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Juni 2008
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L A G E R F E S T
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Lange genug gestanden, die Beine schwer, die Zähne schwarz. So eine Verkostung von Fassproben ist hoch interessant, aber sicher nicht nur reine Freude. Als zweiter Teil des Abends war ein Buffet vorgesehen und die Verkostung reiferer Weine. Dazu bewegten wir uns in das Lager von La Vinea und saßen dort romantisch/gemütlich zwischen riesigen Stapeln von OHK´s. Ob das Buffet des Duisburger Steigenberger Hotels ein Motto hatte, entzieht sich meiner Kenntnis. Dem Geschmack nach um es sich um Kulinarik der frühen DDR gehandelt haben. So richtig reif war bei 1998 Le Gay aus der Magnum nur die Farbe. Ansonsten war das ein massives, konzentriertes Teil mit immer noch recht bissigen Tanninen, sehr kräuterige Aromatik, auch Spuren von Schokolade, aber die herbe Sorte mit 99% Kakao und zumindest in der Magnum noch 5-10 Jahre von der echten Genussreife weg. Dann werden aus den jetzigen 89/100 durchaus auch bis zu 92-93/100. Voll da war hingegen 1999 Certan de May. Leicht animalische, ledrige Nase, gefällig, weich, schmelzig und lecker, aber eher ein Leichtgewicht. Wird sicher nicht besser und sollte in den nächsten Jahren getrunken werden – 91/100. Als jetzt gut trinkbar, aber durchaus noch mit reichlich Potential zeigte sich 1998 La Conseillante. Ein sehr fruchtiger, zugänglicher, fülliger Wein mit frisch gegerbtem Leder in der Nase, schokoladig, gefällig, aber Conseillante geht besser – 91/100. Bester Wein dieses Dinners war 1998 La Fleur Petrus. Klar war das kein Hammer und auch kein Petrus, aber ein feiner, eleganter Pomerol mit süßer, schokoladiger Frucht, reif und reichhaltig mit enormem Suchtfaktor, trank sich einfach wunderschön, blieb lang am Gaumen, aber immer nur kurz im Glas – 93/100. Wenig konnte ich dem zum Dessert gereichten 1986 Gilette Crême de Tête abgewinnen. Leichtgewichtig mit viel Holz und wenig dezenter Süße. Vielleicht wären diesem Wein 20 Jahre in der Flasche besser bekommen als die Zeit, die er im Betontank verbringen musste – 86/100. Damit schloss der offizielle Teil des Abends, und während sich die anderen Tische langsam leerten, galt das bei uns nur für die Gläser. Hardcore-Weinfreaks saßen hier am Tisch, wie immer auf der Suche nach dem letzten, ultimativen Kick. Aber was trinkt man dann aus einer Lagerhalle, in der nur junge Weine liegen? 2004 Anastasio von Heredad Ugarte aus Rioja Alavesa kam als erstes ins Glas. Die neue Luxus-Cuvée dieser Bodega aus 100% Tempranillo stammt von fast 100 Jahre alten Reben. Ein aromatischer, komplexer Wein mit rabenschwarzer Farbe, der Unmengen frischen Holzes gesehen haben muss, für den Genuss zu teuer und nicht in einer Liga mit den großen Spaniern aus 2004. Wirkte auf mich auf recht hohem Niveau wie gewollt und nicht gekonnt. Wir hatten vorher schon die drei neueren Jahrgänge dieses Weines verkostet. 2005 ein feiner, würziger Wein mit sehr viel Tannin und Säure, 2007 eher etwas einfach gestrickt und 2006 eine sensationelle Aromabombe mit Kirsche und Lakritz. Zum Thema „zu viel Holz – zu wenig Frucht“ passte dann perfekt 2004 Troplong Mondot. Der zeigte sich total verschlossen und ging allenfalls als Werbewein eines Sägewerkes durch – 86/100. Allerdings besteht durchaus Hoffnung, dass sich dieser Wein in ein paar Jahren entfaltet. War der Troplong zu dürr, so quoll der 2004 Chateauneuf-du-Pape Cuvée de la Reine des Bois der Domaine de la Mordorée in seiner alkoholischen(15%) Fülle förmlich aus dem Glas. Sehr würzig, satte Frucht, Kirsche, dunkle Beeren, großer Kräutergarten. Lakritz, viel reifes Tannin und gute Säure, aber eben auch alkoholisch. Ein Wein, der von allem reichlich hat – 93/100. Etwas breit wirkte 2003 Tignanello, da fehlten einfach Struktur und Tiefgang – 90/100. Und der ultimative Kick? Der kam noch, und wir legten für diese Flasche zusammen. Als dieser unglaubliche 100/100 1989 La Mission Haut Brion vor uns stand, waren alle Weine davor vergessen. Es ging uns wie Bergsteigern, die nach beschwerlichem Aufstieg endlich auf dem Gipfel ankamen, unbeschreibliche Aussicht, ein unglaubliches Glücksgefühl, da waren alle Mühen des Aufstieges sofort vergessen. Einfach ein einzigartiges Weinerlebnis. Und vor allem Eines hatten wir den Bergsteigern voraus. Wir konnten für den Abstieg bequem das Taxi nehmen.
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W E I ß E R S A M S T A G
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Einen neuen Küchenchef hatte das Restaurant dieses charmanten Hotels. So lud uns der Hausherr kurz entschlossen zu einem feinen Mittagessen mit begleitenden, weißen Weinen ein. Als erster Wein an diesem „Weißen Samstag“ kam ein 1978 Montagny 1er Cru Montcuchot Cave des Vignerons de Buxy ins Glas. Für eine Dorflage einer Winzergenossenschaft war der höchst erstaunlich. Startete zwar alt, oxidiert, herbstlich, blühte dann aber plötzlich im Glas aus und entwickelte eine feine, schmelzige Mandelnote in der immer schöner werdenden Nase, am Gaumen durch die gut stützende Säure immer noch frisch wirkend, ein kurzes, aber eindrucksvolles Feuerwerk auf 90/100 Niveau. Nach einer knappen halben Stunde war das Feuerwerk wieder vorbei, der Wein verlor nicht nur Länge und Komplexität, er zerfiel förmlich. Kraft ohne Ende hatte der sehr rauchige und immer noch stark von Holz diminierte 1991 Kistler Vine Hill Vineyard. Goldgelbe Farbe, Zitrusaromen, aber insgesamt auch etwas plump und ungelenk wirkend – 86/100. Rustikal und erdig danach ein sehr mineralischer 1995 Chateau Rayas Blanc Reserve. Ein komplexer Wein mit enormem Tiefgang, aber ehrlich gesagt nicht unbedingt meine Stilrichtung. Fans dieser Art Wein werden sicherlich mehr als meine 89/100 geben. Nur riechen, bloß nicht trinken notierte ich beim nachfolgenden 1999 Condrieu La Dorianne von Guigal. Wirkte von der tiefen, goldgelben Farbe her deutlich älter, interessante, parfümierte, kräuterige Nase, die von Lavendel dominiert wurde, am Gaumen nach hinten immer dünner, kaum Abgang und dabei bitter wie ein Kräuterlikör – 86/100. Gemacht für die Ewigkeit schien ein noch viel zu junger 1996 Corton Charlemagne von Bonneau du Matray, wirkte trotz seiner gewaltigen Säure schon recht harmonisch und spannend, kann sich mit seiner tollen Struktur sicher noch lange weiterentwickeln – 91+/100. Der letzte Wein dieser kleinen, mittäglichen Verkostung war auch gleichzeitig der schönste. 2001 Kistler Les Noisetiers machte einen toller Spagat zwischen Kraft und Frische mit animierender Frucht und Säure, sehr mineralisch, nussig, unkomplizierter Genuss auf sehr hohem Niveau – 93/100.
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J A P A N F E S T
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Unmengen von Raketen jagten japanische Pyrotechniker anlässlich des großen Japanfestes in den Düsseldorfer Nachthimmel. Wir machten auf unsere Art mit, ein Weinfeuerwerk bei Berens am Kai, das sich ebenfalls sehen lassen konnte. Wir starteten mit einem 2004 Wallufer Walkenberg Riesling Spätlese trocken Alte Reben von J.B. Becker. Ein sehr stoffiger, mineralischer, rassiger Riesling mit toller Frucht – 92/100. Ich werde immer mehr ein Fan der 2004er Rieslinge aus Deutschland, die mir mit ihrer glasklaren Struktur deutlich besser gefallen als die überfruchteten, frühreifen 2005er. Sie brauchen halt länger und schreckten teilweise durch ihre knackige Säure ab, halten dafür aber wohl auch länger. Diesem Wein hier von J.B. Becker gebe ich locker noch 10-15 Jahre. Seit 1850 gibt es das Weingut Vina Carmen im chilenischen Maipo-Valley schon. 1985 wechselte das Gut den Besitzer, 10 Jahre später wurde es neu bepflanzt. Wir tranken einen 1988 Vina Carmen Cabernet Sauvignon Gran Reserva, der noch die klassische Handschrift dieses Gutes trug. Ein faszinierender, großartiger Wein, eine Art Grand Puy Lacoste aus Chile. Reif, aber sehr kraftvoll, Minze, Zedernholz, feine Johannisbeere und ätherische Noten, sehr lang am Gaumen. Und das alles mit bescheidenen 12% Alkohol, ein Wein, der nachdenklich macht – 92/100. In Chile wurden früher bereits großartige, lagerfähige Weine produziert, lange bevor moderne Önologen diesem Land und seinem Weinbau einen internationalen Einheitsgeschmack überstülpten. Wo bleiben heute die Winzer, die den Mut haben, im klassischen Stil weiterzuarbeiten? Braucht die Welt wirklich nur noch Marmelade im Glas mit 14.5% Alkohol? Als nächstes kam ein Wein ins Glas, der sich seit 20 Jahren bestens als siegreicher Pirat in zahllosen Blindproben bewährt hat, 1970 Giscours. Reife Farbe zwar, aber so irre dicht, lang und mit explosiver Aromatik, da sah der im Vergleich getrunkene Cos 82 zunächst sehr alt gegen aus - 96/100. Ein verrückter Wein und mit das Beste, was auf diesem Gut je erzeugt wurde. Über 1982 Cos d´Estournel wird viel diskutiert und gerätselt. Einstmals von Parker mit höchsten Punktzahlen geadelt, hatte sich dieser Wein für lange Zeit in seinem Schneckenhaus zurückgezogen, aus dem er je nach Lagerung nur ganz zögerlich wieder heraus kommt. Rustikal und mit etwas staubiger Anmutung kam er aus dieser bestens gelagerten Flasche ins Glas. Herbe Enttäuschung war die erste Reaktion. Wer diesen Wein nicht dekantiert, oder ihm nicht genügend Luft gibt, wird anschließend protestieren, bei seinem Händler reklamieren oder den Cos vielleicht auch gleich entsorgen. Wir ließen ihn einfach etwas stehen und warteten auf das Wunder, das sich nach einiger Zeit tatsächlich einstellte. Ein völlig anderer Wein war da plötzlich im Glas, baute gewaltig aus, wurde exotisch, kalifornisch, riesengroß – 96/100. Nicht warten mussten wir dagegen auf 1990 Clinet. Ein üppiger, vollbusiger Klassemerlot, eine hedonistische, schokoladige Weinoper mit extrem hohem Genussfaktor, und dank des immer noch vorhanden, guten Tanningerüstes ohne Eile jetzt oder in den nächsten 15 Jahren zu genießen – 97/100. Die japanischen Feuerwerker hatten ihr Pulver schon längst verschossen. Wir knallten weiter. Spannend der Vergleich 1996 und 1995 Araujo Eisele Vineyard. Der 95er ist und bleibt mit seinem fruchtigen Schmelz das Gegenstück zur 82er Comtesse aus Kalifornien. Doch der 96er ist nicht weit davon weg, etwas kräftiger, aber auch mit wunderbarer Frucht. 1996 gehört zu den völlig unterschätzten Jahrgängen aus Kalifornien. Ich habe übrigens angesichts der fortgeschrittenen Stunde aufgehört, mitzuschreiben. Deshalb hier auch keine Punktbewertung dieser beiden, großartigen Weine, von denen jedoch der 96er oberhalb von 95/100 und der 95er wieder nahe an der Perfektion lag. Großartig dann zum Schluss wieder 1988 Mouton Rothschild, anders als die beiden Kalifornier, aber keinen Tick schlechter.
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E R D B E E R B O W L E ( N - F E S T )
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Eingeladen war ich zur frischen Erdbeerbowle. Erdbeeren liebe ich, doch Bowle ist mir suspekt. Schmeckt meist zu gut, geht schnell in die Birne und erzeugt am nächsten Tag bei übergroßem Genuss einen tierischen Kater. Außerdem überfiel mich plötzlich diese Lust auf einen perfekt gereiften Rotwein. Und da alle männlichen Wesen am Tisch ähnlich fühlten, sauste ich in meinen Keller und zauberte eine 1983 Tignanello Doppelmagnum hervor. In der 1tel ist dieser Wein möglicherweise längst zu alt. Aber hier aus diesem Großformat, das seit ewigen Zeiten bei perfekten Temperaturen in meinem Keller lag, war das einfach ein Gedicht. Klar war die Farbe reif mit deutlichen Orangentönen, aber der Wein selbst zeigte keinerlei Schwächen. Herrliche Kirschfrucht, Zedernholz, Leder, so komplex, sehr elegant und unglaublich lang am Gaumen, ein Wein zum Träumen und Philosophieren – 94/100. Und natürlich zum perfekt danach schlafen, mit süßen Träumen ohne Kopfschmerzen. Nichts gegen Bowle, aber ich lass mir mein Getränk lieber ein paar Jahrzehnte vorher von einem guten Winzer ansetzen.
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S A I T T A F E S T
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Tradition hat es, das große Sommerfest der Saittabrüder. Klar waren wir auch in diesem Jahr wieder dabei. Nur war der Wettergott nicht besonders gnädig und schickte regelmäßig ekelhafte Schauer über den Barbarossaplatz. So suchten wir uns frühzeitig ein trockenes Plätzchen in meiner Stammcantina Saittavini. Von dort aus unternahmen wir dann regelmäßige Ausflüge zur Tombola und deckten uns mit Losen ein. Die war ja nicht nur für einen guten Zweck, es gab auch reichlich zu gewinnen. Und so haben wir jetzt Haarwaschmittel, Antiageingcreme und Sonnencreme für die nächsten drei Jahre. Nach der herzlichen Begrüßung durch meinen guten Freund Michelangelo Saitta kam gleich dessen Standardfrage: einen schönen Uhlen? Er kennt meinen Geschmack und weiß, dass ich ein großer Fan der Weine von Heymann-Löwenstein bin. So hatten wir schnell eine dekantierte Flasche 2006 Uhlen R auf dem Tisch, die wir aus nicht zu kleinen Gläsern genossen. Klar ist das noch ein Weinbaby, aber eins mit ungeheurer Strahlkraft. Die stramme Mineralität, der hohe Extrakt, die reintönige Frucht dieses noch etwas bissigen Jungstars machen einfach auch jetzt in diesem frühen Stadium schon ungemeinen Spaß. Eine derart unerhörte Geschmacksdichte mit sehr sympathischen 12,5% spontanvergoren auf die Flasche zu bringen, das ist absolute Weltklasse. Klar zeigt der heute erst ansatzweise das, was da in 2-3 Jahren mit 95+/100 ins Glas kommen wird, aber Michelangelos Frage, ob er noch eine bringen dürfte, war eigentlich überflüssig. Natürlich durfte er! Ich schätze diesen Wein als recht langlebig ein, und da er ja in der Gastronomie schnell wieder durch den nächsten Jahrgang ersetzt wird, werde ich seine Entwicklung aus eigenem Keller verfolgen. Sollten Sie diese flüssige Gesteinsprobe irgendwo entdecken oder selbst erwerben, bitte unbedingt sehr rechtzeitig dekantieren und größere Gläser nutzen. Der Uhlen schreit förmlich nach Raum und Luft. Sonst sehen Sie den großen Abenteuerfilm von der Kamera-Rückwand, und da entgeht Ihnen einiges. Die zwischendurch recht ungemütliche Witterung machte dann aber irgendwann auch Lust auf Rotwein. Der 2004 Saffredi von Le Pupille sei sehr gut gelungen, meine Michelangelo. Also sollte er es dann sein. Mit den Saffrefis der letzten Jahre hatte ich mich nicht so sehr anfreunden können. Die bisher größten Jahrgänge bleiben für mich 1994 und 1997. Der 2004er war ein sehr feiner, aromatischer, eleganter Wein, aber er riss uns nicht unbedingt vom Hocker. Kein Vergleich z.B. zu 1997 und max. auf 92/100 Niveau. Das zeigte deutlich der nachfolgende 2004 Solaia, einfach ein kompletter, großer Wein, der trotz seiner Jugend schon immensen Spass machte und dabei zwei Klassen oberhalb des Saffredi spielte – 96/100. Aus Mittag wurd Nachmittag und wir bewegten uns Richtung Abend, da musste noch ein Wein. Den fanden wir in einer Magnum 2004 Petrolo Galatrona. Ein erstaunlich offener, weicher, schokoladiger, zugänglicher Wein, der aber die druckvolle Aromatik früherer Petrolos auch nicht ansatzweise zeigt – 91/100. Alle drei Weine werden übrigens in der neuesten Ausgabe des Wine Advocate gleichermaßen mit jeweils 96/100 bedacht, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Haben wir da etwas falsch gemacht? Eigentlich haben wir diese drei Weine doch nur unter realen Bedingungen getrunken, es war voll im Saittavini, es war laut und lustig, wir haben geredet, gelacht und natürlich vorzüglich gegessen. Guter Wein muss das abkönnen, italienischer ohnehin.
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W E I N B L Ü T E N F E S T
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Ein überschaubares, intimes Fest war es vor langen Jahren mal, das Weinblütenfest in Kaiserswerth. Doch inzwischen wälzen sich riesige Menschenmassen durch das dörfliche Kaiserswerth, wenn hier alljährlich Anfang Juni zwei Dutzend namhafte Küchenchefs an ihren Ständen groß aufkochen. Geduld ist da angesagt, inbesondere wenn es ein Gericht von Jean Claude Bourgueil oder von Johann Lafer sein soll. Wer Schlange stehen und drängeln üben möchte, der ist hier richtig. Wir haben uns diese Veranstaltung in diesem Jahr nach mehrjähriger Pause trotzdem wieder angetan und hatten Glück. Ein mittägliches Gewitter mit gewaltigen Regengüssen schaffte plötzlich wieder reichlich Platz. Wir kauerten uns in einen Hausflur und entkamen so den Fluten. Und da hatten wir schon wieder Glück. Vor uns saß unter Regenschirmen ein Weinfreund, der praktischerweise eigene, vernünftige Gläser und etliche Weine mitgebracht hatte. So konnte ich die Wartezeit z.B. mit einem 1997 Phelan Ségur verkürzen. Bei diesem Wein hätte es ruhig ins Glas hereinregnen können, viel schlechter konnte er nicht mehr werden. Das war sicher mal ein feiner Wein, doch inzwischen war er auf dem Abstieg schon ziemlich weit gekommen – 81/100. Deutlich besser, erstaunlich schön und kräftig ein 1992 Troplong Mondot, Dörrpflaumen aus der Ledertasche, kam recht elegant rüber und scheint noch lange nicht am Ende zu sein – 90/100. Es regnete weiter, und ich bekam das nächste Glas in die Hand, einen 1998 Chateauneuf-du-Pape Croix des Bois von Chapoutier. Der passte in seiner rustikalen, nachhaltigen Art perfekt zu diesem Sauwetter und wärmte mit seiner kräuterigen, erdigen Aromatik und seiner Fülle die Seele – 93/100. Das Wetter hatte kein Einsehen, dafür aber Jean Claude Bourgueil vom Schiffchen. Der öffnete die Tore seines Restaurants, leider aber nicht seinen Weinkeller. So konnten wir zumindest warm und sehr kommod bei Gosset Rosé die Speisen seines Standes genießen. Schade, dass der Wein auf dem Weinblütenfest eher eine Nebenrolle spielt. Etwas mehr Klasse statt Masse, auch und gerade beim Thema Wein täte diesem Fest mit Sicherheit sehr gut.
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R E N É G A B R I E L S F A M I L I E N F E S T
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Es hat schon so etwas von einem großen Familienfest, wenn sich der René Gabriel mit seinen Fans zur halbjährlichen, traditionellen Semester-Raritätenprobe trifft. Die Gesichter sind meist die gleichen. Man kennt sich, man versteht sich und hat viel Spaß miteinander. So auch zur großen Lynch Bages-Probe im Engel in Warendorf. Und da es sich hier im positiven Sinne um Weinverrückte handelt, spielt natürlich auch die Weinkarte des Probenortes stets eine gewichtige Rolle. Kaum sind die Ersten eingetroffen, schon beginnt das Studium der Karte. Gibt es da irgendwelche Schätze, die dringend gehoben hören, vor der Probe, nach der Probe oder gar während der Probe? Im Engel mit seiner riesigen Karte und gästefreundlicher Kalkulation waren wir da genau richtig. Ich staunte nicht schlecht, als ich da den 2000 d´Aiguilhe von Stephan Graf Neipperg in der Doppelmagnum zu sehr freundschaftlichem Preise fand. Klar musste der her, besser gesagt unter unseren Tisch. Als klarer Wein des Abends half er uns am ersten Probenabend über viele der doch verdammt schwierigen Lynch Bages Jahrgänge weg. Seit ewigen Zeiten gehört der bisher gut 40mal mit 92-93/100 verkostete Aiguilhe zu meinen Lieblingweinen. Aus dieser DM kamen da locker begeisternde 94/100 ins Glas. Eigentlich wollte ich am nächsten Tag nachmittags einen Kaffee bestellen, doch da hatte ich schon ein Glas 1982 Leoville Poyferré in der Hand. Ein kräftiger Wein mit dichter Farbe, bei dem aber grüne Töne im Abgang störten. Ob da in 82 zuviel geerntet wurde? Kommt mit dem grandiosen 83er nicht mit – 88/100. Ebenfalls auf der Karte ein 1985 Léoville Barton, den ich sicher nie bestellt hätte. Aber sich sollte belehrt werden, das sei doch so ein schöner Wein. Als der denn dann kam, suchte ich vergeblich begeisterte Gesichter in der Runde. Klar wurde versucht, diesen Wein schön zu reden. Die beste Aussage war da noch, das sei ein Wein zum Essen. Dann bitte aber zu dominanten, sehr stark gewürzten Speisen, damit der Barton nicht weiter auffällt. Das ist nun mal inzwischen ein etwas ausgetrockneter, rustikaler Tropfen mit leicht animalischer Nase, wenig Frucht und noch weniger Charme. Die etwas staubigen, immer noch reichlich vorhandenen Tannine werden ihn noch länger auf diesem Niveau erhalten, aber für wen eigentlich ? – 85/100. Deutlich besser im Vergleich 1985 l´Arrosée. Wirkte im ersten Moment wie ein kleiner La Mouline von der Rhone, Eisen, Blut, sehr würzig und mit deutlich Reifetönen in der Farbe. Darunter feine, rotbeerige Frucht, die immer besser zum Vorschein kam, und etwas Schokolade. Ein sehr aromatischer, feiner, leckerer Wein, bei dem trotz Reife noch keine Eile geboten ist – 90/100. Damit konnten wir dann natlos zum Apero des zweiten Abends übergehen, einer 1995 Maximin Grünhäuser Herrenberg Auslese. Die hatte sich erstaunlich schön entwickelt. Erstaunlich deshalb, weil sich die Grünhäuser in dieser Phase nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatten. Aber dieser Wein war einfach herrlich zu trinken, traubig-fruchtig mit faszinierendem Süße-/Säurespiel – 91/100. Einige Stunden später saßen wir wieder auf der Terrasse. Diesmal hatte ich zwei sehr konträre 1996er vor mir stehen. Bereits sehr schön zu trinken der weiche, sehr gefällige, aromatische 1996 La Fleur Petrus – 91/100. Völlig zugenagelt und dadurch nichtssagend wirkend 1996 Sociando Mallet, der wohl noch etliche Jahre braucht – 84+/100. Deutlich zu jung auch der nur ganz kurz vorher dekantierte 1988 Mouton Rothschild, das war reine Verschwendung. Eine deutliche Altersnote hatte dagegen 1950 Troplong Mondot. Immer noch sehr dichte Farbe, balsamische Noten, aber noch voller Leben – 88/100.
Bliebe noch ein 1982 Lafite Rothschild nachzutragen, den mir mein Tischnachbar im Verlaufe des ersten Abends gereicht hatte. Zu aberwitzigen Preisen wird dieser, vor allem von preislich absolut schmerzfreien Asiaten gesuchte Wein gehandelt. Da muteten die bescheidenen € 450 der Engel-Karte wie ein Geschenk an. Doch auch damit ist dieser Wein vom Preis-/Genussverhältnis her hoffnungslos überteuert. Absolut nichtssagend die Nase, von sperrigen Tanninen dominiert der Gaumen. Eigentlich keiner Rede wert. Doch nach einer Stunde reichte mir mein Nachbar wieder ganz aufgeregt sein Glas: riech mal, da kommt jetzt Minze. Absolute Fehlanzeige. Wahrscheinlich hatte sich das einsame Minzmolekül, das er entdeckt hatte, in seinen linken Nasenflügel verflüchtigt. Mir wird jetzt immer klarer, warum die Asiaten auf dieses Zeugs stehen. Da stimmt nicht nur das Sozialprestige, denn Lafite Rothschild hat nun mal in Asien von allen Bordeaux den besten Klang. Beim ziemlich geschmacksneutralen 82er Lafite besteht auch nicht die Gefahr, dass er beim Mischen den feinen Geschmack der Coca Cola verfälscht. So einfach ist das. Scleierhaft ist mir nur, wo die hohen Bewertungen dieses Weines herkommen. Ich hatte 80/100 Genusspunkte im Glas, 50/100 Preis-/Leistungsverhältnis-Punkte und 100/100 Prestige Punkte. Wobei zu Letzteren eigentlich eine makellose OHK gehört, besser noch eine Imperiale.
Nachzutragen bleibt auch ein kurzer, mittäglicher Ausflug an den Hiltruper See ins bekannte Krautkrämer, wo ich mit einem Freund in Ruhe ein paar Dinge bereden konnte. Traumhaft die Atmosphäre auf der direkt am See gelegenen Terrasse. Gut die Küche, zuvorkommend der Service. Nur mit dem Wein hatten wir Pech. Wir orderten aus der gut bestückten Karte eine 1993 Wehlener Sonnenuhr Auslese von Joh. Jos. Prüm. Nach gut einer halben Stunde – wir waren schon im Menü – wurde uns beschieden, der Wein sei nicht zu finden. Wir ließen uns stattdessen auf eine 93er Zeltinger Sonnenuhr Auslese ein. Die wurde gefunden, nach längerer Murkserei am Tisch aber mit ins Office genommen, weil sie sich nicht öffnen ließ. Wir bekamen dann nach langer Zeit, aber noch vor dem Kaffee, nicht nur Korksuppe ins Glas, sondern auch einen Wein, der zwar nicht eindeutig fehlerhaft war, aber irgendwo wohl zumindest ein Lagerproblem hatte. Hätte ich mich als Sommelier nicht zu servieren getraut. Ich habe exakt diesen Wein drei Wochen später noch mal im Parkhotel Weggis getrunken mit gut 8-10 Punkten mehr im Glas. Deutlich schöner war eine wunderbar balancierte 1989 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Goldkapsel #9 von Fritz Haag, sicher ein Wein auf 93/100 Niveau. Die hatten wir, als das Theater mit der ersten Flasche seinen Lauf nahm, in weiser Voraussicht zusätzlich bestellt. Zwar wurde diese Flasche gefunden und fehlerlos war sie auch. Aber das Theater mit dem Korken spielte sich hier von Neuem ab. Lagern die im Krautkrämer ihre Weine stehend auf dem Speicher?
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F U S S B A L L F E S T
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Klar, der Juni war nun mal EM-Monat. So ergaben sich zu all diesen spannenden Spielen reichlich Gelegenheiten, in lockerer Runde schöne Weine zu trinken. Schließlich macht Sport ja durstig.
Eigentlich gehört ein Wein wie die 2004 Niederhäuser Hermannshöhle GG von Dönnhoff nicht in die Vorrunde. Dieser gewaltige, mineralische Riesling mit seiner immensen Statur hat klares Endspielformat – 94/100. Da könnte er dann gut auf den anschließend getrunkenen 2002 Idig von Christmann treffen, der zu Anfang leicht unterlegen wirkte, im großen Glas aber immens ausbaute und zum Schluss im Elfmeterschießen gewann – 95/100. Nach diesen weißen Boliden hatte es 1989 Mouton Rothschild verdammt schwer. Der trank sich recht schön und zeigte immer noch eine gute Röstaromatik, schien aber in dieser Flasche etwas zu schwächeln, erinnerte etwas an die Performance der französischen Mannschaft. Beide können deutlich besser – 91/100. In Bestform dagegen wieder der trüffelige 1983 Latour – 95/100.
Musst Du denn selbst jetzt hier beim Fußball noch Weinnotizen machen, hieß es? Ich musste und wollte. Schließlich trinke ich diese schönen Weine ja nicht alle Tage. Absolut reif und auf dem Punkt war 1992 La Mouline von Guigal mit feiner Würze und dezenter Süße, etwas kurz am Gaumen, gehört getrunken – 92/100. Ein konzentriertes, fruchtiges Prachtstück wieder der 2004 Chriseia aus dem portugiesischen Douro-Tal – 94/100. Unendlich schön und für ein spannendes Spiel eigentlich viel zu fein der ätherische 1983 La Mission mit seiner faszinierenden Aromatik aus Kräutern, Tabak, Teer, Minze und Eukalyptus. Den konnte man eigentlich nur in Spielunterbrechungen trinken, denn er verlangte volle Konzentration – 95/100.
Schlichtweg sensationell der 2001 Singerriedel Riesling Smaragd von Hirtzberger. Bei aller Kraft und hohem Alkohol war dieser vielschichtige, komplexe Wein von sensationeller Frische und Finesse, ein ganz großer Singerriedel - 96/100. Kein Fußballwein danach die 1999 Hochheimer Hölle Auslese trocken von Künstler. Der war reifer, tiefgründiger, intellektueller, verlangte aber mehr Aufmerksamkeit, als wir ihm bei diesem Spiel geben konnten. Ein großer Wein, der unbedingt bei voller Konzentration solo getrunken gehört. Völlig anders, aber sicher in einer Liga mit dem Singerriedel. Ein animalischer Klassiker von der nördlichen Rhone danach 1983 Hermitage La Chapelle von Jaboulet-Ainé – 91/100. Dem wieder überragenden 1982 l´Evangile ging es später fast ähnlich wie der Hölle von Künstler. Irgendjemand murmelte was von „ganz lecker“, aus einer anderen Ecke kam nur „nehm ich noch was von“, doch die Konzentration war auf dem Bildschirm, nicht im Glas. Ich war wohl die Ausnahme, denn dieses geile Pomerol-Fest in meinem Glas mit diesem unendlichen, süßen Schmelz gefiel mir deutlich besser als alles Gekicke – 97/100. Und natürlich war zum Schluss 2004 Quinta Sardonia der Publikumsliebling mit seiner üppigen, süßen, ausladend-würzigen Frucht. Ein solcher Wein braucht keine Aufmerksamkeit, mit seiner scheiren Wucht schafft er sich die einfach selbst – 92/100.
Und ausgerechnet zu Deutschland-Türkei war ich beruflich unterwegs gewesen. Da ließ ich mir dann wenigstens die Tore per SMS ins La Table von Joel Roebuchon in Paris melden. Sehr gute Küche und feine Weine. Der 2001 Château du Cèdre aus Cahors war ein gewaltiges Aromenkonzentrat, beerig mit viel Schwarzkirsche, Kaffee, kräftigen, aber reifen Tanninen und sehr viel Kraft am Gaumen, aber auch einer gewissen Rustikalität, Cahors ist nun mal nicht Bordeaux – 92/100. Gilt übrigens als bestes Gut in Cahors und ist sicher ein Name, den man sich merken sollte. Schwierig sei es da für nachfolgende Weine, meinte der Sommelier. Nicht so für 1996 Cos d´Estournel. Der präsentierte sich erstaunlich offen und bei aller Struktur geradezu opulent und saftig mit einer Superfrucht, erinnerte stark an die Imperiale in René Gabriels großer Cos-Probe vor zwei Jahren – 96/100. Steht ab sofort auf meiner Suchliste. Erstaunlich hier wie auch bei anderen Weinen der letzten Zeit, wie die lange total verschlossenen 96er aus Bordeaux wie auf Kommando plötzlich aufmachen.
Ein tiefes Goldgelb und eine von Zitrusaromen und dezentem Petrol geprägte Nase hatte der 1982 Clos St. Hune, am Gaumen durch die kräftige Säure erstaunliche Frische, dürfte wohl trotzdem seinen Höhepunkt überschritten haben - 90/100. Den 2001 Rêve de Jeunesse von Pöckl habe ich wohl bisher falsch eingeschätzt und zu Unrecht für einen kurzlebigen Blender gehalten. Tiefe undurchdringliche Farbe, großer rot- und schwarzbeeriger Fruchtcocktail, gute Mineralität, viel Biss und Länge, brauchte gut 2 Stunden in der Karaffe und wurde dann generöser und runder, kann sicher noch 5-10 Jahre gut altern - 91/100. Allerdings kam er mit dem mal wieder großartigen 2000 d´Aiguilhe nicht mit – 93/100.
Nervöse Endspielstimmung. Mit guten Rotweinen versuchte ich, die Temperamente zu zügeln. Aber 2002 Trilogia von Christos Kokkalis bewirkte eher das Gegenteil, oder waren es die Spanier mit ihrem gekonnten Fußball? In jedem Fall war dieser Trilogia wieder exotisch, fruchtig und einfach hedonistisch schön – 92/100. Deutschlands Helden mühten sich redlich, kamen aber gegen diese formidablen Spanier nicht an. Es war zum Haare ausraufen. Da konzentrierte ich mich dann doch lieber auf meinen Wein, einen 1986 Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve. Der hatte echte Sieger-Qualitäten, ein perfekt gereifter Cabernet-Traum in Minze, sehr elegant und lang am Gaumen, aus der Zeit, in der in Kalifornien noch große Bordeaux mit wenig Alkohol erzeugt wurden – 96/100. Das Spiel war aus, die EM zu Ende. Zweiter ist ja auch schon was in einem so hochspannenden Turnier. Ganz andere Sorgen hatten die Menschen sicher in dem Jahr, in dem der 1945 Vosne Romanée von Grivelet geerntet wurde. Die Natur bescherte damals echte Jahrhundertweine, so auch diesen sehr feinen, unendlich eleganten Burgunder, der mit seiner schöner Süße ewig lang am Gaumen blieb.- 95/100.
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S P I E L F R E I
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Lange Gesichter machten in dieser Zeit die Gastronomen, sofern sie nicht eine Kneipe mit Großbildschirm besaßen. Wir nutzten einen der spielfreien Tage zu einem Ausflug ins Berens am Kai, wo wir in größerer Runde ausschließlich auf Magnums setzten. Immer noch recht jung und bissig mit Zitrusaromen und frischem Apfel 2005 Rüdesheimer Berg Schlossberg Erstes Gewächs von Wegeler. Brauchte viel Luft und kam dann besser, war aber für den Jahrgang eher doch etwas enttäuschend – 88/100. Faszination pur brachte 1994 Etude aus dem Napa Valley von Tony Soter. Klar war da jede Menge satte, reife Frucht, Cassis in Reinkultur, aber nicht aufdringlich, sondern mit sehr nachhaltiger, dabei fast seidiger Eleganz und Frische, aus der Magnum immer noch jugendlich wirkend – 95/100. Keine Ahnung, was mich geritten hat, an diesem Abend meine einzige Magnum 1985 Silver Oak Bonny´s Vineyard mitzunehmen. Schlichtweg spektakulär war dieser Superstoff aus dieser kleinen, raren Einzellage wieder, die Anfang der Neunziger der Reblaus zum Opfer fiel. Fantastische Frucht, schwarze Johannisbeere, Schwarzkirsche, Minze und Eukalyptus, dazu die klassische Dill-Note der Silver Oak Weine, sehr druckvolle Aromatik, dabei kühl und puristisch in der Anmutung. Ewig haben viele der 85er Kalifornier gebraucht, die in ihrer Jugend oft als hart und ungenerös gelten. Jetzt sind die besseren davon Denkmäler, so wie dieses hier – 97/100.
Gut ging es uns auch im Regalido in Meerbusch-Strümp. Aus der nicht sehr umfangreichen, aber klug zusammengestellten Weinkarte starteten wir mit einem 2006 Ried Scheiben Grüner Veltliner Lagenreserve vom Weingut Leth aus Wagram. Ein gewaltiges Geschoss mit sattem Steinobst und viel Mineralität, aber mehr Kraft als Finesse, wurde mit der Zeit etwas breit und langweilig, wozu sicher der spürbare Alkohol(14,5%) seinen Teil mit dazu tat – 89/100. Besser gefiel uns da schon ein 2001 Wachenheimer Gerümpel Riesling Edition PC von Bürklin-Wolf, übrigens seit 2000 eine bio-dynamische Versuchsanlage. Der war noch taufrisch mit knackiger Säure, Zitrusaromen, reifer Apfel, etwas Minze, sehr animierend am Gaumen mit feinem Schmelz – 91/100. Ist übrigens auf dem Gut immer noch erhältlich. Sicher ist dieser gereifte, aber noch länger lagerfähige Wein eine hochinteressante Alternative zu viel zu jungen Weinen aus jüngeren Jahren. Als derber Bauernlümmel kam danach 1998 Montrose ins Glas, sehr rustikal, etwas Stall, blutiges Steak, an die nördliche Rhone erinnernd. Doch unsere Befürchtung, hier wieder eins dieser eher frustrierenden Montrose-Erlebnisse früherer Jahrgänge durchmachen zu müssen, verschwand schnell. Der Montrose glättete sich im Eiltempo, wurde gefälliger, weicher und entwickelte sogar eine feine Süße – 91/100. Ziemlich verschlossen danach ein 2000 Lagrange. Der hatte zwar eine schöne, schwarzkirschige Frucht, aber am Gaumen hing über den massiven Tanninen das große Schild „vorübergehend geschlossen“ – 88+/100. Deutlich offener und zumindest derzeit eine Klasse drüber 2000 Batailley. Der war in bestechender Frühform mit wunderbarer, fruchtiger Fülle. Da muss auf nichts mehr gewartet werden – 92/100. Als Abschluss orderten wir trotz Bedenken auf Empfehlung der Restaurantchefin einen 2001 Moscato Rosa vom Chateau Salegg aus Südtirol. Einen Moscato und dann auch noch aus der Gegend, wo früher der ominöse Kalterer See Auslese herstammte? Doch das war ein tiefdunkler Wein von alten Reben mit unglaublichem Tiefgang. Faszinierend die Nase, die an ein großes Rosenbeet erinnerte, am Gaumen würzig mit schöner Süße, die durch eine gute Säure balanciert wurde – 92/100.
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Juli 2008 | Mai 2008
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