American Beauty VI

Die Mutter aller California Best Bottles in der sechsten Auflage.

Vor sechs Jahren wurde diese Idee tief in der Nacht bei einer Best Bottle geboren. Warum nicht mal eine Best Bottle nur mit Weinen aus Kalifornien? Die Idee kam sehr gut a, spontan fand sich eine begeisterte 12er Runde, und in Baschi Schwander fand sich der perfekte Organisator und Träger dieser Idee. Und schon kurz darauf fand sich die eingeschworene 12er Runde im Adler in Nebikon wieder zur ersten Amerikan Beauty.

Beim Adler mit seinem schönen Stübli und der genialen Küche sind wir geblieben. Und auch die Runde von damals hat sich praktisch nicht geändert. Ein Platz bei der American Beauty wird nur frei, wenn freiwillig jemand ausscheidet. Aber wer gibt schon ohne Not seinen Platz bei einer solch wunderbaren Probe auf. Und so traf sich auch in diesem Jahr die eingeschworene 12er Runde an einem Märzsonntag im Adler, um lustvoll zu genießen, was da unter kalifornischer Sonne gereift war. Und natürlich, um die diesjährigen Siegerweine zu küren.

„Halbblind“ verkosteten wir in diesem Jahr die Weine. Wir wussten, welche Weine in einem Flight waren, aber nicht, in welchem Glas sie sich befanden. Diese Idee hat sich bewährt, bekamen doch somit alle Weine, egal in welchem Flight, ihre faire Chance.

Hammermäßig war schon das, was da gleich als erster Flight in die Gabriel-Gläser kam. Mit Dominus(2010) und Bryant(2009) waren alleine 2 Siegerweine vorhergehender Beautys dabei. Erstaunlich reif aus dieser Flasche 1991 Caymus Special Selection, der zwar wieder mit feiner Johannisbeerfrucht und Minze betörte, ein sehr ausgewogener Schmeichler mit feinem, fruchtigem Schmelz. Aber der geht eigentlich noch besser – 97/100. Schwierig verkostete sich der 1992 Dunn Howell Mountain. Wirkte zu Anfang in der Nase üppig-alkoholisch, eher heiß als süß, insgesamt füllig, aber auch etwas breit, völlig atypisch für Dunn und kam nur ganz langsam im Glas in Fahrt. Aber den haben wir wohl in einem sehr ungünstigen Zwischenstadium erwischt, sozusagen aus dem Tiefschlaf gerissen. Zwischen 2020 und 203 kommen da sicher mehr als die heutigen 93/100 ins Glas. 1994 Bryant Family Vineyard habe ich blind mit Dominus verwechselt. Die einstige Fruchtbombe hat sich in einen großartigen Pauillac verwandelt. Klassische, rotbeerige Bordeauxnase mit viel Leder, Pferd, Minze und Veilchen, sehr lang, komplex aber auch harmonisch am Gaumen – 99/100. Sehr jung zeigte sich wieder mal 1994 Dominus. Klar, der hat großartige Anlagen, eine hohe Mineralität und sicher Legendenpotential, aber aus dem Granitblock muss erst noch eine fertige Statue werden. Rustikale, animalische Nase, am Gaumen ein noch leicht unnahbarer Brocken, baute enorm im Glas 95+/100. Besitzer wärmerer Keller sind hier im Vorteil. Bei denen spielt die Musik schon, dafür nicht so lange und auch nicht ganz in Vollendung. Ein moderner Kalifornien-Klassiker der 1994 Shafer Hillside Select, satte, üppige Nase mit süßer, generöser Brombeere, unterlegt von Holzkohle-Mineralität und Espresso, auch am Gaumen süße, kräftige, schmelzige Fülle – 97/100. Nur 1991 Moraga konnte in diesem Flight nicht mit. Der wirkte eher wie ein überlagerter Dachbodenfund. Sehr reif schon in der Farbe, Bratensoße statt Frucht, Liebstöckel, Soyasoße, oxidativ, nur am Gaumen etwas gefälliger mit malziger Süße – 88/100.

Gut gelungen ist 1997 Heitz Martha´s Vineyard, der zweie Jahrgang nach der Neubepflanzung der Rebberge. Ob er jemals die Dramatik und Komplexität der Heitz-Legenden aus früheren Jahren entwickelt, ist derzeit schwierig zu sagen. In der Nase zeigte er Weihnachtsgewürze, Orangenzesten, Amarenakirsche und Minze, am Gaumen wirkte er erstaunlich balanciert und elegant mit guter Säure, wurde im Glas immer minziger und schokoladiger – 95/100. Sehr minzig mit viel Cassis und einem Hauch Eukalyptus die Nase des am Gaumen enorm druckvollen 1997 Phelps Insignia mit feinem, schokoladigem Schmelz – 97/100. Fehlerhaft und ein Totalausfall leider der 1997 Lokoya Cabernet Sauvignon Rutherford, der sich in dieser Form allenfalls zum Eichen einer Punkteskala eignete, denn tiefer ging nicht. Geschmäcker sind nun mal verschieden. Während der 1999 Bryant Family Vineyard am Tisch einen Punkteschnitt von 97 erreichte, waren es bei mir nur 93/100. Mich störte die Geraniolnote in der Nase verbunden mit etwas Überreife, am Gaumen fand ich ihn süß und etwas diffus. Der geht mit Sicherheit besser. Sicher ein großer Wein ist 1999 Shafer Hillside Select mit seiner superdichten und fast ins Schwarze gehende Farbe. Anstrengend die Nase, am Gaumen deutliche Schärfe, wirkte mit der Zeit immer korkiger, schade – 90(?)/100. Enormen Spaß bereitete 1995 Moraga mit seiner feinen, filigranen Johannisbeernase, harmonisch und elegant am Gaumen – 94/100.

Deutlich jünger wurde es im nächsten Flight, doch was diese vier Boliden auszeichnete war, dass sie trotz aller Dichte so eine enorme Frische zeigten. Eigentlich wäre 2001 Pride Mountain Cabernet Sauvignon Reserve wie so viele Weine dieser sechsten American Beauty ein Kandidat fürs Siegertreppchen gewesen. Aber ein Hauch flüchtiger Säure störte den sonst so positiven Eindruck dieses enorm kraftvollen, komplexen, am Gaumen sehr langen Weines, der von der endgültigen Reife ohnehin noch etwas entfernt scheint – 96+/100. Deutlich zu jung war wohl auch eine weitere Parker 100 Ikone, die sich nicht in Topform präsentierte. Laktisch und säuerlich die etwas grasige Nase des 2001 Vérité La Muse mit etwas rotbeeriger Frucht, am Gaumen erstaunlich schlank, sehr fein und elegant wirkend, zeigt nur einen kleinen Teil dessen, was er drauf hat – 94+/100. Ein dicker Brummer hingegen 2002 Lokoya Cabernet Sauvignon Mount Veeder, eine noch sehr junge Orgie in Cassis, Minze und Schoko mit gewaltigem Potential – 97+/100. Schon etwas weiter auf dem Weg zur Legende und zum heutigen Zeitpunkt der beste Wein dieses Mörderflights 2002 Peter Michael Les Pavots, süße, reife Frucht, Blaubeere und Brombeere zum perfekten Zeitpunkt gepflückt, rauchige Noten, Lakritz, Kräuter, und alles so harmonisch, so balanciert mit feinem Schmelz – 99/100.

Schlichtweg atemberaubend, was dann ins Glas kam. Das Strickmuster blieb, Weine aus den beiden, modernen kalifornischen Jahrhundertjahrgängen 2001 und 2002. Aber in welcher Perfektion. Einfach sprachlos machte der 2002 Abreu Madrona Ranch, der sicher zu den größten Jungweinen zählt, die ich je im Glas hatte. Ein extrem jugendliches Monument zwar, so dicht, so kräftig, aber dabei so unglaublich ausgewogen und harmonisch. Hier hat sich David Abreu selbst übertroffen – 100/100. Nur einen Hauch dahinter der vielleicht etwas kräftigere 2001 Abreu Madrona Ranch – 99/100. Insgesamt wurde der 2002 Madrona Probensieger mit einem Schnitt von 98,9 vor 2001 Madrona mit 98,3. Aber solche Weine, von denen es nur ein paar hundert Kisten gibt, überhaupt trinken zu dürfen, war ein berührendes Erlebnis. In jeder anderen Ausgabe der American Beauty hätte vielleicht 2002 Araujo Cabernet Sauvignon Eisele Vineyard den Sieg davon getragen, ein mineralischer Pauerstoff mit Minze und Eukalyptus, mit unglaublicher Länge und Dichte – 99/100. Feiner, eleganter 2001 Colgin Herb Lamb Vineyard, ein kerniger, charakterstarker Cabernet mit Cassis, Minze, Eukalyptus und kräuteriger Würze, am Gaumen mit superber Struktur – 98/100. Insgesamt wurde der 2002 Madrona Probensieger mit einem Schnitt von 98,9 vor 2001 Madrona mit 98,3. Direkt dahinter folgten Araujo und Colgin. Da hatte der gute Baschi mit schlafwandlerischer Sicherheit die vier in der Probe höchstbewerteten Weine in einen Flight gepackt.

Mörderflight mit den vier Siegerweinen

Sicher 10 Jahre zu früh kam 2001 Philip Togni Cabernet Sauvignon, ein gewaltiger Wein mit Jugend, Größe, Struktur und Kraft, gemacht für Jahrzehnte – 94+/100. Zuhause traue ich mich bei Togny mal gerade vorsichtig an die 91er ran. Und dann war da wieder so ein Parker 100 Teil, der 2002 Hunderd Acre Kayli Morgan Vineyard. Wenn Parkers Punkte auch nur annähernd stimmen sollen, dann haben wir auch den heute auf dem falschen Fuß erwischt. Der erste Rotwein mit Apfelkompott in der Nase, süß, weich und schmelzig mit wenig Rückrat – 94/100. Im Gegensatz zu 2001 und 2002 gilt 2003 nicht als großer Kalifornien-Jahrgang. Das hat aber auch Vorteile. Die Weine sind jetzt voll da und zeigten alles, was sie drauf habe. So der 2003 Bond Melbury, bei dem nur die anfängliche Putzeimer-Nase einen Fehler andeutete, der sich aber im Glas sensationell entwickelte und eine sehr drockvolle Aromatik zeigte – 95/100. Noch eine Ecke drüber für mich mit etwas feiner Frucht, aber auch mit Süße, Struktur, Kraft und Länge der 2003 Bond Veccina – 97/100. Sehr deutlich zeigte das wieder, das für den augenblicklichen Genuss nicht irgendwelche, irgendwann vergebenen Punkte maßgeblich sind, sondern der richtige Zeitpunkt. Auch kalifornische weine durchlaufen verschlossenere Phasen, insbesondere die großen Weine aus den sehr guten Jahrgängen.

Auf unglaublichem Niveau haben wir da heute getrunken. Punkt und Beschreibungen können das nur ansatzweise wiedergeben. Jeder dieser Weine mit Ausnahme der zwei Ausreißer hätte als Highlight perfekt ein festliches Dinner begleiten können. Alle sind sie die sicher nicht einfache Suche wert. Das war schon irre, was der Baschi uns da aus den Kellern geholt hat, und wie er die Flights dann zusammengestellt hat. American Beauty die sechste war eher die sexte, sexy like hell.
Ich bin gespannt, was Baschi im nächsten Jahr zu American Beauty Lucky 7 mit uns anstellt.

Und wer kommt nächstes Jahr aufs Treppchen?

Und hier die direkten Links zu den bisherigen American Beautys 2012, 2011, 2010, 2009, und 2008.