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Ein weißer Bordeaux aus Kalifornien?
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Superrar ist er, der weiße Moraga. Nur 100 Kisten werden davon produziert. Er stammt von einem der teuersten Weinberge der Welt, den Moraga Estates.
Für relativ kleines Geld hatte 1959 der damalige Boss des Technologie- und Rüstungskonzerns Northtrop, Tom Jones, das Gelände einer ehemaligen Pferde Ranch im Moraga Canyon erworben. Für sehr viel Geld hätte er es inzwischen weiterverkaufen können, denn Los Angeles ist stark gewachsen. Moraga ist heute Teil des Nobel-Vorortes Bel-Air und die Weinberge sind inzwischen umgeben von sündhaft teuren Luxusvillen.
Tom Jones hatte stattdessen eine andere Vision. Er pflanzte 1978 die ersten Reben. Davon stehen inzwischen 12.000 auf 16 Acers in 10 Parzellen. Jones war fasziniert vom Mikroklima des Moraga Canyon, das seiner Meinung nach für den Anbau bordeaux-ähnlicher, völlig kalifornien-untypischer Weine geeignet sein musste. Ehemaliger Meeresboden mit Kies und Meeressedimenten, ein für die Gegend überdurchschnittlicher Niederschlag und der nur 5 Meilen Luftlinie entfernte Ozean, der zu angenehm kühlen Nächten führt, waren dafür ideale Voraussetzungen. Der erste, kommerziell erhältliche Jahrgang des roten Moraga war der 1989er, der 1993 auf den Markt kam.
Der qualitätsbesessene Topmanager überließ dabei nichts dem Zufall. Als Berater und Weinmacher verpflichtete er den bekannten Tony Soter, auf dessen nordkalifornischem Weingut Etude(gehört seit kurzem zu Beringer) auch der Ausbau von Moraga erfolgt.
Der rote Moraga ist ein Cuvée aus 80% Cabernet Sauvignon und 20% Merlot. Ein frischer, finessiger Wein mit mineralischer Dichte, eben mehr Bordeaux als Kalifornien. 2002 entdeckte ich eine Flasche dieses raren Stoffs im Züricher Weinloft von Beat Caduff, wie ein Zwilling der besten 85er l´Arrosees, feiner roter Johannisbeersaft in Zedernholzwürze, elegant, finessig und doch nachhaltig, jetzt sicher 94/100 wert, die doch erstaunliche Reife (auch in der Farbe) und Zugänglichkeit ließ mich aber an der Altersfähigkeit zweifeln. Ein Woche später trank ich zuhause eine stolz im Jahr zuvor in Los Angeles erstandene Flasche des 96ers, ganz anders als der vielleicht zu warm gelagerte 95er, dichter, intensiver, eher großer Europäer als Neue Welt – 93/100. Im Sommer 2002 dann im Valentino in Santa Monica der 97er, sehr elegant mit wunderbarer Frucht und Mineralität, auch etwas Tabak, völlig anders als die üppigen 97er Napa-Monster, deutliche Tannine, braucht Luft und Zeit – 94/100. Wenn Sie das jetzt mit Parkers Bewertungen vergleichen, die nur bis zum 96er reichen und bei 88-89 liegen, werden Sie feststellen, dass hier Geschmackswelten aufeinander prallen. Deutlich höher wird Moraga z.B. auch beim sonst sehr konservativen und punktemäßig sehr knauserigen Steve Tanzer bewertet. Der Moraga ist kein aufdringlicher Probensprenger, sondern ein faszinierender Begleiter nicht nur vorzüglichen Essens sondern auch angeregter Diskussionen. Er macht nicht nur beim ersten Glas Spaß, sondern auch noch beim letzten.
Gespannt war ich jetzt bei meinem letzten Kalifornien-Besuch im Mai 2004 auf den neuen weißen Moraga, der im Stile eines weißen Bordeaux aus 2 verschiedenen Sauvignon-Klonen produziert wird. Fündig wurde ich im Restaurant Patina, dem sicher besten Restaurant von Los Angeles mit einer Küchenleistung, die locker hochbesternten europäischen Häusern Paroli bietet. Der französische Sommelier war mit unserer Wahl nicht ganz einverstanden. Im Glas merkten wir dann, warum. Der 2001 Moraga White hatte eine frische, fruchtige Stachelbeernase, wenig spürbares Holz, wirkte am Gaumen etwas flach und ausdruckslos und war im Abgang spitz mit metallischen Bitternoten – 88/100. Und dafür war er eindeutig zu teuer! Wenn hier weiße Bordeaux die Vorbilder sind, dann liegt da noch ein weiter Weg.
Danach wollten wir eigentlich noch einen roten Moraga trinken, doch in Amerika werden rare Dinge nicht verschenkt. Unter ein paar hundert Dollar lief da gar nichts, bei einem Abgabepreis von $ 125 ab Weingut schon fast verständlich. So griffen wir stattdessen zu einem deutlich preiswerteren 2001 Isosceles von Justin Vineyards aus Paso Robles, einer unfiltrierten Cuvée aus 77 % Cabernet Sauvignon, 13 % Cabernet Franc und 10% Merlot. Eine perfekte Moraga-Alternative und ebenfalls eher Bordeaux als Kalifornien. Dichtes, junges Purpur, beerige, traubige Cassis-Nase, am Gaumen reichlich Kakao und etwas Kaffee. Gute Säure. Insgesamt, bei aller Wucht, sehr finessig und schon fast elegant wirkend. Ein Fest für die Sinne und ein echter Becker-lecker-Schmecker – 96/100.
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Klar, dass ich auf dem Rückflug im Gepäck neben Moraga weiß(möchte ich hier noch mal in Ruhe gegen weiße Bordeaux trinken) und rot auch einen Isosceles hatte. Bleibt nur die Frage, woher man den Moraga bekommt. Der Wein wird eigentlich nur an ein paar ausgewählte Restaurants in Los Angeles und direkt per Mailing List abgegeben. Der beste Tip ist der legendäre Cheese Store of Beverly Hills, wo sowohl der rote als auch der weiße Moraga in kleineren Mengen erhältlich sind. Dieser unglaubliche Käseladen mit einem Angebot, auf das jede europäische Großstadt stolz wäre, wird von einem sehr sympathischen Exil-Österreicher namens Norbert betrieben. Sie finden dort neben der überwältigenden Käseauswahl eigentlich auch alles, was in Kalifornien weinmäßig Rang und Namen hat. Und noch aus einem anderen Grund ist dieser Laden ein wichtiger Geheimtip. Moraga empfängt keine Besucher. Aber Tom Jones, der inzwischen über 80jährige, topfitte Besitzer, kauft jeden Samstag hier persönlich ein. Was Sie aus diesem Tip machen, liegt jetzt ganz an Ihnen.
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Quinta Sardonia | Konfuzius und Bordeaux 2003
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