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Grosse Klassiker - Grosse Klasse

Unvergesslich wird mir dieser Abend bleiben, und er hat das Zeug dazu, in der Rangliste meiner schönsten Weinabende ganz oben zu landen. Ort des Geschehens war das Restaurant Michel Rostang in Paris. Für mich war es der erste, aber sicher nicht letzte Besuch in diesem großartigen Haus. Fantastisch die eher klassisch ausgerichtete Küche mit optimalen Grundprodukten und perfekten Garpunkten. Unser Menü war schlichtweg ein Traum. Anders habe ich in Paris schon gegessen, viel besser sicher nicht. Sehr professionell die umsichtig und sehr freundlich agierende Servicecrew und auch mit viel Weinverstand. Dazu hatten sie, vom Sommelier bis zum Restaurantchef, allesamt im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen aus hochdekorierten Häusern keinen Besen verschluckt und sich eine wohltuende Lockerheit bewahrt. Schlichtweg sensationell die Weinkarte des Hauses. Klar, die Preise waren nicht von Pappe. Aber auf welcher Karte finden sich noch perfekt gelagerte Raritäten bis runter zum Jahrgang 1893? Nicht blind auf irgendwelchen Auktionen zusammengekauft, sondern sorgfältig über Generationen gesammelt. Michel Rostang hat das Restaurant in den Siebzigern von seinem Vater übernommen. Eine traditionsreiche Familie, in der das Familienoberhaupt seit 5 Generationen in der Küche steht. So ist ein sehenswerter, umfassender Keller entstanden, in dem zum Beispiel alle noch einigermaßen trinkbaren Jahrgänge Chateau Latour des letzten Jahrhunderts in der Magnum liegen! Der Keller selbst ist durch mehrere Glasfronten einsehbar, und auf Wunsch werden Gäste auch durch den Keller geführt. Dort liegen dann z.B. 1961 Hermitage la Chapelle oder 1947 Cheval Blanc. Aber auch klug aisgewählte Weine aus Regionen außerhalb Frankreichs, so z.B. Kalifornier oder etliche Jahrgänge Penfolds Grange. Klar, die Preise wirken teilweise schon prohibitiv, aber Paris ist nun mal Paris, das internationale Publikum gerade aus den USA, den arabischen Staaten(die geben die Religion vorher an der Garderobe ab) und aus dem Fernen Osten anscheinend wegen übergroßen Reichtums preislich absolut schmerzfrei und der Nachkauf rarer Weine durch irrsinnige Auktionspreise derzeit fast unmöglich.
Wir kamen uns trotzdem vor wie kleine Jungs in einem riesengroßen Spielzeugladen. Und da wir unsere Sparschweine dabei hatten, wurde nicht lange gefackelt. Vergleichsweise harmlos starteten wir mit einem 2001 Meursault Clos de la Barre von Comte Lafon. Ein sehr frischer, eleganter Burgunder mit nur dezentem Holzeinsatz. Dominiert von Zitrusaromen, sehr mineralisch, nussig und elegant, aber auch etwas harmlos, vor allem für den Preis – 90/100. Aber dann ging es zur Sache. Die letzte Flasche 1945 Talbot des Hauses musste daran glauben. Ich habe diesen sicher besten Wein in der Geschichte von Talbot schon zweimal aus der Magnum trinken dürfen. Diese perfekt gelagerte Flasche hier konnte mit diesen beiden, großartigen Erlebnissen locker mithalten. Wunderbare, granatrote Farbe mit wenig Zeichen von Alter, immer noch feine, pfeffrige Frucht, viel Leder, etwas animalisch, getragen von guter Säure, die noch ein längeres Leben garantiert. So frisch, aromatisch und lang mit feinduftiger Eleganz, viel besser geht reifer Bordeaux nicht – 98/100. Wer den gleichen Wein als siebzehnter Besitze erwirbt, wird das nicht nachvollziehen können, was aber wieder nur heißt, dass für die Güte eines alten Weines die Herkunft mindestens so wichtig ist wie Jahrgang und Name. Dazu hatte die Natur in 1945 auf ihre Art für einen Jahrhundertjahrgang gesorgt. Späte Fröste im Frühjahr hatten zu einer natürlichen Begrenzung der Erntemengen geführt mit einer der kleinsten Ernten des letzten Jahrhunderts. Außerdem eigentlich ein Biowein, denn für Spritzmittel gab es kein Geld. Auch im Keller wurde wenig herumgefummelt, denn auch dort fehlten die Mittel und der heutige Maschinenpark war völlig undenkbar. So bestand denn auch keine Möglichkeit für das, was man heute „Tanninmanagement“ nennt. Die 45er waren tanninreiche, große Weine, die einfach ihre Zeit brauchten. Wir profitieren heute und bei den großen Weinen noch über Jahrzehnte davon.



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Ich bin ein großer Fan des Jahrgangs 1920, in dem klassische, große, langlebige Weine erzeugt wurden. Der vielleicht beste, zumindest berühmteste davon sollte Latour sein, hinter dem ich seit langer Zeit vergeblich hinterher bin. Und ausgerechnet dieser 1920 Latour stand hier zu einem sehr freundschaftlichen Preis auf der Karte. Die Flasche war 1993 auf dem Gut neu verkorkt worden. Unglaublich dichte, gut 50 Jahre jünger wirkende Farbe. In der Nase klassisch Latour mit Trüffeln und der leicht bitteren Walnuß. Wie eine Eins stand der Wein im Glas. Klar war das kein Jüngling mehr, aber auch noch längst kein Weingreis. Gut gereift, aber immer noch mit Tanninen, baute wunderschön im Glas aus und entwickelte eine feine Süße. Wie gerne hätte ich davon eine OHK im Keller, um die weitere Entwicklung dieses Traumstoffs über die nächsten 20-30 Jahre verfolgen zu können. Ein ganz großes Weinerlebnis – 99/100. Und gleichzeitig konnte ich eine wichtige Lücke in meinen bisherigen Verkostungsnotizen schließen.
Und da noch ein weiterer, großer Latour nicht nur auf meiner Wunschliste, sondern auch auf dieser spektakulären Weinkarte stand, ließen wir dem Leichtsinn freien Lauf. „Leider“ gab es den 1926 Latour nur in der Magnum, originalverkorkt, Superzustand und seit ewigen Zeiten in diesem Keller liegend. Natürlich war diese Magnum nicht ganz billig, aber ich habe keinen einzelnen Cent bereut, im Gegenteil. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl stellte sich schon beim ersten Schluck ein und steigerte sich von Glas zu Glas. Genauso hatte ich mir diesen legendären Wein in meinen kühnsten Träumen vorgestellt. Nicht nur in der Farbe noch etwas dichter als 1920, auch in der Latour-typischen Aromatik und der immer noch faszinierenden Frucht. Eine unglaubliche Kraft besaß dieser perfekt strukturierte Gigant, bei aller Kraft aber auch eine wunderbare Eleganz und Finesse. Ich hätte gerne den legendären 28er dagegen getrunken(ging leider nicht, Sparschwein war leer und wir voll!) und bin mir aber sicher, das dieser irre balancierte 26er da mehr als nur mitgehalten hätte. Ein Jahrhundertwein, den ich so schnell nicht vergessen werde – 100/100. Noch dazu nicht als klitzekleines Degustations-Schlückchen, sondern ausgiebig in vollen Zügen genossen. Wenn ein Spiegel im Restaurant gewesen wäre, ich hätte hineingeschaut und mich selbst beneidet. Einer der ganz großen Latour des letzten Jahrhundert aus einem großen Bordeaux-Jahrgang, der völlig zu Unrecht immer im Schatten von 1928 und 1929 steht. Die kleinste Ernte des Jahrhunderts wurde in 1926 eingebracht, bei Latour waren es mal gerade 7 Hektoliter pro Hektar. Da kann man schon von Einzelbeerenlese sprechen.
Einer aus unserem Kreise murmelte noch etwas von Absacker, und so stand plötzlich ein 1955 Gruaud Larose auf dem Tisch. Auch dieser Wein in einem Super-Zustand(wir inzwischen schon nicht mehr so ganz). Sehr kräftig, unglaublich dicht und lang, dabei noch recht jung wirkend. Sicher ein Gruaud, der es in guten Flaschen wie dieser noch eine ganze Weile macht. Möglich, dass er alleine getrunken aus einer solch guten Flasche noch etwas mehr als 94/100 ins Glas bringt. Hier kam er aber trotz aller Qualitäten unter die Räder der zuvor getrunkenen Giganten und gab stattdessen ein perfektes Kontrastmittel ab, das die wahre Größe der beiden Latours sehr gut unterstrich.



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