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Bordeaux 2004 & Co

Kein großer Jahrgang in Bordeaux, aber solide, robuste Weine. Angesichts der aberwitzigen Preise für 2003 und 2005 erscheinen etliche Weine sogar preisgünstig. Also jetzt noch mal gnadenlos zuschlagen? Ich habe zu diesem Jahrgang bereits vor zwei Jahren zur Subskription (hier nachlesen) meine Meinung geäußert. Daran hat sich auch jetzt nach der Ankunftsprobe nicht viel geändert.

Eine große Palette der 2004er Bordeaux bot Mövenpick im März zur Arrivage-Probe an. Das habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Ausgiebig habe ich an zwei Abenden etliche Weine probiert. Gerade die zwei Abende waren für mich diesmal sehr wichtig. 2004 ist ein robuster, langlebiger Jahrgang mit bei den meisten Weinen massivem Tanningerüst. Da machte es gerade bei den größeren Gewächsen schon Sinn, die Weine am zweiten Abend noch mal aus einer am Vortag geöffneten Flasche zu probieren.

Habe ich Abend gesagt? Ja, das war nicht die klassische Verkostung, wo ein Weinschreiberling morgens nüchtern in einem kalten Raum steht, sich spuckend durch 100 Weine durchprobiert und dann zu jeder Mini Degupfütze einen halbseitigen Artikel verfasst. Schmunzeln muss ich dann immer, wenn von langem Abgang die Rede ist. Meinen die dann die Entfernung zwischen Lippen und Spucknapf? Scherz beiseite. Mir ist schon bekannt, dass der morgendliche, nüchterne Gaumen besser zu einer analytischen Beurteilung von Weinen geeignet ist. Nur trinke ich meine Weine durch die Bank nicht vormittags alleine ohne Essen, sondern abends in lustiger Runde mit Essen. Und deshalb ziehe ich es auch vor, Weine unter solchen „Echtzeitbedingungen“ zu verkosten. Also, ich habe getrunken und nicht gespuckt, ich habe mit großer Begeisterung die angebotenen Köstlichkeiten vom Liedberger Gasthaus Stappen dazu genossen, und ich hatte in lustiger Runde sehr viel Spaß. Wir haben genossen, uns natürlich in unseren Bewertungen ausgetauscht, aber wir hatten auch jede Menge Freude und haben viel gelacht.

Hier also die unwissenschaftlichen Notizen eines Weinlüstlings. Völlig ungeordnet, einfach so, wie die Weine in mein Glas kamen. Ich habe nicht systematisch verkostet, sondern nach Lust und Laune. Interessant der erste Vergleich, 2004 Calon Ségur gegen 2004 Cos d´Estournel. Spontan anmachend der Calon Ségur, offenes Bouquet mit Röstaromen und Backpflaumen, sehr modern, fast kalifornisch, gutes Tanningerüst, für Calon zwar ein Stilbruch, aber ein Wein der spontan anmacht und voll trinkbar wirkt – 91/100. Viel zurückhaltender der Cos, klassischer, massives Gerüst reifer Tannine, deutlich länger am Gaumen als Calon. Ein neuer 88er? In jedem Fall endlich mal wieder ein richtiger Cos, nachdem ich beim so hochgelobten 2003er schon Angst hatte, dass das Chateau zur Marmeladenfabrik umgebaut wird – 92+/100. Wurde in unserem Kreis kontrovers diskutiert. Ich gebe persönlich dem Cos eindeutig den Vorzug und werde diesen Wein als einen der wenigen nachkaufen.
Gar nicht in diese Kontext passte der separat getrunkene 2004 Montrose. Ein Montrose wie in alten Zeiten, bissig, verschlossen, dicht, rustikal, mit massiven Tanninen, in der Nase deutlicher Stallgeruch. Da ist Geduld angesagt – 89+/100.
Schwierig dann das nächste Pärchen, 2004 Pichon Baron gegen 2004 Pichon Comtesse. „Das ist ja ein Jahrgangsopfer“, tönte es neben mir zum Baron. Der war in der Tat extrem schwer zu verkosten, ein astringierendes, bissiges Tanninmonster. Am nächsten Tag hatte er sich aus der identischen Flasche etwas geöffnet. Ein sehr dichter Powerstoff für die Langstrecke. Mindestens 10 Jahre weglegen, kann dann mal ein 90+/100 Wein werden. Enttäuscht war ich von der Comtesse, die auch am zweiten Tag nicht besser wurde. Viel Gerippe, wenig Fleisch, nur die feine Nase zeigte die Klasse besserer Comtesse-Jahre – 88/100.
Grüne Töne und viel Paprika zeigte 2004 Branaire Ducru, ein etwas monolithischer Langstreckenläufer mit gutem Tanningerüst – 88/100. Kann sich sicher noch steigern.
Seltsam 2004 Gruaud Larose, offen, gefällig, erstaunliche Süße, ein feiner, leckerer Wein für den frühen Genuß, der aber auch etwas poliert und gemacht wirkt – 89/100.
Modern, weich und im jetzigen Stadium erstaunlich offen der 2004 Leoville Barton, ein Wein mit viel Sex-Appeal – 91/100. Mir gefiel im direkten Vergleich der deutlich preiswertere 2004 Langoa Barton besser. Auch hier ein offener Stil mit jugendlichen Röstaromen, Kraft, Fülle und viel Schmelz – 92/100. Auf ähnlichem Niveau der 2004 Leoville Poyferré, auch der sehr fein, offen, in bestechender Frühform – 92/100. Auch Ducru reihte sich hier nahtlos ein, ebenfalls ein etwas poliert und auf Gefälligkeit getrimmt wirkender, sehr schöner, moderner Wein – 92/100.
2004 Pontet Canet ist das ideale Kontrastmittel zum überragenden 2005er. Ein gefälliges, nettes Weinchen, dem einfach die Substanz fehlte – 87/100. Schmeichlerisch wie immer, aber auch mit viel Biss und massiven Tanninen 2004 Lynch Bages – 89/100.
Faszinierend die Paarung 2004 Les Forts de Latour und 2004 Latour. Der Les Forts kann seine Abstammung nicht verleugnen. Ein Klasse-Les Forts, geschmeidig, aber mit guter Struktur und beachtlicher Länge. Kann vielen größeren Namen durchaus das Wasser reichen. Ich habe ihn spaßeshalber gegen Mouton getrunken, da lag er nur knapp dahinter – 92/100. Der mit Abstand beste Wein der Verkostung war Latour. Supernase, die Essenz von Cabernet, auch am Gaumen erste Klasse, Kraft und seidige Textur perfekt miteinander verbunden – 96+/100. Ein unbedingter Nachkaufwein.
Und da ich nun in diese Regionen vorgestoßen war, nahm ich mir 2004 Mouton Rothschild und 2004 Lafite Rothschild vor. Mouton wieder in bestechender Frühform mit dem klassischen Röstaromenfeuerwerk, nur fehlte mir hier trotz viel Tannin für einen großen Mouton die Struktur – 93/100. Deutlich konzentrierter mit strammerem Tanningerüst, aber auch druckvollerer Aromatik der Lafite, wird etliche Jahre brauchen, in der Probe 94/10 mit Potential für 95/100.
Ein sehr ungleiches Pärchen 2004 Pavillon Rouge und 2004 Margaux. Pavillon Rouge war früher mal eine Bank und einer der besten Zweitweine. Das ist lange her. In 2004 fand ich ihn sehr enttäuschend, aufdringlich süß und offen, auf frühen Genuß getrimmt – 84/100. Sehr fein, elegant, seidig und trotzdem nachhaltig der Margaux. Ein typischer, sehr guter, aber kein großer Margaux – 94+/100.
Völlig daneben in dieser Probe der 2004 du Tertre, ein verschlimmbessert wirkender, süßer Bonbonwein – 82/100. Sehr gut gelungen dagegen 2004 Lascombes, der trotz seines offenen, modernen Stils ein erstaunliches Rückrat und massives Tanningerüst aufwies. Macht für deutlich weniger Geld nicht viel weniger Spaß als Margaux – 93/100 Sicher einen Nachkauf wert.
Eine irre Nase hatte 2004 Smith Haut Lafite, schade dass da der Gaumen nicht mitkam, trotzdem ein gelungener Wein – 91/100. Gefiel in der Probe deutlich besser als 2004 Haut Brion, der etwas von der Spur wirkte. Sehr viel Tannin, wenig Substanz, fast etwas dünn wirkend. Wo soll denn da mit dem Alter das Wunder herkommen? Das waren heute eher 88/100. Sicher tut sich da mit den Jahren noch etwas, aber mehr als 92/100 sehe ich bei Haut Brion auch in 10 Jahren nicht.
Bei 2004 Cheval Blanc ist wohl mal wieder der Cabernet Franc nicht richtig ausgereift. Erinnerte mich etwas an 1988. Ein Langstreckenläufer, zwar mit der für Cheval Blanc typischen, seidigen Eleganz, aber weit davon entfernt, jemals ein großer Cheval Blanc zu werden – 92+/100.
Ganz anders der gut gelungene 2004 Angelus. Gut, der ist auch nicht mehr gerade billig, aber im Gegensatz zum exorbitant teuren Cheval Blanc kommt hier wenigstens anständig was ins Glas, die Kraft und die Herrlichkeit, ein geiler Saft mit viel Fett und natürlich auch Babyspeck, der jetzt in der Fruchtphase einfach Klasse zu trinken ist. Das gute Tanningerüst garantiert eine längere Zukunft – 94/100.
2004 war sicher kein Jahrgang für die Garagenweine aus St. Emilion. Sehr konzentriert, aber auch künstlich wirkte 2004 Clos Dubreuil. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, als ob da mit dem Konzentrator und anderen Spiränzchen versucht worden war, aus mittelmäßigem Traubengut mit Gewalt einen großen Wein zu machen – 89/100. Noch mehr hatte ich diesen Eindruck bei 2004 Lucia, der richtiggehend anstrengend wirkte – 86/100.
Da lobe ich mir dann doch lieber so zuverlässige Werte wie 2004 Troplong Mondot. Wirkte zwar sehr verschlossen und wird etliche Jahre brauchen, da sind aber genug Frucht und Substanz für einen guten Wein auf 91+/100 Niveau.
Probiert habe ich auch noch zwei weiße Bordeaux. 2004 Fieuzal Blanc war sehr nachhaltig mit viel frischen, weißen Früchten und leichter Bitternote im Abgang. Ein noch etwas kompakt wirkender Langstreckenläufer mit guter Zukunft – 91+/100. Spontan anmachend der runder, weicher und reifer wirkende 2004 Smith Haut Lafite Blanc. Reife Stachelbeere, schöner Abgang, entwickelte sich sehr gut im Glas. Warten muss man bei diesem gelungenen Wein nicht – 92/100.

Vom Hocker rissen mich die 2004er Bordeaux nun wirklich nicht. Ähnlich den 1988ern werden sie viel Zeit und Geduld erfordern. Grosse Preissteigerung sehe ich da außer bei den üblichen Verdächtigen nicht. Im Gegenteil, in den kommenden Jahren sehe ich da auf den Auktionen immer wieder preiswerte OHKs mit 11 Flaschen auftauchen. Eine probiert, hat nicht geschmeckt, ab auf die Auktion.

Und dann kam an beiden Abenden noch das „& Co“. Ich hatte mir zwischendurch schon ein Glas des 2003 Tourelles de Longueville zu Gemüte geführt, des Zweitweines von Pichon Baron. Ein unkomplizierter, lecker Wein zum einfach so wegschlabbern – 88/100.
Enttäuscht waren wir alle vom 2003 La Mission Haut Brion, den wir blind offeriert bekamen. Dichte Farbe, offen, reif, wenig Tannin, säurearm, üppige, dicke Frucht, wenig dahinter. Wir schoben ihn nach Kalifornien, wo er geschmacklich auch hingehört – 92/100. Nicht viel anders ging es uns am zweiten Tag mit dem ebenfalls blind servierten 2003 Haut Brion. Den konnte ich gar nicht einordnen, langweilige Aromatik wie Schlafsocken, gut, er entwickelte sich im Glas, ließ dann irgendwann den Pessac erahnen und entwickelte eine schöne Aromatik – 93/100. Trotzdem meilenweit von dem entfernt, was er für den inzwischen aberwitzigen Preis eigentlich bieten müsste.
Da war das rabenschwarze Teil, das einer aus unserem Kreis zwischendurch brachte, schon von ganz anderen Eltern. Der 2004 Artadi El Pison besaß eine faszinierende, im positiven Sinne parfümiert wirkende Nase mit Blaubeere und vor allem frischem Flieder. Am Gaumen kraftvoll und seidig zugleich mit sehr guter Länge. Täuschte Zugänglichkeit nur vor. Da dürfte in den nächsten Jahren noch mehr kommen, als die 95/100, die wir im Glas hatten. Die 100/100 von Parkers neuem Spanien-Schreiber Dr. Jay Miller konnten wir aber nicht ansatzweise nachvollziehen. In die Richtung ging schon eher ein anderer Spanier, der für mich der schönste Wein der beiden Abende war, 1995 Vega Sicilia Unico. Ein ganz großer, sehr überzeugender Wein mit faszinierender Nase, süßer, konzentrierter schwarzbeeriger Frucht, Mineralität und einer unglaublichen Komplexität und Länge am Gaumen. Für mich in einer Liga mit dem hochgelobten 94er – 97/100. Faszinierend auch der 2001 Hermitage Ex Voto von Guigal. Noch ein Weinbaby und nach sicher noch 10 Jahren Lagerung schreiend, doch schon mit einer betörenden, vielversprechenden Nase. Reife, pralle Frucht, Blaubeere in Perfektion. Am Gaumen massive Säure, ein gelungenes Erstlingswerk mit 96+/100 Potential.
Bliebe noch ein 2001 Lafaurie Peraguey nachzutragen. Der war schön zu trinken mit exotischer Frucht und Honig ohne Ende, hatte mir aber deutlich zuwenig Säure und wirkte dadurch etwas zu dick und klebrig – 91/100. Jetzt weiß ich, warum der außerweltliche 2001 Yquem so teuer ist.



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