American Beauty V

Zwölf erwartungsvolle, fröhlich gestimmte Weinnasen versammelten sich an diesem März-Sonntag im Adler in Nebikon zur inzwischen fünften American Beauty, der Mutter aller Kalifornien Best Bottles.

Glücklich darf sich schätzen, wer hier von Anfang an dabei ist. Die Plätze werden quasi vererbt. Wer einen hat, behält ihn solange er kommt. Und das ist gut so, denn die Runde ist sehr harmonisch. Hier passen die Nasen und die Weine perfekt zueinander. Mit dem Spiritus Rektor der Probe, Baschi Schwander, haben wir gleichzeitig einen perfekten Organisator und mit dem Adler in Nebikon einen kulinarisch sehr hochwertigen Veranstaltungsort. Jetzt bräuchten wir nur noch vernünftige Gläser…..

Als Apero tranken wie einen 2001 Wolfer Goldgrube Riesling Kabinett von Vollenweider aus der Magnum. Das war eher ein Typ abgestufte Auslese, sehr süß, mostig, etwas klebrig, für einen guten Mosel Kabinett hatte er zuwenig Säure und Finesse – 85/100.

Die Kultprobe in der fünften Auflage

Gleich in die Vollen ging es dann mit dem ersten Flight der Probe. Da war nichts mit Aufwärmen und Eintrinken. Es ging gleich richtig zur Sache. Etwas anderes war auch nicht möglich, denn das Niveau der Weine war insgesamt sehr hoch. Eine echte Best Bottle also, bei der sich alle Teilnehmer viel Mühe gegeben hatte. Bei beachtlichen 95,2/100 lag der Schnitt aller Bewertungen, und zwischen dem letztplatzierten (93,92) und dem Besten (97,83) lagen nur knapp vier Punkte. Völlig unter Wert verkauften sich die drei Dominus, denen wahrscheinlich die nötige Zeit in der Karaffe gefehlt hat. 1991 Dominus hatte eine betörende, beerige Nase, auch am Gaumen feine, elegante Frucht, Minze, Leder, Pepperoni, deutlich spürbares Potential – 96/100. Der von Anfang an sehr streng wirkende 1992 Dominus wurde mit der Zeit immer korkiger und entzog sich einer Bewertung. 1994 Dominus startete mit einer verhaltenen, schlanken Nase mit feiner Beerennote, baute mit der Zeit aus und wurde etwas süßer, am Gaumen sehr präzise Struktur, dabei sehr sehnig wirkend, ging als großer Pauillac durch und blieb lang am Gaumen – 94/100. Voll da hingegen 1995 Ridge Monte Bello, in der Nase die große Cassis-Schoggi-Oper, üppig, ausladend, vollbusig und modern von der Stilrichtung her, am Gaumen gute Struktur und stabiles Tanningerüst – 97/100. Mit tiefdunklem, jugendlichem Purpur floss der 1999 Etude Cabernet Sauvignon ins Glas. Reife, süße Schwarzkirsche in der Nase, aber auch sensationelle, an große Harlans erinnernde Struktur, sehr jung, geschmeidig und lang am Gaumen – 98/100. Eindruckvoll zeigte dieser Etude, zweitplazierter der Probe, die Klasse des oft übersehenen Kalifornien-Jahrgangs 1999, aus dem auch der Vorjahressieger 1999 Foley stammte.

Noch ganz am Anfang steht der großartige 1991 Heitz Martha´s Vineyard, der das Zeug dazu hat, sich einmal unter die großen Marthas einzureihen. Sehr minzig, altes Sattelleder, Eukalyptus und Tabak in der Nase, am Gaumen perfekte Struktur, noch etwas schlank wirkend, dabei rassig und enorm druckvoll mit großartiger Länge – 96+/100. Ich kaufe diesen Wein, wo immer ich ihn kriegen kann. Traumstoff im Glas hatten wir mit 1991 Caymus Special Selection, superbe, süße Cassis-Frucht, unterlegt mit feiner Minze, am Gaumen großartige Struktur, Rasse und Klasse, immer noch so jugendlich und frisch. Ich haate diesen wein in den letzten Jahren häufiger mit konstant 99/100 im Glas und habe mich in dieser Probe zu 100/100 hinreißen lassen. Allerdings will ich nicht verhehlen, dass dieser Wein bei einigen Fans kalifornischer XXL-Körbchen am Tisch weniger Anklang fand. Der 1992 Caymus Special Selection war mit ähnlicher Aromatik auf etwas niedrigerem Niveau eine fast perfekte Kopie des 91ers – 97/100. Auf gleichem Niveau, etwas besser proportioniert 1994 Caymus Special Selection, mit süßer Frucht, Minze, Schokolade, Leder, auch hier am Gaumen Rasse und Klasse, großer Bordeaux mit einem Schuss Kalifornien – 97/100. Bei den Caymus fühlte ich mich in der Stilistik an die großartigen Kalifornier aus den 70ern erinnert. Da war dann der breitschultrige 2001 Araujo Eisele Vineyard fast so eine Art Kulturschock. Sehr dichte Farbe, üppig, in der Nase massig Schoko, wenig dunkle Frucht, Lakritz, mineralisch, alkoholisch wirkend, am Gaumen enorme Fülle und etwas Überreife, trotzdem 96/100. Hat übrigens 99 bei Parker und bei dessen englischem Alter Ego Neil Martin 90. Das sagt wohl alles zur Stilistik.

Eine schlechte, misshandelte Flasche muss der sonst so großartige 1994 Grace Family Vineyard gewesen sein. Liebstöckel ohne Ende, aber auch Fishermen´s Friend Extrem, bäumt sich plötzlich immer mehr auf, zeigt reichlich Eukalyptus und fällt dann ebenso plötzlich wieder in sich zusammen, eine Weinleiche, die nicht in die Gesamtwertung übernommen wurde – 81/100. Ich würde dieses vermeintliche Auktionsschnäppchen gerne mal wieder aus erster Hand trinken. Sehr kontrovers am Tisch beurteilt der 1994 Dalla Valle Maya, begann sehr vielversprechend mit sehr dichter, junger Farbe, konzentrierter, dunkler Frucht, erdigen Noten, mineralisch, kräftig, zupackend, und soff dann nach einiger Zeit im Glas plötzlich ab. Schlechte Flasche? – 93/100. Der viertplazierte der Gesamtwertung bekam auch dreimal 100/100. Haben die den alle gleich beim ersten(faszinierenden) Schluck ausgetrunken? Sicher ist der sehr konzentriert wirkende, heftige 1997 Pahlmeyer Merlot kein schlechter Wein, aber für mich war er auf hohem Niveau einfach zuviel des Guten. Riechen geht noch, aber wenn man ihn trinkt, hat man das Gefühl, sie öffnet das Korsett und plötzlich ist kein Platz mehr auf dem Sofa – 94/100. Extrem dicht und kräftig der noch sehr jung wirkende 1999 Pride Mountain Cabernet Sauvignon mit intensiver Teernase. Da meinte man, mitten in Straßenarbeiten zu sitzen. Ich habe ihn erstmal zur Seite geschoben und ihm Luft gegönnt. Das zahlte sich aus, denn der Pride legte enorm zu und zeigte immer mehr von seiner pfeffrigen, dunklen, würzigen Frucht – 95/100. Sieger im Gesamtklassement wurde der 2001 Pride Mountain Claret Reserve, auch das ein dichter, konzentrierter, kräftiger, lakritziger Stoff mit viel dunkler Frucht, aber auch mit einer erstaunlichen Eleganz und Frische – 97/100

Überraschend gut der Pirat aus China

Chancenlos unter den vielen Wuchtbrummen war der sehr stimmige, elegante und ausgewogene 1991 Stag´s Leap Cask 23, Schwarztee, feine Beerenfrucht, seidige Eleganz am Gaumen – 96/100. Sicher ist das ein Wein, mit dem man einen ganzen Abend verbringen kann, ohne dass er jemals langweilig wird. Reif, balanciert mit Veilchen, Leder und dem dazugehörigen Pferd der 1994 Colgin Herb Lamb Vineyard, der eine andere Stilistik zeigt, als die heutigen Colgin-Hämmer und sich in dieser Probe deutlich unter Wert verkaufte – 94/100. Landete noch hinter Stags Leap auf dem letzten Platz unserer Verkostung. Beim 1999 Shafer Hillside Select irritierte mich der erste Eindruck, war da Überreife, konzentriertes Balsamico? Doch das gab sich, der Hillside baute enorm aus, wurde stimmiger, fruchtiger, leichter, fröhlicher – 95/100. Und dann hatten wir wieder so eine dicke, kalifornische Weinsau im Glas, aber eine, mit der ich mich gut anfreunden konnte. Dieser 2004 Bond Pluribus hatte Kraft, Fülle, Süße und Extrakt ohne Ende, reife Frucht, Cassis, Blaubeere, hohe Mineralität und den Bleistift von Mouton, jugendliche Röstaromatik, gute Struktur, Säure und erstaunliche Frische. Da war nichts Schweres, nichts Überladenes, einfach nur schiere Lust im Glas – 98/100. Klassisch Bond von Harlan eben. Ich liebe diese Melburys, St. Edens, Veccinas und all die anderen, die das Harlan-Team in kompromissloser Harlan-Qualität von einzelnen, über das Napa Valley verstreuten Top-Rebanlagen unter dem Bond-Label erzeugt. Und natürlich hatte Baschi mit dem 2005 Dragon Seal Cabernet Sauvignon Capital Reserve auch einen Piraten in die Probe geschleust. Der landete zwar auf dem allerletzten Platz hinter allen Kalis, schlug sich aber mit einem Punktschnitt von 92,67 sehr beachtlich. Ein immer noch recht jung wirkender Wein mit pikanter Frucht und guter Säurestruktur, schlank, spannend und durchaus Richtung Bordeaux gehend – 92/100. Sollte ich demnächst in China Weine subskribieren?

Spektakulär der letzte Flight, nicht nur, weil es große Weine waren. Aber das wir ohne vorherige Absprache aus den angestellten Weinen eine Mini-Vertikale Insignia hin bekamen, das hatte was. Schade, dass ausgerechnet der 1992 Phelps Insignia Kork hatte, das ist sonst ein wunderschöner Insignia mit herrlicher Frucht auf 95/100 Niveau. Immer noch sehr konzentriert, sehr fruchtig, sehr dicht der 1994 Phelps Insignia, reife Frucht, seidige, nachhaltige Fülle, gute Säure – 95/100. Noch einen Tick drüber für mich der immer noch so junge 1995 Phelps Insignia mit gewaltiger Frucht, Extraktsüße, üppiger Fülle und großartiger Struktur – 96/100. Hat sicher noch eine lange Zukunft. Probleme hatte ich zumindest zu Anfang mit 2001 Phelps Insignia, der viel flüchtige Säure zeigte und schon fast etwas Richtung Essig ging. Nachdem ich meine bescheidene Bewertung von 91/100 abgegeben hatte ließ ich ihn noch eine Weile im Glas stehen. Er wurde besser, die flüchtige Säure reduzierte sich merklich, aber es blieb ein seltsamer, etwas diffuser, harmloser Gesamteindruck. Vielleicht war es nur diese Flasche. Auch mit dem 2002 Phelps Insignia kam ich zu Anfang nicht zurecht. Der hatte satte Frucht und süßen Schmelz, war mir aber insgesamt zu dick, zu korpulent und wirkte etwas überzogen – 93/100. Auch den ließ ich noch eine ganze Weile im Glas stehen und hatte eine Stunde später einen völlig anderen, deutlich besseren Wein im Glas. Klar blieb das Opulente, Fette des Jahrgangs(2001 ziehe ich bei den meisten Weinen deutlich vor), aber wenigstens wirkte der Insignia jetzt deutlich ausgeglichener.

Die Sieger mit den Siegerweinen

Und nach der Ehrung der drei Sieger kamen als Abschluss des großartigen Adler-Menüs noch ein opulenter Nachtisch und natürlich der Nachschlag aus der Adler-Karte. Mineralisch, reif, weich, süß und erstaunlich säurearm der 1999 Graacher Himmelreich Kabinett von JJ Prüm – 89/100. Da machte die 1997 Wehlener Sonnenuhr Kabinett von JJ Prüm mit deutlich mehr Säure, feiner Süße und einfach geilem Schmelz schon deutlich mehr her – 91/100. Herrlich trank sich die sehr stimmige 2001 Kaseler Nieschen Auslese Goldkapsel von Geiben mit generöser Süße und Fülle, balanciert durch gute Säure – 93/100. Ja, und dann gab es auf der Adler-Karte noch eine allerletzte Flasche 1998 Cheval Blanc. Klar musste die noch aufgemacht werden bevor sie in falsche Hände fiel. Ein blutjunges Mörderteil mit dieser geilen Nase, wie sie nur Cheval Blanc hinbekommt. Wonach die riecht? Nach perfektem Cheval Blanc! Enormer aromatischer Druck am Gaumen, Potential ohne Ende. Wer den im Keller hat, trinkt in 5 Jahren eine moderne 100/100 Cheval Blanc Legende auf Augenhöhe mit den großen Weinen, die auf diesem Gut zwischen 47 und 55 erzeugt wurden. Wir bekamen zumindest schon mal einen faszinierenden Ausblick darauf – 97+/100. Da war leider der 2008 Lynch Bages, den ein edler Spender als letztes noch aus der Karte orderte, ein armer Wurm gegen. Eigentlich müsste der jetzt in einer zugänglichen Fruchtphase sein, aber er erschien uns nur als tanniniges Kraftmonster – 90+/100. Vielleicht hatte ihn aber auch nur der außerirdische Cheval Blanc platt gewalzt.

Nicht anwesende Optimisten tragen sich auf die Warteliste ein und halten sich den 17. März 2013 frei. Dann findet im Adler American Beauty die sexte, statt, natürlich nur mit sexie Kaliforniern.