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September 2007
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S P O N T A N P R O B E
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Es galt, eine größere Probe vorzubereiten. Viel zu besprechen also. Da habe ich dann spontan in meinem Keller bei den Errungenschaften der letzten Monate zugegriffen und bin mit einer großen Tasche voller Wein ins Dado gezogen. Bis auf einen hatte ich keinen der Weine bisher getrunken. Volles Risiko also, zumal auch die Füllstände teilweise nicht die besten waren. Doch wir hatten unheimliches Glück. Wenn die Probe, die wir da an diesem Abend besprachen, auch nur halb so gut ausfällt, bin ich zufrieden.
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Noch nie gehört hatte ich von 1977 The Firestone Vineyard Cabernet Sauvignon aus dem bei Santa Barbara gelegenen Santa Ynez Valley. Doch anscheinend hat man damals dort wie an anderen Stellen Kaliforniens auch große Weine mit viel Alterungspotential erzeugt. Eine Superfarbe ohne Alterstöne besaß der Firestone. Klassische Bordeauxnase, rauchige Töne, Zedernholz, frisch gemahlener, schwarzer Pfeffer, am Gaumen fast puristisch, geradlinig, sehr mineralisch und erdig mit noch spürbaren Tanninen und guter Säurestruktur, lang am Gaumen – 92/100. Ein Wein, der in diesem Zustand sicher noch 10-15 Jahre Freude macht, was man von den Bordeaux aus 1977 nun sicher nicht sagen kann. Wein #2 ein 1959 Garrafeira Particular von den Caves Alianca in Portugal. Wenig Frucht in der Nase, dafür um so mehr Schafstall, ein Stinker, der mit der Zeit verschwand. Gesunde, brilliante Farbe, am Gaumen schlank mit kräftiger Säure, entwickelte sich im Glas, wurde in der Nase ledriger, am Gaumen kam eine feine Süße hinzu – 87/100. Kein großer Wein und nicht so gut wie die vor einem Jahr aus anderem Keller getrunkene Zwillingsflasche, aber für einen namenlosen, fast 40 Jahre alten, portugiesischen Wein doch ganz beachtlich. Portige Noten und reife Sauerkirsche hatte 1955 Rauzan-Gassies in der Nase. Wirkte durch die sehr gute Säurestruktur am Gaumen zwar etwas schlank, aber erstaunlich frisch und sehr delikat – 90/100. Dürfte sich auf diesem Niveau noch länger halten. Bedenken hatte ich bei einer Hochrisiko-Flasche 1928 Rausan-Ségla, abgefüllt von Ochner&Fils aus Bordeaux. Doch die damalige Klasse von Rausan-Ségla und das grandiose, langlebige Jahr überspielten selbt den schon eher Richtung Low Shoulder gehenden Füllstand. Da hatte ich mich übrigens bei Ebay auf die Beschreibungen eines ausländischen Anbieters verlassen, anstatt auf einem Foto zu bestehen. Sie können sich sicher mein blödes Gesicht vorstellen, als diese mies gefüllte Flasche bei mir eintrudelte. Nie wieder! Und doch hatten wir Glück. Unglaubliche Farbe, eine an Vitamalz erinnernde Nase mit dichtgewobener malziger Süße, dazu reichlich Kaffee. Am Gaumen immer noch dicht, kräftig, gestützt durch gute Säure, auch hier schöne Süße, wirkte insgesamt sehr harmonisch und balanciert mit sehr guter Länge am Gaumen. Das war großer Stoff – 96/100. Noch eine Ecke älter ein 1916 St. Julien, eine Händlerabfüllung von Alex Labourdette aus Bordeaux. Helle, aber intakte, brilliante Farbe mit wenig Alter, ein feinduftiger, eleganter Wein, der durch die präsente Säure nicht nur am Leben gehalten wird, sondern auch eine erstaunliche Frische erhält, baut auch über längere Zeit im Glas nicht ab – 91/100. In seiner Jugend wird dieser Wein wie fast alle 16er Bordeaux seine Besitzer mit seinen sperrigen Tanninen zur Raserei getrieben haben. Jetzt profitieren wir davon. Grandios dann ein 1920 Mondesir aus St.Emilion. Dichte, intakte Farbe, immer sehr kräftig, dabei deutlich jünger wirkend und so frisch, animierend und schön. Ein feiner, intensiver Wein, der immer noch Frucht besitzt. Zeigt deutlich die Größe des Jahrgangs 1920, der zu Unrecht hinter 1921 verblasst, und könnte in dieser Form auch aus den 70ern stammen – 95/100. Es versteht sich selbstredend, dass ich lieber für relativ kleines Geld der zweite Besitzer eines solchen Gewächses werde, als für einen astronomischen Betrag der fünfzehnte Eigentümer eines vielgereisten Cheval Blanc aus gleichem Jahr. Das absolute Highlight des Abends dann ein 1915 Hospice de Beaune Cuvée Dames de la Charité von Charles Bernard. Was für ein Wein! Für einen Burgunder unglaublich dichte Farbe, aber nicht unüblich bei älteren Weinen, z.B. aus so einem herausragenden Burgunderjahr wie 1915. Kaffee und Mokka ohne Ende, Fülle, sogar eine gewisse Opulenz, aber nicht aufdringlich, sondern sehr fein mit samtiger, druckvoller Eleganz. Die feine Süße eines Top-gereiften Weines, sehr lang am Gaumen, reif und frisch zugleich. Ein großer kompletter Wein, konservative(!) 99/100.
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Nach diesen perfekt gereiften Zeitdokumenten und insbesondere diesem Burgunder-Paukenschlag taten mir die nachfolgenden Weine einfach leid. Einer aus unserem Kreise hatte noch einen Kiste mit jüngeren Gewächsen mitgebracht, die wir zumindest kurz probierten. Schwierig gleich zu Anfang ein 2004 Rüdesheimer Berg Schlossberg Spätburgunder QbA von August Kesseler. In der Nase verbranntes Gummi, deutlich spürbarer Alkohol(14,5%), ein üppiges, aber auch etwas eindimensionales Geschoß. Fraglich, wie sich eine solche Wuchtbrumme weiterentwickelt – 88/100. Dass Burgunder auch in unseren Regionen reifen können, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Zu einem gelungenen Pinot gehört aber mehr als reifes Lesegut und entsprechend viel Alkohol. Das zeigte eindrucksvoll der im Vergleich getrunkene 2004 Gevrey Chambertin 1er Clos St. Jacques von Armand Rousseau. Der war einfach luftiger, frischer, fruchtiger, finessiger und eleganter, ein sehr gelungener, wunderbarer Burgunder in bestechender Frühform – 92/100. Von allem zuviel hatte 2005 Chateauneuf-du-Pape La Reine des Bois von der Domaine de la Mordorée. Sicher ein großer Wein, aber derzeit nur etwas für Masochisten und gnadenlose Fans. Da haben einfach die einzelnen Teile noch nicht zueinander gefunden. Wirkt derzeit bei aller Mineralität und würziger Frucht nur dick, überladen, üppig, alkoholisch(15%) und etwas diffus, 10 Jahre liegenlassen – 85++/100. Schön zu trinken zwar, aber auch belanglos fand ich 1990 Roc de Cambes. Ein weicher, reifer, gefälliger Wein, einen Tick über dem 89er – 89/100. Erstaunlich frühreif und zugänglich zeigte sich der sehr fruchtige, aromatische 2003 Dominus. Mit diesem für das eher schlechtere Kalifornien-Jahr 2003 sehr gut gelungenen Wein, bei dem wir mindestens 93/100 im Glas hatten, werde ich mich demnächst noch einmal näher beschäftigen. Enttäuschend zum Schluss ein 1963 Messias Port. Intensive Patex-Nase, am Gaumen unangenehm scharf. Da war zwar auch Süße, aber die Schärfe trübte doch sehr den Genuss. Lange über Höhepunkt hinaus, falls er den denn jemals hatte – 84/100.
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G R O S S E W E I N E A U S G R O S S E N G L Ä S E R N
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Gut meinte es unser Gastgeber mit uns bei dieser hochkarätigen Probe. Nicht nur verwöhnte er uns mit großer Küche und großen Weinen. Letztere servierte er uns auch in großen Gläsern. Zwei Riedel Bordeaux Sommelier Pokale mit dem theoretischen Fassungsvermögen von jeweils einer Flasche hatten wir vor uns stehen. Sicher fantastische Gläser, um in kleiner Runde aus reichlich gefüllten Gläsern entsprechende Gewächse zu genießen. Als nur dezent gefüllte Degustationsgläser in einer Probe aber sehr problematisch. Da musste man sich dann eigentlich schon wie beim Kamille-Dampfbad mit dem Handtuch über den Kopf darüber beugen, um von den Aromen der Weine genug mitzubekommen. Erstaunlich der Begrüßungsschluck, ein 1996 Dom Perignon. Konnte dieser Gigant aus diesem exzellenten Champagner-Jahr schon so reif sein? Wirkte voll trinkbar mit weicher, cremiger Textur. Klar, das war ein druckvoller, aromatischer, großer Champagner, aber aus dieser Flasche erschien er mir deutlich zu reif – 94/100. Probleme hatte ich auch mit dem einzigen Weißwein des Abends, einem 2006 Honivogl Grüner Veltliner Smaragd von Hirtzberger. Ausgerechnet dieser Gigant kam in einem viel zu kleinen Weißweinglas daher und verkaufte sich zunächst deutlich unter Wert. Das gab sich aber schnell. Der Honivogl wurde üppiger, fetter, ausladender, ein gewaltiger Wein mit hohem Extrakt, intensiver Fruchtsüße, viel Kraft und viel zu hohem Alkohol(14,9%). Von der Typizität eines Grünen Veltliners zeigte er leider wie viele der hochgezüchteten, Wachauer Boliden sehr wenig. Ein Wein für Vergleichsproben, der sicher hohe Punktzahlen einfahren wird. Aber für den heimischen Genuss? Wer sich davon eine Flasche zu Gemüte führt, braucht sich für den nächsten Tag nichts mehr vorzunehmen. Alle Welt schreibt vom Jahrhundertjahrgang 2006 in der Wachau. Aber wenn Weine wie dieser Grundlage der Lobpreisungen sind, kann ich das nicht nachvollziehen. Mehr als 92/100 gibt es von mir für dieses Monstrum nicht. Mir gefiel der etwas schlankere Stil der Honivogls in den 90ern deutlich besser. Nach ähnlichem Muster ging es dann in Rot beim ersten Flight weiter. Völlig neben den Schuhen stand 1997 Penfolds Grange, den ich schon deutlich besser erlebt habe. Üppige, parfümiert wirkende, marmeladige Frucht, am Gaumen sehr diffus wirkend. Dieser Grange, der ohnehin nicht zu den Besten des Gutes gehört, schien einfach in einem schwierigen Stadium zu sein – 90?/100. Viel spannender im anderen Glas der 2003 The Standish. Mit seiner würzigen, pfeffrigen Frucht, Blaubeere und viel Cassis, zeigte dieser für Australien erstaunlich feine, spannende und mit guter Säurestruktur ausgestattete Wein eine hohe Rhone-Affinität und würde sich gut als Pirat in einer Guigal-Probe machen – 94/100. Ein kompletter Fehlschlag im nächsten Flight 1995 l´Ermita von Alvaro Palacios. Verhaltene Nase, wenig Frucht, trockene Tannine, hohl am Gaumen. Da sang einfach gar nichts – 90/100. Ein schwieriger, an diesem Abend sehr enttäuschender Wein, dessen mögliches Potential schwer einzuschätzen ist und der einen festen Glauben erfordert. Im anderen Glas 1989 Sori Tildin von Gaja. Als Piemonteser Wein deutlich zu erkennen, aber das konnte einfach keine typische Flasche sein. Sehr reife Farbe, in der Nase deutlicher Hauch von Möbelpolizur, aber auch etwas Tabak, Zigarrenkiste und welke Rosen. Baute im Glas nicht aus, sondern ab. Ein eigentlich zu reifer Wein auf dem Abstieg. Die Frucht verschwand immer mehr, die bitteren Tannine blieben – 92/100. Ich konnte das eigentlich nicht glauben. Die Flasche muss irgendwann deutlich misshandelt worden sein. Freude kam dann endlich im nächsten Flight auf, zumindest in einer Hälfte davon. Noch nie so gut habe ich 1982 Haut Brion getrunken. Reife rotbeerige Frucht, Teer, Tabak, schwarzer Tee, Zigarrenkiste, ein komplexer, dichter Wein mit immer noch gutem Tanningerüst, aber durch die opulente, schmelzige Art am Gaumen auch mit hohem Hedonismus-Faktor – 96/100. Und neben meinem bisher besten 82er Haut Brion stand im anderen Glas mein bisher schlechtester 1982 Cheval Blanc. Der war als solcher durch die eindeutige Stilistik unschwer zu erkennen, aber als 82er? Da störten einfach die unreifen, grünen Noten, die Pepperoni und Paprika, die sich hier ungewollt im großen Kräutergarten breit machten. Es fiel mir sehr schwer zu glauben, dass dieser dazu etwas verschlossene Wein in dieser Flasche wirklich 1982 sein sollte. Mit sehr viel gutem Willen 92/100. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen auf hohem Niveau im zweiten Flight. 1983 Palmer zeigte endlich nach langer, verschlossener Phase wieder etwas mehr. Rauchige Nase, delikate Frucht, Zedernholz, sehr fein mit fast burgundischer Eleganz. Ein eleganter, hocharomatischer Wein mit dezentem Schmelz, der in 5 Jahren aus guten Flaschen noch deutlich mehr zeigen wird, als die heutigen 95/100. Im direkten Vergleich hatte die zweite Flasche 1995 Le Pin heute die Nase vorne, aber sicher nicht auf Dauer. Die erste Flasche musste leider mit einem sehr üblen Kork entsorgt werden, bei einem solch teuren Wein schon ein Gau. Exotische, süßliche Nase, Cassis, Kaffee, Röstaromen, Karamell, Pfeffer, erstaunlicherweise keine Schokolade, am Gaumen so offen, generös und dekadent schmelzig – 96/100. Wer davon noch hat, sollte mit dem Genuss nicht allzu lange warten. Besser wird er nicht. Als Solitär kam dann einer meiner persönlichen Lieblingsweine ins Glas, 1983 Cheval Blanc. Der spielte, frisch dekantiert, erstmal das große Wein-Chamäleon. Als druckvoller, etwas unnahbarer Hermitage La Chapelle aus großem Jahr fing der an, dann wurde er offener und würziger, gefiel sich in der Rolle eines La Mouline, entwickelte zunehmend leicht portige Noten und gab sich erst nach einer Weile als hocharomatischer, großer Cheval Blanc zu erkennen. Ein Traumwein, den ich dem 82er zumindest derzeit deutlich vorziehe, billiger ist er ohnehin – 97/100. Im letzten Rotwein-Flight des Abends kamen noch zwei prächtige 90er auf den Tisch. Sehr beeindruckend wieder 1990 Leoville las Cases. In der Nase mit feiner Frucht eher elegant wirkend, am Gaumen dann aber sehr dicht und druckvoll mit gewaltiger Struktur und Länge, sicher einer der langlebigsten 90er – 95/100. Sehr positiv überrascht war ich auch von 1990 Opus One, der noch die etwas klassischere Handschrift der frühen Opus-Jahre zeigte und als großer Bordeaux durchging. Da war einfach trotz immer noch guter Tanninstruktur pralle Freude im Glas, für mich so eine Art 82er Gruaud aus Kalifornien – 96/100. Schöner Abschluss dieser gelungen Probe ein 1988 d´Yquem. Den habe ich schon oft trinken dürfen und immer vergeblich die 99 Parker Punkte im Glas gesucht. Wahrscheinlich sind bei diesem eher verschlossenen Langstreckenläufer 20 Jahre Warten angesagt. Etwas verhalten zeigte er sich auch an diesem Abend mit rauchiger Nase, Honig und vielen Kräutern. In seiner verschlossenen Art derzeit fast etwas filigran mit schöner Länge – 93+/100.
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U N D N O C H M A L S Y L T
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Ich konnte es einfach lassen. Trotz schlechter Wettervorhersage zog es mich einfach noch einmal magisch auf meine Lieblingsinsel. Sylt für Liebhaber wurde uns geboten. Stürmische Winde, tosendes Meer und herrlicher Sonnenschein. Nichts für eingefleischte Mallorca-Brater, aber für Leute wie mich. Und natürlich war die Insel immer noch randvoll. Surf Weltcup ist als nächstes angesagt, und dann gehen auch schon die Herbstferien los. Nur im November dürfte Sylt kurz zur Ruhe kommen, bevor es über Weihnachten und Neujahr wieder richtig zur Sache geht. Sowohl Lufthansa als auch Air Berlin haben für den Jahreswechsel reichlich Flüge aufgelegt. Natürlich kam abends auch wieder anständig was auf den Teller und ins Glas. Im Fährhaus in Munkmarsch ließen wir es uns am ersten Abend gut gehen. Küchenchef Allessandro Pape gab mächtig Gas, und wir versuchten, mit den Weinen mitzuhalten. 2000 Smith Haut Lafite Blanc war unser erster Tropfen. Mehr Kraft als Freude, zuviel Holz, zuwenig Frucht. Von rauchigen Barrique-Tönen dominierte Nase mit verhaltener, frischer, blumiger Frucht. Am Gaumen sehr kräftig und nachhaltig, wirkte auch hier etwas rustikal und holzlastig. Kein schlechter Wein, aber Smith Haut Lafite geht deutlich besser – 88/100. Die Farbe des 1988 Vigna l´Apparita war noch sehr jung, doch in die von reifem Merlot dominierte, leicht animalische Nase mischten sich doch erste Reifetöne. Am Gaumen war er gefällig mit schöner Länge, aber auch mit präsenter, leicht bissiger Säure. Sicherlich leicht über den Höhepunkt hinaus, falls er den jemals hatte. Dürfte sich auf diesem Niveau noch eine Weile halten – 92/100. Würdiger Abschluss ein 1994 Ridge Monte Bello, den wir zzu einem Freundschaftspreis auf der klug zusammengestellten Karte fanden. Mit nur 12,5% ein fast alkoholfreier, kalifornischer Wein, aber keinesfalls schmalbrüstig. Das, was hier mit relativ wenig Alkohol an Extrakt, Aromatik und Fülle geboten wird, sollte eigentlich allen kalifornischen Winzern die Schamesröte ins Gesicht treiben. Ein perfekt balancierter, inzwischen weitgehend reifer Wein, von der Aromatik her ein Medoc aus Kalifornien, der sicher noch 10-15 Jahre auf diesem 94/100 Niveau halten wird. Leichte Ratlosigkeit am nächsten Mittag in der Vogelkoje. Zu unserem kleinen Imbiss hatten wir uns einen 2004 Scharzhofberger Pergentsknopp von Van Volxem ausgesucht. Mal wieder kam ich mit diesem Wein nicht so richtig klar, glaube aber inzwischen zu wissen warum. Ich kann mit der jodig-salzigen Sylt-Quelle nichts anfangen, dem Mineralwasser der Insel. Und genau dieser Ton stört mich in diesem ungemein mineralischen Wein, bei dem man das Gefühl hatte, dass da ganze Gesteinsbrocken hineingerieben wurden, der ansonsten aber auch durch brilliante Frucht überzeugte. Vielleicht gibt sich das ja mit den Jahren. Ich habe schon oft ehrfürchtig die Lobeshymnen über diesen Wein gelesen und meine beim Selbstversuch dann immer, im falschen Kino zu sitzen. Mehr als 90/100 kann ich derzeit beim besten Willen nicht rausrücken. Vielleicht bin ich einfach auch nur zu blöd, diesen Wein zu verstehe. Ich werde mich weiter bemühen. Und natürlich war am zweiten Abend wieder Jörg Müller angesagt. Lange Strandspaziergänge hatten uns kräftig durchgepustet und den entsprechenden Hunger und Durst verschafft. Und so verdrückte ich natürlich spielend ein in jeder Beziehung großes Menü. Unser flüssiger Einstieg in diesen Abend war ein 2003 Urgesteinsriesling von Schloß Gobelsburg. Ein feinduftiger Wein mit Steinobst und großer Blumenwiese, am Gaumen mineralisch, Zitrusfrüchte, saftig frisch und sehr animierend, ein für derzeitige, österreichische Verhältnisse erstaunlich leichter Wein(12,7%), von dem es gerne auch mal ein Glas mehr sein darf – 88/100. Eine Wissenslücke schloss ich anschließend mit einem 1989 La Fleur Petrus aus der schwächeren Phase dieses Gutes, das inzwischen ja wieder zu neuen Höhenflügen ansätzt. Zunächst verhaltene, leicht muffige und schweißige Nase, auch am Gaumen sehr verhalten, fast dürr und eher flach wirkend. Mit der Zeit wurde aber nicht nur das Nasenbild besser, etwas mehr Frucht kam zum Vorschein, aber auch Bitterschokolade mit 80% Kakao. Auch am Gaumen legte der La Fleur Petrus deutlich zu, allerdings nach wie vor mit strammen, etwas staubigen Tanninen. War es das schon mit dieser 89/100 Vorstellung? Ich wage die Wette, dass sich dieser Wein über die nächsten 10 Jahre weiter entwickeln wird. Wenn dann die Tannine abgeschmolzen sind, könnte sich da noch einmal eine große Überraschung anbahnen. Ich werde zukaufen. Ein Sprung zurück in der Zeitgeschichte machen wir nach dem Menü in netter Runde. Ältere Schätze waren angesagt. Eine viel versprechende Farbe besaß 1947 Canon in einer Chateau-Abfüllung. Auch die Nase machte Spaß mit feiner, malziger Süße und viel Kaffee. Am Gaumen störte etwas die spitze Säure, die sich mit der Zeit etwas glättete. Ein Langstreckenläufer aus 47, der sich auf diesem Niveau noch etliche Jahre halten dürfte – 93/100. Daneben lagen wir dann mit einem einfachen 1943 Côte de Beaune vom Bordelaiser Handelshaus Mähler Besse. Der besaß zwar noch eine recht gefällige Nase, war aber am Gaumen ein erbarmungsloser Säuerling. Freude kam da überhaupt keine mehr auf. Bewerten muss man einen solchen Wein auch nicht. Grandios hingegen der schon mehrfach getrunkene 1945 Chambertin von Noirot-Carrière. Begann wieder etwas gewöhnungsbedürftig mit einer Mischung aus Hustensaft und zu lang gezogenem Schwarztee, entwickelte sich aber fantastisch im Glas. Das Medizinale verschwand zunehmend, der Wein entwickelte eine fantastische Komplexität und Länge und wurde von Schluck zu Schluck im Glas immer schöner. Ein großer Burgunder, der in gut gelagerten Flaschen sicher noch 10-20 Jahre oder länger ein Genuss bleiben dürfte – 95/100.
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U N T E R U N D Ü B E R D E N W O L K E N
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Fluggesellschaften müssen sparen, und so ist das, was man – wenn überhaupt! – weinmäßig angeboten bekommt, meist weniger Wein, aber dafür um so mehr mäßig. Ich hatte trotzdem Lust auf ein Glas Wein. Schließlich hatte der Tag morgens zu unchristlicher früher Zeit angefangen. Jetzt war es 20 Uhr, über 2 Stunden Flug lagen noch vor mir und der Check In verzögerte sich mal wieder. Also der kurz entschlossene Griff in der Spanair Lounge zum 2006 Vina Esmeralda von Torres. Den habe ich an gleicher Stelle auch aus den Vorgängerjahren schon gerne häufig genossen. Ein unkomplizierter, frischer Wein mit einer erstaunlich vielschichtigen Aromatik. In der Nase reicht das von Blütenduft über Pfirsich und reifer Banane(!) bis hin Jasmin. Gute Säure am Gaumen, macht einfach Spaß, diese ungewöhnliche Cuvée aus 85% Moscatel und 15% Gewürztraminer – 87/100. Über den Wolken, diesmal bei Lufthansa, probierte ich einen weiteren Weißwein, den 2005 Sauvignon Blanc Legado Reserva vom Weingut De Martino aus dem chilenischen Maipoh Valley. Sehr erfrischend mit Zitrusfrüchten, grünen Äpfeln und Pfirsich in der Nase. Am Gaumen zeigte der Wein eine leichte, unsaubere Strenge, die auf einen Flaschenfehler hindeutete. An Bord schien das aber sonst niemand zu stören. Ich wechselte deshalb zum roten Wein. Der war dafür um so schöner und sehr überraschend, ein 2004 Santa Julia Tempranillo Reserva von der Familia Zuccardi aus Mendoza in Argentinien. Der hatte eine von Röstaromen geprägte Nase mit Vanille und etwas Tabak, dazu reife Brombeere, auch am Gaumen fruchtig, erstaunlich kräftig mit reifen Tanninen und guter Länge – 87/100.
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P R E I S - / G E N U S S S I E G E R
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Superwetter war angesagt an diesem Samstag in einem eher unterdurchschnittlichen September. Da ließen wir uns das Erntedankfest der kleinen, direkt neben Meuser in Niederkassel gelegenen Weinhandlung La Passion du Vin natürlich nicht entgehen. Reichlich nette Leute, eine bezaubernde, französische Sängerin und vor uns im Glas ein 2002 Belle Vue aus Haut Medoc. Ein modern gemachter Wein, der spontan anmachte, mit guter Frucht und reifen Tanninen, sicher auf 88/100 Niveau und deutlich unter € 20. Auf diesem Fest und bei diesem Wein hätte ich bleiben können. Doch wir mussten weiter auf ein anderes Fest. Ein guter Freund hatte zum Runden Geburtstag eingeladen. Da kam dann der nächste Preis-/Genusssieger ins Glas, ein 2003 Mova von Christos Kokkalis aus Griechenland. An diesem Wein(unter € 15) stimmte einfach alles. Sehr dichte Farbe, würzige rot- und blaubeerige Frucht, seidige Tannine, samtig weich und sehr aromatisch am Gaumen – 89/100. Einfach sehr viel Wein fürs Geld. Und da kam das Gespräch natürlich schnell auf das Paradestück des Weingutes, den Trilogia. Mitten in der Nacht organisierten wir noch eine Magnum 2002 Trilogia. Die war nicht mehr ganz so billig, aber für das Gebotene trotzdem enorm preiswert. Der Trilogia legte natürlich auf den Mova noch mal richtig eins drauf. Hedonismus pur, offen, reife, satte Beerenfrucht in Bitterschokolade, auch Kokosraspeln und Nougat. Dazu die wunderbare Würze der perfekt integrierten amerikanischen Eiche. Tiefgang und Vergnügen in perfekter Kombination – 93/100. Da bleibt nur die Hoffnung, dass die hauptsächlich in Deutschland vertriebenen Weine von Kokkalis nicht so schnell von Parker entdeckt werden. Schlechter würden sie davon sicher nicht, aber schnell deutlich teurer.
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P F E R D E P I S S E
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„Pferdepisse“ – mit diesem harten Wort schob meine Begleiterin ihr Glas 1985 Gruaud Larose zur Seite. Eingestiegen waren wir an diesem Abend mit einem 2005 Ruppertsberger Reiterpfad Riesling Großes Gewächs des Gutes Reichsrat von Buhl. Reif und offen wirkend, wie so viele 2005er, mit satter Pfirsichfrucht und leichter Exotik, gute Säure am Gaumen und hohe Mineralität, aber auch leicht störende, blecherne Töne, ein sehr gutes, aber kein richtig großes Gewächs – 89/100. Weiter ging es mit 1990 Clos des Jacobins aus St. Emilion. Der war in der ersten Anmutung erstaunlich kräftig mit einer lakritzigen Aromatik, lediglich im Abgang fehlte es deutlich. Leider baute er im Glas nicht aus, sondern immer mehr ab. Ein kleiner Wein, der sicher rasch getrunken gehört – 86/100. Und dann kam die besagte „Pferdepisse“. Eigentlich zählt 1985 Gruaud Larose zu meinen Lieblingsweinen, doch diese Flasche aus sicher nicht optimaler Lagerung zeigte, dass auch dieser 85er Bordeaux wie viele andere auch wohl seinen Höhepunkt schon deutlich überschritten hat. Da war immer noch ein brilliantes Rubinrot ohne Alterstöne und eine gute Frucht, aber dieses zunehmende Schärfe am Gaumen entpuppte sich leider als Spielverderber – 87/100. Während ich noch über den Gruaud grübelte, widmete sich der Tisch bereits einem letzten Weißwein, einem 2004 Moccagatta Langhe Chardonnay aus dem Piemont. Nomen est Omen, dachte ich mir da nur. Viel Mokka und Kaffee, reichlich Karamell, Barrique statt Frucht, waren da eigentlich auch Trauben im Fass? Ein Wein für Fans prallen, satten Chardonnay-Vergnügens, in diesem Falle gehöre ich nicht unbedingt dazu – 86/100.
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P R E M I E R E N
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Neichel hieß das Restaurant, in dem ich kürzlich in Barcelona einen sehr schönen Abend verbrachte. Jean Louis Neichel ist gebürtiger Elsässer und hat zu Anfang seiner Karriere mit Jean Claude Bourgueil vor ewigen Zeiten in den damals legendären Walliser Stuben in Düsseldorf gearbeitet. In Barcelona vereint er sehr gekonnt französische Hochküche mit mediterraner Leichtigkeit. Spanien-orientiert und eigentlich recht preiswert die umfassende Weinkarte. Als Weißwein empfahl mir der Sommelier einen 2006 As Sortes aus Galizien von Rafael Palacios, dem Bruder des bekannten Alvaro Palacios. Hatte ich noch nie gehört. Erst später erfuhr ich, dass das eine der spektakulärsten, spanischen Neuentdeckungen ist. Uns hat er aber auch ohne Vorschußlorbeeren hervorragend gemundet. Ausdrucksstarke, komplexe Nase mit Zitrusfrüchten, Äpfeln, Kräutern und Mineralien. Am Gaumen frisch mit Limetten und Zitrus, erdigen Noten, sehr mineralisch, entwickelte sich wunderbar im Glas und war ein perfekter Begleiter unserer köstlichen Vorspeisen – 92/100. Nächste Premiere war für mich dann ein 1998 Caus Lubis Merlot aus Penedes. Der brauchte eine ganze Weile in der Karaffe, wurde dann aber um so schöner. Saftige, pflaumige Frucht, sehr nachhaltig und lang am Gaumen, gute Tanninstruktur, kann sicher gut altern – 92/100. Wein #3 kannte ich zwar, aber nicht aus diesem Jahrgang. 2001 Artadi Grandes Anadas ist schlicht und einfach spektakuläres Zeugs. Ein Wein, der von allem reichlich hat. Süchtig machende Nase, einfach geile Frucht, hoher Extrakt, Mineralität, Kraft, reichlich gut eingebundenes Holz, nur eben war das nicht so eine überextrahierte Bombe, sondern ein fast burgundischer Wein, der dieses riesige Füllhorn an Aromen, diese schier unglaubliche, aromatische Dichte mit einer derartigen Leichtigkeit und Eleganz rüberbrachte, da konnte Mann/Frau nur bei jedem Schluck vor Freude glucksen. Nicht nur der bisher mit Abstand beste Grandes Anadas, sondern ein Wein mit enormem Potential, der nur einen Fehler hat: als er auf den Markt kam und noch zu einigermaßen vertretbaren Konditionen zu kaufen war, habe ich nicht zugegriffen – 97+/100. Ein Wein, der sicher in eine Liga mit 2001 Pingus und 2001 Aalto PS gehört. Alle drei zusammen in einen Flight und mich vorher anrufen, das wär doch was!
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A L K O H O L I S C H E S U P P E
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Zu später Stunde fielen wir noch in dieses sympathische, kleine Restaurant ein. Viel versprechend die Speisekarte. Auch auf der Weinkarte wurden wir schnell fündig, lockte da doch ein fair ausgepreister 2000 Phelan Ségur. Was wir dann bekamen, war zwar ein recht schöner, aber viel zu warmer Wein. Im Stile italienischer Pizzerien schienen in diesem sonst so ambitionierten Hause die Rotweine bei so genannter Zimmertemperatur gelagert zu werden. Wenn dann solch ein Wein mit gut 22 Grad auf den Tisch oder ins Glas kommt, geht mindestens die Hälfte des Vergnügens flöten. Dafür tritt der Alkohol stärker in den Vordergrund. Wer gerne alkoholische Suppe trinkt, ist derart bestens bedient. Als Weinfan graust es mich. Ich habe für mich eine ganz simple Faustregel. Ein guter Bordeaux sollte im Glas nicht mehr als 18 Grad haben. Wenn er direkt aus dem Keller kommt, sollte er in der Flasche also nicht mehr als 16 Grad aufweisen. Wird der Wein eine Stunde vorher dekantiert, sollte die Flasche vorher nicht mehr als 14 Grad haben. So kommen dann automatisch wieder die 18 Grad im Glas zustande, bei denen optimaler Trinkgenuss garantiert ist. Überhaupt ist das mit dieser ominösen Zimmertemperatur, die Rotwein haben sollte, so eine Sache. Der Begriff stammt aus einer Zeit, als die Wohnräume nicht mehr als 18 Grad hatten. Die heutigen Raumtemperaturen liegen deutlich darüber. Viele Restaurants sind so warm, dass der Oberkellner eigentlich regelmäßig einen Saunaaufguss machen könnte. Zurück zu unserem 2000 Phelan Ségur. Da half nur noch ein kurzer Besuch in einem Eiskühler. Nicht die eleganteste Art, einen Rotwein runterzukühlen, aber eine recht effektive ohne negative Folgen für den Wein. Der umgekehrte Weg, das schnelle Erwärmen eines kellerkalten Weines im Warmwasserbad wäre deutlich problematischer. Entsprechend temperiert entpuppte sich der Phélan Ségur als sehr feiner, recht zugänglicher Wein, der das Potential des großen Jahrgangs aber nicht voll ausschöpft und dem grandiosen 90er das Wasser nicht reichen kann – 90/100. Anschließend tranken wir noch einen kräftigen, rustikalen 2001 Côte Rotie von Pierre Gaillard und einen üppigen, ziemlich alkoholreichen(>15%) 2003 Puech-Haut Tête de Belier aus dem Languedoc. Beide Weine waren natürlich wieder deutlich zu warm und statt in die Karaffe kamen sie notgedrungen in den Eiskühler. Schade für uns und für die Weine, die so ihr volles Potential nicht zeigen konnten.
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B U R G U N D M I T H Ö H E N U N D T I E F E N
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Atemberaubend schöne Weine gibt es in Burgund und leider auch grottenschlechten, hoffnungslos überteuerten Mist. Von allem etwas hatten wir an diesem Abend auf unserem Tisch. Michelangelo Saitta, der umtriebige Wirt des Saittavini hatte zu einem feinen Essen eingeladen, und jeder von uns brachte etwas mit. Statt Côte d´Or kam als erster Wein ein „Côte d´Ahr“ ins Glas, ein 2000 Recher Herrenberg Frühburgunder JS von Stodden. Begeisterung ließ der am Tisch keine aufkommen. Sehr gewöhnungsbedürftig die schweißig-käsige Nase. Die wurde mit der Zeit deutlich süßer, auch aufdringlicher und zum Schluss strenger. Auch am Gaumen keine richtige Offenbarung, immer noch jung, fast etwas bissig mit kräftiger Säure, wirkte eher wie ein rustikaler Bauernwein – 87/100. Deutlich schlimmer allerdings dann das, was in Form der ersten beiden Weine aus Burgund in unsere Gläser floss. Der 2003 Clos de la Roche von Olivier Guyot war ein eher belangloses Himbeerwässerchen, am Gaumen erstaunlich süß mit Vanille und viel Karamell, aber ohne Rückrat – 83/100. Eine ganz schwache Nummer dann der ziemlich nichts sagende 1995 Chassagne Montrachet 1er Cru Clos St. Jean von René Lamy. Wenn dieser Wein wenigstens noch einen Fehler gehabt hätte, aber der hatte einfach gar nichts! Ausgetrunken hat ihn niemand von uns. Burgund fing eigentlich erst im nächsten Glas richtig an. Extrem viel versprechend die kraftvolle, ausdrucksstarke Nase des 1993 La Tâche von DRC. Der Gaumen dieses sehr gut strukturierten Burgunders kam da nicht ganz mit. Zu präsent noch die etwas sperrigen Tannine. Ein Langstreckenläufer, der noch für manche Überraschung gut ist – 92+/100. Höhen und Tiefen auch im nächsten Flight. Der 1955 Morey-Saint-Denis von Léon Violland hatte zu Anfang eine seltsam anmutende Brausepulver-Nase, am Gaumen war er ein harmloser Säuerling, bei dem keinerlei Freude aufkam. Und dann schlugen erbarmungslos immer stärkere Fehltöne zu. Nicht nur die Nase wurde immer ekliger. Klebstoff, Waschbenzin, das Grauen nahm seinen Lauf. Prachtvoll dafür im anderen Glas ein 1955 Pommard von Doudet-Naudin. Noch dazu eine originale, alte, nicht rekonditionierte Flasche. Keiner dieser neuen alten Doudets also, bei denen ich mich manchmal frage, ob sie nicht nach der Armagnac-Methode(welchen Jahrgang hätten´s denn bitte gern?) hergestellt wurden. Die etwas verbrannt wirkende Nase kann das Alter des Weines nicht verleugnen. Am Gaumen geht dann aber die Post ab. So kraftvoll und fruchtig, so vielschichtig mit viel Schmelz und irrer Länge, einfach großer Stoff – 95/100. Aus meinem Geburtsjahr hatte ich einen 1950 Corton von Pierre André mitgebracht. 1950 war in Burgund kein so überragender Jahrgang mit eher leichteren Weinen. So war auch dieser hier inzwischen auf der Kippe. Auf der Halsschlaufe des Weines stand zwar der fromme Spruch „J´aime vieillir“, aber so lange dann wohl doch nicht. In der Nase dominierte bereits etwas Liebstöckel. Schöner der Gaumen, schlank zwar und kompakt, aber sehr pikant mit durchaus druckvoller Aromatik, entwickelte sich gut im Glas, ein Weingreis mit viel Charme – 89/100. Und dann schlug der Korkteufel wieder gnadenlos zu, ausgerechnet bei einem 1947 Clos Vougeot von Bouchard. Farbe und Substanz des Weines zeigten deutlich, dass uns da ein potentielles Mörderteil entging. Das hatten wir dann aber im nächsten Glas. Der 1952 Richebourg, abgefüllt von der englischen Wine Society, war der Wein des Abends. Brilliante Farbe, so fruchtig, so komplex und tiefgründig, sehr dicht, dabei aber fast mit ätherischer Eleganz, kraftvoll, füllig und sehr finessig zugleich, das war Burgund vom Allerfeinsten – 98/100. Sehr schön auch 1945 Beaune Clos des Mouches von Chanson. Sehr pikant und frisch wirkend mit leichtem Zimtton in der Nase und wunderbarer rot- und blaubeeriger Frucht. Nicht ganz so wuchtig wie der Richebourg, eleganter, feiner mit der unnachahmlichen Eleganz eines großen, gereiften Burgunders und mit schöner Länge am Gaumen – 96/100. Zwei Weine hatten wir noch vor uns, doch die himmlischen Mächte waren wohl nicht damit einverstanden, dass wir uns mitten in einer arbeitsreichen Woche solch herrlichen, irdischen Freuden hingaben. Sehr lecker zwar der nächste Wein, schokoladig, jung mit satter pflaumiger Frucht. Das konnte alles sein, nur kein Burgunder und schon gar nicht ein 70 Jahre alter. Nicht zu identifizieren war, was da in der alten Flasche 1937 Clos Vougeot von Grivelet steckte. Also schon wieder eine gefälschte Flasche. Quelle war ein französischer Ebay-Händler, der mich auch mit der gefälschten Flasche 47 Grands Echezeaux aus meiner 47er Probe „versorgt“ hatte. Ganz böse, von außen schwer zu erkennende Fälschungen. Natürlich gehe ich diesem Vogel jetzt massiv an den Kragen! Nicht gefälscht, aber ganz massiv korkig war ein 1934 Pernand de Vergelesses Clos des Belles Filles von Pierre Ponelle. Das war schon hammerhart. Zwei korkige Flaschen, eine total fehlerhafte und eine gefälschte in einer kleinen Verkostung. Ein schöner Abend war es trotzdem, dafür sorgten außer der gemütlichen Runde und dem hervorragenden Essen mit den ersten Weißen Trüffeln natürlich die vinologischen Glanzlichter.
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Oktober 2007 | Sylter (W)Eindrücke 2007
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