BBB - Best Bottle im Balm

Große Freude herrscht bei mir stets, wenn meine Schweizer Freunde eine Best Bottle ausrufen. Heißt das doch immer: tolle Location mit großer Küche, eine harmonische Runde supernetter Weinfreunde und natürlich auch großer Stoff im Glas.

In Meggen, diesem nicht gerade von Armut geprägten Vorort von Luzern in perfekter Sonnenlage am Vierwaldstättersee liegt das Balm. Für mich war dieses Hotel-/Restaurant eine Neuentdeckung, die sich nahtlos einreiht in die Perlen Schweizer Gastlichkeit. Fünfzehn Punkte gibt der GaultMillau für die großartige Küche, ich lege da gerne noch einen drauf. Der Inhaber und Küchenchef, Beat Stofer, ist Genussmensch und Weinliebhaber allerersten Ranges. Und wer liebt, was er tut, macht es halt besonders gut. An einem großen Probentisch mit reichlich Platz für 12 Personen machten wir es uns gleich neben dem Weinkeller gemütlich. Dort wurden wir perfekt von einem sehr kompetenten, liebenswürdigen Menschen bedient, der mit seiner offenen, freundlichen Art eigentlich nur aus meiner Heimatstadt Düsseldorf stammen konnte. Genauso war es. Im Balm ist er aber bereits seit langen Jahren und teilt die Weinleidenschaft des Chefs. Noch ein Wort zur Küche. Die ist im besten Sinne und auf sehr hohem Niveau bodenständig. Auf die Masche „24 unterschiedliche Aromenfarbtupfer rund um ein mickriges Stück Fleisch“, mit der leider viele Köche Michelin-Sternen hinterherjagen, verzichtet Beat Stofer. Für mich hört gute Küche inzwischen meist bei 17 GaultMillau-Punkten auf. Darüber wird es mir zu anstrengend. Ich genieße gerne gutes Essen und vor allem dazu auch guten Wein, aber ich möchte nicht vor jedem Gang eine Bedienungsanleitung lesen oder mir vom Maitre erklären lassen, was ich in welcher Reihenfolge zu essen hätte.

Kommen wir zum flüssigen Teil des Abends. Auf den gut gemeinten Apero hätte ich verzichten können. Die 2007 Erdener Prälat Auslese von Loosen war halt ein typischer 7er, ein junges, fettes, etwas breites und sättigendes Teil, dem es an balancierender Säure fehlte. Die Zeit mag einen Teil davon richten – 86+/100.

Drei recht unterschiedliche Weiße standen im ersten Flight des Abends. Kräftiges Goldgelb die Farbe des 2004 Ridge Monte Bello Chardonnay, reif die üppige Nase mit Butterscotch und reichlich Holz vor der Hütte, am Gaumen frischer mit exotischen Früchten, Lychees, guter Säure und cremiger Textur, jetzt voll da und einfach lecker mit süßem Schmelz – 93/100. Deutlich jünger in der Anmutung mit heller Farbe der 2008 Leeuwin Art Series Chardonnay aus Australien mit etwas verhaltener Nase, am Gaumen kräftig mit hoher Mineralität und gutem Säuregerüst, noch ganz am Anfang und etwas bissig, hohes Potential – 90+/100. Hell auch die Farbe des 2004 Corton Charlemagne von Roumier, in der floralen Nase Heu und frisch gemähte Wiese, am Gaumen frisch, schlank, mineralisch mit sehr guter Säure, dabei sehr trocken mit herbem Abgang – 89/100.

Die Schweiz ist kein armes Land. Und so avinierten wir die Gläser nach dem weißen Flight mit einem formidablen 2000 La Tour Figeac. Herrliche Frucht, Schwarze Johannisbeere, Schwarzkirsche, einfach sexy mit hohem Spaßfaktor, aber alles andere als simpel, viel Druck am Gaumen und gute Struktur – 92/100.

Und gleich das erste Glas im ersten Rotweinflight brachte eine faustdicke Überraschung. Natürlich verkosteten wir alle Weine blind und gaben unsere Bewertungen ab, bevor der Wein aufgedeckt wurde. Im Glas hatten wir einen sehr harmonischen, ausgewogenen Wein mit voll intakter Farbe, pikanter Frucht, viel Minze und guter Säure, baute im Glas aus und wirkte deutlich jünger – 92/100. Nein, weder auf den Jahrgang noch auf den Wein wäre da jemand gekommen. Einen beachtlichen Punkteschnitt von 92,7 erkämpfte sich dieser unglaubliche 1950 Bordlido Tinto Velho Vinho de Mesa aus Portugal. Ein gewaltiger Wein, der in seiner Art und Aromatik an den La Mission des Jahrgangs erinnerte, war dieser immer noch so quicklebendige, dunkelfarbige 1955 Domaine de Chevalier. Tabak, Teer, Kräuter in der Nase, Kraft, Dichte und enorme Länge am Gaumen, aber auch Eleganz und feine Süße – 96/100. Pech hatten wir leider mit dem sonst so guten 1955 Gaffelière-Naudes. Schon die Nase dieser wohl schlechten Flasche war ziemlich platt, abgestanden wirkte auch trotz feiner, rotbeeriger Frucht der schwierige Gaumen – 86/100. Eindeutig eine schlechte Flasche.
Dreimal reife Kalifornier brachte der nächste Flight. Deutlich über den Punkt war schon der 1980 Beaulieu Private Reserve George de Latour, der aber immer noch viel Faszination verströmte. Reife Liebstöckel-Nase, am Gaumen reif, weich, sehr minzig – 90/100. Eine helle, reife Farbe hatte der 1967 Louis Martini Cabernet Sauvignon. Klar, der spielte nicht mehr die ungestüme Rolle des jugendlichen Liebhabers. Das war perfekt gereifter, klassischer kalifornischer Cabernet mit minziger Nase, am Gaumen sehr elegant, eher auf der leichten Seite, filigran, aber hoch aromatisch. 92/100 gab ich ihm zunächst, aber der Louis Martini baute mit der Zeit im Glas dermaßen aus, da gehört noch mindestens einer mehr drauf. Und dann war da dieser 1985 Heitz Martha´s Vineyard, superdichte Farbe, ein gewaltiges Konzentrat mit reichlich Leder, Minze und Eukalyptus. Der hatte das Sonderetikett, das vorher nur der legendäre 1974er trug und wäre wohl auch in dessen Liga. Ja, wenn da nur nicht dieser ekelhafte Geruch vier Wochen getragener Wandersocken wäre. Den haben fast alle Flaschen dieses Weines. Haben sie ihn nicht, ist dieser Wein wie vom anderen Stern. So aber waren selbst meine 90/100 noch großzügig. Ratlos macht mich dieser Wein. Ich habe davon zuhause etliche Flaschen und setze auf das Prinzip Hoffnung. Die nächsten 5-10 Jahre versuche ich, darum einen Bogen zu machen.

Blind wäre ich beim nächsten Wein nie auf 1985 Haut Brion. Ich hätte schwören können(und war beileibe nicht der einzige am Tisch) dass der von der Rhone war. Rauchig, Blut, Eisen, T-Bone Steak vom Grill, pfeffrig, noch so jung und zupackend. Zeigte wenig Pessac-Typizität und hatte nichts mit den beiden letzten, von diesem Wein getrunkenen Flaschen gemeinsam, die deutlich reifer wirkten – 94/100. Klassisch großer Bordeaux und Pauillac kam dann mit 1990 Pichon Baron als große Lederoper in der Nase und am Gaumen ins Glas. Ein absolut stimmiger Wein mit immer noch gewaltigem Potential – 96/100. Jammern auf hohem Niveau war dann bei 1989 Palmer angesagt. Helle Farbe, sehr fein, weich, minzig, elegant, kräuterig, frisch, mineralisch, auch metallisch – nur, wo waren da der aromatische Druck, die Länge, die Süße? Kein schlechter Wein, aber für 89 Palmer völlig daneben – 93/100. Deutlich offener und süßer kenne ich auch den 1990 Beaucastel, der sich hier animalisch, kernig, kräftig, aber auch noch etwas verschlossen zeigte – 94/100.

Sensationell in der Papierform der nächste Flight. Nur die Realität war deutlich schwieriger. Dreimal Dominus, dreimal riesengroße Jahrgänge. Aber die wirkten – nicht lang genug dekantiert – wie Spitzenathleten, die man ohne Frühstück und ohne Aufwärmtraining direkt aus dem Bett auf den Sportplatz gezerrt hatte. Üppig, süß, füllig mit guter Struktur der minzige 1992 Dominus, dem ich 94/100 verpasste. Eine halbe Stunde später war ich dann schon bei 97/100. Der drehte dermaßen enorm im Glas auf. Das wäre sicher noch nicht das Ende gewesen, aber mein Glas war leer und wurde für den nächsten Flight gebraucht. Nicht viel anders bei 1994 Dominus mit großartiger Fülle, toller struktur und enormer Länge. Hier gab ich 96/100 und hatte nach derselben halben Stunde 99/100 im Glas. Nur bei 1997 Dominus half auch warten nicht. Ein junger, sehr kraftvoller Wein, der mit seinen 15 Jahren an einen pickelgesichtigen Teenager erinnerte, nicht Fisch und nicht Fleisch, derzeit durch eine schwierige Phase gehend – 91/100. Aber das geht vorbei, das habe ich schon bei vielen 97er Kaliforniern gehabt, selbst bei Harlan. Genügend Potential hat dieser Wein, der wird wieder groß.

Sehr eigenständig der 1998 Coppo Barbera d´Asti Riserva della Famiglia. In der Nase schottisches Hochmoor, am Gaumen erdig, mineralisch, sehr kräftig mit enormer Länge – 95/100. Sicher noch nicht in Bestform und wohl noch deutlich zu jung war der 2001 Barolo Rocche dell´Annunziata Torriglione von Voerzio. Üppig die minzige, kalifornisch wirkende, würzige Nase, am sonst gut strukturierten Gaumen störten die grünen Geranientöne – 94/100. Ganz großes Kino der 2000 Pavie Decesse, schon in der irren Nase ein gewaltiges, spannendes Konzentrat, das zur enorm dichten Farbe passte, am Gaumen ein gewaltiges, aber nicht überextrahiertes Kraftpaket mit minziger Frische und schöner Länge – 97/100. Noch nie auch nur annähernd so gut im Glas hatte ich 1998 Montrose mit junger, röstiger Nase, bei der Mokka und ein frisch gebrühter Espresso sich mit der pflaumigen Frucht und dem Leder vermischten, am Gaumen immer noch zupackend, aber auch erstaunlich zugänglich – 96/100. Der steht ab sofort auf meiner Suchliste.

Mal was anderes: der Brotterminator

Stückweit brachte der letzte Flight mit dekadent süßer Frucht viel Hedonismus ins Glas. Würzig, süß, mineralisch, aber auch mit toller Struktur der 2004 El Pison – 95/100. Noch eine Ecke drüber der verschwenderische 1995 Pesquera Janus als Mokka-Operette mit traumhaft süßer Frucht – 96/100. Da wirkte im Vergleich der kräftige 1994 Vega Sicilia Unico etwas verloren mit viel Säure, sehr straff aber im jetzigen Stadium reichlich charmefrei – 93/100. Und wenn ihn die beiden anderen Spanier schon nicht voll erdrücken konnten, dann tat das im letzten Glas der großartige 2001 Penfolds Grange, der für mich blind mit seiner betörenden Frucht, seiner Rasse, Klasse und Struktur als Caymus Special Selection durchging – 97/100.

Wozu sind gute Vorsätze da? Dazu, dass man sie bricht. Der Wirt hatte sich inzwischen zu uns gesellt, ein wirklich netter Mensch. Da ließ ich Mitternacht Mitternacht sein und blieb. In deutlich kleinerer Runde musste es erst noch ein 2009 Monteverro sein. Der war feiner, eleganter, mit mehr Säure und enormer Finesse als die pure Sünde aus 2008, entwickelte aber großartig im Glas. Auf Sicht wird das der größere Wein – 95+/100. Und dann öffnete Beat noch einen 2007 Chateauneuf-du-Pape Collection Charles Giraud von der Domaine Saint Prefert. Da war ich sofort wieder hellwach. Was für ein Mörderteil, wie kann solch gewaltiger Extrakt, soviel Kraft und soviel Alkohol mit solcher Eleganz und Finesse, ja fast mit spielerischer Leichtigkeit ins Glas kommen? Herrliche Frucht, die Kräuter der Provence, Würze, Lakritz, hohe Mineralität, verpackt in cremige Textur mit langem Abgang. Da konnte ich auch zu nachtschlafender Zeit Parkers 100/100 voll nachvollziehe. Gut möglich, dass das der beste, junge Chateauneuf war, den ich je im Glas hatte. Letzteres wird Chateauneuf-Papst Uwe Bende als Herausforderung ansehen und mir im nächsten Jahr bei jeder sich bietenden Gelegenheit beweisen wollen, dass es einen noch größeren, jungen Chateauneuf gibt. Das muss ich nicht nur durch. Das kann ich auch gut ab.