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Oktober 2007
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B A R C E L O N A
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Zu den angesagten, europäischen Städten gehört es inzwischen, dieses Barcelona. Ich muss und darf regelmäßig beruflich dorthin. Diesmal hatten wir uns aber ein verlängertes, privates Wochenende gegönnt. Die Idee schienen noch viele andere Touristen aus allen Ecken der Welt gehabt zu haben. Das immer noch sommerliche Barcelona war rappelvoll und brummte ohne Ende. Unseren ersten Abend verbrachten wir wieder im Restaurant Neichel, von dem wir im September so positiv überrascht worden waren. Vielleicht waren unsere Erwartungen diesmal einfach zu hoch. Ich konnte – im Gegensatz zum ersten Besuch – diesmal verstehen, warum der Michelin das Neichel von zwei auf einen Stern degradiert hat. Und das lag weniger an dem etwas krawalligen Engländer am Tisch neben uns, die gut als die parfümierte Bauernnutte und ihr Loddel hätten durchgehen können. Nach einem wiederum sehr überzeugenden 2006 As Sorte war ich gespannt auf 2004 Aalto. Der war voll auf dem Level des überragenden 2001ers. Ein schlichtweg sensationeller Wein mit sehr hohem Spaß- und Hedonismusfaktor und überragendem Preis-/Genussverhältnis. Rabenschwarze Farbe, explosive Nase mit Blaubeeren, Brombeeren, Cassis, rauchigen Tönen, Graphit, am Gaumen Fruchtsüße, sehr mineralisch und bei aller Kraft und Konzentration wieder erstaunlich leichtfüßig und elegant – 95/100. Für unter € 30 ist dieser Wein ein richtiges Schnäppchen. Ich würde ihn nicht nur dem 2003er PS jederzeit vorziehen, sondern auch vielen, überteuerten Edelteilen aus der Alten und Neuen Welt. Und genau eines dieser Edelteile hatten wir leider anschließend im Glas, den 1999 Aurus von Finca Allende. Nach dem Aalto wirkte der eher wie ein Wein, mit dem man seines Gästen klarmacht, dass es Zeit ist, zu gehen. Ein ziemlich sperriges Gesöff mit wenig Frucht und sehr viel Säure, brauchte unendlich lange, um sich einigermaßen zu entfalten. War zwar komplex und tiefgründig, aber irgendjemand hatte vor der Abfüllung die Freude herausgefiltert. Erinnerte mich eher an Piemont als an Spanien. Gemerkt habe ich ihn mir auch, damit ich nie mehr darauf reinfalle – 85/100. Am zweiten Abend ließen wir uns von der Zeitschrift Feinschmecker leiten und landeten in der dort hoch gelobten Enoteca des Hotels Ritz Carlton. Teilweise sehr gute Küche, teilweise sehr guter Service, aber alles eben nur teilweise. Sehr gut der weiße 2004 Nelin von Clos Mogador. Intensive, blumige Nase, auch mit gerösteten Mandeln und getoastetem Brot und mit Veilchen. Am Gaumen kräftig und sehr mineralisch mit langem Abgang – 91/100. Eher daneben danach die Empfehlung des teilweise kenntnisreichen Sommeliers, ein 2002 Vindemia von Xavier Clua aus Terra Alta in Katalonien. Sehr gewöhnungsbedürftige, etwas stechende Nase, medizinal, viel Jod, aber auch etwas Lakritz und gärende, überreife Ananas. Am Gaumen deutlich oxidative Noten. Ein Stil, der mich an alte, weiße YGAYs erinnerte. Aber es war ja meine eigene Schuld, dieser nur bei gutem Willen mit 86/100 zu bewertenden Empfehlung zu folgen. Zum gleichen Preise wäre auf der Karte auch ein 2004 Kirchspiel von Wittmann gewesen. Als Roten Wein wagten wir uns an einen 2004 Finca El Bosque von Sierra Cantabria. Der hatte massiv etwas dagegen, getrunken zu werden. Total verschlossen und sehr tanninlastig. Dabei hatte ich ihn schon sehr zeitig öffnen lassen, aber auch doppeltes Dekantieren brachte da kaum etwas. In diesem Stadium des Weines wäre eine Bewertung reine Kaffeesatzleserei. Aus der Erfahrung mit dem großartigen 2001er müsste hier eigentlich noch einiges kommen. Besser wohl noch mindestens 5-10 Jahre warten. Teilweise sehr spannend die Küche des Hauses, z.B. ein sehr gelungenes Tuna Tartar mit Wasabi Eis uns Maracuja Soße. Weniger spannend eine zähe Goldbrasse mit der Konsistenz einer Schuhsohle. Alles eben etwas teilweise in diesem Hause. Ein Absacker musste es an diesem Abend noch sein. Den nahmen wir in einer sehr empfehlenswerten Weinbar, La Vinya del Senyor. Die gibt es an zwei Orte, einmal total überfüllt, vor allem von Touristen, in der Altstadt von Barcelona. Zum anderen, dringend zu empfehlen, etwas außerhalb in der Av. Saria. Sensationelle, sehr umfassende und gastfreundlich kalkulierte Weinkarte, kuschelige Atmosphäre und kleine Speisekarte. Mit einem 1985 Gran Reserva 890 von La Rioja Alta machten wir dort nach all den jungen Spaniern einen gelungenen Ausflug in das Rioja alter Machart. Helle Farbe, pikante, rotbeerige Frucht, getrocknete Kräuter und etwas Tabak, dezente Süße, elegant mit deutlicher Säure, jetzt auf dem Punkt oder schon leicht darüber – 89/100. Kein großer, aber ein feiner Rioja, dem ich aber keine allzu große Zukunft mehr gebe. Rappelvoll nicht nur Barcelona, rappelvoll auch die Füge dorthin und zurück. Auf dem Rückflug probierte ich dann aus dem gereichten Plastikbecher noch zwei der Economy-Weine. Der Erste ein 2006 Vina Mocen Blanc Rueda von den Bodegas Antano, kräftig, rustikal, aber recht gut zu trinken. Der Zweite ein 2007 Blaauwklippen Sauvignon Blanc aus Stellenbosch in Südafrika ein ebenfalls gut trinkbarer, typischer Allerwelts Sauvignon Blanc. Beides keine Highlights, aber solide, gut ausgewählte Weine +/- 80/100, zu denen man zum Preise eines Billigtickets auf Wein nicht verzichten muss, zumindest meine Begleiterin nicht. Ich habe mich nach den beiden Probeschlucken lieber mit stillem Wasser abgegeben.
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A U S F L U G N A C H Ö S T E R R E I C H
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Mit guten Freunden fuhren wir nach Salzburg ins Restaurant Pfefferschiff. Ein Gasthaus im besten Sinne des Wortes ist das, was die äußerst sympathischen Fleischhakers dort betreiben. Hervorragende Küche, kompetenter Service der bezaubernden Damenriege und eine sehr umfassende Weinkarte. Familie Fleischhaker scheint ihre Gäste sehr zu lieben, denn sie macht ihnen den kulinarischen Genuss durch ein sehr gutes Preis-/Genussverhältnis leicht. Das gilt nicht nur für die Speisekarte(€ 57 für das große Menü), sondern auch die Weinkarte. Insbesondere Österreich-Liebhaber werden hier voll auf ihre Kosten kommen. Auf der durch das große Angebot relativ einfachen Suche nach Weinen, die wir nicht kannten, landeten wir bei einem 1991 Riesling Privat von Nigl. Das war mit Sicherheit vor 10 Jahren mal ein toller Wein. Sehr reif präsentierte er sich jetzt mit Petrol ohne Ende, aber auch mit wenig Frucht und deutlichem Kellermuff, wirkte insgesamt etwas gezehrt. Wir waren uns nicht sicher, ob da nicht auch ein leichter Kork mit im Spiel war, also stehen die 84/100 unter Vorbehalt. Eine Lehrstunde dann 1997 Montevetrano. Das war mal ein üppig-portiger Riesenwein, Parker´s 96/100 voll wert. Doch inzwischen ist da wie bei sehr vielen Italienern der Lack ab. Immer noch ein feiner Wein, der gut aus St. Julien stammen könnte, mit viel Zedernholz, Tabak und feiner Frucht, eher elegant und zurückhaltend als sexy, wie früher, mit deutlicher Süße am Gaumen – 90/100. Ich möchte nicht wissen, in wie vielen Kellern reichlich dieser Wein-Schicksale liegen. Meiner gehört leider auch dazu. Zu verführerisch seinerzeit der erste Eindruck dieser Weine. Nur gehörten sie halt ziemlich schnell getrunken. Mit wenigen, löblichen Ausnahmen, wie z.B. dem grandiosen 1997 Solaia(erst kürzlich wieder nachverkostet, ein perfekt strukturierte Riese mit Langstrecken-Potential auf 96/100 Niveau), sind viele der hochgelobten, überzüchteten Super-Toskaner aus 1997 bereits heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ganz anders die folgende Weine. 1989 gegen 1990 Pontet Canet war angesagt. Beide Weine hatten damals keine hohe Bewertung bekommen(jeweils 89/100 bei Parker), weil sie recht tanninlastig und verschlossen waren. Jetzt an diesem Abend zeigten sie sich nicht nur von ihrer besten Seite. Deutlich demonstrierten sie auch den Unterschied zwischen diesen beiden Zwillingsjahrgängen. Immer noch eine sehr tiefe Farbe hatte der zu Anfang etwas streng wirkende 1989 Pontet Canet. Das war Pauillac in Reinkultur. Erdig und ledrig mit Zedernholz und auch mit etwas schwarzem Pfeffer die Nase, mit dunkler Frucht und einem Hauch Bitterschokolade, am Gaumen perfekt strukturiert mit immer noch sehr präsenten Tanninen. Öffnete sich zunehmend und präsentierte sich als großer Wein mit noch enormem Potential. Ganz anders 1990 Pontet Canet. Klar, der trug dieselbe Handschrift, aber er war von Anfang an voll da, wirkte üppiger, fülliger, leicht exotisch mit deutlich intensiverer Frucht. In einer Blindprobe aus der üblichen, kleinen Degustationspfütze getrunken wäre er klarer Sieger gegen den 89er gewesen. So aber konnten wir diese beiden Weine und ihre Entwicklung über lange Zeit verfolgen. Da war dann der 89er klarer Sieger nach Punkten mit 93/100, wobei bei diesem Langstreckenläufer über die nächsten 2 Jahrzehnte noch mal gut ein Punkt dazu kommen kann. 1990 Pontet Canet, der mit 92/100 auch voll überzeugte, sollte sicher innerhalb der nächsten 10 Jahre getrunken werden. Ich werde nach beiden Weinen auf die Suche gehen. 1990 zum jetzt trinken, 1989 für immer noch längere Lagerung. Leider reagiere ich in Restaurants häufig mal spontan und vergesse meine eigenen Notizen. Sonst hätte ich wohl nie 1989 Palmer bestellt. Auf diesem monolithischen Brocken hatte ich zuletzt erst im Frühjahr in der Braui frustriert rumgekaut. Ein total verschlossener, bissiger Stoff mit astringierenden, trockenen Tanninen. Machte überhaupt keinen Spass und wirkte im Abgang leicht seifig. Die relativ helle Farbe darf nicht darüber wegtäuschen, der 89er Palmer ist in gut gelagerten Flaschen noch 10 Jahre von der Trinkreife weg. Wer ihn jetzt aufmacht, bekommt für viel Geld eine enttäuschende Tanninmischung ins Glas, die kaum 85/100 wert ist. So konnten wir unmöglich aufhören, jetzt musste noch mal praller Weinspass her. Der stand mit einer 1996 Pichon Comtesse auf der Karte. Was für ein prächtiger, saftiger, hedonistischer Wein. Schon so reif und zugänglich wirkend, mit viel Schmelz, Schokolade und wunderbarer Fruchtsüße. Doch Vorsicht, die durchaus vorhandenen, massiven Tannine werden derzeit in diesem frühreifen Stadium nur gut maskierte. Ich würde mich nicht wundern, wenn sich diese momentan herrlich zu trinkende Comtesse noch einmal verschließt - 95/100. Rundrum zufrieden traten wir die Rückfahrt an. Aber natürlich habe ich auch beim Pfefferschiff etwas zu meckern: der Laden liegt einfach viel zu weit von Düsseldorf weg.
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K E I N N E B E L I M G L A S
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Zäher Nebel raubte uns teilweise die Aussicht bei unseren Wanderungen in den Chiemgauer Bergen. Wie gut, dass wir diesen Nebel nicht in unseren Gläsern hatten. Kalifornier aus längst vergangenen Zeiten hieß das Motto der kleinen Verkostung, zu der uns gute Freunde einluden. Doch erstmal ging es mit einem jungen, weißen Kalifornier los. 2004 Newton Chardonnay Unfiltered war angesagt. Unverschämt gut trinkt sich dieser Wein, der eigentlich einen Waffenschein voraussetzen sollte. Zu hoch der Suchtfaktor bei dieser prächtigen Fülle, dem buttrigen Schmelz, dem vanilligen Holz und der exotischen Frucht. Zu verführerisch aber auch die fast luftige Eleganz und Frische, mit der dieses 15.5% Monstrum daher kommt. Locker 94/100 kommen da ins Glas. Der (zu) hohe Alkohol ist leider praktisch nicht spürbar, verdammt gefährlich, dieses Zeug. Das wohl beste Jahr in der Geschichte kalifornischen Weines war 1974. Unglaublich, welches Standvermögen selbst unbekanntere Weine heute noch haben. Zwei Exemplare davon bekamen wir an diesem Abend ins Glas. Ungewöhnlich die Nase des 1974 Spring Mountain Cabernet Sauvignon. Kandierter Liebstöckel, Gummi und Eukalyptus, wobei der alte Fahrradschlauch, das Gummi, in der Nase erst immer stärker hervortritt, dann kommt aber stärker pflaumige, portige Frucht, allerdings auch mit einem Hauch flüchtiger Säure. Am Gaumen viel Eukalyptus und Minzfrische. Ein eigenständiger, spannender Wein, der sich auf 92/100 Niveau sicher noch eine Weile halten wird. Noch nie gehört hatte ich von 1974 Alexanders Crown von den Sonoma Vineyards. Am 3. November 1974 wurde dieser reinsortige Cabernet in einer Moutain-Lage geerntet, die das Alexander Valley überblickt. Für die damalige Zeit erstaunlich hohe 13,7% Alkohol bringt dieser, in französischen Fässern ausgebaute Wein auf die Uhr. Deutlich reifer, feiner, aber auch präziser als der Spring Mountain, ebenfalls mit Eukalyptus und viel Minze. Auf dem Punkt, kraftvoll, füllig und auch etwas ungelenk, sonst wären noch mehr als die 93/100 drin gewesen. Und dann der Star unserer Verkostung, ein überragender 1981 Heitz Martha´s Vineyard. Als dieser Wein blind vor mir stand, habe ich lange überlegt, ob uns unsere Gastgeber da nicht einen 82er Gruaud Larose als Piraten untergeschoben hatten. Dichte, noch ziemlich junge Farbe, klassische Bordeaux-Nase mit Zedernholz und altem Sattelleder, aber auch etwas animalisch mit Pferdestall, auch am Gaumen die Stilistik eines großen Bordeaux aus den 80ern mit viel Minze. Da war ich schon bei 96/100. Doch der Heitz legte mächtig im Glas zu. Nach gut einer Stunde war er noch komplexer und zeigte auch etwas Eukalyptus. Ein unglaublicher Wein, der sofort in meine Suchliste kommt – 97/100. Legendär sind auch die alten Martinis, doch am letzten Wein des Abends, einem 1968 Martini Cabernet Sauvignon, nagte deutlich der Zahn der Zeit. Mit seiner karamellig-süßen, gemüsigen Nase wirkte er zu Anfang wie ein älterer Rioja. Das Gemüsige ging mit der Zeit weg, der Wein wurde gefälliger, blieb aber fragil. Hätte ich gerne vor 20 Jahren getrunken – 88/100. In unserem kleinen Hotel angekommen, traf ich noch eine Gruppe netter Leute, die wie ich kein Ende finden konnten. Also machten wir uns über den einzigen Rotwein des Hauses her, einen 2005 Morellino di Scansone von der Le Pupille-Starwinzerin Elisabetta Gepetti. Frucht, Fülle, samtige Tannine, ein ausgesprochen leckerer Wein für eine lebendige Runde, mit einer betörenden, an reife Sauerkirsche erinnernden Frucht, ausgebaut im Stahltank und dadurch frisch statt verholzt. Unkomplizierter und bezahlbarer Genuss(ca. € 10) auf 86/100 Niveau. Nur liegenlassen würde ich ihn nicht. Der gehört jetzt und in den nächsten 2 Jahren getrunken.
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W U N D E R B L E I B E N M E I S T E I N M A L I G
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Ich wollte es unbedingt wiederholen, dieses Wunder vom 1945 Mouton Baron, der so fatal dem 45er Mouton Rothschild ähnelte. Mit einem guten Freund und Geschäftspartner saß ich genau dort, wo sich dieses erste Wunder ereignet hatte, im Restaurant Chat Botté des Hotels Beaurivage in Genf. Seit Generationen ist dieses Hotel inhabergeführt. Und seit Generationen werden hier große Weine sehr frühzeitig gekauft und liegengelassen, bis es soweit ist. 40.000 Flaschen ruhen derzeit in den Kellern des Beaurivage. Und während in anderen Restaurants der Jahrgang 2000 aus Bordeaux schon längst ausgetrunken ist, hat er es hier noch gar nicht auf die Karte geschafft. Dafür finden sich auf der klug zusammengestellten, umfassenden Weinkarte immer noch perfekt gelagerte, nie bewegte Raritäten aus längst vergangenen Zeiten. 1928 Chateau Margaux z.B. gibt es noch dutzendweise in Einten und Magnums. Die Preise der Weine sind nicht niedrig, aber angemessen. Eben gerade so, dass man versucht ist, doch mal eine Sünde zu begehen, oder auch mehrere. Auch uns war nach Sündigen zu Mute und das starteten wir mit einem 1961 Talbot. Dick verstaubt war die Flasche, die Anfang der 60er den Weg in diesen Keller gefunden hatte, und in allerbestem Zustand. Das galt natürlich auch für den Inhalt. Brilliante Farbe mit dezentem Orangenrand, fantastische, süchtig machende Nase mit Zedernholz, Leder und diesem unnachahmlichen Parfüm reifen Cabernets. Von dem für Cordier-Weine wie Talbot und Gruaud bekannten „Cordier-Stinker“ ist nur eine ganz leichte, nicht unangenehme, animalische Note geblieben. Am Gaumen pure Seide, aber darunter auch Kraft und die Fülle eines großen Burgunders. Ewig alng am Gaumen bleibt dieser außergewöhnlich schöne Talbot, der mein bisher mit Abstand bester ist – 96/100. Ja und dann kam er, der 1945 Mouton Baron in einer ebenfalls perfekten Nicolas-Flasche. Sensationelle Farbe, dichter, jünger als der 16 Jahre jüngere Talbot. Doch diesmal singt der Mouton Baron nicht. Einen Korkfehler hat er nicht, aber einen deutlichen Keller-Muffton, riecht nach Spinnweben und altem Faß. Nur kurz blüht er auf und lässt erahnen, wozu dieser Wein in Ausnahmeflaschen wohl fähig sein könnte, doch rasch gewinnen die Kellertöne wieder Oberhand – 88/100. Also muss es noch eine andere Sünde sein. Wir greifen zum 1929 La Mission Haut Brion, der in einem derart guten Zustand praktisch nirgendwo zu bekommen ist, egal zu welchem Preis. Eine exzellente Wahl. La Mission vom Feinsten mit der klaren Typizität des Jahrgangs, so fein und elegant, mit derart delikater Frucht und immer noch erstaunlicher Frische. Natürlich ist da die klassische Cigarbox-Aromatik, aber nicht in Form eines Blindproben-Hammers, wie beim 28er La Mission, hier ist alles 29-like sehr fein, distinguiert und edel, ein Wein der förmlich auf der Zunge tanzt, grazil daher kommt, sein Alter zwar nicht verleugnet, aber eben perfekt gereift ist. 98/100 habe ich gegeben, da es ja noch ältere Weine gibt, die vielleicht einen Tick größer sind. Aber vergleichbar sind diese 98/100 nicht mit den gleichen Punkten für einen jungen, ungestümen Wein. Das hier ist einfach eine andere Liga, etwas Einmaliges, dem man auch etwas Demut entgegen bringen muss.
Wer das Chat Botté kennenlernen möchte, kann das übrigens am perfekt am 17. November und am 8. Dezember tun. An beiden Tagen findet in diesem Restaurant eine große, exklusive Cheval Blanc Probe statt, bei der neben vielen anderen, großen, gereiften Chevasl Blanc Jahrgängen auch der legendäre 47er ins Glas kommt. Vielleicht eine der letzten Gelegenheiten, diese Weinlegende noch mal aus absolut authentischen Flaschen zu trinken. Nach der Verkostung gibt es zum großen Gala Menü weitere Chat Botté Raritäten, wie z.B. 1945 Latour.
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K L E I N E P R O B E
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Zu einer kleinen, feinen Probe trafen wir uns an einem Freitag im Oktober im Restaurant Schorn. Mit 1995 Dom Perignon starteten wir in einen harmonischen Abend. Sehr frisch, erstaunlich weich und zugänglich mit feinperligem Mousseux und der Aromatik reifer Äpfel, aber nicht sonderlich komplex – 93/100. Sehr schön auch das 2005 Kiedricher Gräfenberg Großes Gewächs von Weil. Mineralisch, kraftvoll mit schöner Frucht und cremiger Textur, ein wie fast alle 2005er frühreifer, sehr gut balancierter Riesling 93/100. Da kam im direkten Vergleich der 2005 Kellerberg Riesling Smaragd von F.X. Pichler nicht mit. Auch dies ein bereits sehr gut zu trinkender Wein mit satter Marille und Weißem Pfeffer, aber auch etwas vordergründig und korpulent wirkend, F.X. geht (noch) besser – 91/100. Probleme hatte ich mit dem dann folgenden 2001 Shafer Hillside Select. Der musste einen schleichenden Kork oder etwas ähnliches haben, denn so zahm und verhalten sich dieser kalifornische Knaller hier präsentierte, das war nicht normal. Bei 2001 Aurus von Finca Allende war ich blind bei einem großen Côte Rotie. So speckig, mit der klassische Côte Rotie Aromatik, das hätte auch ein La Landonne sein können. Kräftige, Säure, gutes Tanningerüst, um Längen besser als der vor kurzem getrunkene 99er und mit noch gewaltigem Potential – 95/100. Zwei „echte“ Côte Roties bekamen wir danach ins Glas. Ein sehr feiner, leckerer Schmeichler 1993 La Turque. Jetzt in einem wunderschönen Trinkstadium, in dem die früheren, grünen Töne des kleineren Jahrgangs verschwunden sind – 92/100. Etwas würziger, kräuteriger und leicht animalisch der ähnlich schön zu trinkende 1993 La Mouline. Auch dieser Wein jetzt voll auf dem Punkt – 92/100. Beide Weine zeigen die große Klasse von Guigal. Das kleine Jahr zeigte sich hier nur durch eine etwas leichtere Art. Dies gilt übrigens auch für das Portemonnaie. 1993 und 1992 sind immer noch für relativ wenig Geld zu bekommen. Überrascht war ich von der hohen Qualität des 1982 Pichon Baron de Longueville. Klar, da sind immer noch die massiven, etwas staubigen Tannine, die mich etwas an 82 Lafite erinnern, aber da ist auch sehr viel Substanz und eine Superfarbe. Im Schneckentempo schält sich dieser unterbewertete Langstreckenläufer aus seiner harten Schale. Aber wir hatten an diesem Abend immerhin schon gute 92/100 im Glas. Mich würde es nicht wundern, wenn da in 10 Jahren 94-95/100 draus werden. Irritiert hat mich dann wieder 1983 Cheval Blanc. Der wirkte jung, tanninig, fast sperrig. Wo war die sonst so faszinierende Aromatik, die portige Dichte? Kam ich nicht mit klar. Stirnrunzeln auch bei 1990 Conseillante. Zurückhaltend, verschlossen, tanninig wirkend, zwar mit sehr guter Struktur am Gaumen, aber wo war die leckere Frucht geblieben, das Schokoladige? Mehr als 90/100 waren da nicht drin. Beänstigend, diese Flaschen-Variationen, die ich bei Conseillante 89 und 90 schon des Öfteren hatte. Eher Bordeaux als Kalifornien danach 1991 Heitz Martha´s Vineyard. Schwer tut sich dieser Heitz in den ersten 15 Jahren meist gegen die üppigere, vorlautere kalifornische Konkurrenz. Der braucht eben seine Zeit, wie ein guter Bordeaux und früher auch die guten Kalifornier. Krafvoll, perfekt strukturiert, mit etwas Eukalyptus und hohem Potential, ein Wein für die nächsten 20 Jahre – 94/100. Wunderbar zum Abschluss auch wieder 1989 Leoville las Cases, ein klassischer, großer Bordeaux mit reintöniger Frucht und perfekter Struktur. Einer der letzten Las Cases, bei denen man nicht meint, den Mostkonzentrator zu spüren. Hat sicher eine großartige, lange Zukunft – 94/100.
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E I N F A C H S P A N N E N D
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Regelmäßig treffen sich in der kleinen Düsseldorfer Weinhandlung am großen Probentisch im positiven Sinne Verrückte und probieren rauf und runter alles, was Winzer irgendwann auf Flaschen gefüllt haben. Besonders der ständige Mittwoch Nachmittag bzw. Abend ist hier berühmt-berüchtigt, liegt jedoch beruflich bedingt aus meiner Reichweite. Da lasse ich es mir dann natürlich nicht nehmen, wenn mal einer der Vinesse-Jünger am Wochenende Strohwitwer ist, und Leidensgenossen für eine hochkarätigere Best Bottle sucht. Los ging es mit einem 2000 degorgierten 1992 Jacques Selosse Grand Cru Blanc de Blancs. Eine ungewöhnliche Nougat- und Nutella-Nase zeigte dieser frische Champagner, am Gaumen weinige Fülle, die eher auf einen höheren Pinot-Anteil hätte schließen lassen, und eine gute Säure – 93/100. Aber was war das im nächsten Glas, was von der gereiften Farbe her sowohl ein dunkler Weißwein als auch ein sehr reifer Roter Burgunder durchgehen konnte? Des Rätsels Lösung war ein 1923 Corton Charlemagne von Camille Giroud. Herrlich die reichhaltige, süße Nase mit viel Mokka und Toffee. Da konnte der Gaumen dieses spätjugendlichen Weißweines mit dem zarten Alter von fast 85 Jahren natürlich nicht mehr mit. Furztrocken präsentierte er sich, aber immer noch gut trinkbar. Durch die deutliche Säure erinnerte er stark an einen Kanne Brottrunk. Trotzdem waren da locker 85/100 im Glas, für die Seltenheit müsste es eigentlich noch 10 Punkte mehr geben. Thema hatten wir keines für diese Probe, aber das machte sie ja gerade so spannend. Sehr jung wurde es mit den nächsten beiden Weine. 2001 Chablis 1er Cru Montée de Tonnère von Ravenneau kam zuerst ins Glas. Das verbrannte Gummi in der Nase ging mit der Zeit weg und machte floralen, mineralischen Tönen Platz. Am Gaumen ebenfalls hohe Mineralität und „schlanke Fülle“. Das darf man sich von der Struktur wie den muskulösen, durchtrainierten Körper eines Leistungssportlers vorstellen, ein spannender Wein, der durch die knackige Säure eine schöne Frische erhielt – 92/100. Leider konnte man das von dem gleichen Wein als 2004er nicht unbedingt behaupten. Der machte zwar von der ersten Anmutung her spontan etwas mehr an, wirkte voller, fruchtiger, doch beim zweiten und dritten Schluck auch etwas langweiliger und irgendwie weichgespült. Allerdings sei vermerkt, dass hier doch auf verdammt hohem Niveau gemeckert wird – 90/100. Schluss mit Weiß, jetzt kam Rot ins Glas. Trüb die Farbe, aber süß und animierend die Nase mit Kakaobohnen und Kaffee, dazu frisch gepresster Orangensaft, am Gaumen immer noch erstaunlich viel Frucht und schlanke Frische durch die überhaupt nicht störende, reife Säure. Ein schlichtweg prächtiger Weinsenior, dieser 1941 Corton Collection du Docteur Barolet, der immer noch eine beachtliche Länge am Gaumen zeigte und einfach viel Freude machte. Da hatte damals wohl irgend jemand vergessen, dem Winzer zu sagen, dass 1941 eigentlich ein schlechtes Jahr war. Der Wein störte sich nicht dran, baute im Glas nicht ab, sondern aus - 94/100. Etwas irritiert war ich vom 1911 Pommard von Leon Violland aus diesem legendären Burgunderjahr. Der Wein stammte vom Gut und war dort neu ausgstattet worden, d.h. dekantiert, geschwefelt in die alten Flaschen zurückgefüllt, was auch der Korken angab. Deutlich deshalb auch die Schwefel-Nase dieses aufgefrischten Seniors, der eine erstaunlich brilliante Farbe besaß und ein großes Aromenspektrum bei gleichzeitig kräftiger Säure am Gaumen. Dabei war er sehr komplex und lang – 96/00. Die Authentizität dieses Weines ist nicht anzuzweifeln, und eine derartige Qualität hatte ich aus 1911 mindestens erwartet. Allerdings wäre mir ein original-verkorkter Wein deutlich lieber gewesen als einer, bei dem man nicht 100% sicher sein konnte, ob und wie dem nicht nach Doudet-Naudin Muster im Keller neues Leben eingehaucht wurde. Ein deutlich modernerer Burgunder-Stil kam danach mit einem 1962 Chambertin Von Jaboulet Vercherre ins Glas. Da merkte man deutlich die Zäsur in der Stilistik der Burgunder, die sich nach 1960 entwickelte. Richtiggehend pummelig wirkte dieser süße, füllige Wein in der Nase, dem es bei aller Qualität einfach an Komplexität fehlte. Dafür war er wenigstens noch recht frisch und jung am Gaumen – 90/100. Weiter ging es mit einem Duell zweier Bordeaux-Senioren. Beim 1934 Mouton d´Armailhacq musste man zur Steigerung des sehr mäßigen Trinkgenusses schon sehr intensiv aufs Etikett schauen. In der Nase Thymian, süßes Malz, Jod, Gemüse und viel Sellerie. Eigentlich nicht gerade die Mischung, die ich in einem feinen Bordeaux suche. Am Gaumen recht fragil mit deutlicher Schärfe, das war vielleicht vor langer Zeit mal ein großer Wein – 79/100. Deutlich frischer, süßer, zugänglicher mit Schokolade, Toffe und Mokka in der Nase ein 1934 Leoville las Cases aus einer nicht näher identifizierbaren Händlerabfüllung. Am Gaumen hatte dieser, durch eine gut eingebundene, kräftige Säure gestützte Wein immer noch spürbare Tannine – 92/100. Damit hatte er eigentlich immer noch eine größere Zukunft als die nachfolgende 1979 Pichon Comtesse de Lalande. Die war einfach lecker mit sehr schöner, offener Frucht, aber am Gaumen etwas kurz und praktisch tanninfrei – 88/100. In der 1tel scheint dieser lange Zeit wunderschöne Wein inzwischen deutlich den Zenit überschritten zu haben. Schlichtweg spektakulär danach ein 1950 Cap de Mourlin aus St. Emilion. So dicht, so süß, so Gaumen auskleidend, so animierend üppig und dabei doch so unglaublich elegant und irre lang am Gaumen mit viel Kaffee. Eine Beschreibung, die perfekt auf die besten Flaschen von 1950 Cheval Blanc passt, und genau an den erinnerte mich dieser riesengroße Wein – 97/100. Faszinierend danach auch ein 1945 Cantemerle in einer holländischen Abfüllung von Lupe, Cholet & Co. Sehr elegant und fein mit delikater Kirschfrucht. Finesse pur, ein feiner, kleiner Wein, der Größe zeigte – 93/100. Rhone war als Nächstes angesagt und von zwei Hundert-Punkte-Weinen war vorab gemunkelt worden. Da konnte der erste Wein unmöglich zugehören. Der war zwar sehr fein, würzig, pfeffrig und hocharomatisch, aber doch auch sehr kurz am Gaumen. Vermutlich hatten wir für den 1994 La Turque von Guigal nicht den richtigen Trinkzeitpunkt erwischt, denn sonst müssten da etwas mehr als 93/100 ins Glas kommen. Noch längst nicht alles zeigte für mich auch der sonst sehr hoch bewertete 1991 Côte Rotie La Mordorée von Chapoutier. Ein unglaublich dichter, komplexer Wein mit gewaltigem Potential. Sehr mineralisch, würzig, rohes Fleisch, sehr lang am Gaumen. Der richtige Trinkzeitpunkt mag bei diesen Weinen auch Geschmackssache sein. Ich werde meine Flaschen sicher noch 5 Jahre zu lassen – 96+/100. Ähnliches gilt für den 1990 Hermitage von Chave. Jetzt schon ein spektakulärer Wein, der mit seiner dichten, kräftigen Aromatik schnell vom kompletten Gaumen Besitz ergreift. Irre Mischung von Cassis und schwarzem Pfeffer, sehr animalisch, immer noch fordernd und sehr lang. Da entwickelt sich eine Legende – 97+/100. Die letzten beiden Weine sind gemacht für die Ewigkeit. Und schon landeten wir in der edelsüßen Abteilung. Sehr fein und legant mit schöner Süße ein 1975 Longuicher Maximiner Herrenberg BA vom Weingut Karl Schmitt-Wagner. Perfekt balanciert und sehr harmonisch, aber durch die für 1975 erstaunlich reife Säure auch schon sehr weit wirkend – 92/100. Recht malzig und süß wirkte die 1959 Steinberger Versteigerungs-TBA der Staatsweingüter Eltville, mit Crême Brulée iund in der Pfanne selbst mit viel Butter gemachten Karamellen. Bei aller Süße war dieser Wein recht leichtfüßig mit subtiler Eleganz – 97/100. Interessiert hätte ich, wer diesen Wein 2006 (laut Bodenetikett) neu verkorkt hat und warum. Erfolgt ist dies nämlich nicht auf den Staatsweingütern. Ich bin ein absoluter Gegner des Neu Verkorkens. Lieber trinke ich eine ehrliche, nur 2/3 volle Flasche, als irgendein aufgehübschtes Teil, dem man frühere Leiden nicht mehr ansieht. Mächtig einen übergebraten bekam die TBA vom 1923 Massandra Livadia Rose Muskat. Klar, der hatte mit 12,5% fast doppelt soviel Alkohol und sicher auch nochmals deutlich mehr Zucker, was natürlich die Aromatik verstärkt. Aber das war auch ein Hammerteil, faszinierende, süße Nase mit Rosenduft, getrockneten Früchten und Montelimar-Nougat. Auch am Gaumen sehr süß, wobei die Süße sehr gut durch eine präsente Säure abgepuffert wurde. Der Massandra hatte zwar von allem reichlich, wirkte aber keinesfalls überladen, sondern ziemlich griffig. Traumstoff, der jedes Dessert ersetzt – 99/100.
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F L I E G E N D E F E D E R
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Feder war es nicht ganz, eher die Tastatur des Laptops und geflogen ist die Lufthansa. Es war einer dieser elendigen Flüge, Madrid-Düsseldorf, die erst spät starten und dann nach 2 ½ Stunden unchristlich um 23 Uhr landen. Ich habe die Zeit an Bord genutzt, um zu schreiben. Auf unerwartete Weise hat die Lufthansa mich dabei mit einem erstaunlich schönen 2002 Corona de Castillo Prestigio aus Ribera del Duero unterstützt. Der ging runter wie Öl. Ein moderner Wein zwar, bei dem sich irgendein Önologe nach Herzenslust ausgetobt hatte, aber einfach rundum lecker mit reicher, würziger, dunkler Frucht, Vanille, Röstaromen und cremiger Textur, reife Tannine. Sicher nichts zum ewig Einlagern, aber an Bord gibt es ja eh keinen Keller – 88/100. Hat den Flug enorm verkürzt und das Schreiben angeregt.
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F A L S C H G E G E N E C H T
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Fakes waren das (Gesprächs)Thema einer kleinen Weinrunde im Restaurant Schorn. Immer mehr breitet sich diese fürchterliche Seuche aus und erfasst inzwischen auch Bereiche, von denen man es nicht gedacht hätte. Und um das Thema zu untermauern, hatte ich eine solche Fälschung mitgebracht. Doch zunächst labten wir uns an ein paar echten Weinen. Fantastisch gleich zu Anfang ein 1992 Riesling Rangen de Than Clost St. Urbain von Zind Humbrecht. Ein Musterbeispiel dafür, dass große Rieslinge ohne weiteres etliche Jahre altern können. Goldgelbe Farbe, reichlich Petrol, aber auch Honignoten, vollreifer Apfel und eine dezente Süße, am Gaumen trocken, unglaublich komplex und sehr lang. Reif zwar, aber noch lange nicht am Ende – 95/100. Immer noch einen quicklebendigen Eindruck machte auch 1964 l´Arrosée in einer Barrière-Abfüllung, feine, delikate Frucht, Eleganz pur, keine Alterstöne – 90/100. Auf sicherlich ähnlichem Niveau hätte sich ohne den ganz üblen Kork auch ein 1955 Durfort-Vivens bewegt, der immer noch eine sehr vielversprechende Farbe hatte. Da werde ich wohl noch mal nach suchen müssen. Ebenfalls kein Zeichen von Müdigkeit beim 1955 Angelus. Immer noch sehr dicht, süß mit portiger Frucht, am Gaumen kräftig und lang mit alkoholisch wirkendem Finish – 92/100. Und dann kam die Fälschung auf den Tisch. Angeblich ein 1945 Vosne Romanée Les Malconsorts von Grives. Sehr gut gemacht, von außen praktisch nicht erkennbar. Warum ich mir so sicher war? Ich habe diesen Wein nebst drei weiteren von einem französischen Spitzbuben namens Jean Lapenna erworben, der bei Ebay Frankreich unter dem Namen „Landonne“ auftritt. Vor diesem Typen kann ich nur dringend warnen. Alle drei vorher getrunkenen Flaschen waren falsch, so leider auch diese hier. Alte Flasche, altes, originales Etikett, alter, leicht bröseliger, wieder verwendeter Kork und auf alt getrimmte, neutrale Kapsel. Praktisch nicht zu erkennen, und das stimmt mich sehr nachdenklich. Da hat jetzt jemand mit viel krimineller Energie unbekanntere Burgunder nachgebaut. Natürlich behauptet der Einlieferer, von nichts etwas gewusst zu haben, und die Flaschen erstatten will er natürlich auch nicht. In der Flasche war alles, nur kein Burgunder. Wir tippten auf einen sehr mäßigen, kleinen Bordeaux, älter schon aus miesem Jahr. Wie ein seriöser, älterer Burgunder schmeckt, zeigte eindrucksvoll aus kleinerem Jahr ein 1950 Chambertin von Armand Rousseau. Helle, reife Farbe zwar, aber so eine intensive, druckvolle Aromatik, die in der betörenden Nase begann und sich am Gaumen fortsetzte. Ein perfekt gereifter, großer Burgunder mit viel Kaffee, Süße, feinem Schmelz, wunderbarer Textur und struktur, sehr lang am Gaumen – 96/100. Immer noch sehr jung danach ein 1974 Simi Alexander Valley Cabernet Sauvignon Reserve, Paprika, Minze, Eukalyptus, nachhaltig und frisch. Die 74er Kalifornier aus diesem Riesenjahr sind einfach nicht tot zu kriegen – 92/100. Die Runde an unserem Tisch wurde immer größer, da mussten auch noch große Flaschen her. Pralle Lebensfreude wieder 2002 Trilogia aus der Magnum – 92/100. Weniger anfangen konnte ich mit 2001 Capannelle aus der Magnum. Sehr junge, dichte Farbe, dunkle Früchte, balsamische Noten, wirkte etwas überkonzentriert. Was mich an diesem ja nicht gerade billigen Wein vor allem störte, war die übermäßige, etwas spitze Säure – 88/100. Natürlich könnte man jetzt sagen, der sei einfach zu jung. Ich glaube aber eher, das der am typischen Italien-Syndrom leidet. Die haben so lange Potential, bis sie kaputt sind, nur groß werden sie nicht.
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D U R C H G E B I S S E N
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Gute Weinfreunde erkennt man daran, dass sie sich allenfalls durch die eigene Beerdigung von einer einmal angesetzten oder zugesagten Weinprobe abhalten lassen. So hielt es auch mein Weinfreund Horst Wittgen. Der hatte ohne Publikum den Sturz von der drei Meter hohen Leiter geprobt, Glück im Unglück gehabt und sich „nur“ die Schulter angebrochen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, an seinem für nur eine Woche danach festgelegten Probentermin festzuhalten. Davor ziehe ich meinen Hut. So kam ich also gegen Monatsende zum ersten Mal in den Genuss von 2006 F.X Pichler Riesling Unendlich. In der Nase satte, reife Marille, am Gaumen hohe Mineralität, sehr druckvoll mit cremiger Textur. Doch das zivile, offene dieses Weines täuschte. Wir streichelten da eine lieb schnurrende, nette, große Katze, die sich in ein paar Jahren in einen bissigen Tiger verwandeln wird. Mächtige Anlagen hat dieser große Wein, für die er aber Zeit braucht. Ich würde ihn noch gut 3-5 Jahre liegenlassen. Liegen bleiben sollte wohl auch am nächsten Tag etwas länger, wer ein Glas zuviel davon trinkt. 15% stehen auf dem Etikett, es könnten auch mehr sein – 93+/100. Nicht mehr liegen muss der 1950 Marques de Murrietta YGAY Blanco Reserve Especial. Kräftige, schon etwas ins güldene gehende Farbe, sehr facettenreiche, sich ständig wandelnde Nase, wird süßer, immer cremiger mit Orangenschalen und viel Karamell, am Gaumen firztrocken mit kräftiger Säure. Ein großer, eigenständiger Wein, dessen Entwicklung man ohne Probleme einen ganzen Abend im Glas nachverfolgen kann. Der schafft nicht nur den Betrachter, von der Langlebigkeit wird dieser, für die Ewigkeit gemachte Wein auch noch den 2006 Unendlich packen – 95/100. Zwei kalifornische Chardonnays standen sich im nächsten Flight gegenüber. Sehr reif mit kräftigem Goldgelb der 1997 Beringer Chardonnay Sbragia Select. Nur zu Anfang etwas animalisch und mit ersten, oxidativen Noten. Wurde im Glas immer schöner, runder, gefälliger, weicher generöser und entwickelte den wunderbaren Schmelz der Sbragias – 94/100. Gehört sicher bald getrunken. Deutlich jünger wirkte der 1997 Kistler Sonoma Coast Chardonnay. Noch recht helle, junge Farbe, sehr ätherische, kräuterige Nase mit Lakritz, rauchig, am Gaumen bei aller Kraft sehr fein, ausgewogen, distinguiert, würde in jeder Burgunderprobe eine gute Figur machen und hat sicher noch Potential für 5-10 Jahre – 93/100. Auch der rote Teil des Abends begann mit zwei kalifornischen Weinen. 1992 Ridge Monte Bello wirkte dabei eher wie ein ganz großer Bordeaux aus 1989. Wirkte nicht nur vin der dichten Farbe her immer noch sehr jung, sehr präzise, pure Frucht, perfekte Struktur, hoe Bordeaux-Affinität, ein großer Monte Bello für die nächsten 20+ Jahre – 95/100. Sehr viel reifer 1992 Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve. Üppige Frucht, Schwarzkirsche, Cassis, Brombeere, auch dieser Wein trotz aller offenen Süße mit guter Struktur, aber im Glas baute er nicht weiter aus, sollte trotz der sehr dichten Farbe eher in den nächsten 5 Jahren getrunken werden – 94/100. Jung von der Anmutung her und mit viel Potential auch die beiden nächsten Rotweine. 1988 La Mission Haut Brion ist ein Riese im Werden, den ich noch nie so gut wie in dieser Probe erlebt habe. Weit mehr als ein 89er für Arme ist dieser völlig unterschätze Wein. Klassische Nase mit Tabak, Teer, Cigarbox und rauchigen Noten, am Gaumen immer noch etwas kompakt, sehr dicht und komplex mit wunderbarer Länge. Gut 95/100 hatten wir im Glas, und das war erst ein Ausblick auf das, was da noch kommt. Deutlich unterschätzt auch 1988 Mouton Rothschild. Wirkt derzeit noch etwas verschlossener als La Mission mit immer noch bissigen Tanninen, aber auch da sind Dichte, Komplexität und Länge, ein Wein mit gewaltigem Potential, der 89 und 90 locker platt walzen wird – 93+/100. Traumstoff im nächsten Flight 1978 Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve. Immer noch mit recht jung wirkender, dichter Farbe, in der Nase Cassis, Eukalyptus und Minze, nur an de leicht Karamellligen Süße erkennt man das Alter, kommt erstaunlich fein daher mit perfekter Struktur und Länge, ein großer Kalifornier in bester Bordeaux-Machart mit Potential für locker noch 10+ Jahre – 95/100. Großartig auch 1978 Musar, weiter, reifer, süßer, aber auch sehr komplex uns animierend, in der Nase etwas verbranntes Traubengut, spanisch wirkend, aber gleichzeitig auch frisch, Trinkspaß auf sehr hohem Niveau – 94/100. Richtig spanisch wurde es dann im nächsten Flight. Zwei große Klassiker aus einem Jahr, in dem sonst große Weine sehr dünn gesät sind. 1951 Vina Real Reserva Especial war wieder ein riesengroßer, fleischiger Wein, dichte Farbe, immer noch unglaubliche Kraft, mit Kaffee- und Bitterschokolade – 95/100. Im direkten Vergleich diesmal noch ein Tick drüber aus dem gleichen Hause der 1951 Imperial Gran Reserva. Der war deutlich weiter, offener und einfach dekadent lecker, karamellig-süß, kleidete voll den Gaumen aus, ein Traum, noch nie so gut getrunken – 96/100. Sehr überzeugend im nächsten Flight 1990 Pape Clement. Dunkle, pflaumige Frucht, auch etwas Lakritz, sehr dicht und kräftig, geradezu bissig, noch nie so jung getrunken mit insbesondere für den Jahrgang eneormer Tanninstruktur und hoher Säure. Das mag natürlich auch etwas an dem 40jährigen Zeitsprung von den beiden Spaniern gelegen haben. In jedem Fall aber ein sehr überzeugender 90er Bordeaux mit gutem Alterungspotential – 94/100. Eher enttäusch war ich dagegen von 1990 Lafite Rothschild, den ich völlig anders kenne und gerade erst in der Braui als hoch-erotisches 98/100 Elixier genießen durfte. In dieser Flasche hier war er nett, weich, fruchtig und auf hohem Niveau harmlos – 93/100. Das kann nicht nur an unterschiedlichem Entwicklungsstand liegen. Da muss es auch unterschiedliche Flaschen geben. Mit Kalifornien waren wir in den roten Teil des Abends gestartet, mit Kalifornien hörten wir auch auf. Zwei Weine aus dem mächtigen, üppigen Jahrgang 1997 standen vor uns. 1997 La Jota Cabernet Sauvignon 16th Anniversary war ein gewaltiges, üppiges Fruchtkonzentrat, das aber doch etwas eindimensional wirkte, erinnerte etwas an einen Preisboxer, eine Art hirnloses Muskelpaket – 92/100. Großartig dagegen 1997 Peter Michael Les Pavots. Der kam bei aller Kraft und Fülle geradezu leichtfüßig daher. Ein wunderbarer, großartiger Kalifornier mit hoher Bordeaux-Affinität – 96/100. Ein strammes Programm hatte uns unser generöser Gastgeber hier verordnet. Das mussten auch die bestellten Taxifahrer gerochen haben, die deutlich früher kamen, als bestellt. So blieb der Hausherr auf dem süßen Wein, der ohnehin nur noch schwerlich in uns hineingepasst hätte, sitzen.
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November 2007 | September 2007
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