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1977

Ein verdammt schwieriges Weinjahr, 1977. Mieses Wetter, zumindest in Mitteleuropa.
Für Bordeaux gilt 1977 als schlechtestes Jahr der 70er Jahre, und das heißt schon eine Menge. Fröste im Frühjahr, ein kalter, regnerischer Sommer, nach einem trockenen September späte Ernte, ab Anfang Oktober, in St. Emilion sogar noch später. Da war es ganz erstaunlich, dass überhaupt trinkbare Weine erzeugt wurden. Die mussten allerdings schnell getrunken werden. Heute dürfte da kaum noch etwas brauchbares zu finden sein. Das gilt nicht nur für Rote Bordeaux, sondern auch für Weißweine und Edelsüße.

Ducru Beaucaillou war 2006 auf der großen Ducru-Probe zu Anfang sehr pilzig, aber nicht unangenehm, wurde im Glas immer besser, entwickelte in der Nase Minze und leichte Eukalyptustöne wie ein älterer Kalifornier, blieb nur am Gaumen etwas flach – 86/100. Ganz erstaunlicher Trinkgenuß war 1993 Gruaud Larose aus der Imperiale mit einer traumhaft schönen Nase, lediglich am Gaumen etwas kurz – 87/100.

Ein Clerc Milon war 1989 gut zu trinken, aber leicht, eindimensional und ohne Charme. Kaum Zukunft – 78/100.

Nicht besser sah es in Burgund aus, wo es zudem auch noch kräftig in die Ernte hineinregnete. Klar wurde dann anschließend chaptalisiert auf Teufel komm raus. Aber das half auch nichts. Ein Burgunderjahrgang, den man getrost vergessen kann. Lediglich bei den Weißen könnte es durch die hohe Säure ein paar Überlebende geben.

Immer noch gut trinkbar war 1994 am Arlberg ein Corton Charlemagne von Bonneau du Matray – 87/100. Einen Morey St. Denis 1er Cru Blanc von Ponsot hatte wohl die Säure gerettet, denn er war 1997 noch erstaunlich schön zu trinken. Ein Pouilly Fuissé vom Chateau de Fuissé roch wie 2007 eine reichhaltige Bouillon. Am Gaumen war er sehr gezehrt mit einem kräftigen Schuss Möbelpolitur – 77/100. Überraschend gut 2007 ein Le Montrachet von René Fleurot. Kräftige ins altgoldene gehende Farbe, sehr feine, ausdrucksstarke und nussige Nase, am Gaumen trotz der kräftigen Säure des miesen Jahrgangs sehr reichhaltig, kräftig und lang – 90/100.

Auch an der Rhone, der Loire oder im Elsass dürfte aus 1977 nichts mit wirklichem Genuss Trinkbares mehr zu finden sein.

Frühe Novemberfröste ermöglichten in einem sonst dürftigen deutschen Weinjahr die Erzeugung einiger Eisweine. Da könnte die Suche durchaus noch lohnen.
Ein Rauenthaler Baiken Riesling Auslese Eiswein von den Staatsweingütern hatte 1998 schon eine kräftige Farbe, sehr viel Säure, die ihn sicher noch länger am Leben erhält und war insgesamt sehr schön zu trinken - 91/100. Mehr Auslese als Eiswein mit bereits leichter Firne, als Eiswein eine Mogelpackung war hingegen ein Langenlohnsheimer Löhrer Berg Riesling Auslese Eiswein vom Erbhof Tesch. Erbacher Marcobrunn Kabinett von Schloß Reinhartshausen hatte 208 eine reife, schon ins Güldene gehende Farbe, auch sehr reife Nase mit Petrol und deutlicher Boytritis. Am Gaumen immer noch spürbare Restsüße, aber auch eine markante, apfelige Säure, die diesem Wein aus dem Unjahr 77 noch eine erstaunliche Frische verlieh – 87/100.

Der 77er Sassicaia war 1993 aus der Magnum einer der Stars von Willi Krählings großer Sassicaia-Probe, kräftige Farbe, sehr zugänglich, Bitterschokolade, Marzipan, sehr lang und rund, hier stimmte einfach alles – 96/100. Ein Jahr später war eine 1tel mit schlechtem Füllstand ein üppiger, leicht exotischer Riesenwein – 96/100. Deutlich schwächer dann 1996 bei den Ungers, etwas hellere Farbe als 75, auch am Gaumen nicht allzu konzentriert, aber sehr gefällig und schön, noch spürbare Tannine - 90/100. Zuletzt im Herbst 2004 immer eine intakte Farbe, reifer, perfekter Cabernet in Reinkultur, die Nase war wie eine Mischung aus alter Bibliothek und Gewürzladen, dazu ein dezenter Minzton, am Gaumen seidig, elegant mit schöner Länge, im Abgang pfeffrig. Erinnerte mich an 61 Gruaud Larose und wird in guten Flaschen sicher noch 5-10 Jahre halten - 96/100.

Überraschungen immer wieder aus Österreich, wo der Jahrgang recht gut war.
Ein großer, komplexer, perfekt gereifter Wein mit inzwischen sehr harmonischer, reifer Säure und cremiger Textur 2007 im Landhaus Bacher in der Wachau ein Honivogl Grüner Veltliner Auslese von Hirtzberger – 95/100. Eine Ried Klaus Spätlese von Jamek hatte 1998 kräftiges Goldgelb, erster Eindruck am Korken intensive Fruchtsüße, Nase erst verschlossen, entwickelt sich nach einer Stunde, kräftiger Riesling mit dezentem Holzton, am Gaumen lang und komplex, toller Stoff, der es sicher noch eine Weile macht – 90/100. 1999 dann tolle Nase mit reifen, weißen Früchten und einer schönen Fruchtsüße, am Gaumen trocken, sehr schön – 91/100. Und auch die letzte Flasche 2002 wieder ungetrübter Genuss. Auch ein Zöbinger Heiligenstein Riesling Spätlese vom Weingut Retzel war 1998 im Landhaus Bacher wunderbarer Stoff, kompakt, leichte Restsüße, geht runter wie Öl, wirkt 15 Jahre jünger und lebt sicher noch 10-15 Jahre – 92/100.

Auch in Spanien kein großes Weinjahr. Sehr positiv hat mich trotzdem im Herbst 2005 ein Gran Coronas Black Label von Miguel Torres überrascht. Dunkle Farbe mit leichtem Wasserrand, pointierte Süße, erinnerte in der Aromatik an Amaretto, burgundische Eleganz und Fülle, ein vollreifer, samtig-weicher Wein zum Träumen – 92/100.

Sehr gut gefallen hat mir 1998 auf einer Gabriel Probe der Beaulieu Cabernet Sauvignon Private Reserve George de Latour, reife, dichte Farbe, Minze, Eukalyptus, ein perfekt gereifter kalifornischer Cabernet, der die teilweise sehr miesen Literaturbewertungen Lügen strafte – 92/100. Trotz sehr dichter Farbe war im Vergleich dazu ein Conn Creek Cabernet Sauvignon ein einfacher, rustikaler, floraler Wein – 83/100. Eine Superfarbe ohne Alterstöne besaß 2007 der Firestone Vineyard Cabernet Sauvignon. Klassische Bordeauxnase, rauchige Töne, Zedernholz, frisch gemahlener, schwarzer Pfeffer, am Gaumen fast puristisch, geradlinig, sehr mineralisch und erdig mit noch spürbaren Tanninen und guter Säurestruktur, lang am Gaumen – 92/100. Ein Wein, der in diesem Zustand sicher noch 10-15 Jahre Freude macht. Ein Kenwood Artist´s Series präsentierte sich 2008 noch erstaunlich jung und kräftig mit viel Menthol und Tabak, einfach ein großer Kalifornier der klassischen Machart – 91/100. Der Robert Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve zeigte 2007 deutliche Reifetöne und spielt mindestens eine Liga unter 74 und 75. Viel Freude hatte ich in den 80ern mit einem einfachen Phelps Cabernet Sauvignon, doch aus der letzten Flasche 1990 verabschiedete er sich sehr schnell.
Mondavi Late Harvest Boytritis war 1988 ein interessanter Wein mit dunkler Farbe, fast ölige, dickflüssige Konsistenz, mir zu fett und mit zuwenig Finesse – 87/100

Chateau Musar wirkte 1995 zu Anfang leicht fehlerhaft(Schafstall), entwickelte sich aber, ein erstaunlich frischer, subtiler Musar, der durchaus noch Spaß machen könnte – 87/100.

Gespannt war ich 2004 in einer Probe auf den hochgelobten Malbec Estrella der Bodega Weinert aus Argentinien. Ein sehr Amarone-ähnliches, dickes, dichtes, aromatisches Teil mit Lakritz, Rumtopf und Teer - 92/100.

Deutliche Flaschenunterschiede gab es 1999 auf der Grange Probe in Lehrbach. Die erste Flasche, wohl etwas fehlerhaft, riß mich nicht vom Hocker. Die zweite war besser mit toller Länge am Gaumen, machte aber insgesamt noch einen etwas verschlossenen Eindruck. Da kommt sicher noch mehr.

In der Champagne war 1977 fast ein Totalausfall.

Dafür legte sich Portugal richtig ins Zeug. Traumhafte, hedonistische Portweine, die zwar noch eine lange Zukunft haben, auf die man aber nicht warten muss. Kork raus und einfach genießen.
Bisher dreimal getrunken habe ich Graham, zuletzt 1998 in der French Laundry im Napa Valley. Farbe mit erster Reife, herrliche Süße, voll trinkbar, intensiv – 95/100. Zuletzt 2007 sehr lecker mit feinem, süßen Schmelz und unglaublicher Länge am Gaumen – 93/100. Ebenfalls schon perfekt trinkbar und groß war 1996 Taylor – 95/100. In der gleichen Liga war 1997 Warre´s, dunkle Farbe ohne Alter, intensives Fruchtkonzentrat mit reichlich Marzipan, einfach lecker - 95/100.



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