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Mai 2007
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1 9 7 1 & C O
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Ein paar restsüße 71er sollten an diesem Abend dran glauben, und auch aus einigen Hochrisiko-Flaschen wollten wir den Korken ziehen. Die Leichtigkeit des Seins, einfach zeitlos schön der erste Wein, eine 1971 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese von Willi Haag. Kräftiges Goldgelb, nur ganz dezenter Petrolton, traubig, viel Honig, füllig, rund und einfach lecker. An diesem Wein stimmte einfach alles, auch die reife Säure, die die Süße gut abpufferte – 93/100. Von der Farbe her 1000 Jahre älter eine 1971 Brauneberger Juffer Beerenauslese von Licht-Bergweiler. Tiefgülden mit malzig-rosiniger Süße. Wirkte im Vergleich zum Haag erst etwas müde. Das legte sich, als Franz Josef Schorn ein würziges Käsegericht auftischte. Der Wein schien das förmlich als Herausforderung zu begreifen und legte massiv zu, wirkte plötzlich erstaunlich frisch, karamellig und schien nach einigem Luftkontakt auch noch Alterungspotential zu haben – 91/100. Leicht irritiert wirkte mein Gegenüber beim nächsten Wein. War das, was da mit sehr dunkler Farbe ins Glas kam, ein Rot- oder ein Weißwein? Massig Kaffee, Oregano, die volle Apotheken-Kräutermischung, dezente Süße. Letztlich verriet die klassische Burgundernase den Rotwein. Am Gaumen zeigte die 1971 Marienthaler Klostergarten Spätburgunder Beerenauslese vom Staatsweingut Kloster Marienthal von der Ahr noch ein erstaunliches Tanningerüst und bewies Zukunftspotential. Ein zwar fülliger, aber gut strukturierter, nur dezent süßer, großer Wein, der in seiner Jugend sicher pappig süß und untrinkbar war. Ein großes Weinerlebnis – 94/100. Aber, Hand aufs Herz, würden Sie sich trauen, so etwas in einem Restaurant zu bestellen oder auf einer Auktion zu kaufen? Damit waren wir in der Risikoabteilung. Keine Farbe mehr hatte ein 1926 Chateauneuf-du-Pape von L. Sayn. Die war ausgefällt und lag quasi als Depot auf dem Flaschenboden. Wir öffneten ihn trotzdem. Überraschenderweise war das zu Anfang noch ein wunderbarer Wein mit würziger Süße, am Gaumen deutlich besser als in der doch deutlich gezehrten Nase. Nach 15 Minuten war aber Schicht im Glas und der Wein zerfiel ganz rasch. Nur noch Essig und von rein historischem Interesse war ein 1926 Vosne Romanée von Pierre Ponelle. Beide Weine hätten eigentlich jahrgangstypisch deutlich besser sein müssen. Sie stammten beide aus demselben Privatkeller, der augenscheinlich zwar relativ konstante Temperaturen hatte(sehr gute Füllstände!), die aber wohl deutlich zu hoch lagen. Etwas irritierend war die Waschpulvernase des danach folgenden 1950 Talbot. Ansonsten war dieser noch ziemlich tiefdunkle, sehr kräftige Wein gut trinkbar, wirkte aber etwas ungelenk und ließ die Finesse älterer, gereifter Talbots vermissen – 86/100. Ein Trauerspiel war dann ein 1995 Tom Eddy Cabernet Sauvignon aus Kalifornien. Ich kam mir vor, als sollte ich in einer Kraftfahrzeugwerkstatt ein Glas voll Altöl austrinken. Was für ein merkwürdiges, dumpfes Teil, bei dem der Lack völlig ab war. Nein, das war kein Kork, dieses reichlich teure, kalifornische Edelteil war einfach hin. Leider kein Einzelfall. In Kalifornien werden seit Anfang der Neunziger andere Weine gemacht als zuvor. Junge, geile Teile, die förmlich aus dem Glas springen. Da muß man auf nichts mehr warte. Einfach aufreißen und genießen. Die Kehrseite der Medaille ist eine deutlich verkürzte Lebensdauer, zumindest bei vielen der Weine, die nicht wirklich von der Substanz her aus der ersten Liga stammen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Kalifornienfreaks statt über einem Weinkeller inzwischen über einer Leichenhalle wohnen, ohne es zu wissen. Der letzte Wein, ein 1955 Gressier-Grand-Poujeaux, hatte für das Alter noch eine Mörderfarbe. Wir hätten ihn nur angucken sollen. Am Gaumen war da nur Säure, Säure und nochmals Säure. Ein sehr ungeneröses Zeugs – 75/100.
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S P A R G E L , D I E E R S T E
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Wer mich fragt, ob ich mit Spargel essen möchte, der hat sich die Antwort schon selbst gegeben. Ich liebe das königliche Gemüse und lasse keine Gelegenheit aus, darüber herzufallen. So auch an diesem schon fast hochsommerlichen Samstagmittag auf der Terrasse eines guten Weinfreundes. Über den perfekten Spargelwein machten wir uns keine Gedanken. Die Fresszeitungen sind in jedem Frühjahr voll nicht nur mit neuesten Spargelrezepten, sondern auch mit Empfehlungen zum angeblich perfekten Weinbegleiter. Ich mache mir darüber weniger Gedanken. Spargel ist, je nach Zubereitung, mit den unterschiedlichsten Weinen kombinierbar, weiß wie rot. Wir starteten mit einem 2005 Königsbacher Idig von Christmann aus der Magnum. Der zeigte sich erstaunlich reif und offen, was mir schon bei vielen 2005ern aufgefallen ist. Ein großer, saftiger Wein mit viel Tiefgang – 94/100. Marille pur dann in der Nase des 2000 Riesling Unendlich von F.X. Pichler und eine hohe Mineralität. Jetzt weiß ich endlich, wo der Name herkommt. Der war so unendlich(!) druckvoll und nachhaltig am Gaumen und wirkte trotz aller Kraft und der satten 15% Alkohol nicht überladen oder dick, ein Weltklasseriesling – 97/100. Nicht dahinter verstecken musste sich ein Wein, der 1988 sensationell eine große Vergleichsprobe des Fallstaff mit 187 Weißweinen gewonnen hatte, der 1986 Ried Achleiten Riesling Honifogl der WG Wachau. Wie ein großer Bordeaux hatte sich dieser Wein nach einigen Jahren total verschlossen. Nach weit über 10jährigem Tiefschlaf läuft er jetzt zu einem zweiten Höhepunkt auf. Dabei ist er so präzise strukturiert, so elegant und fein mit fast moselanischer Mineralität. Ein vielschichtiger, spannender, komplexer Wein, gemacht für die Ewigkeit – 96/100. Ein sehr gutes Bild gab auch ein 1999 Cor Römigberg von Alois Lageder ab. Süße Beerenfrucht, Sauerkirsche, rauchige Noten, am Gaumen wiederum sehr fein mit samtigen Tanninen und in seiner seidigen Eleganz an einen Cheval Blanc erinnernd – 93/100. Jetzt wohl auf dem Trinkhöhepunkt.
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S P A R G E L , D I E Z W E I T E
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Außerhalb der Spargelzeit ist Walbeck ein verschlafenes Dorf, um das man auch eine Dornröschenhecke pflanzen könnte. Aber in der Spargelsaison steppt hier der Bär. So auch an diesem Maiwochenende. Da wurde mal wieder eines dieser Spargelfeste gefeiert und Massen wälzten sich durch das Dorf. Deutlich beschaulicher ging es auf der Terrasse der Alten Bürgermeisterei zu, einem meiner Lieblingslokale am Niederrhein. Was da Familie Verheyden auf die schön gedeckten Tische bringt, ist die 15 Gault Millau Punkte gut wert. Auch und gerade außerhalb der Spargelzeit. So delektierten wir uns vor dem Spargel noch an ein paar spargelfreien, gut gelungenen Vorspeisen. Dabei begleitete uns auf vorzügliche Art und Weise ein 2004 Chardonnay vom Weingut Huber aus Baden, dem wieder vorbildlich der Spagat zwischen Kraft und Finesse gelang – 91/100. Vom nachfolgenden 2002 Spätburgunder Reserve, ebenfalls von Huber, waren wir so angetan, dass aus einer Flasche zwei wurden. Herrliche Frucht, gute Struktur und Länge, ein Prachtburgunder, deutlich besser als der erst vor wenigen Wochen getrunkene 2003er des Gutes – 92/100.
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P U R E S Ü N D E
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Seit langem bin ich in einem meiner Lieblingslokale schon um diese Flasche herumgeeiert. Ein Cheval Blanc aus dem Jahre 1911, noch original verkorkt, seit über 80 Jahren ausschließlich in diesem Keller liegend. So etwas gibt es auf dieser Welt einfach nicht mehr. Natürlich hatte die Flasche ihren Preis, deshalb habe ich auch monatelang gezögert. Auch auf die Gefahr hin, dass mir diesen Wein einer dieser Herren wegschnappt, die über unsere überhöhten Energierechnungen steinreich und damit preislich absolut schmerzfrei geworden sind. Schon mal daran gedacht, dass Sie bei jedem Tankvorgang den Petrus-Genuss eines dieser Potentaten subventionieren? Ein grausamer Gedanke. Ich hatte Glück. Als mich an diesem lauen Maiabend in kleiner, feiner Runde der entgültige Leichtsinn überkam, und dieser Leichtsinn von meinen Mitstreitern voll geteilt wurde, war der Cheval noch da, und wir schlugen zu. Doch der Reihe nach. Die pure Sünde hatten wir schon mit einem weißen 1992 Fieuzal im Glas. Der war noch so taufrisch mit feinen Röstaromen in der Nase, nussig, Stachelbeere, Limonen und auch Cassis, am Gaumen rassig frisch aber zugleich auch mit burgundischer Fülle. Absoluter Traumstoff, für den ich den sündhaft teuren Haut Brion Blanc jederzeit gerne stehen lassen würde. Sicher noch 10 weitere Jahre ein Gedicht, erinnerte mich nicht nur an die großen Fieuzals aus 85 und 87, sondern auch mit etwas Wehmut an die Kiste 92er, die ich leider längst ausgetrunken habe – 95/100. Pure Sünde danach ein 1937 Aloxe Corton Les Caillots von Louis Latour. Der schlägt mit seiner pikanten Frucht und seiner wunderbaren Eleganz locker alle 80er Burgunder in die Büsche. So etwas würde ich gerne mal in vollen Zügen aus der Doppelmagnum trinken. Das wäre wie allerfeinste Seide von der Rolle. Ein perfekt gereifter Burgundertraum, mehr Finesse als Kraft, unendliche Länge und schwerelose Eleganz am Gaumen, Reife ja, aber kaum spürbares Alter – 97/100. Und dann kam er, der 1911 Cheval Blanc. Gut 20 Minuten brauchte der arme Sommelier, der sicher mehrfach bereute, dass er begonnen hatte, den sehr bröseligen Korken unter unseren Augen zu entfernen. Aber er machte seinen Job bravourös. Ins Glas bekamen wir einen erstaunlich rüstigen Weingreis mit immer noch gesunder Farbe. In der Nase Oliven und viel Unterholz, ein großer Spaziergang durch einen frühherbstlichen Wald nach einem Regenschauer. Immer noch die sprichwörtliche Eleganz eines großen Cheval Blanc, auch am Gaumen. Klar war da nicht mehr viel Kraft, keine Power wie beim 47er, aber immer noch erstaunliche, fruchtige Finesse, einfach delikat, unterstützt von einer leichten Säure. Immer mehr entwickelte sich dazu am Gaumen die feine Süße eines perfekt gereiften, alten Weines. Da ist schon etwas Ehrfurcht und Demut angesagt beim Genuß eines solchen Monumentes. Und man muss alte Weine natürlich mögen. Das macht letztendlich die Bewertung schwer. 96/100 würde ich diesem Wein locker geben. Aber was heißt das? 98/100 soll ja 2004 Numanthia haben. Welchen ich da wohl lieber trinken würde? Eine Antwort darauf brauche ich wohl nicht zu geben. Püre Sünde auch zum Schluss unserer kleinen dekadenten Weinsause. Einmal in Fahrt stürtzten wir uns auch einen 1919 Muscat de Samos von P. Antoniades. Was für ein Gedicht, dieser griechische Süßwein. Kraft und Freude zugleich. Rosenduft, Muskat, aber auch der Geruch frisch kandierten Zuckers, der mich auf Volksfesten immer zu den Buden zieht, wo gebrannte Mandeln gefertigt werden. Am Gaumen ein süßes, aber nicht klebriges Konzentrat mit irrer Länge, auch hier wieder der kandierte Zucker, den man schon in der immer noch erstaunlich brillianten, bräunlichen Farbe zu erkennen glaubte. Einfach großartig – 96/100. Wie heißt es doch so schön: Wer schläft, sündigt nicht. Wer vorher sündigt, schläft besser. Ich habe nach diesem Abend hervorragend geschlafen.
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P U R E L U S T
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Ein kleiner, feiner Kreis von Weinfreunden und darunter gleich zwei absolut begnadete Hobbyköche, die uns auf Sterneniveau nach Strich und Faden verwöhnten. Klar, dass da auch entsprechende Weine auf den Tisch kamen. Als obligatorischen Begrüßungsschluck offerierte uns der Hausherr einen 2005 Rüdesheimer Berg Rottland Alte Reben von Leitz. Dem haben wir mit Sicherheit Unrecht getan, denn der kam zu kalt in ein zu kleines Glas und wurde zu schnell getrunken. Keine Chance zur Entfaltung, deshalb verzichte ich auf eine Bewertung. Was mir trotzdem auffiel ist, das auch dieser 2005er wie fast alle Weine dieses Jahrgangs erstaunlich frühreif und entsprechend voll trinkbar war, oder zumindest so wirkte. Rot war ansonsten die Farbe des Abend. Als Einstieg gab es gleich den ältesten Wein und den auch noch aus der halben Flasche, ein 1955 Magnan-la-Gaffelière aus St. Emilion in einer belgischen Händlerabfüllung. Natürlich war der reif und sicher auch schon etwas über den Punkt, aber immer noch mit viel Genuss zu trinken. Kräftige Farbe mit deutlichen Brauntönen, am Gaumen feine, karamellige Süße – 87/100. Und nach dem ältesten Wein des Abends kam sogleich der beste, ein 1967 Lindemans Hunter River Burgundy Bin 3565 aus Australien. Von der Bezeichnung Burgundy durfte man sich dabei ebenso wenig irritieren lassen, wie von der Burgunderflasche. Produziert wurde dieser Wein aus „Hermitage Grapes“, also Shiraz. Unglaublich, was dieser Wein mit bescheidenen 12% Alkohol für eine geschmackliche Dichte bot. Satte Farbe mit leichtem Orangenrand, Sattelleder, Kräuter, etwas Minze und Eukalyptus, angenehme Exotik, am Gaumen Pracht und Fülle mit wunderbarer Länge, ein sehr komplexer, facettenreicher Wein, der immer neue Geschmacksnuancen offenbarte und ein ganz großes Weinerlebnis – 97/100. Wie eine Karikatur wirkte gegen diese klassische, australische Weinlegende, einer der höchstbewerteten, heutigen australischen Weine, der 2002 Torbreck Run Rig. Üppig, breit, alkoholisch, bonbonhaft süß, fast diffus, marmeladig dick. Klar stirbt man da nicht dran, wer täglich seine Familienflasche Cola braucht, der ist auch bei diesem Typ Wein richtig aufgehoben. Er ist gefällig, gut zu trinken und macht schnell blau. Also einfach aufreißen und reinschütten. Viel nachdenken muss man auch nicht darüber, da sind weder Spannung noch Struktur. Kochen muss man dazu nicht, er macht auch so satt. Und lagern muss man ihn auch nicht, ich würde sogar davon abraten. Klar habe ich hier deutlich überzeichnet, aber der Run Rig ist ein Wein, der wie viele seiner modernen australischen Gegenstücke polarisiert. Es gibt große Fans dieser modernen Stilrichtung, auch unter meinen Weinfreunden, die können dann auch Parkers 99/100 nachvollziehen. Ich tue mich mit 92/100 schon schwer. Kopfschütteln auch beim nächsten Wein. Auch der war uns, wie alle Weine, blind serviert worden. Schnell waren wir bei einem jungen Syrah von der Rhone und bei Guigal. Erst ganz am Anfang, in so einer Art infantilen Jungweinphase, dabei erstaunlich weich, sehr würzig, komplex mit sehr guter Länge am Gaumen, im jetzigen Stadium einfach lecker. 2003 La Mouline von Guigal war das, ein wunderbarer Wein, aber 100/100, wie sie Parker vergeben hat? Da habe ich schon deutlich größere Weine von Guigal getrunken, auch La Moulines. Hier und heute hatten wir da 95/100 im Glas. Möglich, dass der La Mouline in den nächsten Jahren noch zulegt, aber Perfektion? Da habe ich große Zweifel. Im anderen Glas ein 1988 Côte Rotie von Jamet. Kräftig, rustikal, deutlich ruppiger als der feine La Mouline, von der Aromatik her war das hier ein blutiges Steak vom Holzkohlengrill, kräftige Säure, etwas kurz am Gaumen – 93/100. Nördliche Rhone war für uns auch beim nächsten Wein klar, doch weit gefehlt. Wir hatten einen 1988 Penfolds Grange vor uns, einen Grange, wie sie früher gemacht wurden. Klar hatte der Frucht, Kraft, viel Substanz, aber er war gleichzeitig so balanciert. Ein großer Klassiker mit dem Besten aus der alten und der Neuen Welt. Würde der nördlichen Rhone sicher keine Schande machen – 96/100. Auf gleichem Niveau ein 1970 Eileen Hardy Bin 80 McLaren Vale Shiraz. Wenn man diesen ersten Jahrgang von Eileen Hardy im Glas hat, fragt man sich, warum Australien heute bevorzugt süße Suppe produziert. Dieser Riesenstoff hier wirkte immer noch so jung und frisch mit feiner, würzig-pfeffriger Frucht, so ausgewogen, voller Finesse und mit überzeugender Länge am Gaumen. Macht nicht satt, sondern mit jedem Schluck neugierig auf den nächsten – 96/100. Sehr fein, fast filigran ging es weiter mit einem 1993 Beringer Cabernet Sauvignon Chabot Vineyard. 93 gehört sicher nicht zu den besten Beringer-Jahrgängen in den Neunzigern, wie bei den meisten andern Gütern auch. Aber mit seiner wunderbaren Frucht, seiner Leichtigkeit und Eleganz kann dieser ganz und gar Kalifornien-untypische Wein doch überzeugen – 92/100. Leider nicht sagen konnte man das vom Wein im Nachbarglas, einem 1993 Latour. Der hatte Brettamycose ohne Ende und so extrem, dass man auf gut deutsch das Gefühl hatte, da habe jemand ins Glas geschissen. Am Gaumen dazu grasige Töne, unreife Tannine. Für ein 1er Cru ist dieser Wein, bei dem in der Vinifizierung sicher einiges schief gelaufen ist, eine Frechheit. Der hätte deklassiert gehört – 84/100. Zum Schluss unserer kleinen Verkostung zeigte sich Kalifornien noch zweimal von seiner besten Seite und brachte die Lust in die Gläser zurück. 1992 Dominus, dieser stets unterschätze Langstreckenläufer, überzeugte wieder mit Redernholz ohne Ende, klassischer Bordeaux-Stilistik, Kraft ohne Ende, immer noch jung, aber sehr komplex. Dieser Riese wird fast alle anderen Kalifornier dieses Jahrgangs spielend überleben und hat sicher Potential für noch zwei Jahrzehnte – 95/100. Im anderen Glas ging es deutlich üppiger und süßer zu, aber keinesfalls plump. 1997 Phelps Insignia brachte die reife, pralle Frucht, diese Massen an Cassis und Schwarzer Johannisbeeere, dieses kalifornischen Superjahrgangs erstaunlich balanciert und strukturiert ins Glas. Sicher ist das kein Wein für die Ewigkeit. In 5 Jahren ist da der Lack weitgehend ab, aber heute sind da lustvolle 95/100 im Glas.
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P U R E R G E N U S S
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Ein paar Tage später durfte ich kulinarisch schon wieder schwelgen. Meine Tochter war zu Besuch und bekochte uns vom Allerfeinsten. Klar, dass ich dazu auch ein paar anständige Weine aus dem Keller holte, aber mit Anjas superben Kochkünsten konnte ich an diesem Abend nicht mithalten. Zu Anfang musste ein 1996 Veuve Clicquot La Grande Dame dran glauben. Kräftig, sehr jung, groß und noch etwas verschlossen diese perfekt strukturierte Cuvée, die jetzt schon Spaß macht, aber erst in 5+ Jahren richtig zeigen wird, was sie drauf hat, an diesem Abend waren da 91/100 im Glas, 3-4 kommen mit den Jahren sicher noch hinzu. Ein 1987 Phelps Insignia machte mich etwas ratlos. Auf der einen Seite ein feiner, eleganter Wein mit deutlicher Bordeaux-Stilistik, mineralisch, Zedernholz, kein erkennbares Alter, auf der anderen Seite waren da die deutlichen, staubigen Tannine und das fast völlige Fehlen von Frucht, die 96/100 des Wine Spectator waren da auch nicht annähernd im Glas, mit 88/100 ist der derzeitige Zustand dieses Weine gut bedacht. Ob da irgendwann ein Wunder passiert? Ich fürchte eher, dass bei diesem Wein, der nicht zu den großartigen Insignias aus 84,85 und 86 passt in der Vinifikation irgendetwas schiefgelaufen ist und dieser Wein langsam austrocknet. Grosse, freudige Überraschung dafür 1975 Nenin. Das war wieder so ein erfolgreicher Pomerol-Langstreckenläufer aus 75, dichte Farbe mit dezenten Reifetönen, intensive Minznase, am Gaumen füllig und weich mit Schokolade, Mokka und süßem Schokokonfekt, ein vollreifer, hedonistischer Bilderbuchpomerol - 94/100. 1975 war nicht nur in Pessac(La Mission & Co) ein Riesenjahrgang, sondern auch in Pomerol. Allerdings erforderten die Weine eine enorme Geduld, die jetzt belohnt wird. Viel gute Erfahrungen habe ich bisher auch mit 26ern gemacht, aber bei dem kürzlich in Frankreich erworbenen 1926 d´Issan fand das 26er Wunder trotz sehr guten Zustandes der Flasche nicht statt. Der hatte zwar die karamellig-süße Nase eines großen, reifen Riojas, wirkte am Gaumen aber recht säuerlich und zerfiel rasch – 77/100. Um so überzeugender der nachfolgende 1961 Gaffelière-Naudes. Der war noch so dicht, jung und kraftstrotzend, in der Nase Holzkohle, ausgehendes Feuer, immer noch intakte Tanninstruktur, tolle Länge, ein extrem gut gelungener St. Emilion mit reichlich Potential, den kaum jemand kennt und bei sicher noch 10-20 Jahre angesagt sind - 95/100.
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P U R E N E U G I E R
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Gegraben habe ich an zwei Anlässen auch noch etwas in der normalen, vor allem aber auch in der Raritätenkarte des Restaurant Fehrenbach in Düsseldorf. Das Dilemma solcher Einzelflaschen-Karten ist ja, das sie meist sehr schnell geplündert sind. Insbesondere dann, wenn ein Restaurant wie das Fehrenbach absolut angesagt ist. Von der normalen Karte starteten wir mit einem 2005 Hattenheimer Nussbrunnen Erstes Gewächs von Balthasar Ress. Der war wie fast alle 2005er voll da und sehr gut trinkbar mit satter Frucht und guter Säure – 90/100. Immer mehr erinnern mich die deutschen 2005er an den Jahrgang 2003. Wahrscheinlich werden wir in Zukunft umdenken müssen. Die großen Jahre werden nicht mehr die mit dem Supersommer und der großen Hitze sein. Durch die Klimaveränderung rücken die vermeintlich kleineren Jahrgänge in den Vordergrund, in denen die Weine nicht nur satte, überreife Frucht mitbekommen, sondern auch genug Säure und Spannung. Generell gefällt mir 2002 besser als 2003, 2004 besser als 2005, und sollten wir in diesem Jahr wieder einen Super-Sommer mit dem nächsten Jahrhundertjahrgang bekommen, decken sich kluge Weinfans(und ich auch) lieber mit den gut strukturierteren 2006ern ein. Dann fiel unser Blick auf einen 1996 Newton Chardonnay Red Label. Der wirkte zu Anfang schon etwas oxidiert und verdammt alt, entwickelte sich dann aber sehr schön im Glas, war sehr nachhaltig und für einen kalifornischen Chardonnay erstaunlich tiefgründig – 91/100. Als ich auf der Karte einen 1978 Vignelaure entdeckte, musste ich an meine ersten Gehversuche in Sachen Wein denken. Damals gehörte Vignelaure zur Grundaustattung meines noch jungen Kellers. Ebenso jung habe ich die Vignelaures mit viel Freude getrunken. Bei der positiven Erinnerung hätte ich es besser belassen. Den 78er hätte ich jetzt blind für einen 40-50 Jahre alten, kleineren Bordeaux aus einem mittelprächtigen Jahr gehalten. Er wirkte schon verdammt alt und gebrechlich und nur die relativ hohe Säure hielt ihn am Leben. Seine besten Zeiten hat dieser Wein schon mindestens 10 Jahre hinter sich. Er bäumte sich zwar zum Ende hin im Glas noch einmal etwas auf und zeigte Ansätze einer feinen Süße, aber das war es dann auch – 83/100. Werden wir in Zukunft angesichts der exorbitant steigenden Weinpreise in der Gastronomie an Stelle der unbezahlbaren, großen Namen nur noch Zweitweine finden? Besser nicht. Der 2003 Petit Cheval besaß eine vielversprechende Nase geprägt von jugendlichen Röstaromen, viel Kaffee, geröstetes Brot. Das machte neugierig, aber auf was? Am Gaumen war das ein harmloser Schlabbersaft, dem Biss und Struktur fehlten. Da stimmten weder Säure noch Tanningerüst, und der Abgang war ausgesprochen schwach. Rote, einfach zu trinkende Weinlimonade, süß und langweilig. Statt Petit Cheval müsste der „Pas de Cheval“ heißen, denn mit dem großen Wein hat der nun gar nichts zu tun – 86/100.Enttäuscht war ich auch vom 1989 Tourelles de Longueville. Der war schlichtweg zu alt. Tannine und Struktur hatte er noch, aber statt Frucht zeigte er nur noch Bitternoten – 85/100. Lieber ehrliche Erstweine kleinerer, ambitionierter Winzer, als die zum schnellen Verzehr bestimmten, inzwischen ebenfalls überteuerten Zwitgewächse der großen Chateaus. Dabei muss ich eine sehr löbliche Ausnahme unbedingt nennen: Les Forts de Latour. Wie ein gut gemachter Zweitwein eigentlich schmecken müsste, zeigte die 2003 Pichon Comtesse de Lalande. Ganz nett und schön zu trinken, mit reifer, beeriger Frucht, aber um Längen von der Klasse entfernt, wie sie junge Comtesse in den 80ern zeigten – 91/100. Zweitweinqualität zum Erstwein-Preis, mal was ganz neues. Da dann doch lieber so einen eigenständigen Charakterwein wie den 2003 Anima Negra aus Mallorca. Aus autochtonen Rebsorten wie Callet, Fogoneu und Mantonegro entsteht dort ein Wein mit spanisch anmutender, würziger, rauchiger Aromatik und leicht animalischer Nase, spannend und vielschichtig am Gaumen – 91/100. Sehr überzeugend zum Abschluss eine 1994 Oberhäuser Brücke Auslese Goldkapsel von Dönnhoff. Immer noch sehr jung wirkend mit hohem Extrakt, schöner Süße und knackiger, fast noch bissiger Säure, sehr gute Länge – 93/100. Seinen Meister fand dieser Wein in einer Wehlener Sonnenuhr Auslese Goldkapsel von JJ Prüm. Ebenfalls noch irre jung, taufrisch mit fantastischer Frucht, knackiger Säure, sehr lang und komplex mit tollem Extrakt, dabei mit einer faszinierenden Leichtigkeit, bleibt ewig am Gaumen, Wahnsinnsstoff - 95/100.
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Juni 2007 | April 2007
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