Startseite Einführung Weinjahrgänge Weinkritik Tips & Links Kontakt/Impressum
Weinkritik:



Themen:
Probennotizen
WeinMomente
Meinung
Weinkritik


November 2007

G E H   A M   G L Ü C K   N I C H T   V O R B E I 

„Geh am Glück nicht vorbei – Süß macht glücklich“, der sinnige Werbespruch einer kleinen Linzer Konfiserie traf den Nagel auf den Kopf. Süßweine haben heute nicht mehr den Stellenwert, den sie als flüssiges Gold einmal besaßen. Und erst, wenn man einmal einen großen Süßwein ins Glas bekommt, wird klar, auf was man bisher verzichtet hat.
Einfach prächtig, was der Linzer Tokayexperte und – Sammler Dr. Peter Baumann da in einer spannenden, kleinen Verkostung auffuhr. Wäre ich noch kein Fan edelsüßer Raritäten gewesen, spätestens hier wäre ich es geworden.
Große Tokayer, insbesondere die Eszencias, sind gemacht für die Ewigkeit. So waren denn auch alle Weine dieser Probe immer noch erstaunlich jugendlich, elegant und faszinierend auf sehr hohem Niveau. Das war kein Wein-Altersheim, was hier aufgefahren wurde, sondern eher eine fröhliche Senioren-Disko.
Sehr süß mit feiner balancierender Säure der 1912 Aszú 6 Puttonyos. Voll intakt, kräuterig mit Lindenblüten, sehr weich, harmonisch und schmeichlerisch am Gaumen, da war ein komplettes, perfektes Dessert im Glas. Baute nach gut einer Stunde im Glas etwas ab – 95/100.
Deutlich komplexer wirkte da zunächst der 1906 Aszú Eszencia, der durch die höhere Säure auch jünger wirkte. Viel Honig, aber am Gaumen auch etwas beißend, der einzige Wein der Probe, der im Glas deutlich verlor. Mit zunehmender Luft wurden hier die etwas störenden Essignoten immer stärker – 91/100.
Riesengroß der 1904 Aszú Eszencia. Buttrig-karamellig, Orangennoten, ebenfalls mit sehr guter, harmonischer Säure und von der Anmutung her der vielleicht jugendlichste der Weine. Ging mit seinem faszinierenden Süße-/Säurespiel auch als große TBA durch – 97/100.
Etwas aus dem Rahmen fiel der als Solitär servierte 1901 Imperial Tokayer Ausbruch der Firma Brüder Gottdiener. Deutlich weniger Süße, recht maderisierte Nase, etwas Kaffee, Gewürznelke, immer mehr kommt älterer, angeschnittener Apfel, baut am Gaumen deutlich aus und wird komplexer, entwickelt dabei deutlich portige Noten. Insgesamt auch das ein durchaus sehr spannender Wein – 93/100.



Nach oben



Nach oben

Star dieser kleinen Probe war ein 1888 Aszú Eszencia. Der war noch so erstaunlich frisch und jugendlich, die Nase etwas parfümiert wirkend mit reichlich exotischen Früchten und frisch gepresstem Orangensaft, keine überzogene Süße, aber sehr harmonisch und ausgewogen, dabei sehr feingliedrig und elegant. Auch dieser Wein gewann deutlich mit Luft und legte gewaltig im Glas zu, unglaublich lang am Gaumen, ein wirklich großer Süßwein – 99/100.
Nicht viel darunter der 1884 Aszú Eszencia. Was da klar und brilliant mit der Farbe eines guten Cognac ins Glas kam, konnte sich ebenfalls bestens riechen und schmecken lassen. In der faszinierenden Nase frischer Apfelkompott mit reichlich Zimt, auch etwas Quittte. Am Gaumen kräftige, aber harmonische Süße, gepaart mit guter Säure – 96/100.



Nach oben



Nach oben

Jeder dieser sechs Weine war für sich groß und ein beeindruckendes Zeitdokument. Da stellt sich nicht die Frage, wozu so etwas passt, zumindest nicht, zu welchem Gericht. Derartige Monumente gehören weder mit einer Gänseleber noch mit einem Dessert genossen. Das sind einmalige Solitaire, die für sich wirken und den entsprechenden Freiraum benötigen. Ich selbst hatte Tokay etwas aus den Augen verloren, werde jetzt aber wieder intensiv auf die Suche gehen.



Nach oben

T I M E   T O   S A Y   G O O D   B Y E 

Nur zu gut kann ich mich noch an 1985 Mouton Rothschild erinnern. War das ein toller Wein, üppig offen, die große Röstaromen-Oper, einfach Klasse zu trinken. Und ganz plötzlich war es dann vorbei, fast von einem Tag auf den anderen. Klar kann man diesen Wein immer noch trinken. Aber er ist nur noch ein Schatten seiner selbst.
Ich habe das nicht weiter tragisch genommen. Erstens waren meine Bestände an 85 Mouton praktisch leer getrunken und zweitens gab es ja einen neuen 85er, den 1993 Mouton Rothschild. Der legte sogar noch mal eine Schippe drauf. Gut 40mal habe ich den in den letzten 12 Jahren mit allergrößtem Vergnügen aus praktisch allen Flaschenformaten getrunken. Und dann kamen plötzlich in den letzten Monaten mehrere Flaschen auf den Tisch, die eher wie der 85er in der zweiten Phase seines Weinlebens schmeckten. Wiederum ganz plötzlich, praktisch ohne Vorwarnung. Gerade jetzt wieder an einem November-Wochenende. Blind bekamen wir den Mouton vorgesetzt. Klar, wir waren sofort bei einem Wein vom linken Ufer und landeten auch schnell in Pauillac. Die Nase war typisch und recht schön. Aber am Gaumen spielte sich gar nichts ab, der Mouton war kurz und wirkte fast etwas gezehrt. Von den bis zu 94/100, die ich da häufig im Glas hatte, blieben mit gutem Willen noch mal gerade 88/100 übrig. Der „Traumwein, den man jetzt schon mal ein bisschen probieren sollte“(O-Ton René Gabriel und fortlaufend so von diversen Auktionshäusern zitiert), ist wohl eher ein Traumwein, den man besser schon ausgetrunken haben sollte. Aus, vorbei, zumindest der große Spaß. Damit folgt 93 Mouton dem 92er und dem 91er, die auch in ihrer Jugend recht schön waren und bereits seit ein paar Jahren nicht mehr viel her machen. Große Moutons, wie 82 und 86 hatten eine kurze, heftige Fruchtphase, nach der sie sich für lange Zeit wieder verschlossen. Kleinere Moutons, das macht dieses Chateau so reizvoll, geben für 10-15 Jahre alles, um sich dann urplötzlich Knall auf Fall zu verabschieden. Und wenn es ganz kleine, aber sauteure Moutons sind, wie 1997, dann geht es noch schneller. Auch davon dürften höchstens noch Ausnahmeflaschen und große Formate Spaß machen.
Nachverkostet habe ich im November auch noch mal zwei meiner derzeitigen Mouton-Favoriten, 1983 Mouton Rothschild und 1987 Mouton Rothschild. Beide Weine zeigten sich wieder in bester Verfassung. Der 83er mit seiner klassischen Mouton Aromatik macht derzeit für einen Bruchteil des Preises erheblich mehr Spaß als 82 und 86. Er erinnert mich irgendwo an 83 Cheval Blanc, den ich derzeit auch erheblich lieber im Glas habe, als den 82er. Ein feiner Mouton auf 94/100 Niveau, der sicher noch ein sehr langes Trinkfenster haben dürfte. Auf ähnlichem Niveau der 87er aus diesem sonst so miesen Jahr. Dieser Wein, der eigentlich schon längst hätte das Zeitliche segnen müssen, erstaunt mich immer wieder. Keinerlei Schwächen zeigte dieser elegant, feinduftige Mouton an diesem Novemberabend mit seiner typischen, von altem Sattelleder und Bleistift geprägten Nase. Eine Prognose zur Lebensdauer des 87ers wage ich nicht. Nur soviel dazu: ich suche und kaufe nicht nur den 83er weiter nach.



Nach oben

U N D   E S   G I B T   S I E   D O C H   N O C H . . . 

... die Weinkarten mit ungehobenen Schätzen aus vergangenen Tagen. Jacques Cagna hieß das Restaurant, in das wir uns an diesem Abend zielgerichtet verirrten. Mitten in St. Germain de Prés gelegen, in einem kleinen Gässchen. Aus dem 17ten Jahrhundert stammt das Haus, das Restaurant wirkt von der Inneneinrichtung her nicht viel jünger, mit flämischen Meistern an den Wänden. Der Service aufmerksam, die Küche klassisch und gut. Aber wir waren ja hauptsächlich wegen der Weinkarte da. Erster Eindruck: ganz schön happige Preise, wie eben sonst in Paris und inzwischen fast überall auch. Also die Feinsuche gestartet und was sehen meine Augen? 1970 Giscours in der Magnum zu einem Kurs, der auch für eine 1tel ok gewesen wäre. Nie bewegt, über 30 Jahre im feuchten, kalten Keller des Restaurants gelegen. Da mussten wir einfach zuschlagen. Immer noch eine dichte Superfarbe, fast schwarz im Kern wirkend. Massig Kaffee in der Nase, portige Töne, auch am Gaumen sehr viel Kraft, gestützt durch eine gute Säure. Aber diese Kraft kam nicht polternd rüber, sondern mit nobler Eleganz. Ein großer, klassischer Margaux eben, wie man ihn eigentlich in 1970 von Chateau Margaux erwartet hätte. Und das aus prall gefüllten Gläsern, das Leben eines Weintrinkers kann so schön sein – 94/100.
Aber es sollte noch viel besser kommen. Ich hatte zu akzeptablem Kurs einen 1929 Corton Grancey von Louis Latour erspäht. Der lag nun jetzt schon über 70 Jahre in diesem Keller. Nichts für Etikettentrinker, denn davon war auch nicht mehr viel übrig. Helles, reifes Himbeerrot mit Organgenrand. Die Nase zu Anfang etwas muffig-medizinal und gewöhnungsbedürftig, als ob sich dieser Weinsenior erst daran gewöhnen müsste, aus der Flasche zu dürfen. Das gab sich schnell, nicht nur die Nase wurde schöner, vor allem am Gaumen ging die Post ab. Immer noch deutliche Fruchtreste, eine wunderbare unaufdringliche Süße, seidige Eleganz und eine irre Länge am Gaumen, großer, reifer Burgunder in seiner schönsten Form – 97/100. Eigentlich nicht zu toppen, oder doch? Da war doch auf der Karte noch ein 1929 Chambertin von Louis Latour. Klar, der musste es jetzt auch noch sein, natürlich nur zu rein wissenschaftlichen Vergleichszwecken. Heiliges Kanonenrohr, war das ein Stoff. Der schien nur darauf gewartet zu haben, endlich aus der Flasche zu dürfen. Von Anfang an eine unglaublich intensive, ausdrucksstarke Nase, einfach reifer Pinot Noir pur, entwickelt mit der Zeit eine irre Mischung aus Karamell und Tabak. Immer noch recht dicht die Farbe, zumindest zu Anfang nicht so elegant wie der Corton Grancey, dafür deutlich kräftiger und nachhaltiger, baut enorm im Glas aus, wird generöser und entwickelt ebenfalls eine unglaubliche Länge, ein Monument – 98/100.



Nach oben

Weinschätze aus kaltem, feuchtem Keller 



Nach oben

D E M   H I M M E L   S O   N A H 

Oder war das schon der (Wein-)Himmel? Prachtvoll schon von außen das komplett restaurierte Palais derer von Sachsen-Coburg-Gotha, doch das Beste liegt unter der Erde. In großen Kellern lagern hier über 60.000 Weine mit unschätzbarem Wert.
Geplant hatte ich einen Besuch im inzwischen bereits legendären Palais Coburg schon lange. Jetzt war es endlich soweit. In freudiger Erwartung nahm ich mit Wiener Weinfreunden in den heiligen Hallen einen kleinen Aperitif. Über den sollte ich vielleicht eher en Mantel des Schweigens ausbreiten. Was am 2006 Sauvignon Blanc Classic von Sabathy klassisch sein soll, ist mir unerklärlich. Ein wohl mit Reinzuchthefen auf neumodisch-fruchtig getrimmter, polierter Allerwelts Sauvignon Blanc, der von überall her kommen könnte – 84/100. Da gibt es deutlich Besseres in den zwei dicken Büchern, in denen die über 3000 Positionen der Weinauswahl beschrieben sind. Wenn Sie dort mit der Dame Ihres Herzens hingehen, lehnen Sie bitte diese Wälzer ab und lassen sich vom sehr kompetenten Chefsommelier Thomas Breitwieser beraten. Die Gefahr ist zu groß, dass Sie sich in diese Werke vertiefen und nicht merken, dass Ihre Begleiterin Sie bereits frustriert verlassen hat. Also besser mit Weinfreunden hingehen, gleich mehrere Karten verlangen und dann eine gemeinsame Such- und Lesestunde einlegen. Ganz vorteilhaft wäre vielleicht auch, wenn Sie vorher den Kreditrahmen Ihrer Amex-Karte checken. Angesichts der hohen Suchtgefahr dieses Kellers, der bis zum 1865er Lafite und 1900er Margaux so ziemlich alles bietet, was sich ein Weinfan nur erträumen könnte, bietet sich auch die Mitnahme ausschließlich abgezählten Bargeldes an. So lassen sich mögliche Dummheiten vorab kalkulieren bzw. einschränken.
Wir starteten mit einem perfekt gereiften 1993 Riesling Steinertal Smaragd von Alzinger. Der besaß die Petrolnase eines reifen Elsässer Riesling, wirkte erst sehr trocken und schlank, baute aber wunderschön im Glas aus und wurde fülliger, am Gaumen Zitrusaromen und eine feine Säure, die diesem grandiosen Wein noch ein längeres Leben garantiert – 93/100. Krasses Gegenstück zu diesem Wachauer Wein klassischer Schule ein 2005 Dürnsteiner Schütt Riesling Smaragd von Knoll. Wenn man als Knoll-Fan einen solchen Wein vorgesetzt bekommt, dann tut das richtig weh. Ein völlig neuer Stil, beliebig, gewöhnlich, banal. Klar, der Wein ist nicht unbedingt schlecht und birst vor Frucht, aber da fehlt die Komplexität, die Spannung und die spielerische Finesse Knoll´scher Weine. So etwas ist eben mit Reinzuchthefen nicht machbar, schade – 89/100.
Die Sonne ging dann auf mit der letzten Flasche 1974 Caymus des Hauses. So fein, fast filigran, unendlich elegant mit delikater Frucht, mit faszinierender, minziger Frische und dem obligatorischen Schuss Eukalyptus, entwickelt immer mehr lakritzige Töne – 97/100. Natürlich gruben wir weiter in der Karte und suchten Weine aus dem kalifornischen Ausnahme-Jahrgang 1974. Fündig wurden wir mit einem 1974 Inglenook Limited Cask D-7. Der hatte eine reife Farbe und wirkte spontan 20 Jahre älter als der Caymus. Mit Liebstöckel, malziger Süße und der großen Gemüseplatte ging er spontan als großer, alter Rioja durch. Doch das war nur der erste Teil der Geschichte. Der Inglenook baute im Glas nicht ab, sondern wunderschön aus, wurde kräftiger, minziger, aber auch mit Paprikanoten und kräftiger Säure. Ein durchaus spannender und komplexer Wein. Wer davon nur einen Probeschluck bekommt, sieht vom Film nur den Vorspann – 95/100. Ich konnte es mir nicht nehmen lassen, mich auch noch über das Depot herzumachen. Einfach spektakulär, so eine dichte, konzentrierte Frucht, eine 99/100 Essenz großen, perfekten, kalifornischen Weines. Da muss ich unbedingt mal eine gut gelagerte Magnum von auftreiben.
Weiter ging es mit einer Magnum 1974 Montelena. War der immer noch zu jung? Undurchdringliche, dichte Farbe, so wie ich es zuletzt 2000 in Paris erlebt hatte. Bei der satten Blaubeere kam mir spontan Fat´s Dominos Blueberry Hill in den Sinn, sehr mineralisch, viel Minze, kräftige Säure und bewundernswerte Statur, steht wie eine Eins im Glas und wirkt aber auch eine Spur zu monolithisch. Ich würde diesen Wein, der in dieser Form sicher noch lange lebt, gerne mal im Stadium absoluter Reife trinken – 93+/100.
Als Abschluss genehmigten wir uns noch einen 1976 Mayacamas Late Harvest Zinfandel. Auch der beeindruckend und ohne jedes Zeichen von Schwäche, trotz des deutlich weniger spektakulären Jahrgangs. Ging als wunderbarer, sehr schokoladiger Port mit massig Dörrobst, Feigen und getrockneten Pflaumen durch – 92/100.
Nicht minder spektakulär die Küche. Was Christian Petz da mit seinem Team bot, war durchweg auf 2-Sterne-Niveau, die erste Vorspeise hätte auch jedem 3-Sterne-Tempel alle Ehre gemacht. Christian Petz selbst war es auch, der uns die heiligen, unterirdischen Hallen zeigte. Dort traf ich nicht nur den Inhaber der Coburg, Peter Pühringer, sondern auch zwei alte Bekannte, 1961 Mouton Rothschild und 1961 Cheval Blanc. Die waren für eine kleine Probe dekantiert wurden, und ich durfte beide probieren. Beim Weinkeller der Coburg muss man wissen, dass dieser nicht über Jahrzehnte entstanden und gereift ist. Er wurde stattdessen innerhalb weniger Jahre mit immensem finanziellem Aufwand auf internationalen Auktionen zusammengekauft. Schlichtweg sensationell der Mouton, der aus einem perfekten Keller zu stammen schien. Besser oder mindestens gleich gut wie die besten Flaschen, die ich je von diesem Wein hatte. Da stimmte einfach alles, Sattelleder, Minze, etwas Eukalyptus aber auch Trüffel, ein komplexer, großer Mouton mit endlosem Abgang – 99/100. Ganz anders und völlig daneben der Cheval Blanc. Der bewarb sich hier um die Position der schlechtesten Flasche, die ich von diesem sehr variablen Wein jemals hatte, einfach ein herbes Desaster, das kaum 86/100 an den Gaumen brachte.
Bliebe noch der letzte Wein nachzutragen, mit dem wir diesen gelungenen Abend beendeten, einen 1983 Dom Perignon aus der Oenotheque-Serie. Der kam meinen Vorstellungen von einem großen Champagner schon verdammt nahe. Wunderbar cremige Struktur, sehr komplex, mineralisch, einfach herrlich zu trinken. Er benebelte nicht, sondern belebte, hielt das Gespräch trotz sehr fortgeschrittener Stunde in Gang. Bewertungen für weit nach Mitternacht getrunkene Weine gebe ich nur ungern ab, aber irgendwo bei 96+/100 würde ich diesen Champagner, den ich jetzt aktiv suche, schon ansiedeln.
Bliebe noch ein Termin nachzutragen, das nächste Welt WeinFestival. Das findet jetzt immer im Wechsel zwischen Bad Ragaz und der Wiener Coburg statt, im nächsten Jahr vom 27.2.-1.3. in Wien. Sicher ein Anlass, die Coburg einmal heimzusuchen, falls Sie der Weg nicht ohnehin nach Wien führt.



Nach oben

Kalifornische Schätze 



Nach oben

D E R   R I E S E   A U S   D E R   F L A S C H E 

Zu meinen Lieblings-Restaurants gehört es, das Landhaus Bacher in der Wachau. Da wäre jetzt hier eigentlich eine mehrseitige Lobeshymne fällig für die großartige Küche, den herzlich-kompetenten Service und die hochstehende Weinkultur. Das werde ich beizeiten gerne nachholen. Stattdessen soll jetzt hier die Rede sein von einem einmaligen Wein, den ich auf der sehr umfassenden, klug zusammengestellten Weinkarte fand, einem 1977 Honivogl Grüner Veltliner Auslese von Hirtzberger. Gelesen wurden die überreifen gewordenen Trauben für diesen Wein am 8. November im Weingarten Honivogl. Daraus wurde dann ein gewaltiger Brocken mit 14,2% Alkohol, 31,4g/l zuckerfreiem Extrakt und 13,8g/l Restzucker, wahrscheinlich in seiner Jugend mit kräftiger Säure ziemlich untrinkbar.
Mit tiefem, ins Güldene gehende Goldgelb floss er in mein Glas. Klar war dieser Weinriese reif, zeigte aber nicht die leisesten Alterstöne. Einfach ein großer, komplexer, perfekt gereifter Wein mit inzwischen sehr harmonischer, reifer Säure und cremiger Textur. Dezente Reifetöne in der faszinierenden Nase, cremige Textur und Nachhaltigkeit am komplett ausgekleideten Gaumen und ewig langer Abgang mit einer angenehmen Bitternote. Trotz des hohen Alkoholgehaltes war da nichts Brandiges, nichts Erschlagendes. Der Wein belebte, animierte, war ein perfekter Begleiter zu Lisl Bachers Köstlichkeiten und machte einfach unglaublich viel Spaß. Da waren locker 95/100 im Glas, die aber eigentlich diesem einmaligen Erlebnis nicht gerecht werden.
Zeit hatte dieser große Wein gebraucht, und Zeit hatte er bekommen. Ich durfte jetzt davon profitieren. Und gleichzeitig machte mich dieser Wein natürlich wieder nachdenklich. Was würde heute mit solchem hochwertigen Ausgangsmaterial passieren? Wahrscheinlich würde die Gärung, die hier bei diesem 77er natürlich gestoppt hatte, mit Reinzuchthefen bis zu einem monströsen Ende durchgeprügelt. Heraus käme dann ein auf frühe Trinkbarkeit getrimmtes, mit Monumental, Unendlich oder irgendeinem anderen Attribut bezeichnetes Etwas, das ich nicht so gerne im Glas haben möchte. Ich weiß, das ist gegen den Zeitgeist. Aber vielleicht wird Slow Wine analog zu Slow Food ja irgendwann mal wieder modern.



Nach oben

S E E T A L E R   T R Ü F F E L 

Der geniale Werner Tobler ist in seiner Braui in Hochdorf immer für eine Überraschung gut. Diesmal waren es Seetaler Trüffel, mit denen er uns verwöhnte. Trüffel waren für mich bisher immer hell, aus Alba und sauteuer oder schwarz, aus Perigord und auch nicht gerade wohlfeil. Und dann gibt es da noch die unsäglichen, vorzugsweise nach Nichts schmeckenden Sommertrüffel, denen viele Wirte verschämt mit Trüffelöl ein vermeintliches Leben einhauchen. Aber Trüffel aus der Schweiz? Genau diese Trüffel aus dem Seetal waren es, mit denen uns der liebe Werner Glücksgefühle auf unsere Seele hobelte. Klar, mit einem Alba-Trüffel allererster Güte halten diese dunkelbraunen Knollen nicht mit. Aber deutlich besser als das, was einem da in vielen Restaurants an drittklassiger Ware für erstklassiges Geld über die Nudeln gehobelt wird, sind sie allemal.
Zu einer Best Bottle waren wir mal wieder in der Braui zusammen gekommen. Gut unterfüttert durch Werner Toblers Kreationen starteten wir mit einem Weißwein-Flight, bei dem wir in beiden Gläsern den gleichen Wein hatten, einen 2006 Viré Clessé von Laurent Huet aus dem Maconnais. Im rechten Glas aus der 1tel knackig frisch mit pfeffrig-würziger Nase, auch am Gaumen sehr würzig mit knackiger Säure und hoher Extraktsüße, modern gemacht und in dieser Form einem jungen Grünen Veltliner in der Stilistik nicht unähnlich, ein interessanter, bezahlbarer Burgunder mit hohem Spaßfaktor – 91/100. Im rechten Glas aus der mittags dekantierten Magnum deutlich weicher, cremiger, sofort als Burgunder erkennbar. Auch hier fruchtig, extraktreich mit guter Säure und schöner Länge am Gaumen, aber auch etwas breiter – 90/100. Sicher ein Wein, der jung getrunken gehört und keine Karaffe sehen muss.
Und dann waren wir schon mitten im Thema Rotwein. Mit speckiger, rauchiger Nase ein 1966 l´Arrosée, am Gaumen teerig, viel trockenes Tannin, wirkt anstrengend und schon leicht gezehrt. Diese Chateau-Abfüllung kann der um Längen besseren Barrière-Abfüllung auch nicht ansatzweise das Wasser reichen – 88/100. Rauchige Nase, Leder, Schwarztee, Bitternoten, leicht animalischer Stinker bei 1964 Canon. Am Gaumen ein reifer, dichter Wein mit cremig-seidiger Textur und viel Schmelz. Erinnert an den Cheval Blanc aus diesem Jahr und bereitet viel Trinkspaß – 94/100.
Sehr positiv überrascht hat mich danach eine 1975 Pichon Comtesse de Lalande. Trotz deutlicher Reifetöne in der Farbe wirkte dieser Wein noch richtiggehend frisch, pikant und würzig mit faszinierender Aromatik, viel Leder in der Nase und Lebkuchengewürz. Hier hat die Frucht mit den einstmals astringierenden Tanninen und der Säure Schritt gehalten, so dass sich diese Comtesse jetzt sehr ausgewogen und schön präsentiert – 92/100.
Eigentlich noch etwas zu jung wirkte 1988 Sassicaia aus einer perfekten Magnum. Dieser letzte, große Sassicaia, bevor sich dieses Gut ins Reich der überbezahlten Mittelmäßigkeit verabschiedete, zeigte sich in bestechender Form mit immer noch gewaltigem Potential. Da ist, im Gegensatz zu vielen jüngeren Italienern, keinerlei Eile geboten. Dichte, junge Farbe, rotbeerige Frucht, etwas medizinal, viel Jod, Stallnoten, herrliche Fülle, braucht viel Zeit und Luft und wird von Schluck zu Schluck immer besser – 93+/100.
Absolut fürchterlich und grausam der nächste Flight mit zwei sonst so zuverlässigen, großartigen Weinen. Aber diese beiden Flaschen, die aus unterschiedlichen Kellern kamen, hatten beide einen Schlag weg. Erbärmlich nach Pissoir roch 1981 Gruaud Larose, grüne Noten, blechern, Pepperoni aus der Blechdose mit diesen ätzenden Nebentönen, völlig daneben und nicht bewertbar. Eigentlich noch schlimmer 1986 Gruaud Larose. Statt Pissoir roch dieser Wein so, als ab jemand ins Glas gesch..... hätten. Eine ganz üble, fehlerhafte Flasche, die nur bei der Wahl zur Kloake des Jahres eine Chance gehabt hätte.
Dafür überraschte anschließen 1978 Ducru Beaucaillou um so mehr, den ich selten so gut getrunken habe. Reif zwar, aber mit einer feinen Nase, in der Earl Grey Tee dominierte, mit viel Schmelz und schöner Süße, sehr elegant und finessig, jetzt wohl auf dem Höhepunkt, wo er sich in guten Flaschen wie dieser noch ein paar Jahre halten sollte – 94/100.
Ein Fest für die Sinne danach 1994 Dominus. Ein Wein für die Ewigkeit zwar, aber auch jetzt nach langer Wartezeit schon viel zeigend. Sehr dichte, junge Farbe, herrliche Frucht, Amarenakirsche in Bitterschokolade mit einem kräftigen Schuss Hedonismus, Kaffeenoten, komplex und tiefgründig am Gaumen mit unglaublicher Länge – 98/100.
Die leiseren Töne dann eher bei 1982 Grand Puy Lacoste, subtiler, feiner, aber kaum weniger beeindruckend. Einer meiner persönlichen Lieblingsweine. Sehr elegant zwar, aber immer noch mit schöner Frucht und druckvoller Aromatik. Einfach reifer Pauillac in Vollendung mit einer schönen, trüffeligen Note, die gut zu den Knollen aus dem Seetal passte – 95/100.
Kaum glauben konnte ich dann, was da aus einer absolut authentischen Flasche als 1970 Leoville las Cases ins Glas kam. So üppig-schokoladig, soviel Nougat mit reifen Kirschen, Toblerone, Hedonismus pur, der deutlich verhaltenere, kompaktere und kürzere Gaumen kam mit dieser Werbenase für beste Schweizer Schokolade nicht mit, aber doch insgesamt eine Überraschung, die ich diesem Wein nicht zugetraut hätte – 91/100.
Werden Montelenas eigentlich jemals reif? Diese Frage stellte sich mir wieder bei 1985 Montelena mit seiner altersfreien Farbe. Zweifelsohne ein großer Wein, der mit seiner etwas stahligen Frucht und der präzisen Struktur ohne weiteres auch als großer Pauillac durchging. Nur verharren die Montelenas dann sehr lange in dieser Phase und verändern sich kaum. Hier sind wohl noch sicher 20+ Jahre Alterungspotential angesagt – 93/100.
Praktisch vom Markt verschwunden ist der extrem hoch bewertete 2001 Masseto. Dank eines edlen Spenders gab es jetzt die Möglichkeit, diesen sehr gesuchten Wein noch einmal zu verkosten. Doch der Masseto macht das verkosten nicht leicht. Klar ist das ein unglaublich fruchtiges, dichtes, komplexes Konzentrat, mineralisch, schokoladig und mit etwas Minze. Aber eben auch mit einem gewaltigen Tanningerüst. Vor zwei Jahren in der Fruchtphase dieses Weines hatte ich da schon mal deutlich mehr im Glas. Heute ging der Masseto im Glas wieder zu. Da dürften jetzt wohl mindestens 5 Jahre Warten angesagt sein. Seine volle Blüte wird der Masseto wohl erst in 10 Jahren und danach zeigen – 95+/100.
Bombastische Weine wurden bei Caymus bis 1994 erzeugt. So konnte auch der 1994 Caymus Special Selection voll überzeugen. Ein großartiger Wein, der fantastische, konzentrierte, würzige Frucht in perfekt strukturierter Form rüberbringt. Einen solch gewaltigen Fruchtcocktail voller satter Brombeere, Kirsche und Cassis so zu verpacken, dass kein zu dicker, marmeladiger Eindruck entsteht, das ist schon eine Leistung. Aus meiner Erfahrung mit älteren Caymus würde ich sagen, dass dieser Wein noch mindestens 10 Jahre Trinkspaß auf höchstem Niveau bieten wird – 96/100. Üppiger, dicker, reifer und süßer wirkte im direkten Vergleich der 1997 Caymus Special Selection, aber mit deutlich weniger Struktur. Mir war er im Vergleich zu breit, und er hatte einfach von allem deutlich zuviel – 93/100.
Nicht nur von allem zuviel, sondern mit Abstand viel zu viel hatten wir auch beim nächsten Wein im Glas, zumindest für meinen Geschmack. Und damit wären wir bei einem ganz wichtigen Punkt. Ich bin kein Weinjournalist und versuche gar nicht erst, irgendwo objektiv zu sein. Maßstab meiner Weinbeurteilung ist einzig und allein mein Gaumen und das, was sich dort abspielt. Und da tue ich mich halt mich so hoch gezüchteten Weinboliden wie dem 2004 Sine Qua Non Poker Face verdammt schwer. Erschlagend wirken solche Weine für mich, nahe am Betäubungsmittel. Essen kann man kaum etwas dazu und das Gespräch befruchten sie auch nicht, sie lähmen es eher. Aber diese Diskussion ist ohnehin müßig. Zu klein sind die Mengen dieser Weine. Dafür gibt es sicher genug Fans, alleine schon wegen der 100 Parker Punkte. Denen möchte ich diesen teuren, seltenen Saft auch ungern wegtrinken. Einfach Perlen vor die Säue bei mir, denn ich konnte mich bei diesem Syrah mit 15,5% Alkohol so gerade zu 92/100 entschließen. Trotzdem würde diesen Wein gerne mal in 10 Jahren probieren, sehen, ob da mit zunehmendem Alter vielleicht doch noch mehr kommt. Deutlich besser klar kam ich mit 2004 Sine Qua Non Into the Dark, einer Cuvée mit 84% Grenache, sowie etwas Mouvèdre, Syrah und Viognier. Der wirkte deutlich distinguierter und vielschichtiger, dabei erstaunlich fein, komplex und nachhaltig. Klar ist auch hier reife kalifornische Frucht, aber auch jede Menge Spannung, die dem Syrah Monster zumindest in diesem Stadium abging – 95/100.
Lange Gesichter machten wir bei dem Wein, der eigentlich der Star des Abends hätte sein müssen. Keine Ahnung, was bei dieser Flasche 2002 Bond Melbury passiert war. Roch eigentümlich nach altem Tresterhut, schien nachzugären jede Menge flüchtige Säure. Die Flasche war eindeutig fehlerhaft und nicht trinkbar. Bin gespannt, ob die der edle Spender ersetzt bekommt, denn da ist weit jenseits klassischer Korkfehler in der Winery irgend etwas passiert, das nicht passieren dürfte. Da darf eigentlich nicht der Kunde der Dumme sein, der mit diesem Problem alleine gelassen wird.
Vorläufiger Endpunkt der Probe war ein Dessertwein, ein 2005 Mas Amiel. Portig, üppg, viel zu süß. Wer in seinen Port immer noch zusätzlich 3 Löffel Zucker rührt, der ist hier genau richtig.
Da musste dann unbedingt für die ermatteten Gaumen ein Reparaturwein her. Diese Aufgabe erledigte mit spielerischer Leichtigkeit ein 2001 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Riesling Auslese # 10 von Fritz Haag. Einfach einmalig, wie dieser traumhaft balancierte Wein mit seiner unglaublichen Eleganz und Finesse trotz hohem Extrakt wie ein Engel den Gaumen streichelte und mit seinem dem faszinierenden Süße-/Säurespiel im Nu wieder alle Sinne weckte – 94/100.



Nach oben



Nach oben

Dezember 2007 | Oktober 2007