Auftakt nach Maß

Wenn das Weinjahr 2013 so weitergeht wie mit dieser grandiosen Auftaktprobe, dann wird das ein Hammerjahr.

Große Weine, mundgeblasene Gabriel-Gläser, ein fantastisches Menü von Dado Küchenzauberer Yves Deval Block – an diesem Januarabend blieben keine Wünsche offen. Unser Gastgeber hatte nicht nur keine Mühen bei der Auswahl der Weine gescheut. Er hatte alle Weine auch rechtzeitig vorher zuhause dekantiert und später in die Flaschen zurückgeschüttet, aus denen sie dann punktgenau eingeschenkt werden konnten.

Als Begrüßungsschluck bekamen wir einen sehr mineralischen, pfeffrig-würzigen 2001 Riesling Singerriedel Smaragd von Hirtzberger, den ich deutlich offener und ausdrucksstärker kenne – 93/100. Erstaunlich reif danach die 1993 Wehlener Sonnenuhr Auslese Lange Goldkapsel von JJ Prüm. Tiefes, schon ins Güldene gehendes Goldgelb, in der Nase Früchtebrot, Kräuter, reife, gelbe Früchte, Cassis und immer mehr Honignoten, am Gaumen weich mit cremiger Textur, deutlicher Süße, aber wenig spürbarer Säure, lang im Abgang – 95/100. Ärgerlich – vor allem für unseren spendablen Gastgeber – nur das, was dann als angeblicher 1947 Montrachet VDM ins Glas kam. Da stimmte einfach nichts. Die Kapsel definitiv nicht Vandermeulen, das Glas passte nicht, das Etikett war gut gemacht, sogar mit Reliefdruck, aber einfach zu neu auf dem falschen Papier. Und der Inhalt? Ein reifer, etwas gezehrter Burgunder, den eine enorme Säure am Leben erhielt. Hatte ebenfalls nichts mit dem mehrfach getrunkenen Original zu tun. Die Flasche stammte von einem deutschen Raritätenhändler. Der sollte wohl besser mit Gebrauchtwagen oder Gemüse handeln.

Und schon waren wir mit einem großartigen Flight im Rotweinhimmel. Achterbahn fuhr mit uns zu Anfang der 1971 Latour. In der Nase erst leicht medizinal, jodig, wird immer laktischer, dann kam eine seltsame Cassis-Klebstoffmischung, die zum Schluss einer leichten Überreife Platz machte. Am Gaumen wirkte der Latour zu Anfang sehr reif, leicht gezehrt und austrocknend, baute dann aber im Glas enorm aus und wurde immer schöner - 93/100. Ein Traum der zeitlos schöne, sehr elegante und feine 1971 La Mission Haut Brion, rauchig, ätherisch, jodig, Cigarbox, Teer, Leder, Tabak und großartige Länge – 95/100. Ein unbändiges, faszinierendes Tier von Wein war der 1975 Heitz Martha´s Vineyard, dichte, undurchdringliche Mörderfarbe, braucht enorm viel Zeit und Luft zur Entfaltung. Aber dann geht es irgendwann los mit explosiver Aromatik, mit viel Minze und Eukalyptus, mit Kraft und Länge – 96/100. Ein großer Wein, bei dem man das Gefühl hat, dass er längst noch nicht alles zeigt. Gibt für die nächsten Jahrzehnte einen perfekten Sparringspartner für den 75er La Mission ab.

Noch so präsent war 1955 Lynch Bages in einer Barrière-Abfüllung, ein immer noch so junger, feiner Traum in Minze mit wunderschöner, süßer Frucht und guter Säurestruktur, die noch längeres Leben garantiert – 96/100. Legendär, ultrarar und ultrateuer ist der Jahrgang 1958 in Kalifornien. Dieser 1958 Louis Martini California Mountain Cabernet Sauvignon hier war erst der zweite Wein, den ich aus diesem Jahr ins Glas bekam. Wunderschön die generöse Nase, sehr reif zwar, aber auch süß, portig und mit viel Rumtopf und malziger Süße, der Gaumen kam nicht ganz mit, da war inzwischen viel flüchtige Säure – 92/100. Blind war ich beim dritten Wein bei Cheval Blanc. Dieser 1955 Troplong Mondot in einer Händlerabfüllung war ein absolut stimmiger, sehr harmonischer, eleganter Wein ohne Alter, der sich einfach saugut trank – 96/100.

In absolut bestechender Form zeigte sich „seine Schmelzigkeit“, der großartige 1990 Conseillante, sehr schokoladig, burgundische Pracht und Fülle, unendlicher Schmelz, meine bisher beste Flasche dieses Weines, der jetzt voll auf dem Punkt zu sein scheint – 98/100. Eher ein Trauerspiel dagegen im anderen Glas 1990 Tertre Roteboeuf, bei dessen Vinifikation damals etwas schief gelaufen sein muss. Ein kräftiger, konzentrierter Wein mit Amaronetönen, viel Lakritz, eher schwermütig – 88/100. Tertre Roteboeuf geht deutlich besser, was zwei der nachfolgenden Flights deutlich zeigten.

Ein großer Wein mit enormem Potential ist 2000 La Conseillante, der sicher mal deutlich an die Qualität des 90ers rankommt – 96+/100. Etwas zu üppig wirkte mir in diesem Vergleich auf extrem hohem Niveau 2000 Tertre Roteboeuf, der für die Perfektion, die er in den besten Flaschen zeigt, etwas die Struktur vermissen ließ – 97/100. Aber das war Jammern auf verdammt hohem Niveau – 97/100.

Sprachlos machte dann der Wein des Abends, ein 1974 Mayacamas aus der Magnum. Ich sei an diesem Wein schuld, meinte unser Gastgeber, denn ich hätte ihn damals auf die Auktion mit dieser Flasche aufmerksam gemacht. Mit dieser „Schuld“ konnte ich prächtig leben. Diesen großen, aus dieser Magnum immer noch blutjungen, sehr komplexen und dabei unendlich eleganten Kalifornier hatte ich noch nie so gut im Glas. Kein Hammerteil, eher der große Finessenmeister, mineralisch mit viel Minze, wunderschöne Frucht, am Gaumen enorm druckvoll und lang, einfach perfekt – 100/100.

Mit seiner herrlichen, frischen Frucht, dieser genialen, süßen Mischung aus Cassis und Brombeere war der einfach dekadent leckere, aber dabei auch so elegante 1990 Caymus Special Selection mit seiner präzisen Struktur unschwer als solcher zu erkennen – 97/100. Die Caymus SS aus 90,91 und 92 sind jede Suche wert. Schade, dass der 1988 Mouton Rothschild, wohl einen schleichenden Kork hatte und dadurch etwas streng und fruchtlos wirkte. Normal hätte der sicher voll mitgehalten.

Und dann kamen wir zum dritten Vergleich von Conseillante und Tertre Roteboeuf. Der 2005 La Conseillante ist geprägt von superber Frucht und ähnlich dem 2000er gewaltigem Potential. Derzeit muss man die sündige Schokolade noch durch die Verpackung riechen – 95+/100. Der 2005 Tertre Roteboeuf zeigte sich erstaunlich offen, fruchtig und einfach sexy, allerdings auch mit mächtigen, reifen Tanninen und excellenter Struktur, wird sicher noch mal 1-2 Punkte zulegen – 96+/100.

Als Schlusspunkt servierte uns Rainer noch einen 1994 Latour aus der Magnum. Das war ein gewaltiger Kontrast zu den offenen, opulenten Vorgängern. Deutlich verschlossener und kantiger aus den zuletzt getrunkenen 1teln zeigte sich dieser Latour, der zumindest im großen Format noch altern muss und kann – 92+/100.