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September 2008
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K U R Z E N T S C H L O S S E N
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Strohwitwer war ich an diesem Samstag, Hunger und Durst hatte ich, und alleine sein wollte ich auch nicht. Also schnell ein paar Weine aus dem Keller geholt und ab zu Schorn. Da fand am gleichen Abend eine interessante Best Bottle statt(detailliert beschrieben im Stern-Blog des Weinlakaien). Ich war dafür viel zu spät und im Lokal selbst war es – eine echte Ausnahme in diesem Jahr – viel zu warm, was leider auch auf die Weine durchschlug. Also verkrümelte ich mich auf Franz Josefs kleine Terrasse, wo ich nicht lang alleine blieb. Erster Wein ein 1986 Riesling Honivogl von der WG Wachau. Dieser Siegerwein einer großen Weißwein-Probe des Magazins Fallstaff mit 187 Weinen im Jahre 1988 ist ein echtes Phänomen. Ähnlich einem großen Bordeaux verschloß er sich nach ein paar Jahren, um erst in diesem Jahrtausend wieder allmählich aus der Versenkung aufzutauchen. Keinerlei Zeichen von Schwäche zeigt dieser sehr mineralische Riese, der für die Ewigkeit gemacht scheint. Präzise strukturiert und sehr nachhaltig, dabei elegant und fein mit fast moselanischer Mineralität, ein vielschichtiger, spannender, komplexer Wein – 95/100. Noch so ein Wein vom anderen Stern dann der 1990 Spätburgunder Tafelwein von Friedrich Becker. Etliche Proben hat der als Pirat schon gesprengt und auch Hardcore Weinkenner in die Irre geführt. Was da ins Glas kam, war wieder mal ein großes, junges, exotisches Teil, irrer Komplexität und Länge, ohne jedes Alter. Hält mit großen Burgundern spielend Schritt - 95/100. Hält sicher noch gut 10 Jahre stand, aber darauf, dass er so alt wird wie der nachfolgende 1929 Gevrey Chambertin in einer nicht näher identifizierbaren Händlerabfüllung, würde ich nicht wetten. Dieser 80jährige Weingreis zeigte auch schon Anzeichen von Senilität. Malzige Süße und feiner Schmelz, aber auch die gemüsige Note alter Riojas, hat sicher schon bessere Tage gesehen, trotzdem noch gut trinkbar – 89/100. Harte Kost danach ein 1947 Lynch Bages mit Säure ohne Ende. Eher Strafe für den Gaumen als Genuss und um Längen von der Flasche diesen Weines entfernt, die ich im Juni auf René Gabriels großer Lynch Bages-Probe trinken durfte. Ein reifer, sehr kräftiger Wein mit guter Länge war 1982 Clos de l´Oratoire, der sich jedoch stilistisch eher wie ein Cabernet-betonter Wein vom linken Ufer gab – 90/100. Und dann kam die Revanche des 1997 Pahlmeyer. Niedergemacht hatte ich diesen einstmals so großen Wein nach einer unterirdischen, auf Sylt getrunkenen Flasche. Damals blieb mir nur die Hoffnung, dass das ein Ausreißer war, lagen doch schließlich noch acht Flaschen davon in meinem Keller. Jetzt sind es nur noch sieben, doch die Freude ist zurückgekehrt. Das war wieder Pahlmeyer vom Feinsten, Sehr dichte Farbe, konzentrierte, üppige Frucht, Minze, kräuterige Töne, der Dill von Silver Oak, am Gaumen schiere Kraft und Opulenz, wieder alles gut, ein großes, hedonistisches Teil - 95/100. Gut mithalten konnte da ein 2003 Gabbro von Montepeloso. Dieser kalifornische Italiener aus dem heißen Jahr 2003 überzeugte wieder mit jugendlicher, überbordender Fruchtfülle, explosiver Aromatik aber auch perfekter Tanninstruktur – 94/100. Blieb zum Schluss noch ein sehr feiner, eleganter 1947 Corton Clos des Cortons von Faiveley, im Vergleich zu den vielen Wuchtbrummen, di dieser Jahrgang auch im Burgund erzeugte, eher etwas leichtgewichtig, aber wunderschön zu trinken – 90/100.
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G U I G A L 2 0 0 4
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Bei einem kürzlichen Besuch in meinem Stammlokal Dado hatte ich die 2004er LaLas von Guigal dabei. Der Jahrgang ist eher klein, die Preise nicht ganz so schlimm wie in besseren Jahren, aber weit von preisgünstig entfernt. Neugier war also angesagt, zumal ich eigentlich ein Fan von Guigals Weinen bin und diese auch in kleineren Jahren gerne mag. 2004 La Turque erinnerte mich mit seiner süßen Frucht und der hohen Mineralität an Aalto 2004, dem er aber das Wasser auch nicht entfernt reichen kann, zumal hier doch etwas sehr die hohe Säure stört - 92/100. Wohlgemerkt, ich spreche da vom einfachen Aalto, nicht dem außerweltlichen PS. 2004 La Landonne startete mit Trüffeln, Unterholz und etwas Wildgeruch, glättete sich für einen La Landonne erstaunlich rasch und die frische Frucht trat in den Vordergrund, störend aber auch hier die hohe Säure - 91/100. 2004 La Mouline war gut gelungener Mouline, wieder mit dem typischen Ausflug durch den großen Gewürzladen, für mich der beste der drei mit weniger aggressiver Säure und dem harmonischeren Gesamteindruck - 93/100. Insgesamt war ich von den drei Weinen jedoch eher enttäuscht. Vor allem die doch sehr aggressive Säure stört im jetzigen Stadium sehr. Wer nicht unbedingt den großen Namen auf dem Etikett braucht, findet für einen Bruchteil des Geldes erheblich mehr Weingenuss an anderer Stelle. Das gilt insbesondere für den jetzigen Genuss. Ich werde meine verbliebenen, wenigen Flaschen bis nach 2015 liegenlassen. Guigals Topweine aus kleineren Jahren spielen ihre Stärke eigentlich erst richtig nach 10-12 Jahren raus. Dann wirken sie harmonischer und komplexer.
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K L E I N E S C A L I F O R N I A - T A S T I N G
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Ein spontanes Abendessen war angesagt in kleinem Kreise. Mit dabei ein paar Einzelflaschen aus der Zeit, in der kalifornische Weine eher nach Bordeaux schmeckten. Harmloser Einstieg war ein 1986 Glen Ellen Cabernet Sauvignon. Das war von der Stilistik her ein kleiner, feiner, reifer Medoc mit dezenter Süße, aber recht kurzem Abgang – 84/100. Deutlich dichter, kräftiger und jünger in der Anmutung, auch von der Farbe her, ein 1982 Inglenook Cabernet Sauvignon. Mit seiner leicht trüffeligen Aromatik und dem guten Tanningerüst erinnerte er an 78 Latour und war ein guter Begleiter der zwei Trüffelgänge, die Franz Josef Schorn auf unsere Teller zauberte – 90/100. Große Überraschung dann ein 1977 Burgess Cellars Cabernet Sauvignon. Ein Traum schon die Nase mit viel Minze, Eukalyptus und darunter liegender, rotbeeriger Frucht, mit feinem Schmelz setzte sich diese betörende Aromatik nahtlos am Gaumen fort. Die Minzfrische und die tolle Länge erinnerten an große, ältere Lynch Bages – 95/100. Seit 20 Jahren erfreue ich mich jetzt an 1984 Grgich Hills Cabernet Sauvignon. Meine an diesem Abend genossene, letzte Flasche zeigte immer noch kein Alter. Der Wein stand wie eine Eins im Glas, wirkte frisch und verwöhnte mit dekadent leckerer Frucht – 92/100. Und dann kam wieder so ein unglaublicher No Name. 1978 war ein großes Jahr in Kalifornien. Davon zeugte auch dieser 1978 Rancho Yerva Buena Cabernet Sauvignon. Eine immense Süße zeigte dieser vollreife Wein. Der leichte Stinker in der Nase verflog rasch und machte intensiver Kirschfrucht mit leicht portigen Anklängen Platz, einfach ein dekadenter, leicht exotischer Wein – 94/100. Übrigens hatte dieser Wein aus dem Alexander Valley den damals unerhört hohen Alkoholgrad von 13,4%, was heute in Kalifornien eher als schmalbrüstig durchgehen würde. Geradezu jugendlich dann unser letzter Wein, ein 1986 Chateau Montelena. Wäre blind mit seiner wohl definierten, rassigen Frucht, dem intakten Tanningerüst und seiner gradlinigen Struktur auch als großer 86er vom linken Ufer durchgegangen, einfach ein großer, sehr überzeugender Wein, sicher noch mit Potential für 10-20 Jahre – 95/100.
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S Y L T E R N A C H S C H L A G
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Mit Sylt ist das so eine Sache. Entweder man kommt zum ersten und gleich auch zum letzten Mal, oder man kommt immer wieder. Ich gehöre zur letzteren Kategorie, und so konnte mich auch der atypisch grausame August nicht abschrecken. Schon im September habe ich mir an einem Wochenende einen Sylt-Nachschlag abgeholt. Etwas skeptisch waren wir gekommen, doch waren die Wolken, wo der Regen und wo der ständige Sturm? Wolkenlosen Himmel hatte die Insel für uns an allen drei Tagen parat mit sehr angenehmen Temperaturen, einfach Sylt vom Allerfeinsten. Da konnte man diese herrliche Insel einfach so in den Arm nehmen und hemmungslos abknutschen. Den ersten Abend verbrachten wir wieder im Munkmarscher Fährhaus. Alessandro Pape kocht inzwischen so gut, da würde ich wohl zu Not auch im Winter übers zugefrorene Wattenmeer hinrutschen. Das rar und teuer noch längst nicht immer gut ist, spürten wir dann beim Weißwein. Mit 94/100 wird der 2006 Miani Tocai Friulano Buri bei Parker über den Klee gelobt. Inga Mühlenbrock hatte uns trotzdem ob der zu Anfang doch extrem gewöhnungsbedürftigen Nase vorgewarnt. Der Wein roch tatsächlich im ersten Moment nach frisch Erbrochenem. Das gab sich dann mit der Zeit, die verhaltene Nase wurde würziger und mineralischer, aber auch etwas seifig. Am Gaumen frische Frucht und cremige Textur. Die eigentliche Stärke dieses eigenständigen Weines bestand dann im endlosen Abgang, zu dem die heftigen 15% Alkohol natürlich ihren deutlich Teil beitrugen. Wer braucht einen solchen Wein, der mich etwas ratlos machte? Ich sicher nicht, denn beim besten Willen bekam ich da nicht mehr als 87/100 ins Glas. Wine & Soul heißt das noch junge Gut eines begnadeten Önologen-Ehepaares, Sandra Tavares da Silva und Serodio Borges, im portugiesischen Dourotal. Und eine echte Seele hatte dieser faszinierende 2003 Pintas für mich. Endlich mal jemand, der die Trauben nicht bis zuletzt am Stock hängen lässt, dem Finesse vor Überreife geht und Frische vor Alkohol. Klar hat auch dieser Wein heftige 14%, aber da gibt es leider inzwischen in Portugal und Spanien auch ganz andere Kaliber. Für mich war dieser betörende wein eine Art portugiesischer Cheval Blanc, denn ähnlich wie dieser zeichnete er sich durch ein verführerisches Parfüm aus. Einfach ein seidiger, hocheleganter, vollkommen harmonischer Wein, der selbst nur in Riechfläschchen abgefüllt schon Furrore machen würde. Dazu so ein feiner, schmelziger Gaumenfluss. Da stimmte einfach das Verhältnis zwischen der süßen, aber überhaupt nicht marmeladigen, pflaumigen Frucht, der guten Säure und den reifen, weichen Tanninen. Ganz konservative 93/100 für einen Wein und ein Weingut, die ich ab sofort im Auge behalten werde.
Jetzt war ich schon so oft bei Jörg Müller und trotzdem verführt mich diese unglaublich umfassende, mindestens in Deutschland einmalige Weinkarte immer wieder zu eingehendem, nicht gerade partnerschaftsförderlichem Studium. Also machte ich es diesmal kurz und wählte als Weißwein den sensationellen 2002 Clos des Mouches von Drouhin, der mich wie schon im August wieder restlos begeisterte und locker 94/100 ins Glas brachte. Extrem positiv überrascht hat mich danach dann 1989 l´Eglise Clinet, den ich noch nie so gut im Glas hatte. Immer noch massives Tanningerüst zwar, aber auch erstaunlich frische Frucht und Bitterschoggi mit hohem Kakaoanteil. Entwickelte sich toll in Glas und Karaffe. Immer trüffeliger die dazu recht schokoladige Nase, eine solche Bitter-Trüffel-Schokolade kriegen nur Schweizer Top-Chocolatiers hin, am Gaumen sehr kraftvoll und unglaublich dicht, komplex und lang, ein Riese mit gewaltigem Potential – 95+/100. Wer derzeit nicht weiß, was er mit der unverhofften Erbschaft anstellen soll, dem rate ich statt einer Flasche 89 Petrus lieber zu einer Kiste 89 l´Eglise Clinet. Nach einem schlichtweg grandiosen Menü tranken wir als Abschluss noch einen schlichtweg außerweltlichen 1969 Laurent Perrier Millesime Rare. Unglaublich, was dieser große Champagner noch für eine Frische zeigte und welch lebendiges Mousseux, knochentrocken, aber hocharomatisch und dabei so jung, das war ganz großes Kino – 96/100. Das Geheimnis dieser Qualität liegt zum einen natürlich im Champagner selbst, zum anderen aber auch in der perfekten Lagerung bei gleichbleibend sehr niedrigen Temperaturen.
Einmal rund durchs Elsass aßen wir uns dann am letzten Abend bei André und Suzanne Speisser in Hady´s Weinstuben. Noch ein Weinbaby der 2005 Löwengang Chardonnay von Alois Lageder. Startete sehr verhalten mit viel Zitrus und floralen Noten und brauchte ewig. Hat sicher mal das Potential für 90/100, doch zu dem Zeitpunkt, wo ersich etwas mehr offenbarte, war ich schon zum ersten Roten gewechselt, einem 1994 Canon. Von dem hatte ich mir aus diesem ausgesprochen schwierigen, ungenerösen Bordeaux- Jahr nicht viel versprochen. Um so mehr überraschte er mich mit feiner Frucht und Eleganz. Da kamen gut und gerne 88/100 ins Glas. Eine weitere Überraschung danach 2000 Gloria. Dieses Gut hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht gerade mit Ruhm bekleckert, kein Vergleich mehr zu den großen Glorias früherer Jahre, z.B. dem 61er. Doch der überragende Jahrgang hat in 2000 wohl geholfen. Ein sehr fleischiger Wein mit würziger Frucht und reifen Tanninen, da kam für relativ kleines Geld richtig was in die Gläser, die sich auf 91/100 Niveau rasch leerten.
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V I R I D I A N A
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Österreichische Weine in Spanien? Warum nicht. Jedenfalls fiel uns auf der sehr umfassenden, recht international angehauchten Weinkarte des Viridiana in Madrid ein 2001 Nußberg Alte Reben von Wieninger auf. Für Madrider Verhältnisse ist dieses eher legere Restaurant, das ich seit über 10 Jahren kenne, recht unkonventionell. Das gilt auch für Küche von Abraham Garcia, der einer der ersten „Wilden“ in der spanischen Küche war. Zurück zum Nußberg von Wieninger, einem sogenannten Gemischten Satz aus einer berühmten Wiener Lage. Der war durchaus noch schön mit einer kräuterwürzigen Aromatik, wirkte aber auch schon verdammt reif. Wenn es nicht an der Flasche lag, sollte man diesen Wein sicher jünger trinken – 85/100. Ich werde mich auf die Suche machen. Weiterhin nicht suchen werde ich wohl Sassicia, von dem mich eigentlich nach 1990 alle Jahrgänge ausnahmslos enttäuschten. Wir probierten hier 2005 Sassicaia. Das war beileibe kein schlechter Wein. Sehr elegant und balanciert, aber auch etwas leichtgewichtig. Klar, 2005 war in Italien kein einfaches Jahr, aber wenn man Sassicaia an Anspruch und Preis misst, dann gehört auch dieser hier nahtlos zu den Jahrgängen nach 1990 und ist eher enttäuschend – 90/100. Aber ich kann es ja mit 2006 mal wieder versuchen. Mein Problem mit Sassicaia liegt wohl auch darin begründet, dass ich alle Jahrgänge seit 1968 gut kenne. Und da war nicht nur der legendäre 85er eine Sensation. Sassicaia hat seinerzeit serienweise Weltklasseweine erzeugt, und wer heute noch z.B. auf gut gelagerte 75er, 77er oder 78er trifft, kann bedenkenlos zugreifen. Da wirken die Weine nach 1990 so, als sei das komplette Gut seinerzeit auf die andere Straßenseite gewechselt. Sehr positiv überrascht waren wir von einem 1999 Homanegem a António Carqeijeiro von der Quinta Monte d´Oiro aus Portugal. Ein immer noch frischer, pfeffriger Shiraz, kraftvoll und elegant zugleich, sehr komplex und mit toller Länge am Gaumen – 93/100. Als wir danach noch mal den Sasicaia verkosteten, schmeckte dieser eher wie ein dünnes, rotes Wässerchen.
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L U C A S C A R T O N
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Fragen Sie doch mal in einem deutschen Restaurant als Aperitif nach einem klassisch ausgebauten Kabinett oder einer Spätlese von der Mosel. Da werden sie in vielen Häusern immer noch so schräg angeguckt, als kämen sie direkt aus dem Keller Ihrer Großeltern. Nein, Süß ist in Deutschland nicht angesagt und gilt in vielen Häusern geradezu als verpönt. Dabei wirkt ein solches Möselchen durch die knackige Säure eher als harmonisch-trocken und ist als erster Wein ausgesprochen animierend und erfrischend. Begriffen haben das längst viele der Pariser Spitzenrestaurants, die nicht nur grundsätzlich mindestens einen dieser Weine auf der Karte haben. Sie empfehlen diese Weine auch aktiv. So starteten wir bei Alain Senderens im Restaurant Lucas Carton auf Empfehlung des Sommeliers mit einem 2007 Brauneberger Juffer-Sonnenuhr Kabinett von Fritz Haag. Der machte mit seiner knackigen jugendlichen, fruchtigen Frische einfach unbändigen Spaß. Etwas an Fülle und Kraft zugelegt haben die Haag´schen Weine seit Sohn Oliver dort das Zepter schwingt. Geblieben ist aber die unnachahmliche Leichtigkeit – 91/100. Nach wie vor zu früh dran waren wir beim nachfolgenden 1988 Pape Clement. Man spürte das durchaus vorhandene Potential dieses Weines, aber die doch recht bissigen, etwas spröden Tannine überdeckten die Frucht und ließen nur reichlich Paprika raus – 87+/100. Meine eigene, im letzten Jahr für den Bericht über den Jahrgang 1988 geöffnete Kiste habe ich ohnehin in die hinterste Ecke des Kellers gepackt. Da sind wohl noch mal etliche Jahre Warten angesagt. Ganz anders dagegen der herrliche 1989 Cos d´Estournel. Den habe ich seit einer überzeugenden Fassprobe 1990 auf dem Chateau nicht mehr so schön im Glas gehabt. Zeigte sich trotz immer noch gewaltigem Tanningerüst erstaunlich offen mit süßer, würziger Frucht und trank sich einfach wunderbar – 94/100. Wie schön, wenn man davon noch reichlich hat und weiß, dass dieser Wein sich noch über lange Jahre entwickeln wird. Noch ein Wort zum Restaurant selbst, das vor ein paar Jahren durch die spektakuläre Rückgabe der drei Michelin-Sterne von sich reden machte. Man sitzt eher wie in einem gehobenen Bistro, der gesamte Firlefanz drum herum ist etwas reduziert, aber gekocht wird nach wie vor auf sehr hohem Niveau. Eher Paris-untypisch allerdings die Preise, z.B. mit € 110 für ein Degustationsmenü. Sicher eine Empfehlung wert.
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B O T A F U M E I R O
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Ein Klassiker ist das Restaurant Botafumeiro und gleichzeitig ein perfektes Abbild dieser angesagten, vibrierenden Stadt. Stets voll, laut, lebenslustig und herrlich unkompliziert. Wo in Madrid teilweise noch mit Krawatte diniert wird, hängt man in Barcelona als erstes das Sakko, sofern man überhaupt ein solches dabei hatte, über den Stuhl. Unverfälscht die legendärem klassische Fischküche, die in großen Portionen auf den Tisch kommt. 4sprachig die Karte des Restaurants, sicher 10sprachig das internationale Publikum, unter dem sich aber auch reichlich einheimische Stammgäste finden. Etwas gewöhnungsbedürftig ohne Jahrgangsangaben die dafür allerdings sehr gästefreundlich kalkulierte Weinkarte. Vor gut 20 Jahren war ich zum ersten Mal in diesem unbedingt empfehlenswerten Barcelona-Klassiker, der zwar größer geworden ist, sich aber sonst(gottseidank!) nicht geändert hat. Wäre doch jammerschade, wenn die riesige, frische Languste oder der wunderbare Angel-Steinbutt an der Gräte durch molekulare Schäumchen à la El Buli ersetzt worden wären. Wir hatten etwas zu feiern an diesem Abend, und das ging sehr gut mit einem erstaunlich reifen, verführerischen 2000 Dom Perignon. Sicher kein Langstreckenläufer wie z.B. 96, aber zum jetzt und in den nächsten Jahren trinken ein herrlich fruchtiger, weicher, sehr aromatischer Champagner mit cremiger Textur – 93/100. Herzhaft die Saucen unserer gut gewürzten Gerichte. Doch da war dem kraftvollen und mit reichlich Holz sowie guter Mineralität ausgestatteten 2000 Chardonnay Vinya Gigi von Jean Leon nicht bange vor. Der hielt gut mit und ging nicht in die Knie – 90/100. Das galt auch für den danach getrunkenen 2005 Ferratus von den Bodegas Cuevas Jiminez aus Ribera del Duero. Ein fleischiger, vollmundiger Wein mit guter Tannin- und Säurestruktur. Ein großer Beerencocktail, modern, ausladend und ziemlich süß, trotzdem mit guter Struktur und mit viel jugendlicher Röstaromatik – 92/100. Absoluter Höhepunkt unseres Abends war aber ein perfektes Retroerlebnis. Der charmante Maitre Bernard Chavant machte für uns und unser Geburtstagskind wahr, was hier nur noch in Ausnahmefällen zelebriert wird, Crêpe Suzètte, absolut köstlich und perfekt am Tisch zubereitet.
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W I L L K O M M E N I M H E R B S T
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Wir schrieben inzwischen das Ende des Monats September. Meterologisch hatte der Herbst längst begonnen. Sehr kühl inzwischen die Nächte, aber noch angenehm warm die Mittagstemperaturen bei wolkenlosem Himmel. Wir nutzten diesen herrlichen Sonntag Mittag und machten es uns im kleinen Innenhof des Meerbuscher Regalido gemütlich. Am Herbst stören mich die schnell kürzer werdenden Tage noch mehr als die zurückgehenden Temperaturen. Dafür liebe ich die Aromen des Herbstes um so mehr. Die waren inzwischen auch in der Karte des Regalido angekommen. Eine Variation vom Kürbis, viererlei von der Roten Beete, Tagliatelle mit Maroni und braisiertem Chicorée, frische Steinpilze, Weinbergschnecken – der Herbst darf bleiben. Patron Tobias verwöhnte uns mit einem hocharomatischen Menü, bei dem einfach alles stimmte. Unser erster Begleiter dazu war ein 1994 Riesling Burg Vendage Tardive von Marcel Deiss aus dem Elsaß. Ähnlich seinem Kollegen Nicolas Joly von Coulée de Serrant ist Deiss ein überzeugter Biowinzer, der strikt nach der Lehre von Rudolf Steiner arbeitet. Runter wie Öl ging dieser perfekt gereifte Wein. Honig in Petroleum hört sich komisch an, war aber sehr gelungen. Dazu kamen noch reife Ananas, Zitrus und etwas Bratapfel. Sehr füllig, komplex und dazu leicht restsüß mit endlosem Abgang, einfach traumhafter Stoff – 94/100. Wahrscheinlich waren es die unsäglichen Edelzwicker, die das Image der Elsässer Weine so beschädigt haben. Gerade die Vendages Tardives der besseren Elsässer Winzer entwickeln im Alter von 15-20 Jahren eine ungeheure Komplexität und Finesse. Die Restsüße ist dann weitgehend abgebaut und trägt zur Harmonie dieser faszinierenden Weine bei. Zu frecher gewürzten Speisen eignen sie sich ebenso wie zu reiferen Käsen, oder auch einfach nur als meditativer Begleiter eines schönen Sonnenuntergangs. Ich suche inzwischen gezielt auf Weinkarten und auf Auktionen nach reiferen Elsässer Weine, denen ich einige meiner schönsten Weißweinerlebnisse verdanke. Großes Kompliment an die charmante Restaurantleiterin Frau Bertel, die für die feine Regalido-Karte immer wieder solche Schätze ausgräbt. Einen frühherbstlichen Waldspaziergang mit Trüffeln, Maroni, frischen Pilzen und erstem welken Laub hatten wir danach mit einem 2000 Echezeaux von der Domaine Forey im Glas. Gute Frucht, seidig-elegant und nachhaltig, aber auch schon reif und auf dem Punkt wirkend – 92/100.
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Danke, dass Sie sich wieder die Zeit nehmen, dem Winterminator hier Ihre Stimme zu geben.
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Oktober 2008 | Sylter (W)Eindrücke 2008
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