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Mai 2008

S O N N E ,   S T R A N D K O R B   H A A G   U N D   2 0 0 7   B O R D E A U X 

Nein, das ist kein Sylt-Report. Auch in meinem Düsseldorfer Garten habe ich einen Strandkorb. Und der Mai zeigte sich schon am ersten Tag von der allerbesten Seite. So genossen wir den Sonnenuntergang im heimatlichen Strandkorb und genehmigten uns dazu eine 1994 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese #20 von Fritz Haag. So fein, so elegant und filigran, mit ganz dezenter Süße und immer noch guter Säure, alles in totaler Harmonie, eben die Leichtigkeit des Seins, wie sie in dieser Form nur Altmeister Wilhelm Haag ins Glas bringt – 91/100. Etwas fülliger und kräftiger danach mit deutlicher Boytritis der nicht ganz so elegante 1997 Maximin Grünhäuser Herrenberg Spätlese – 89/100.
Die Sonne ist inzwischen längst untergegangen, wir sind ins Wohnzimmer umgezogen. Ich lese die Bordeaux 2007 Reports von Parker und Weinwisser und trinke dazu einen 2004 Numanthia. Liebes Bordelais, denke ich mir, Du musst jetzt ganz tapfer sein. Verkauf Deine überteuerte 2007er Plörre an all die , bei denen schon in der 2006er Subskription der Blindenhund nicht geknurrt hat. Dieser unglaublich dichte, komplexe, tiefgründige Numanthia, der es locker mit jedem 2me Cru aus besseren Jahren aufnimmt, aber preislich eher bei einem 5me Cru liegt, zeigt deutlich, dass Bordeaux schon lange nicht mehr das Maß aller Dinge ist. Ich hatte begeisternde 96/100 im Glas, für die ich nicht enteignet wurde.



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T O G N I   &   C O 

Eine laue Frühsommernacht, feines Essen und eine noch feinere, kleine Runde auf der Terrasse des Düsseldorfer Dado. Die Weine von Philip Togni hatte ich mir als kleine Mini-Vertikale ausgeguckt. Doch erst kam mal einer meiner deutschen Lieblings-Rieslinge ins Glas, 2002 Königsbacher Idig Großes Gewächs von Christmann. Der zeigte sich wieder in Bestform. Ein unerhört spannungsgeladener Wein, knackig frisch mit satter Frucht, Ananas, Honigmelone, viel Quitte und guter Säure. Am Gaumen sehr mineralisch, cremige Textur und tolle Länge, das alles in totaler Harmonie, ein Wein, bei dem einfach alles stimmt – 96/100.
Weiter ging es mit zwei völlig konträren Chardonnays von Marc Aubert aus Kalifornien. Fantastisch der 2002 Aubert Quarry Vineyard. In der Nase die rauchigen Töne des Barrique und etwas Vanille, reife, exotische Frucht, üppiger Schmelz, am Gaumen dazu der totale Gegensatz, die Frische, die Eleganz und die unendliche Aromatik, die Burgund so gerne angedichtet wird, die aber die wenigsten Erzeuger hinkriegen – 95/100. Krasser Gegensatz dazu der 2003 Aubert Ritchie Vineyard. Das war im direkten Vergleich die Bauernnummer, dicker, dichter, holziger, aber ohne die luftige Eleganz des Quarry – 91/100. Und da Geschmäcker bekanntlich verschieden sind, möchte ich nicht verschweigen, dass unseren Mädels der dickere Ritchie besser gefiel.
Philip Togni gehört zu den Traditionalisten unter Kaliforniens Winzern und liegt mit seinem Stil auch in den Neunzigern dort, wo die großen Kalifornier in den 80ern waren oder davor. Bordeaux-Stilistik, lange Reifezeit, niedriger Alkohol, letzterer meist bei etwas 12,5%. Man könnte viele seiner Weine auch als Remakes der großen 74er bezeichnen. Erst nach 10, besser 15 Jahren zeigen diese Weine, was sie drauf haben. Altern können sie spielend mehrere Jahrzehnte. Eine sehr wohltuende Alternative zu den modernen, kalifornischen Alkoholbomben. Gleich der 1991 Philip Togni war ein perfektes Beispiel dafür. Herrliche Nase, floral, großer Heuschober, Tabak, reife Pflaume, Blaubeeren, aber auch getrocknete Tomaten, am Gaumen mit unglaublich druckvoller Aromatik und Länge, sehr komplex und vielschichtig, entwickelte sich sehr gut im Glas und ist erst ganz am Anfang – 97/100. Da kam der deutlich leichgewichtiger wirkende 1992 Philip Togni nicht mit. Der hatte zwar die dichtere Farbe, ebenfalls florale Aromen in der Nase, am Gaumen weich, schokoladig und reif, dabei sehr elegant, fast filigran wirkend – 92/100. Der kräftigste der drei Weine war 1994 Philip Togni. Bei dem hatte ich den Eindruck, dass er immer noch nicht ganz reif ist. Da war wieder die leicht schweißige Note, die mich schon vor 10 Jahren so irritiert hat, nur war sie diesmal von einem Lederschuh und sie machte mehr und mehr Eukalyptus, Minze und schwarzer Johannisbeere Platz, vom Schuh blieb nur das Lederige. Auch das ein sehr komplexer, dichter Wein mit irrer Länge, der sich fantastisch im Glas entwickelte. Da sind sicherlich noch 2 gute Jahrzehnte Trinkfreude angesagt – 95/100.



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B A R C E L O N A 

Zu den angesagten Städten dieser Erde gehört es derzeit, dieses Barcelona. Eine Stadt, die rund um die Uhr pulsiert. Ich habe das große Glück, dass es mich sehr regelmäßig beruflich dorthin verschlägt. So muss ich mich nicht nur über den hoffnungslos überfüllten Flughafen ärgern, ich profitiere auch von der sich rasant ändernden und expandierenden gastronomischen Szene dieser Metropole.
Zu den spannensten Restaurants gehört für mich das derzeit noch weniger bekannte Kresala mit seiner einsehbaren Showküche. Hier wird nicht nur auf sehr hohem Niveau gekocht. Das Kresala hat auch eine der besten Weinkarten Barcelonas mit über 500 Positionen. Die Weinkarte steht im Internet als PDF zur Verfügung. Sie können sich aber auch einfach in die Hände des sehr talentierten und engagierten Sommeliers Marc Esteve geben. Auch wir gaben ihm bei unserem letzten Besuch freie Hand. Als weißen Start kredenzte er uns einen 2000 Belondrade y Lurton aus Rueda. Ein ganz schön fetter, Barrique-geprägter moderner Wein aus 100% Verdejo, allerdings auch mit viel Frucht, ganz leichter Honignote und guter Säure – 88/100.Es folgte ein 1999 Abadia Retuerta Pago Valdebellon. Auch das ein offener, modern gemachter Spanier mit reichlich dunkler Frucht, cremiger Textur und weichen, reifen Tannine. Macht sehr viel Spaß, aber wirkt auch etwas poliert – 91/100. Spannender und eigenständiger danach ein 1999 Ribas de Cabrera Vi de Taula de Balears von den Bodegas Herederos – 92/100. Weniger anfangen konnten wir zum Schluss mit einem P´89 aus Priorat, einer Cuvée mehrerer Winzer.

Ein Klassiker ist das 1992 ursprünglich als Kochschule eröffnete Hofmann. Bis auf den etwas zähen und trockenen Hummer war das eine sehr kreative, großartige Küche, bei der vor allem die Vorspeisen und die absolut geilen Desserts begeisterten. Für letztere bitte unbedingt platz lassen. Etwas irritierend die gedruckte Weinkarte, in die mit Stift die jeweils aktuellen Jahrgänge und Preise eingetragen sind. Wir wurden trotzdem gut fündig. Unser erster Wein war ein Albarinho, ein 2007 Maestro Mateo Tradicion. Ein sehr erfrischender, pikanter, aber nicht belangloser, sehr aromatischer Albarinho. In der Nase Honigmelone, grüner Apfel, Zitrusfrüchte und ein halbes Blumengeschäft. Am Gaumen frisch, schlank, finessig, aber auch nachhaltig – 90/100. Eher etwas enttäuscht war ich von 2002 Numanthia. Da merkte man dann doch den deutlich schwächeren Jahrgang. Bei sonst ähnlicher, würziger Stilistik wirkte er eher wie ein Zweitwein des großartigen 2001ers – 91/100. Neu war für mich der 2004 Chryseia aus Portugal. Der Wein entsteht im Douro-Tal als Joint-Venture des ehemaligen Cos d´Estournel Inhabers Bruno Prats und der Familie Symington, denen die Portweine Dow und Graham gehören. Er basiert auf einem Blend der Rebsorten Touriga Nacional und Touriga Franca, sowie kleineren Mengen Tinta Roriz und Tinta Cao. Ein hochspannender Wein mit vom Barrique geprägter, rauchiger Kirschnase, am Gaumen schwarze Kirsche mit toller Fruchtsüße und Amaretti, sehr konzentriert und lang. Besitzt genügend Struktur und reife Tannine, um gut 10-15 Jahre oder länger altern zu können. Ein modern gemachter Wein, bei dem man die staubige Rustikalität klassischer, portugiesischer Rotweine nicht vermißt – 94/100. Auch wenn das ein nicht gerade preiswerter Premium Wein ist, zeigt er doch deutlich, was in den nächsten Jahren aus Portugal zu erwarten ist.



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D A S   S C H N Ä P P C H E N 

Es war das Ende einer großen Verkostung. Einer aus unserer Runde berichtete von einem gewaltigen Schnäppchen, das er gerade gemacht habe, eine größere Partie 1982 Grand Mayne zu einem unschlagbaren Preis. Den müssten wir jetzt unbedingt noch probieren. Wenigstens wussten wir danach zweierlei, nämlich wie gut die Weine unserer Probe wirklich gewesen waren und warum dieser Grand Mayne wohl so günstig war. Der hatte eine fürchterlich stinkige Nase und war am Gaumen grün und bitter. Perfekt als Kontrastmittel zur Aufwertung anderer Weine und zum Eichen der Bewertungsskala nach unten.



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B I T T E   W A R T E N 

Das war doch zu verlockend. Stand da auf der Karte des Restaurants zu einem Preis noch gerade unterhalb der Schmerzgrenze ein 1998 Cheval Blanc. Verhaltene Bewertung bei Parker, Jahrhundertwein bei Gabriel und eigene 100/100 Bewertung 2002 am Ende der kurzen Fruchtphase dieser Legende im Werden. Wir griffen kurz entschlossen zu, leider aber wohl fünf Jahre zu früh. Ein gewaltiges Konzentrat mit sehr dichter, junger Farbe und mächtigen Tanninen. Man spürt schon das unglaubliche Potential dieses Riesen, aber wir hatten uns auf die Offenbarung gefreut, nicht auf ihre Ankündigung. Dumm gelaufen, aber dazu gelernt. Meine Kiste bleibt noch eine Weile zu.



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A U F   E N T D E C K U N G S T O U R 

Auf der Suche nach neuen Weine, die noch nie durch meine Kehle liefen, war ich an diesem verlängerten Wochenende auf Sylt. Den Anfang machte ich gleich in Kampen an der Buhne 16. Seit Anfang April hatte Sylt durchgehend sonniges Traumwetter gehabt, und unsere vier Tage waren wolkenlos und warm vom Feinsten. Da passte jetzt und hier am Strand genau dieser Wein, ein 2007 Riesling 9 von Grans-Fassian. Ein knackiger, mineralisch-fruchtiger, herrlich verspielter Sommerwein, dessen Süße sich gut hinter der reifen Säure versteckte. „Harmonisch trocken“ nennt man so etwas. Ein toller Wert und mit den sympathischen 9% Alkohol eine sehr freundliche Alternative zu den ewigen, hochprozentigen Grau- und Weißburgundern, mit denen hier Beziehungs- und Sinneskrisen gelöst oder erst ausgelöst werden. Sehr nett wäre nur, wenn der gute Gerd Grans den albernen Kunststoffpfropfen durch Schraubverschluss ersetzen würde. Dann wäre der Strandwein perfekt – 87/100.
Etwas ratlos machte mich in der Kampener Sturmhabe ein 2005 Gräfenhausener Spätburgunder der Südpfalz Connexion. Der ist das Ergebnis eines engagierten Projektes fünf junger Winzer, die eine alte Steillage wiederbelebt haben. Mit ziemlich heller, blasser Farbe und deutlichen Alterstönen floss dieser zunächst doch sehr harmlos wirkende Wein ins Glas. Spontan fühlte ich mich an die nichtssagenden, hoffnungslos überteuerten Himbeerwässerchen erinnert, mit denen Burgunds Winzer in den 80ern und davor ihre Kunden verarschten. Gut, der Gräfenhauser entwickelte sich im Glas, baute deutlich aus, bekam mehr Tiefgang und auch etwas Biss, blieb dabei aber elegant, seidig und feinwürzig – 86/100. Kein schlechter Wein, aber Spätburgunder habe ich in Deutschland schon erheblich bessere getrunken. Ach ja, wir ließen einen Gutteil des Weines in der Karaffe, da wir ja an diesem Abend nur auf der „Durchreise“ waren. Und aus dieser Karaffe war der Wein am nächsten Abend platt. Mit dem Standvermögen und der Lagerfähigkeit dieses Weines scheint es also auch nicht so weit her zu sein. Aber eines muss man den Jungs von der Südpfalz-Connexion lassen, das Marketing haben sie schon gut drauf. Jetzt bräuchten sie nur noch den dazugehörigen Wein. Vielleicht fragen sie ja mal Bernd Philippi um Rat. Und damit wir uns richtig verstehen, Burgunder müssen für mich nicht prall, alkoholisch und exotisch sein. Aber ich habe nun mal nichts dagegen, wenn ein Wein Spaß macht.
Noch mal zurück zur Kampener Sturmhaube. Die liegt nicht nur für mich praktisch(und gefährlich!) auf dem Wege vom Strand in meine Wohnung. Sie hat auch einen Standort, den man nur Neudeutsch als Prime Location bezeichnen an. Direkt am berühmten Roten Kliff gelegen bietet sie einen atemberaubenden Blick über beide Meere und den gesamten Nordteil der Insel. Wenn man da an einem milden Sommerabend dann an der Außenbar noch so etwas grandioses wie den 1998 Taittinger Comtes de Champagne ins Glas bekommt, dann kann es auf dieser Welt kaum einen schöneren Platz geben. Der Comtes de Champagne war natürlich noch sehr jung und frisch mit einer mineralischen, floralen Nase, aber auch mit Mandeln, etwas Vanille und geröstetem Brot, am Gaumen Zitrusfrüchte und bereits eine trotz der Jugend sehr nachhaltige, druckvolle Aromatik. Toller Stoff mit guter Struktur, der sicher 20+ Jahre auf 95/100 Niveau viel Spaß machen wird. An diesem Abend hatten wir schon locker 92+/100 im Glas, aber ein paar Jahre weiterer Lagerung wären für diese Edel-Cuvée schon von Vorteil. Und noch von einem weiteren Wein aus der klug von Olaf Paulat gestalteten Weinkarte gilt es zu berichten, dem 2005 Cabernet Sauvignon Reserve von Malat. Ein sehr schokoladiger, fülliger, aber bei aller Kraft sehr weich und samtig wirkender Cabernet mit viel Schmelz., reifen Tanninen und guter Länge am Gaumen. Sicher kein Langstreckenläufer, aber unkomplizierter und überaus bezahlbarer Genuss für die nächsten 5 Jahre – 91/100. Ziemlich daneben dagegen eine Flasche 1989 Veldenzer Kirchberg Eiswein vom Weingut Conrad-Schreiber, die wohl noch von einem der vorherigen Pächter der Sturmhaube stammte. Sehr reif und weit, viel Boytirits, immer noch süße Fülle, aber leider inzwischen auch reichlich Möbelpolitur. Blind hatte ich diesen Wein, der wohl nie richtig groß war, in die 70er gesteckt – 83/100.
Auf Entdeckungstour waren wir auch im Munkmarscher Fährhaus. Spannend ein 2006 Grüner Veltliner Rosenberg Reserve von Ott. Endlich mal wieder ein großer Grüner Veltliner, der trotz aller Kraft und Dichte noch die Typizität dieser Rebsorte und die pfeffrige Würze rüberbrachte. Auch dieser Wein mit 14% eher ein Schwergewicht, das aber erstaunlich schlank und elegant daher kommt. Natürlich noch viel zu jung, aber mit seiner wohl definierten, cremigen Frucht und seiner tollen Länge am Gaumen ist das schon jetzt ein absolut unwiderstehlicher Weingenuss – 93/100. Und dann bemächtigten wir uns auch noch der letzten Flasche 2005 Pinot Noir Eichholz von Irene Grünenfelder. Beerige Frucht, aber auch Kaffee, viel Röstaromen und etwas Karamell, am Gaumen schmelzig mit dem, was man burgundische Fülle nennt, verbunden mit pikanter Jugend. Da machte einfach jeder Schluck neugierig auf den nächsten – 92/100.
Eigentlich kann man ja mit 99er Bordeaux nicht viel falsch machen. Und doch riss uns der 1999 Beychevelle als später Schlummertrunk auf Kampens Whisky Meile nicht gerade vom Hocker. Es gibt ein paar wenige, schöne Beychevelles und es gibt viele wie diesen, rustikal, erdig mit etwas staubigem Charme, sehr schön die dichte Farbe, aber die konnte man ja nicht trinken – 86/100. Mit Sicherheit war dieser Wein seinen Preis auch nicht ansatzweise wert. Wie gut, dass ich dann auf dem Heimweg noch ein Glas 2005 Black Print Cuvée von Markus Schneider ergattern konnte. Der hatte all das, was dem etwas mageren Beychevelle fehlte. Explosive Frucht, Kirsche, Cassis, Brombeere, schmelzige Röstaromatik von klug eingesetztem Holz, am Gaumen modern, gefällig, aber eben auch mit diesem Schuss Hedonismus und Lebensfreude, der dem Beychevelle abging – 90/100.
Aus der fulminanten Karte von Jörg Müller starteten wir mit einem 2005 Nackenheimer Rothenberg von Gunderloch. 100° hatten die Trauben dieses unglaublich ausdrucksstarken, mineralischen Geschosses mit seiner explosiven Aromatik. Satte exotische Frucht, reife Grapefruit, rosa Pampelmouse, süße Ananas, und dann noch die unerhörte Mineralität der anscheinend in den Wein geriebenen Felsbrocken. Riechen und Trinken machte hier gleichermaßen Spaß, und wie viele 2005er war dieser Wein voll da – 92/100. Zur längeren Lagerung scheint er wohl auch nicht vorgesehen, sonst hätte man ihm wohl statt Schraubverschlusses einen Korken spendiert. Und da ich im Mai wohl meine Togni-Wochen hatte, kam dann zu den 5 anderen, in diesem Monat verkosteten Jahrgängen hier der 1993 Togni ins Glas. Während andere 93er Kalifornier bereits schwächeln, von Bordeaux ganz zu schweigen, dreht dieser tiefdunkle, hocharomatische Wein jetzt erst langsam auf. Pfeffrig-würzige Frucht, schwarze Johannisbeere, Holunderbeeren, Zedernholz, Minze, unglaublich lang am Gaumen. Ein perfekter Pauillac aus Kalifornien mit äußerst bescheidenen, sehr sympathischen 12,5% Alkohol – 95/100. Mag sein, dass ich auf dem Thema Alkohol zu viel herumreite, aber mich ärgert einfach, wenn haufenweise Winzer hemmungslos mit dem Geschmacksverstärker Alkohol als ihrer Form des Glutamat arbeiten und sich dann hinterher mit dem Klimawandel rausreden. Reif war der 1975 Taylor Vintage Port aus diesem eher schwachen Portweinjahr. Seine ursprünglichen Ecken und Kanten hat er verloren, präsentiert sich zwar etwas spritig, aber auch mit betörender Süße, Marzipan, gebrannten Mandeln. Kein großer, aber ein feiner Port – 91/100. Der nächste Wein, den uns der Hausherr blind kredenzte, musste ein junger, noch recht frischer Grüner Veltliner sein. Aber wie jung? Nie wäre ich auf 1990 Honivogl Grüner Veltliner Smaragd von Hirtzberger gekommen. 1995 habe ich diesen Wein, der seinerzeit als bester 90er Grüner Veltliner der Wachau galt, zum letzten Mal getrunken, bei einer Vertikalverkostung auf dem Gut. Jetzt stand er aus dieser perfekt gelagerten Flasche vor uns, als hätte es die letzten 13 Jahre nicht gegeben. Immer noch mit dieser pfeffrigen, würzigen Frucht, mit durch gute Säure gestützter, unglaublicher Frische und sehr viel Tiefgang – 94/100. Und dann kam zum Schluss an der Müllerschen Bar noch ein alter Bekannter ins Glas, 1989 Gazin. Lange stand dieser Wein im Schatten des 90ers, hat diesen jetzt aber inzwischen locker überholt. Ein saftiger, fleischiger, schokoladiger Vollblutmerlot mit toller Struktur, voll da, aber mit Potential für locker noch mal 15+ Jahre – 95/100.



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