140 Jahre Frankreich

In Topform war der Uwe Bende bei dieser grandiosen Probe, deren Höhepunkt drei Traum-Bordeaux aus dem vorletzten Jahrhundert waren.

Klar, wir waren alle hier wegen der Highlights, aber nur aus solchen kann eine solch bezahlte Probe nicht bestehen, denn sonst wird sie zu teuer. Also muss man sich erst mal durch diverse „Sättigungsbeilagen“ durchkämpfen“. Die erste davon war ein weißer Gemischtwarenladen mit Beifängen aus diversen Auktionen. (Ich hatte es kaum auf die Website gesetzt, da kam schon Uwes Kommentar. Der Flight gehörte nicht zur Probe. Er wurde nur eingeschoben, weil einige Teilnehmer etwas verspätet einliefen. Egal, solange von den Sättigungsbeilagen-oder-auch-nicht drei bei 90 und mehr Punkten liegen, kann ich da gut mit leben). Ein nicht näher definierbarer Meursault aus den 30er Jahren war mit zwar dichter Farbe auch im Glas nicht näher definierbar und außerhalb der Genussrange. Sehr gut gefiel mir der 1947 Meursault von Léon Salesse, der mit etwas überreifer Frucht die Hitze des Jahrgangszeigte, durch eine gute Säure aber recht balanciert und immer noch erstaunlich frisch wirkte – 92/100. Keine gute Flasche hatten wir leider vom 1955 Meursault-Charmes von Ligeret, der erst Wochen vorher bei einer der Proweon-Proben für Furore gesorgt hatte. Aus dieser hier wirkte er deutlich älter mit wenig Charme und hoher Säure – 85/100. Noch frisch dagegen mit guter Säure und entsprechender Trinkigkeit der 1969 Meursault Genevrières Cuvée Baudot vom Hospice de Beaune – 90/100. Und dann war da noch ein zeitlos schöner 1978 Chateauneuf-du-Pape Blanc von La Nerthe, in der Nase frisch gemähte Wiese, Honignoten, erstaunliche Fülle am Gaumen und immer noch gute Säure – 90/100.

Und schon ging es ins Eingemachte mit vier noch recht jungen, roten Granaten. Erstaunlich wieder der 1979 Clos des Papes. Das war reifer Chateauneuf vom Feinsten mit intensiver Erdbeere, kräuterig, viel Lakritz, sehr mineralisch, mit erstaunlicher Kraft und Fülle, sehr lang am Gaumen und Potential für lange Jahre – 94/100. Erstaunlich schwach leider der 1990 Hermitage la Chapelle von Jaboulet-Ainé, der nur ein entferntes Abbild dessen war, das bei diesem Giganten sonst ins Glas kommt – 92/100. Aber das ist immer das Risiko, wenn man solche Legenden aus zweiter Hand erwirbt, ins besondere auf Auktionen. Da steht insbesondere bei Einzelflaschen selten dabei, wo und wie der Wein gelagert wurde, durch wie viel Hände er schon gegangen ist, und auf welchem Kaminsims er schon mal Monate oder Jahre zur Zierde gestanden hat. Kein Wunder, dass für solche Weine astronomische Summen für perfekt gelagerte OHKs aus Erstbesitz gezahlt werden. Sehr gut gemacht hat sich inzwischen der 2006 Clos des Papes, mit dem ich in seiner Jugend wenig anfangen konnte. Inzwischen ist aus diesem babyspeckigen, alkoholischen Monster ein zwar modern gemachter, aber beeindruckender Chateauneuf geworden mit Fülle, Kraft und Rasse, reichlich dicht gewobener, dunkler, aber auch rotbeeriger Frucht, viel Lakritz, Mineralität und großartiger Länge. Dürfte sich über Jahrzehnte entwickeln und wohl auch noch zulegen – 95+/100. Das gilt hoffentlich auch für den vierten Wein, der Thema des nachfolgenden Fotos ist.

Dieses verwackelte Foto(da habe nicht ich gewackelt, sondern der gute Uwe als Fotograf) stammt von Uwes Facebook Seite. Dort stand es mit der Bildunterschrift: Der doktor und der liebe chateauneuf du pape clos des papes2006 ... cest la vie. Nur dass das, was ich da als flüssige Marmelade aufs Brot träufele, nicht der grossartige 2006 Clos des Papes war, sondern 2010 Janasse VV. Den hatte Uwe vor der Probe wie folgt angekündigt: 100/100 PP und 100/100 WT (das weiss der gute Achim aber noch nicht) .. für mich ist dieser 2010er DER absolute und ultimativ perfekte Jungchateauneuf der letzten grossartigen Jahre. Besser als alle anderen VV, die mit 100/100 PP bewertet wurden, strukturierter und genialer und voller und wuchtiger und komplexer und harmonischer und aussagekräftiger. DIE Chateauneuf Benchmark der Zukunft.
Naja, bei mir hat es dann doch nur zu 91/100 gereicht. Mir war der Janasse mit seiner vom (zu) hohen Alkohol(locker 16% und vielleicht auch mehr) geprägten Kraft und Fülle zu dick, zu brandig, zu mächtig. Aber als Marmelade auf dem Brot machte er sich gut. Ich lasse mich gerne in 10 Jahren von einer gereifteren Flasche, bei der die einzelnen Teile besser zusammen passen, überraschen. Das Thema des hohen Alkohols allerdings dürfte bleiben. Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass Portweingläser sehr klein sind, und Port meist nur glasweise über längere Zeit verzehrt wird? Wenn sich Wein immer mehr vom Alkoholgrad her in diese Richtung entwickelt, brauche ich in Zukunft zum Essen ein anderes Getränk. Vielleicht sollte ich es ja mal mit Chateauneuf-Schorle versuchen.

Und dann machte ich zum ersten Mal an diesem Abend richtig große Augen. Mit zum rarsten dessen, was man bei alten Burgundern erwerben kann, gehört 1929 Tâche Romanée von Chevillot aus der Zeit, bevor das als La Tâche eine DRC Monopollage wurde. Tief gestapelt hatte Uwe vorher, davon gesprochen, dass er nicht sicher sei, ob es sich um eine echte Flasche handele. Und diese hier war nicht nur echt, die war auch echt großartig, Burgund und La Tâche in Perfektion. Hoch elegant, sehr komplex, unendlicher, seidiger Schmelz und Länge, ohne Frage 100/100. Wenn es noch einen Anstoß gebraucht hätte, endlich mal wieder meine Top 100 zu überarbeiten, das wäre er. Wenn ich den noch einmal trinken darf, schmiere ich mir dafür gerne vorher je 20 zu junge, dicke, alkoholische Chateauneufs aufs Brot.
Groß auch der 1947 Chambertin in einer Händlerabfüllung von Daniel Sanders. Die Kraft und Fülle eines großen Chambertin, feiner, süßer Schmelz eines reifen Burgunders, ein für das heiße Jahr erstaunlich gutes Säuregerüst und gewaltige Länge – 97/100. Enttäuschend dagegen Uwes beste Flasche eines Lots mit 1955 Vosne Romanée Vandermeulen, aus dem ich schon fantastische Flaschen trinken durfte. Aber diese hier wirkte müde, stumpf mit alter Nase – 88/100. Da war wohl ein schleichender Kork mit im Spiel. Und der Kork, der schlich beim vierten Wein nicht, der knallte richtig. Ich war so entsetzt, dass ich mir den Erzeuger des 1959 Chateauneuf nicht aufgeschrieben habe.

Sehr gnädig hatte Uwe auch den Vandermeulen Cheval Blanc kalkuliert, der jetzt vor uns stand. Überhaupt gehört Uwe mit seinen Probenpreisen zur Kategorie Elke Drescher, liebenswerte, bescheidene Leute, bei deren Proben angesichts des Gebotenen den geforderten Preis kaum glauben kann. Aber warum soll es unter all den Raffgierigen dieser Erde nicht auch ein paar nette Leute geben. Zurück zur Flasche, auf deren Etikett die Jahreszahl nicht zu erkennen war. Das ist bei Vandermeulen fatal, denn auf dem Kork steht grundsätzlich nur der Name Vandermeulen, aber weder Jahrgang noch Name des Weines. Hier hatten wir jetzt die freie Auswahl zwischen 47, 53 und 55. Aber egal welcher von den Dreien drin war, von der Paierform war der Inhalt der Flasche weit entfernt, mehr als 91/100 waren da nicht drin. Riesengroß dagegen wieder der 1950 Cheval Blanc in einer Händlerabfüllung mit Mörderfarbe und extrem druckvoller Aromatik – 98/100. Warum keine 100/100? Vielleicht habe ich ihn zu schnell getrunken. Der 1950 Cheval Blanc aus guten Flaschen verträgt und braucht zur vollen Entfaltung Luft ohne Ende. Eher schwierig verkostete sich der laktische 1943 Margaux, ebenfalls in Händlerabfüllung. Wirkte eher wie ein einstiges Topmodell aus diesem Jahrgang und zeigte schon reichlich Runzeln – 88/100. Keine Ahnung, was in der Flasche 1947 Latour-à-Pomerol drin war, das hatte weder mit 1947 noch mit Latour-à-Pomerol was zu tun – 87/100. Wunderschön der 1955 Lynch Bages in einer Barrière Abfüllung, reif mit generöser Süße, aber immer noch erstaunlich kräftig mit viel Minze und langem Abgang – 95/100.

Und dann kam der Flights der Flights. Alte, gute gelagerte und vor allem echte Weine von wurzelechten Reben aus dem vorletzten Jahrhundert trinken zu dürfen, gehört zum Größten, was einem Weinfreak überhaupt widerfahren kann. Und mit genau solchen Weinen verwöhnte uns Uwe heute. Die Flaschen stammten aus einem uralten Keller jenseits eines mächtigen Gebirges und waren wohl nie bewegt worden. In diesem Keller liegt angeblich noch mehr davon. (Wer sich vorsichtshalber schon mal bei Uwe einschleimen möchte: er hat am 16. Mai Geburtstag und bevorzugt statt Blumen flüssige Geschenke.)
1870 gilt als großes Bordeaux-Jahr mit kräftigen, sich sehr langsam entwickelnden Weinen. Das merkte man diesem unkaputtbaren 1870 Leoville Poyferré deutlich an. Was für eine irre Farbe, was für ein gewaltiger, aromatischer Druck am Gaumen, dazu diese wunderschöne Süße, dieser ewige Abgang, einfach ein riesengroßer, kompletter, sprachlos machender Wein – 100/100. 1881 dagegen war ein eher unbedeutendes, kleineres Jahr in Bordeaux. Doch dieser 1881 Leoville Poyferré, der natürlich mit der Kraft des 1870ers nicht mitkam und insgesamt reifer wirkte, war so fein, so elegant, mit herrlicher Süße, tänzelte auf der Zunge, einfach ein Traum – 97/100. Auch 1890 war in Bordeaux ein kleineres Jahr mit allerdings seinerzeit sehr kräftigen Weinen. Die Reblaus schien sich noch nicht bis zum Chateau d´Issan durchgefressen zu haben, denn dieser schier unglaubliche 1890 d´Issan war von der Charakteristik her ein typischer Vorreblauswein, sehr fein, filigran, Eleganz pur mit pikanter, rotbeeeriger Frucht, blieb sehr lang am Gaumen, aber viel zu kurz im Glas – 96/100. Da habe ich schnell noch mal zu Flasche gegriffen und mir das Depot einverleibt. Das war die Essenz dieses großen Weines, einfach ein 100/100 Traum.
Ein großer, unsterblicher Wein aus gleichem Keller war auch 1900 Rausan-Ségla aus diesem berühmten Jahrgang, intakte, dichte Farbe, süße, leicht überlagert wirkende Frucht, immer noch Kraft und Länge – 95/100. Der im direkten Vergleich geradezu jugendlich wirkende und kraftvollere 1906 Rausan-Ségla setzte noch mal eins drauf, ganz großes Kino – 97/100.

Leider ist bei vielen Weinen nicht immer das drin, was draufsteht. Eindruckvoll demonstrierte uns Uwe das bei 1928 Paternina Gran Reserva. Ein legendärer, großer Rioja ohne spürbares Alter, jede Suche wert. Kraftvoll, würzig, kräuterig mit Kaffee ohne Ende und gutem Säuregerüst – 97/100. Daneben der gleiche Wein als Fake, süß, lecker, eher Typ jüngerer Spätburgunder. Von außen nicht so einfach zu erkennen, aber spätestens dann, wenn sich der vermeintliche Superstar im Glas als DSDS-Kandidat aus der ersten Runde gibt, fällt es wie Schuppen von den Augen.
Für einen großen La Mission habe ich den 1919 Clos Labarde aus St. Emilion gehalten, Zigarrenkiste ohne Ende, sehr mineralisch, tolle Struktur, für Jahrgang und Weingut einfach ein Traum – 96/100. Groß kann auch 1929 Cos d´Estournel sein, aber aus dieser Flasche mit tiefer Schulter war das nur tiefer Genuss, süß, oxidativ, immer noch trinkbar, aber auf dem weg ins Jenseits – 82/100. Ein Traum dafür 1929 Rausan-Ségla, noch voll da, hoch elegant mit wunderbarer Frucht und perfekter Struktur – 96/100. Die Probe entwickelte sich fast zu einer Art Rausan-Ségla Festival. Das galt auch für einen später getrunkenen 1955 Rausan-Ségla in einer Hanapier-Abfüllung. Der strotze mit seiner jungen Farbe nur so vor Kraft, Frucht und Süße – 94/100. Das sollte dann aber für 30 Jahre der letzte, große Rausan-Ségla sein. Das Gut verfiel in eine Art Dornröschenschlaf und wurde erst mit dem Jahrgang 1986 wieder wach geküsst. Heute ist es wieder, wie zum Schluss eindrucksvoll der 2000 Rausan-Ségla zeigte, große Klasse.

Eigentlich spricht ja bei 1959 Angelus alles für einen großen Wein, aber leider gibt es da groß bis grottig jede Variante. Unsere Flasche hatte eine tolle, vielversprechende Farbe, aber der oxidativ wirkende Angelus soff im Glas ab und starb schnell. Für den ersten Schluck bekam er noch 81/100. Vergeblich hatte Uwe für die Probe eine 1tel 1961 Montrose gesucht, aber nicht gefunden. Und das war gut so. Je größer die Flasche, desto länger braucht dieser Wein noch, den ich schon oft unnahbar und geradezu stur erlebt habe. Aber aus der halben Barrière-Flasche, von denen der Uwe zwei zusammen schüttete, ist das ein genialer, reifer Montrose, sicher auf 95/100 Niveau. Auf gleichem Level ein beeindruckender 1970 La Conseillante mit Süße, Fülle und Kraft – 95/100. Und dann dieser 1970 Latour! Alle welt sucht 59, 61, 82 und so weiter. Dabei ist dieser riesengroße, immer noch sehr junge, unsterbliche Latour mit seiner Wahnsinnsfarbe und der klassischen Latour-Aromatik voll auf Augenhöhe mit den besten Weinen dieses Gutes. Und noch dazu ist es ein Langstreckenläufer – 98+/100. Die 100 bekommt nur ins Glas, wer sich den ganzen Abend Zeit nimmt. Aus der Magnum bekamen wir noch einen Preis-/Leistungssieger. 1986 l´Arrosée war für mich seinerzeit bei den Arrivageproben die große Überraschung. Wirkte jetzt aus der Großflaasche mit tiefdunkler Farbe immer noch so jung mit stabilem Tanningerüst – 94/100.