Wineterminator zum Thema Weinbewertung

Über kaum ein Weinthema wird so heftig gestritten wie über das Thema Weinbewertung. Darf und kann man Weine überhaupt bewerten, und wenn ja, wie präzise kann und darf eine solche Bewertung überhaupt sein?

Lassen Sie uns zunächst zwei Dinge fein auseinanderhalten, die professionellen Weinschreiberlinge einerseits, die gegen Geld für Dritte produzieren und die privaten Weinfreunde andererseits, die Weine für sich selbst bewerten.

Weinjournalisten, unsere „professionellen Verkostungsknechte“ müssen Weine bewerten, das ist inzwischen wohl unstrittig. Zu einer fundierten Beschreibung des verkosteten Weines gehört einfach ein resümierendes Urteil in Form einer Note dazu.

Und was ist mit Ihnen? Warum sollten Sie überhaut Weine bewerten und wenn ja, wie gehen Sie da sinnvollerweise vor?

Das Beschreiben und Bewerten von Weinen macht nicht nur Spaß, insbesondere wenn es im Rahmen von Verkostungen oder Proben erfolgt. Es hilft Ihnen auch, Ihr ureigenes Geschmacksbild zu prägen. Sie können mit Hilfe Ihrer eigenen Bewertungen besser die Entwicklung eines Weines verfolgen, und bei Kaufentscheidungen sollte Ihr eigenes Urteil stets über dem professioneller Verkoster stehen.

Ich sammle seit fast 20 Jahren meine eigenen Verkostungsnotizen und verwalte diese in einer Datenbank. Wenn ich z.B. bei Ebay einen Wein ersteigern möchte, interessieren mich zuallererst die „Beckerpunkte“, d.h. meine eigene Bewertung eines Weines. Schließlich kaufe ich den Wein ja nicht für den Gaumen und den Keller der Herren Parker und Gabriel, sondern für meinen eigenen.

Wie aber Weine bewerten? Fangen wir ganz einfach an, mit „schmeckt“ und „schmeckt nicht“. Da haben Sie schon Ihr erstes Bewertungssystem mit genau zwei Stufen. Das ist leicht anzuwenden und bedarf keiner weiteren Erklärung. Wenn es Ihnen reicht, bleiben Sie dabei.
Wahrscheinlich werden Sie aber schnell anfangen, Ihre Urteile zu verfeinern. Da kommen dann Kategorien dazu wie „schmeckt einigermaßen“ oder „schmeckt hervorragend“. Ganz schnell sind Sie dann bei sechs Kategorien, passend zu unseren Schulnoten. Das ist dann schon ein sehr brauchbares, selbst erklärendes System mit dem man gut leben kann. In etwa entspricht es dem englischen Sterne-System, wie es zum Beispiel von Broadbent oder dem DECANTER angewandt wird. „Kein Stern“ wäre demnach ungenügend, und die Höchstnote 5 Sterne stände für das deutsche „Sehr Gut“.

Diese sechsstufige Skala ist durchaus brauchbar. Insbesondere eignet sie sich für die Verkostung junger, unfertiger Weine, z. B. für Fassproben beim Winzer. Und auch bei dieser Skala gilt, wenn Sie Ihnen reicht, bleiben Sie dabei.

Für die engagierteren Weinfreund unter uns taucht dann bei einer solchen 6-teiligen Skala schnell ein weiteres Problem auf. Die Weine mit der Höchstbewertung sind ganz speziellen Gelegenheiten vorbehalten. Andererseits bauen wir unseren Weinkeller so auf, dass möglichst keine Weine drin sind, die nicht mindestens ein „befriedigend“ entsprechend drei Sternen bekommen. Da sitzen wir dann abends mit guten Freunden und ein paar Flaschen Wein. Und unser feines, sechsstufiges Bewertungssystem ist plötzlich wieder auf zwei Stufen geschrumpft. Und wie bewertet man einen Wein aus dem eigenen Keller, der beim letzten Mal ein „gut“ bekam und der jetzt zugelegt hat, ohne die nächste Stufe zu erreichen? Oder was für eine Note gibt man, wenn ein 3-Sterne Wein nicht so überzeugend war wie ein anderer 3-Sterne Wein, aber deutlich besser als 2 Sterne? Die Folge ist dann das, was man auch in deutschen Schulheften findet, da werden dann die „2-„, die „3+“ etc. eingeführt. Ich hatte dieses Problem auch und habe mich dann schnell von den Sternen bzw. Schulnoten verabschiedet.

Hin also zur 20-Punkte-Skala, wie sie z.B. von VINUM und von René Gabriel eingesetzt wird. Nur ist die gute 20-Punkte-Skala eigentlich nur eine 11-Punkte-Skala, weil 10 Punkte der niedrigste Wert sind. Und schaut man sich mal die Bewertungen im Weinwisser an, so stellt man ein unglaubliches Gedränge bei 17 und 18 Punkten fest. Dieses Problem umgehen dann einige Publikationen mit Nachkommastellen. In vielen Proben, wo nach der 20-Punkte-Skala bewertet wurde, musste ich feststellen, dass viele Teilnehmer mit halben oder gar Viertelpunkten hantierten. Ganz einfach, weil Sie damit zeigen wollten, dass z.B. von zwei im Prinzip gleichwertigen Weinen einer in ihren Augen besser war. Das ist aber nichts Halbes und nichts Ganzes. Ich habe mich deshalb schnell von der 20-Punkte-Skala entfernt.

Was jetzt kommt, wissen Sie schon – das 100 Punkte-System à la Parker. Und das Geschrei vieler sogenannter Weinprofis kenne ich auch schon. „Wein kann man gar nicht so exakt bewerten“, „erklär mir doch mal den Unterschied zwischen 99 und 100 Punkten, das geht gar nicht“ usw.
Gemach, liebe Leute. Für dieses 100-Punkte-System, dass ja eigentlich nur ein 51-Punkte-System ist(nähere Beschreibung in jedem Parker-Buch), spricht sehr viel.
1. gibt es genügend Spielraum, um Weine exakt zu bewerten und voneinander abzugrenzenist es extrem verbreitet, nicht nur in den USA, sondern inzwischen auch in Europa.
2. Von Robert Parker mit seinem Wine Advocate über die meistverbreitete Weinzeitung der Welt, den Wine Spectator bis hin zum Wein GaultMillau wird dieses Bewertungssystem immer mehr zu einer Art Standard.
Deshalb, ob man dieses System liebt oder nicht, Standards haben den riesigen Vorteil der Vergleichbarkeit. Das alleine ist schon ein Grund dafür, dieses System zu nutzen.

Kommen wir zum Thema Exaktheit. Jede Weinbewertung ist ohnehin nur eine Momentaufnahme. Wein entwickelt sich, und auch nicht in allen Flaschen gleich. Ein Wein wie z.B. Pingus kann in seiner Fruchtphase ein legendärer 100-Punkte Wein sein und auch das nur, wenn man diese intensive Fruchtigkeit mag. Ein paar Monate später ist derselbe Wein vielleicht „nur“ noch 96/100 wert, weil er sich etwas verschlossen hat. Warum soll man das dann nicht so beschreiben und auch bewerten? Und auch die 99 oder 100 Punkte entstehen ganz einfach. Nämlich, wenn zwei Riesenweine nebeneinander stehen, der eine perfekt ist und der andere eben fast, aber nicht ganz daran reicht.
Und wenn Ihnen mal nicht nach Präzision ist, dann nutzen Sie einfach Punktebereiche, z.B. 89-92 oder 96-100. Parker macht das so bei Fassproben.

Dies ist übrigens auch ein guter Einstieg in die Weinbewertung. Kommen wir zurück auf die deutschen Schulnoten. Parker und andere Autoren teilen die Weine auf ihrer Skala grob in sechs Gruppen ein, denen Sie die Schulnoten zuordnen können:


96-100 sehr gut
90-95 gut
80-89 befriedigend
70-79 ausreichend
60-69 mangelhaft
50-59 ungenügend

Beginnen Sie einfach mit der Bewertung nach Schulnoten, nur nehmen Sie jetzt statt der Noten die Punktebereiche. Sobald Sie sich sicherer fühlen, engen Sie die Spannen weiter ein. Gut eignen sich hierfür größere Verkostungen, in denen gleichartige Weine gegenüberstehen. Schon bald werden Sie sich dann in diesem internationalen Punktesystem heimisch fühlen.

Mit einem Schwachsinn möchte ich hier noch aufräumen. Überall, wo das 100-Punkte-System oder andere Systeme der Weinbewertung erklärt werden(auch bei Parker), wollen Ihnen die Autoren weismachen, dass sich die Note aus Einzelnoten für Nase, Gaumen, Abgang etc zusammensetzt. Glauben Sie im Ernst, wenn Parker an einem Vormittag 100 Weine bewertet, macht er das in Einzelnoten, die er dann addiert? Der Wein bekommt eine Gesamtnote, in die alle automatisch Komponenten einfließen, fertig!

Bleibt die Frage, wie Sie Ihr eigenes Punktesystem „eichen“, woran Sie es anlehnen. Suchen Sie sich hierfür einen Weinautor aus, der das von Ihnen gewählte System benutzt und dessen Beschreibungen der Weine mit Ihren eigenen Empfindungen ähnlich ist. Jetzt wählen Sie dazu noch eine oder mehrere Weinregionen aus, die Ihnen zusagen. So haben Sie eine Meßlatte für Ihren Einstieg in die Weinbewertung.

Damit wir uns richtig verstehen: Sie sollen nicht versuchen, Parker&Co zu imitieren. Zwischen denen und Ihnen gibt es nämlich einen gewaltigen Unterschied. Ein Weinjournalist sollte unparteiisch sein(die wenigsten sind es leider) und Weine aus unterschiedlichen Regionen nach ähnlichen Maßstäben beurteilen.
Bei Ihnen muß das genau anders herum sein. Sie MÜSSEN parteiisch sein. Warum sollten Sie z.B. australische Frucht- und Alkoholmonster wie in der Weinliteratur mit höchste Punktzahlen bedenken, wenn Sie so ein Zeugs nicht mögen? Ihre Bewertung muss Ihre Empfindungen widerspiegeln, sonst nichts. Nur dann können Sie später Nutzen aus Ihren Notizen ziehen.

Und noch ein Punkt ist wichtig: Wenn Sie später aus Ihren eigenen Noten Nutzen ziehen wollen, dann sollten Sie ausschließlich den aktuellen Trinkgenuß zum Zeitpunkt der Verkostung bewerten. Das tun leider Parker&Co meist nicht. Nehmen wir als Beispiel den Mouton 1986. Klar, das ist ein legendärer 100-Punkte-Wein. Nur, die 100 Punkte gab es wirklich im Glas nur in der kurzen Fruchtphase 1989. Seitdem ist 86 Mouton weitgehend zugenagelt und nur eingefleischte Masochisten können da einen Weingenuß von mehr als 95/100 empfinden. Wie aber wollen Sie die Entwicklung so eines Weines verfolgen, wenn Sie sich die vermeintliche, seherische Gabe von Parker zu eigen machen und 100 Punkte dort dranschreiben, wo sie vielleicht in 10 Jahren mal drin sind?
Also, bewerten Sie heute nur, was Sie heute empfinden. Und wenn Sie dann unbedingt die 100/100 noch loswerden wollen, weil der Wein-Hellseher in Ihnen erwacht, dann schreiben Sie in Ihren Begleittext "hat aber das Potential für ....".

Soweit mein kleiner Exkurs zum Thema Weinbewertung. Mindestens genauso wichtig wie die Bewertung ist die Beschreibung des Getrunkenen. Auch dazu habe ich eine ganz persönliche Meinung. Die kommt demnächst an dieser Stelle.