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März 2008

„Un“-Wein Masseto 2004

Ein klassischer „Un“-wein ist Masseto, unbezahlbar, unbekommbar, unnahbar wenn jung und unglaublich gut wenn dann mal reif. Natürlich habe ich mir nicht die Chance entgehen lassen, in meiner Stammcantina Saittavini den neuen 2004 Masseto zu probieren. Was heißt probieren – ich habe eine der wenigen, verfügbaren Flaschen des neuen Jahrgangs erworben und sie mit Michelangelo Saitta zusammen getrunken. Klar, das ist pure Sünde, nicht nur angesichts des hohen Preises. Aber dieser Masseto aus dem sehr guten Jahrgang 2004 verlangt im jetzigen Stadium viel Fantasie. Die dichte, junge Fabe mit ihren Purpurreflexen ist eigentlich nichts besonderes mehr. Das schaffen heute dank modernster Hilfsmittel bei der Farbextraktion selbst Billigweine. Aber das gewaltige Konzentrat in der Nase und am Gaumen spricht schon eine deutlich andere Sprache. Satte, dunkle Frucht, hohe Mineralität, etwas Leder, Zedernholz, Bitterschokolade, etwas Vanille vom kräftigen Holzeinsatz. Alles Zutaten, die es in anderen Weinen auch gibt. Nur eben nicht in dieser Klarheit, dieser unglaublichen Präzision. Große Massetos erinnern mich in diesem frühen Stadium an große Petrus. Bei beiden ahnt man, dass da ein Riese im Werden im Glas ist, aber die Ehrfurcht ist größer als das Vergnügen. Natürlich haben wir dem Masseto dekantiert, und ebenso natürlich haben wir Riedels Goldfisch-Aquarium benutzt, den Sommelier-Burgunderpokal. Und trotzdem kamen da realistisch vom reinen, derzeitigen Trinkgenuss her nicht mehr als vielleicht 92/100 ins Glas. Der 2004er erweist sich im jetzigen Stadium als deutlich verschlossener als der ähnlich große 2001er im gleichen Stadium. Sicher könnten da in einem Jahrzehnt noch mal 5-7 Punkte dazukommen. Leider aber nur bei den Leuten, bei denen die Kiste 2004 Masseto neben der Kiste 2005 Petrus liegt. Zu denen gehöre ich nicht. Bleibt also nur die Hoffnung irgendwann auf eine hochkarätige Masseto/Petrus Vergleichsprobe.

Gut Lärchenhof

An die 2000 Positionen fasst die gewaltige Weinkarte des hoch dekorierten Restaurants Gut Lärchenhof im gleichnamigen, vornehmen Golfclub in Pulheim bei Köln. Wer da nicht fündig wird, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Als Aperitif wählten wir einen 2002 Wehlener Sonnenuhr Kabinett von JJ Prüm, der uns auch noch perfekt zu den ersten Vorspeisen begleitete. Deutlich weiter als der 2004er ein paar Wochen vorher in Paris, mit feiner Rieslingfrucht, schöner Schiefernote, kaum noch Süße, sehr balanciert – 90/100.
Einen störenden Fehlton hatte die erste Flasche 2001 Kallstädter Saumagen Riesling Spätlese trocken von Koehler Rupprecht. Kein Kork, aber sie roch unangenehm nach altem Fahrradschlauch und war ziemlich fruchtlos. Anstandslos wurde dieser Wein ausgetauscht. Deutlich besser die zweite Flasche. Erst sehr kräftig, rustikal, brauchte sehr viel Luft, sehr mineralisch, baute mit der Zeit unglaublich im Glas aus und wurde deutlich komplexer, druckvoller und länger, entwickelte immer mehr burgundische Konturen. Zum Schluss hatten wir gut 94/100 im Glas. Bernd Philippis Weine brauchen viel Zeit, reichlich Luft, große Gläser und gehören dekantiert. Da lohnt es sich auch, das letzte Glas stehen zu lassen und die faszinierende Entwicklung dieser Weine über den Abend hinweg zu verfolgen.
Nicht klar kam ich mit 1995 Clos St. Hune, der mit der reifen Farbe eines Apfelsaftes ins Glas kam. Massive Säure, zitronig im Abgang, wurde mit der Zeit etwas gefälliger, aber dem großen Namen, der Lage und dem nicht gerade wohlfeilen Preis wurde er auch nicht annähernd gerecht – 87/100. Ein Gedicht dann 2000 Chateau Rayas Reserve. Durch die geringe Säure und die reifen Tannine wirkt dieser Wein erstaunlich reif und zugänglich. Feine Erdbeernote, reichlich Kräuter, Lakritz und einfach viel hedonistischer Weingenuss, wobei der hohe Alkoholgehalt(>15%) praktisch nicht spürbar war – 93/100.
Danach tranken wir aus eigenen Beständen einen 1947 Croix de Gay Vandermeulen. Der hatte eine superdichte Farbe ohne Alter, ein gewaltiges Konzentrat, dessen überzeugender Gesamteindruck nur durch eine mal stärkere, mal schwächere pilzige Note getrübt wurde - 92/100, ohne Pilz gut 5 mehr, Potential von der Farbe her selbst in dieser us-Flasche für 10+ mehr Jahre. Croix de Gay ist und bleibt unter den 47er Vandermeulens ein Geheimtipp.
Bliebe noch ein blitzsauberer 2004 Durbacher Plauelrain Chardonnay von Laible zu erwähnen, der uns auch noch die Rückfahrt verschönte, einfach ein perfekter Taxiwein.



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Und wer kocht geiler? Der Tobler!

So schoss es mir in Anlehnung an den altbekannten Witz, den der gute Werner Tobler von der Braui in Hochdorf gerne mehrfach täglich hört, durch den Kopf. Nur ein schneller Teller Pasta zwischendurch sollte es sein. Und wie sah dieser „einfache“ Pasta-Teller aus? Die ersten, frischen Spargel aus Frankreich, daumendick in Super-Qualität, die ersten, frischen Morcheln – zum Reinsetzen! – frische Jakobsmuscheln und außer Pasta noch ein paar weitere Zutaten. Der 2000 Rosack Riesling von Mittnacht aus dem Elsaß fand praktisch keine Beachtung, nicht nur, weil wir ja weiterarbeiten mußten, sondern auch, weil er relativ modern, gestylt, austauschbar und belanglos war, keine Spur von Elsaß-Typizität. Aber Nase und Gaumen kamen voll mit dem auf ihre Kosten, was ich da auf dem Teller hatte. Werner, Du bist ein Küchengott.

Spätes Spaghetti Glück

Rössli oder so ähnlich hieß der gemütliche Laden, in den wir da zu so später Stunde noch einfielen. Eigentlich waren wir nach einer schönen Probe ja bestens mit allem abgefunden. Doch da gab es wieder diese späte, unerklärliche Gier nach einem letzten Schluck. Der Gregor hatte schon vorgesorgt und zwei feine Flaschen deponiert. 1989 Leoville las Cases gab es und 1989 Palmer. Und für den Wirt gab es Arbeit. Seine legendären Spaghetti, die ich nur vom Hörensagen kannte, sollten es jetzt noch sein. Irgendwie schien der Wirt meine Freunde gut zu kennen. In jedem Fall dachte er sich wohl: die schicken mich nur noch einmal in die Küche. So bekam jeder von uns eine Portion, die wohl dem entsprach, was die Tour de France Fahrer vor der Erstürmung der Alpe d´Huez vertilgen müssen. Allerbeste Grundlage also für späten Weingenuss. Etwas enttäuscht war ich wieder von 1989 Palmer. Und trotzdem gibt es hier eines klarzustellen. Der ist nicht überbewertet sondern „untergelagert“. Gebt diesem Wein noch mal mindestens 5, eher 10 Jahre. Das ist nicht anders als beim 83er. Beide Weine sind Langstreckenläufer mit dem Potential, mal ähnlich groß wie der legendäre 61er zu werden. Woher ich diesen Optimismus nehme? Natürlich aus der überragenden Qualität beider Weine in der jugendlichen Fruchtphase. Wenig Spaß also an diesem Abend im Palmer-Glas. Dafür ging im anderen Glas um so mehr die Post ab. 1989 Leoville las Cases läuft langsam zur Hochform auf. Ein prachtvolles Gewächs mit der klassischen, fast puristischen, reintönigen Kontur aus der seeligen Zeit bevor auf diesem Gut der Konzentrator entdeckt wurde. Also kein kalifornisch anmutenter Leo-Hammer, sondern ein großer, klassischer Leoville las Cases mit Lagerpotential für sicher noch 20 Jahre – 95/100. Zur Vorsicht rate ich nur, wenn Sie wie ich einen sehr kühlen Keller haben. Dann könnte sich dieses Erlebnis bei Ihren Flaschen noch um ein paar Jahre verzögern.
Während ich meine Nase immer tiefer in das faszinierende Leo-Glas steckte, verschwand der liebe Gregor fast unbemerkt mit dem Wirt nicht in der Küche, sondern diesmal im Keller. Dort wurde dann der allerletzte Schluck ausgegraben. 1999 Domaine de Chevalier füllte unsere Gläser. Was für ein herrlicher, voll trinkreifer Wein, typisch 99 eben. Sehr fruchtig mit Tabak und reifen Kirschen in der offenen Nase, am Gaumen fruchtige, burgundische Fülle – 92/100. Sicher kein Wein für die nächsten Jahrzehnte, dafür fehlt einfach das dazugehörige Tanningerüst. Aber wie fast alle 99er ideal zum jetzt und hier trinken, bezahlbarer Bordeaux-Spaß für die nächsten 5-10 Jahre.

Traube Trimbach

Ein im positiven Sinne Verrückter ist das, der da in seiner eigenen Traube in Trimbach im verschlafenen Kanton Solothurn groß aufkocht. Ein Meister der eher leisen Töne auf den Tellern ist Arno Sgier, mit einer sehr feinen, hocharomatische Küchen. Doch Arno Sgier ist mehr als nur ein großer Küchenchef, er ist auch eine begnadete Weinnase. So bietet er auf seiner klug zusammengestellten, äußerst gastfreundlich kalkulierten Karte über 900 spannende Gewächse an. Wer da nicht spontan fündig wird und sich nicht innerlich sofort nach 4 Wochen Vollpension in diesem gastlichen Hause sehnt, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.
Eine 1997 Graacher Himmelreich Auslese von JJ Prüm begleitete unsere Vorspeisen und diente zu Anfang auch als animierender Aperitif. Was da, immer noch taufrisch, mit mal gerade 7,5% Alkohol in unsere Gläser floss, war schon höchst beeindruckend. Ein extraktreicher, aromatischer, erfrischender Wein mit bestem Trinkfluss, feines Süße-/Säurespiel, ein großer Pannetone, kandierte Früchte, schöne Schiefernote – 92/100. Als Rotwein wählten wir einen 1989 Silver Oak Napa Valley Cabernet. Dichtes, warmes Rot mit dezenten Reifetönen, Minze, der alte Ledersattel, mit dem John Wayne durch den Wilden Westen geritten ist, kein fetter Kali, sondern elegant mit fast spielerischer Eleganz, eigentlich Bordeaux im besten Sinne mit feiner, roter Johannisbeere und viel aromatischem Druck. Einen solch perfekt gereiften, großen Wein genau im Punkt optimaler Trinkreife genießen zu dürfen, das ist schon ein einmaliges Erlebnis – 95/100.



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Weiße Ostern

Mit Ostern verbinde ich meist Frühling mit duftenden Blüten, den ersten, frischen Freilandspargel und dazu knackige Weißweine. Doch in diesem Jahr war alles anders. Weiße Ostern waren angesagt, auch auf Sylt, wohin es mich verschlagen hatte. Statt lauer Frühlingslüftchen ein bissiger Wind mit Stärken bis zu 9, Nachfrost und auch tagsüber Temperaturen kaum über Null. Immer wieder Schneeschauer, Sylt erlebte die kältesten Tage diesen Winters. Ganz klares Rotweinwetter war das. So blieben denn dann auch die Weißweine in unseren Gläsern die Ausnahme. Trotzdem konnte ich im Kampener Strandbistro Grande Plage einem herrlichen 2005 Monzinger Frühlingsplätzchen Spätlese trocken von Schäfer-Fröhlich nicht widerstehen. Jetzt einfach in einer bestechenden Trinkphase, sehr mineralisch mit reifer Frucht, viel Spiel und knackiger Säure, einfach massig Freude im Glas und – nomen est omen – das „Fröhlich“ aus dem Namen des Winzers – 90/100. Da haben wir ein Wochenende später gleich noch mal zugeschlagen. Allerdings nicht ohne Wehmut, stand doch auf der Karte 2005/2006, will heißen, der 2005er ist bald weg, dann gibt es 2006. Und wahrscheinlich muss sich die Servicecrew dann zu allem Überfluss noch die Frage anhören: Hamm´se noch keine 2007er? Grausam. Warum gibt diesen Weinen niemand Zeit? Warum werden die alle ausgetrunken, bevor sie richtig Spaß machen?
Dicht aneinandergerückt saßen wir am nächsten Tag an der legendären Buhne 16 beim traditionellen Osterfeuer. Eisiger Wind, immer wieder Schneeschauer, da half nur doch der bewährte Concha y Toro aus der Magnum, jetzt als 2006er. Notizen zu diesem preiswerten, süffig-leckeren Cabernet mache ich mir gerne wieder im Sommer. Diesmal brauchte ich beide Hände, um den Wein im Glas einigermaßen auf Temperatur zu halten.
Auf dem mühsamen Rückweg vom Osterfeuer gegen den Wind und waagerecht fliegenden Schnee machten wir noch eine kurze Aufwärmpause im Grande Plage, diesmal aber mit einem Rotwein, der deutlich besser zum draußen tobenden Schneesturm passte. Ein 2002 Catena Alta Cabernet Sauvignon aus Argentinien wärmte nicht nur unser Herz. Dieser tiefdunkle Wein überzeugte nicht nur mit reifer, praller Frucht, viel Cassis und Brombeere, sondern auch mit guter Mineralität, etwas Leder und Kaffee sowie vor allem einer hervorragenden Struktur. Das, was da bei Zapata im hochgelegenen Uxelmo Vinyard geerntet wurde, schafft aromatisch einen gelungenen Spagat zwischen Alter und Neuer Welt und wird sich sicher noch 5+ Jahre auf diesem Niveau halten, aber mit zunehmender Reife nicht mehr besser werden – 91/100. Leider ist der Preis ziemlich europäisch. Gut 82 Euro mussten wir im Grand Plage dafür hinlegen.
Ein Strandbistro ist das Weinhaus Schachner in Westerland nicht gerade. Aber es liegt nur ein paar hundert Meter vom Strand entfernt. Da dient dann lausiges Wetter schnell mal als Ausrede für einen Abstecher. Und genau denn gönnten wir uns. Schnell war unserTisch gut bestückt mit allerlei kulinarischen Kleinigkeiten. Zu denen begleitete uns eine 2002 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese #6 von Fritz Haag. Eine traumhaft-leichte, finessig-mineralische Auslese mit schöner Säure, noch fast zu jung und mit reichlich Potential – 90/100. Auch zwei Rotweine aus dem Schachnerschen Sortiment probierte ich. Der 2005 Ombro von Cupano, eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Merlot und etwas Sangiovese war ein feiner, toskanischer Charmeur mit viel reifer, pflaumiger Frucht, samtiger Textur, reifen Tanninen und bemerkenswerter Frische – 90/100. Bei dem bestand durchaus die Gefahr, mehr als nur zu probieren. Der nächste Wein führte mich dagegen überhaupt nicht in Versuchung. Einfach zu dick, zu mächtig und zu alkoholisch(14,5%) war mir der 2005 La Nieta aus dem Sierra Cantabria Stall. Der erste Schluck dieses Weines mag ja noch spannend und ein Probensprenger sein. Aber schon beim zweiten Schluck fragte ich mich, ob der es wirklich sein musste, und nach dem dritten Schluck stellte ich das Glas weg. Ich weiß, dass dieser Wein hoch bewertet wird. Jay Miller, der derzeit im Parker-Auftrage Spanien betreut und über die letzten Jahrgänge ein schier unglaubliches Punkte-Füllhorn ausgeschüttet hat, bewertete den 2004er mit sensationellen 98/100, der 2005er kam immerhin noch auf 93/100. Da schäme ich mich ja fast für die lausigen 88/100, die ich da im Glas hatte. Aber ich tue mich mit dem Jahrgang 2005 in Spanien ohnehin schwer, vielfach einfach zu dick und zu alkoholisch, zumindest für meinen Geschmack. Ein professioneller Verkoster tut sich da leicht. Der nimmt einen Schluck, lässt ihn dreimal durch den Mund kreisen, wo der Alkohol als Geschmacksträger seine Wirkung entfaltet, und spuckt das Zeugs anschließend wieder aus und malt eine hohe Benotung in sein Buch. Aber was ist mit dem armen Menschen, der dann so einen Wein kauft und ihn vielleicht ohne spucken zum Abendessen trinken möchte? Der kriegt hinterher entweder, wenn er die ganze Flasche schafft, in Anerkennung seines Durchhaltevermögens den großen Alkoholikerorden am Bande, oder er gibt vorher auf und hat für eine gute Woche vom Wein die Schnauze voll.

Den ersten Abend des Osterwochenendes verbrachten wir im malerisch an der Wattseite der Insel gelegenen Fährhaus in Munkmarsch. Hier zog Alessandro Pape mit einem fantastischen Menü wieder alle Register. Aus der nicht minder guten, sehr maßvoll kalkulierten Weinkarte wählten wir als eher ungewöhnlichen Start einen 1983 Karthäuserhofberg Stirn Kabinett. Fast trocken präsentierte sich dieser Wein inzwischen, perfekt gereift mit dezenter Firne, dabei sehr harmonisch und ausgeglichen. Durch die gute Säure wirkte er immer noch recht frisch – 89/100. Auch mit dem nächsten Wein bewegten wir uns abseits ausgetretener Pfade. Spannend war der 2005 Chardonnay Velabona von Christian Zündel aus dem Tessin. Von der Anmutung her eher burgundisch als Neue Welt, sehr mineralisch mit sympathisch moderaten 12,5% Alkohol. Ein sehr gelungener Spagat zwischen Kraft und Holz auf der einen Seite und frischer, reifer Frucht auf der anderen – 90/100. Biodynamicher Weinbau und der Verzicht auf Reinzuchthefen machen diesen Winzer sicher nicht unsympathischer. Klassisch wurde es danach mit 1983 Lafite Rothschild. Der begann zwar etwas keller-muffig, baute aber sehr gut im Glas aus. Ein feiner, eleganter Lafite alter Schule, der jetzt volle Trinkreife hat, aber auf 94/100 Niveau sicher noch 15+ Jahre Spaß machen wird. Von der Aromatik und Stilistik her ging es mit Medoc weiter, vom Alkoholgehalt her(12,5%) auch. Nur befand sich jetzt einer meiner Lieblingskalifornier im Glas, 1994 Ridge Monte Bello. Sehr extraktreich mit herrlicher Frucht und Fülle, ein großer Wein, voll da, aber mit noch langer Zukunft – 94/100. Als Abschluss kam ich, wie schon vor 6 Wochen an gleicher Stelle, nicht an der schlichtweg sensationellen 2001 Niederhäuser Hermannshöhle Goldkapsel Auslese von Dönnhoff vorbei – 95/100.

Große Küche und große Weine am zweiten Abend bei Jörg Müller. Wir starteten mit einem 2005 Gantenbein Chardonnay, einem großen Weißen Burgunder, aber aus Kalifornien und Made in Switzerland. Burgundisch das Grundgerüst, kalifornisch der Schmelz und schweitzerisch der inzwischen atemberaubende Preis. Je nach Restaurant steht der 2005er derzeit mit € 130-180 auf den Weinkarten. Dafür bekommt man schon eine Menge ziemlich unkomplizierten Tringenuß, herrlich reife, weiße und gelbe Früchte, gut eingebundenes Holz, wunderbare Textur und schönen Trinkfluss am Gaumen. Gut, der Wein ist modern vinifiziert, und er macht enorm leichtsinnig. Wir bestellten schon nach kurzer Zeit eine zweite Flasche. Ein größeres Kompliment kann man einem Wein wohl kaum machen – 93/100.
Spannend das nachfolgende Duell, das sich über Stunden hinzog. 1988 La Mission gegen 1988 Haut Brion. Klarer Startvorteil für den Haut Brion. Der zeigte von Anfang an deutlich, was er drauf hat. Rauchig, mineralisch, viel Tabak und wieder Eukalyptus, der Heitz Martha´s aus dem Pessac, ein Riesenteil – 97/100. Der La Mission besaß die etwas dichtere Farbe und war deutlich verschlossener und verhaltener. Etwas irritierend war er zu Anfang in der Nase. Zu Mineralität und Cigarbox kam da die leichte Schärfe von Desinfektionsmittel(meine Damen: Herrenklo!). Doch das gab sich mit der Zeit. Der La Mission brauchte sehr lange, baute aber unglaublich gut aus, wurde immer komplexer und länger. Auf der Zielgeraden zog er nicht nur leicht an Haut Brion vorbei. Er pirscht sich auch langsam an den großen 89er heran. Ein großer, immer noch einigermaßen bezahlbarer La Mission für Geduldige.
Probieren durfte ich danach auch im Vergleich von Künstler die 2005 Hochheimer Hölle Erstes Gewächs gegen 2005 Hochheimer Hölle Goldkapsel. Klarer Sieger zum jetzt und hier trinken das deutlich offenere, würzige erste Gewächs. Die Goldkapsel ein Langstreckenläufer mit viel Substanz und Potential. Wird in 5-8 Jahren der deutlich größere Wein sein. Also werde ich in Restaurants das Erste Gewächs trinken und für meinen Keller die Goldkapsel kaufen.
Und dann kam zum Abschluss noch ein Bordeaux-Riese ins Glas, bei dem ich mir ein großes ENDLICH! notierte, 1983 Palmer. Der knüpft jetzt, nach gut 20jähriger, frustrierender Wartezeit wieder an die großartige Performance aus der jugendlichen Fruchtphase an. Ein sehr eleganter, hocharomatischer Wein mit burgundischen Konturen und feinem Schmelz. Wird sich noch etliche Jahre weiterentwickeln und je nach Lagerung in 5-10 Jahren die würdige Nachfolge des legendären 61ers antreten – 95+/100.



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Am dritten und leider letzten Abend dieses viel zu kurzen Wochenendes ließen wir uns in der Weinstube Hardy verwöhnen. Immer noch erstaunlich frisch der 1983 Schloßberg Riesling Grand Cru von der Cave Vinicole Kientzheim. Den habe ich in den 80ern häufig bei Hardy getrunken und dann 1985 für € 7 pro Flasche 24 Flaschen mit nach Hause genommen. Und jetzt stand dieser Wein über 20 Jahre später vor uns fast wie eine Eins im Glas, rassig, delikat mit schöner Frucht und wenig Firne, praktisch ohne den bei älteren Elsässern typischen Petrolton, mit Zitrusaromen und guter Säure – 90/100. Deutlich reifer war ein 1985 La Louve de Wolfberger, ein Tokay Pinot Gris aus dem Elsaß. Goldgelbe, reife Farbe, deutlich oxidative Nase, aber auch mit Süße und Bitternote, am Gaumen immer noch schöner Trinkfluss mit wiederum deutlicher Bitternote im Abgang – 85/100. Probieren konnte ich auch ein Glas 2000 Sancerre Cuvée Lucien von der Domaine Raimbault-Pineau, den ein Tisch aus unerfindlichen Gründen zurückgehen ließ. Sehr reintönige, feine Frucht, gute Säure, für Sancerre erstaunliche Finesse und Vielschichtigkeit – 87/100. Rabenschwarz kam danach ein 2003 Sociando Mallet ins Glas. Viel dunkle Früchte, Lakritz, die Bleistift-Mineralität, die man sonst von Mouton kennt, wenig Säure und im jetzigen Stadium deutlich alkohollastiger wirkend als die 13% des Etiketts. Eine Art Chateauneuf aus Bordeaux, der bestimmt gut in Blindproben passt – 90/100. Dabei war der Sociando noch fast zart im Vergleich zu dem, was danach kam. Rabenschwarz ebenfalls der 2005 Woodcutter´s Shiraz von Torbreck aus dem australischen Barossa Valley. Eindeutig ein Wein für Liebhaber einer bestimmten Stilrichtung, die definitiv nicht die meine ist. Sehr dick, süß und mastig, wie eine Mischung aus überreifem, alten Bordeaux und jungem Port, dazu noch 5 Stücke Zucker, einfach ein pervers überreifes, überextrahiertes Zeugs, aber wer´s mag.....- 87/100.



Nachschlag

Der Mensch ist ein Herdentier, so auch die Sylttouristen. Alle oder keiner. Ich nutze das Wochenende nach Ostern für einen Sylt-Nachschlag. Die Karawane war längst weitergezogen. Obwohl noch Osterferien waren, präsentierte sich die Insel so einsam wie sonst nur im Januar. Nur Jörg Müller war ausgebucht, aber wir hatten rechtzeitig vorher reserviert. Zu einem wie immer großartige Menü führten wir uns zunächst einen 2005 Nackenheimer Rothenberg Großes Gewächs von Gunderloch zu Gemüte. Ein Wein mit immenser Strahlkraft, bei dem nicht nur Frucht und Mineralität stimmten, sondern auch die Struktur. Endlich mal ein großer 2005er, der nicht nur heute Spass macht, sondern auch eine lange Zukunft haben dürfte – 93/100. Kaum glauben konnte ich, was danach ins Glas kam. Sommelier „Hottie“ Höhne, der demnächst leider eine Auszeit nimmt, hatte mir blind einen Wein kredenzt, der von der ersten Anmutung her für mich ein reifer Burgunder war. Doch was mich in positivem Sinne irritirte, war diese hohe Mineralität und die Würznoten. Da schien mehr Rhone im Glas zu sein, als Burgund. Auf einen deutschen Rotwein wäre ich nie gekommen. Freiwillig hätte ich diese 1985 Ihringer Winklerberg Spätburgunder Auslese trocken vom Weingut Stigler sicher nicht bestellt. Was da über 20 Jahre in Jörg Müllers perfektem Keller gereift war, präsentierte sich jetzt als großartiger, sehr nachhaltiger, komplexer Wein mit toller Länge, eine schlichtweg atemberaubende Cuvée aus Corton, Chateau Musar und Beaucastel – 94/100. Ich weiß schon, wer die nächsten Flaschen davon trinkt! Weiter ging es mit einem 1969 Hermitage von Chapoutier. Der hatte noch eine unglaublich dichte, jung wirkende Farbe und immer noch gute, pfeffrige Frucht. Die massive, immer stärker dominierende Säure war es, die diesen Wein am Leben erhielt und das sicher noch ein bis zwei Jahrzehnte tun wird – 90/100. Und dann bekam ich schon wieder einen Wein blind vorgesetzt. Sehr junge, undurchdringliche Farbe, sogar noch mit leichten Purpurreflexen, dekadente Frucht, viel Leder, etwas Kaffee, am Gaumen sehr Komplex mit unbändiger Kraft und immenser Länge. Klar, das musste ein großer Pauillac sein, locker auf 97/100 Niveau. Des Rätsels Lösung war ein 1988 Mouton Rothschild, in der Subskription gekauft und seitdem perfekt gelagert. 6 Stunden vorher war der Wein dekantiert worden und zeigte sich trotzdem erst am Anfang einer sehr, sehr langen Entwicklung. Der ist nicht nur dem 89er und 90er des Gutes überlegen. Dieser Mouton gehört er in die Liga von 82 und 86.
Her eine Art Pausenfüller war danach ein 1975 Ürziger Würzgarten Auslese Goldkapsel von Eymael. Da durfte eine deutlich gealterte Diva noch mal auf die Bühne. In der Nase medizinal, Tapetenkleister, Möbelpolitur, am Gaumen recht schlank, eckig, wenig Süße und deutlich gezehrt. Falls der überhaupt jemals groß war, muss es lange her sein – 83/100.
Und dann kam als Abschluss ein Geschoss, das selbst auf den Mouton noch mal eins drauf setzte. Ein 1948 Burmester Vintage Extra Selected, Bottled 1951, aus diesem sehr guten, aber oft übersehenen Port-Jahrgang. Was für ein irres, faszinierendes Teil, Kaffee, Schokolade, Schoko, Mokka, dunkles Toffee, immer noch gute Frucht und viel finessiges Spiel mit seiner Aromatik förmlich aus dem Glas und bleibt ewig lange am Gaumen, baut im Glas nicht ab, sondern absolviert so eine Art Verjüngungskur. Immer stärker kommt mit zunehmender Luft Amarenakirsche mit Marzipan, eine echte Port-Legende – 98/100.

Kräftig gezaubert wurde auch am nächsten Abend im Kampener Wiinkööv.
Mit Masseto begann der Monat, mit Masseto ging er zuende. Nur war es diesmal nicht 2004, sondern 2002 Masseto aus einem deutlich schlechteren Jahrgang. Das hatte gleich zwei große Vorteile. Dieser Masseto war zwar immer noch nicht geschenkt, aber deutlich bezahlbarer, und er machte vor allem deutlich mehr Spaß. Hier war keine Fantasie erforderlich, der 2002er packte alles aus, einfach ein hedonistischer Traum – 95/100. Begonnen hatten wir den Abend mit einem 2006 Hubacker von Klaus Keller. Ein für das schwierige Jahr gut gelungener Riesling, aber um Längen vom großartigen 2005er entfernt, eher schlank in der Statur – 91/100. Hedonismus pur dann beim 2005 Trilogia von Christos Kokkalis. Exotisch, würzig, süß, Kokos, Nougat, gute Frucht, reife. Süße Tannine – die amerikanische Eiche lässt grüßen. Crowd Pleaser nennt man solche Weine in Amerika und in der Wiin Kööv entwickelte sich der Trilogia sofort zum Renner – 93/100. Übrigens hier für sehr freundliche € 49,50 auf der Karte. Da sage noch jemand, Kampen sei teuer. Das Wiinkööv mit seiner gemütlichen Atmosphäre, dem herzlichen Service und der guten Küche aus dem nebendran gelegenen Dorfkrug kann ich Weinfreunden guten Gewissens weiterempfehlen, auch auf die Gefahr hin, dass ich dann in der Sommersaison keinen Tisch mehr bekomme.
Sehr angetan war ich auch von einem 2005 l´Ebrascade von der Domaine Richaud. Dieser Côte-du-Rhone ist eine Cuvée aus Syrah, Grenache und Mouvèdre. Ein sehr fleischiger, würziger, sehr balancierter Wein, der lang am Gaumen blieb. Gehört unbedingt in große Burgundergläser. Faszinierende Nase mit großem Beerencocktail und provencalischen Kräutergarten – 92/100. Schlusspunkt sollte eigentlich eine 1997 Kiedricher Gräfenberg Auslese von Robert Weil sein. Die war üppig mit viel Boytritis, aber irgendwo fehlte da doch die Finesse – 90/100. Und uns fehlte der Kick, den wir vom letzten Wein noch erwarteten. Der kam dann aber in Form eines 1996 Penfolds Grange. Kein großes Jahr, aber – wie vorher schon beim Masseto – ein sehr gelungener, zugänglicher Wein. Nicht so überbordend und dick wie einige der neueren Granges. Eher mit sehr guter Struktur, reifer Frucht, viel rauchiger Mineralität, etwas Eukalyptus und Espresso, einfach ein perfekter Schlummertrunk auf höchstem Niveau, der sich jetzt voll trinkreif präsentiert – 95/100.



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