckel, Gummi und Eukalyptus, wobei der alte Fahrradschlauch, das Gummi, in der Nase erst immer stärker hervortritt, dann kommt aber stärker pflaumige, portige Frucht, allerdings auch mit einem Hauch flüchtiger Säure. Am Gaumen viel Eukalyptus und Minzfrische. Ein eigenständiger, spannender Wein, der sich auf 92/100 Niveau sicher noch eine Weile halten wird.
Und dann war da noch 2008 eine typisch kalifornische Spezialität, ein Mayacamas Late Harvest Zinfandel. Das war 2008 die passende Wahl zum schokoladigen Dessert, der hohe Alkohol gut verpackt, dezente Restsüße, exotische Aromatik, der perfekte Dessertwein für Rotweinfreaks – 94/100.



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