Ausone Vertikale in Bad Ragaz

Einen Ruf wie Donnerhall hat Chateau Ausone aus St. Emilion. Zusammen mit Cheval Blanc war Ausone das einzige Premier Cru Classé A in St. Emilion. Erst kürzlich wurde auch Angelus und Pavie dieser Status verliehen. Der Name des Weingutes stammt vom römischen Dichter Ausonius, dessen Villa sich der Legende nach früher dort befand, wo heute das Weingut steht. Ausone ist sehr rar und teuer, aber sind die Weine das auch wert? Das wollten wir in einer großen Ausone-Probe herausfinden. Grob gesagt gibt es drei Phasen bei Ausone. Die Weine bis 1961, die Weine ab 1995 und das große Loch in der Mitte. Von letzteren, die in ihrer mageren, strengen Art an gewisse Montrose aus einer ähnlichen Phase erinnern, blieben wir verschont.

Zu einem Ausone-Wochenende in der Bündner Herrschaft hatte Weinfreund Bernd Neuhaus, selbt bekennender Fan insbesondere der jüngeren Ausones, geladen. In zwei Staffeln an unterschiedlichen Orten wurden zu großer Küche Ausones zwischen 1937 und 2009 verkostet.

Bei Seppi Kalberer im Restaurant Schlüssel in Mels startete die erste Staffel der Probe mit den jüngeren Ausones. 1995 war ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte von Ausone. Die Familie Vauthier kaufte die Anteile der Familie Dubois-Challon und konnte endlich frei schalten und walten. Eine der ersten Amtshandlung war die Verpflichtung von Michel Rolland als önologischen Berater, und siehe da: aus Strenge ward Frucht.

Ein schwieriger, strenger Wein war allerdings noch der 1996 Ausone, sehr dicht und kompakt, die Nase deutlich schöner als der Gaumen, gut möglich, das da in denn nächsten Jahren noch mehr kommt - 88/100. Weich und aromatisch der 1997 Ausone, der für den Jahrgang eine erstaunliche Struktur besaß, hier besteht keine Eile, dürfte einer der langlebigsten 97er sein – 93/100.

Ein schöner Vergleich wäre 1998 Ausone gegen 1998 Cheval Blanc gewesen. Leider hatten wir vom Cheval Blanc eine grenzwertige Flasche, die sicher deutlich misshandelt worden war und wahrscheinlich eher auf dem Dachboden als im Keller gelegen hatte. Nein, mit Überreife und sogar Schuhcreme hatte dieser Wein mit dem legendären 98er Cheval, sonst einem klaren 100/100 Kandidat nichts zu tun. Sehr schade und natürlich auch ärgerlich für den Spender, der für diese ominöse Wanderflasche sicherlich eine Menge Geld hingelegt hatte. Der Ausone war ein gewaltiges Konzentrat mit herrlicher Frucht, aber auch Kraft ohne Ende und massivem Tanningerüst. Ein Wein, der erst ganz am Anfang steht und nur ansatzweise zeigt, was er drauf hat – 94+/100. Der Vergleich dieser beiden, großen Weine macht aus guter Lagerung wohl erst in 10 Jahren richtig Spaß und lässt sich dann, so man beide hat, sicher zwei weitere Jahrzehnte auf sehr hohem Niveau wiederholen.

Zum heute trinken ziehe ich den kraftvoll-eleganten 1999 Ausone vor, der trotz ebenfalls immer noch deutlichem Tanningerüst mehr zeigte und etwas zugänglicher war. Auch der dürfte aber in den nächsten Jahren noch etwas zulegen und ein längeres Leben haben. Der Wein des Abends war für mich der grandiose 2000 Ausone, der in unnachahmlicher Art Feinheit, Rasse, Eleganz und Klasse mit enormer Kraft und Dichte verband. Jetzt schon mit Hochgenuss antrinkbar – 98+/100. Dürfte in ein paar Jahren die 100/100 erreichen, ein absoluter Legenden-Kandidat.

Ein Traum der 2001 Ausone, der mit seiner druckvollen Aromatik heute vom 2000er nicht weit entfernt ist – 96/100. Sicher, soweit es denn Ausone sein muss, ein schlauer Kauf. Leider gilt das nicht für 2002 Ausone, der da nicht mitkam. Gemessen an den Preis und Anspruch von Ausone war das ein enttäuschender Wein der Sorte „will, aber kann nicht“ – 90/100. Kalifornien ließ bei der Aromatik des hedonistischen 2003 Ausone grüßen. Ein süßer, schokoladiger, kräftiger, fülliger und voll trinkbarer wein – 95/100. Dürfte sich sicherlich noch 10 Jahre auf diesem Niveau halten, hat aber kein Langstreckenpotential.

Etwas schwierig zu verkosten war 2004 Ausone, ein kräftiger, dichter Wein mit deutlichen Tanninen und viel Säure, dürfte sich aber in den nächsten Jahren lätten und noch zulegen – 92+/100. Ein irres Konzentrat war 2005 Ausone, der mit seiner unglaublichen Frucht die massiven Tannine gut maskierte – 97+/100. Dürfte am Ende seiner Fruchtphase sein und sich demnächst für längere Zeit verschließen. Mit süßer Frucht und Cassis ohne Ende, aber auch deutlichen Tanninen punktete der 2006 Ausone – 96/100.

2007 Ausone war ein kleiner, feiner Ausone, dem aber die innere Dichte fehlte. Für einen durchaus gelungenen Spaßwein ist er einfach erheblich zu teuer – 92/100. In bestechender Frühform der 2008 Ausone, der sich hier bei aller Kraft und Dichte erstaunlich weich, animierend und schokoladig präsentierte – 96/100. Dürfte sich aber auch noch mal in ein paar Jahren verschließen. Eindeutig zu früh war es noch für den außerweltlichen 2009 Ausone, bei dem die Einzelteile noch nicht so richtig zusammen passten. Wirkte süß, dicht, alkoholisch und füllig, und tat in seiner aggressiven Babyspeck-Opulenz fast weh am Gaumen – 95+/100. Es macht durchaus Sinn, diese Wein in der Fruchtphase zu verkosten, bevor er sich dann für etliche Jahre verschließt. Ich würde damit aber bis zum Herbst nächsten Jahres warten. Nicht warten muss man dagegen beim 2009 Chapelle d´Ausone, einem gefälligen, schönen Zweitwein, der aber nur entfernt an die Dramatik und Dichte des Grand Vin erinnert – 91/100.

Ausone hat mit den modernen Weinen wieder qualitativ mit Image und Status des Chateaus gleichgezogen. Große Wein, sicher wieder voll auf Augenhöhe mit Cheval Blanc, von denen auch mehr in meinem Keller lägen, wenn sie nicht so aberwitzig teuer wären.

Der edle Spender Bernd Neuhaus

Der zweite Teil der Probe fand in Bad Ragaz im Rössli statt, begleitet von einem großen Menü, für das sich Ueli Kellnberger richtig ins Zeug gelegt hatte. An diesem Abend waren ältere, reife Ausones das Thema. Ausones aus der Zeit, in denen das Chateau schon mal erstklassig war und in der der Ruf von Ausone geprägt wurde.

Sehr eindrucksvoll zeigte sich die große Klasse der älteren Ausones gleich im ersten Flight. 1937 Ausone hatte in der Nase einen angenehm duftenden Misthaufen in der aufgehenden Morgensonne. Am Gaumen war er erstaunlich weich und burgundisch elegant mit dezenter Süße. Ein absolut stimmiger und harmonischer Wein, der sich auf diesem hohen Niveau sicher noch eine weile halten dürfte – 95/100. 1947 Ausone war ein etwas ungehobelter Kraftbolzen mit dichter Farbe, halt die klassische Ausone-Variante eines großen 47ers, dicht, sehr kräftig, immer mehr Kaffee und Mokka Aromen entwickelnd, dazu kandierte Kräuter. Wirkte noch längst nicht fertig und dürfte in guten Flaschen wie dieser noch ein längeres Leben haben – 97/100. Was für ein Hammerteil dann 1948 Ausone, der im Vergleich als der bessere 47er durchging. In der Kraft stand er dem 47er in nichts nach, aber er zeigte deutlich mehr Harmonie und süßen Schmelz, wurde mit Luft immer kräuteriger und lakritziger. Die markant kräuterige Bitternote im langen Abgang verleitete einige am Tisch dazu, von Fernet Branca zu sprechen, doch mit diesem Vergleich konnte ich mich überhaupt nicht anfreunden. Nach Fernet geht überhaupt nichts mehr, der schließt am Gaumen mit allem ab. Aber dieser großartige 48er, locker auf 98/100 Niveau, macht Lust auf mehr.

Eine Mörderfarbe hatte 1950 Ausone, der auch in der Nase ein Tier von Wein war, deutlich mehr Tiger als Schmusekatze. Enorme Kraft und Dichte, großartige Länge, nur mit dem Charme haperte es auf sehr hohem Niveau etwas. Wirkte sehr maskulin, mehr Pauillac als St. Emilion, und dürfte noch etliche Jahre vor sich haben. In 50 Geborene können da ruhig noch für den nächsten runden Geburtstag auf die Suche gehen. Da kommen wir uns dann auch nicht in die Quere, denn ich habe mich mit diesem Ausone aus meinem Geburtsjahr bereits eingedeckt. Bei 1952 Ausone in einer Vandermeulen-Abfüllung schreckte zu Anfang die an überlagertes Gemüse erinnernde Nase ab. Doch die wandelte sich mit der Zeit, erst wurde aus dem alten Gemüse Kaffee mit Liebstöckel(auch nicht gerade meine Lieblingsmischung) und dann später Kaffee pur, deutlich besser von Anfang an der altersfreie Gaumen mit süßem, intensivem, immer generöser werdendem Schmelz. Ich habe diesen wein dreimal aufgewertet und landete mit dem letzten Schluck bei 94/100. Wie schön, dass es von 1953 Ausone eine Reserveflasche gab, denn aus der ersten war dieser Ausone einfach nur Schrott. Mit der zweiten Flasche waren wir dann zurück im Weinhimmel. Ein erstaunlich eleganter, feiner Ausone, eigentlich mehr Cheval als Ausone, nur der aromatische Druck eines großen Cheval fehlte – 92/100.

Sehr dicht wieder die tiefe Farbe des 1955 Ausone, in der Nase eine wunderbare Riccola-Kräutermischung, am Gaumen Kraft, Fülle und Schmelz – 94/100. Völlig untrinkbar der 1958 Ausone, an dem in diesem Zustand allenfalls noch Fäkalerotiker gefallen finden könnten. Auch nicht richtig anfreunden konnte ich mich mit 1964 Ausone. Der hatte eine schöne Nase mit kräuteriger Würze und feiner, rotbeeriger Frucht. Am Gaumen wirkte er aber etwas dünn und verwässert – 88/100. Dürfte keine große Zukunft mehr haben.

Schlichtweg sensationell 1959 Ausone, der für mich der Wein des Abends war. So ein dichter, großer Wein, so enorm komplex und druckvoll mit gewaltiger Länge, da hätte ich gerne ein paar Gläser mehr von gehabt – 99/100. Aber es war wohl nicht nur ein großer Ausone, sondern auch eine Ausnahmeflasche, denn bisher hatte ich diesen Wein noch nie auch nur annähernd auf diesem Niveau im Glas. Sehr überzeugend auch 1961 Ausone, der von diesem Ausnahme 59er zu Unrecht etwas in die Ecke gedrückt wurde. Es fehlte diesem sehr harmonischen, stimmigen, schmelzigen, absolut gelungenen Ausone einfach der ungeheure Druck des 59ers. In der wiederum sehr kräuterigen Aromatik war das ansonsten Ausone pur – 95/100.

Der "andere Tisch" mit René Gabriel

Schwer beeindruckt haben mich die älteren Ausones. Da werde ich noch intensiver auf die Suche gehen. Unbedingt möchte ich auch mal einen Ausone aus der Vorreblauszeit ins Glas bekommen, was zumindest in echter Form ein schwieriges Unterfangen sein dürfte.

Die Klasse der heutigen Ausones ist also keine Hexerei, und mit Alain Vauthier ist da kein Zauberlehrling am Werke. Er führt nur, ähnlich wie Gerard Perse bei Pavie, mit konsequenter, harter Arbeit das Gut dorthin, wo es schon einmal war.

Noch ein paar Worte zum „Rahmenprogramm“ der Probe. Einen hochkarätigen Tischwein hatte der liebe Bernd angestellt. Und bei diesem 1983 Mouton Rothschild hatten wir gleich in dreifacher Hinsicht Glück. Zum einen war es das spendable Flaschenformat einer Jeroboam, zum anderen die enorme Jugend dieses Weines und die klassische Mouton Aromatik mit Minze, Sattelleder und Bleistift. Und dann trug zu unserem Glück natürlich noch bei, das am anderen Tisch der gute René etwas von einem Fehler oder Kork gemurmelt hatte. Und das war das größte Glück überhaupt, denn fortan hielt sich der „andere Tisch“ völlig zurück und überließ uns diesen zweifelsohne großen(94/100) Wein. Ich liebe Mouton, ich liebe den 83er, und ich liebe ihn vor allem aus großen, vollen Gläsern. Und wenn ich einfach nur zu blöd war(wie übrigens alle an „unserem“ Tisch, diesen Fehler oder die vermeintliche Dumpfheit zu bemerken, dann liebe ich ab sofort auch meine Blödheit. Hat sie mir doch ein großes Weinerlebnis beschert. Unser Wein-Literat Stevie Trarach hätte es anders formuliert: Fehler hin und Fehler her, der Genuss fiel hier nicht schwer.

Und dann war da noch dieser bestechende 2010 Gantenbein Chardonnay, mit dem sich einige, nicht ganz so Altwein-versessene Mädels verlustierten. Klar habe ich den auch probiert. Mit dem haben die Gantis einen klaren Stilwechsel vorgenommen. Schlanker, frischer, weniger Holz, weniger üppige Exotik, mehr großer, würziger Meursault. Burgundisch im besten Sinne, und das auf hohem Qualitätsniveau. Chapeau, liebe Gantenbeins, jetzt seid Ihr auch mit dem Chardonnay angekommen – 95/100.
Und zwei weitere Weine, die zum Ende der Probe von irgendwo her in meinem Glas landeten, verdienen noch Erwähnung. Betörend und feinfruchtig die Nase des 2007 Charmes Chambertin von Armand Rousseau, elegant, weich und aromatisch mit feinem Schmelz und süßer Frucht am Gaumen. Sehr zugänglich und eintypischer Vertreter dieses Jahrgangs – 92/100. Jung, ungestüm, würzig, pfeffrig und am Gaumen konzentriert wirkend der 2007 Syrah M von Denis Mercier aus Sierre im Wallis – 90/100.