Die Düsseldorf Cellar Devils schlagen wieder zu

Hoher Besuch aus Amerika gab uns die Ehre. Weinkritiker Jeff Leve und Au Bon Climat Winzer Jim Clendenen kamen nach Düsseldorf. Das konnten sich die Düsseldorf Cellar Devils nicht entgehen lassen. Mit den beiden machten wir in unserer Lieblings-Cantina Schorn eine hochkarätige Best Bottle.

Bestens aviniert hatten wir uns mittags bei einem Besuch im, bzw. vor dem D´Vine, wo es bei herrlichem Sonnenschein zu frischem Spargel vom Niederrhein frische Weißweine und auch den ein oder anderen Roten gab (demnächst mehr dazu in den WeinMomenten April). Während unsere amerikanischen Gäste bester Stimmung waren und den Abend genossen, hatte einer der Kellerteufel mittags wohl erheblich zu tief ins Glas geguckt. Das lag vielleicht daran, dass er kein Düsseldorfer war. So verbrachte er einen Teil des Abends am Tisch in seeligem Schlaf und überließ uns etwas mehr von den köstlichen Tropfen.

Und es ging gleich mördermäßig los. Zum zweiten Mal nach 2011 bekam ich eine unsterbliche Champagner-Rarität ins Glas, das 1921 Original Dry Cuvée de la Victoire von Fred. Laroux, immer noch erstaunlich lebendig, tiefe, aber klare Farbe, vom einstigen Mousseux nur noch ein Hauch am Gaumen spürbar, feine Brot-Bitternote, sehr mineralisch, harmonisch und lang im Abgang – 96/100. Nicht minder faszinierend die Rarität im anderen Glas, die 1956 Henkell Royal Jubiläumscuvée zum hundertjährigen Bestehen des Hauses, so fein, so elegant, so schmelzig mit immer noch schönem Mousseux, altersfreier, großer Stoff mit generöser Süße, für den der Begriff Sekt eher eine Beleidigung ist – 94/100.

Kontrovers wurde am Tisch der von Jeff Leve mitgebrachte 2008 Marcassin Chardonnay Marcassin Vineyard diskutiert. Parker hat diesem Wein, den er dann auch noch als „Chardonnay of the Decade“ bezeichnete, 100/100 gegeben. Jim, dessen Weine einen anderen, burgundischeren Stil haben, sah das natürlich völlig anders. Der Marcassin war sehr reichhaltig mit intensiver Extraktsüße, sehr cremig, buttrig mit viel Alkohol und viel Holz, aber in sich auch stimmig mit viel Finesse. Ein gewaltiges, sicher recht langlebiges Konzentrat, dem es vielleicht etwas an Säure fehlte – 96/100. Über Geschmack und Stilistik lässt sich natürlich streiten. Aber das war zweifelsohne ein großer, gelungener Chardonnay.

Und dann kamen zwei Legenden in die Gläser. 1924 Pavie war voll auf Augenhöhe mit den großen Weinen des Gutes aus 1928 und 1929, ein trotz fast 90 Jahren immer noch so frisch wirkender Wein mit unglaublicher Frucht, mit enormem, aromatischem Druck, ein großer Wein aus einem Guss mit toller Struktur und ewiger Länge – 100/100. Einmal mehr zeigte dieser Wein die Klasse des Terroirs von Pavie. Gerard Perse, der neue Besitzer dieses Gutes, ist kein Hexenmeister. Er führt mit den großen Weinen, die dort seit 1998 erzeugt werden, Pavie nur zu alter Glorie zurück. 1924 zählte übrigens zusammen mit 1926, 1928 und 1929 zu den großen Jahrgängen der 20er Jahre. Allerdings haben sich die meisten Weine inzwischen verabschiedet. Und dann dieser großartige 1925 Castillo YGAY von Marques de Murrieta, ein gewaltiges Aromenbündel mit dekadenter Süße, mit reichlich Kaffee, hoher Mineralität, enormer Kraft und immer noch dichter Farbe, wurde diesmal seinem legendären Ruf wieder voll gerecht – 100/100.

Deutlich mehr hatte ich mir von 1916 Gruaud Larose aus dem besten der Kriegsjahrgänge versprochen. Aber dieser in Gnade gereifte Wein wirkte trotz generöser Süße schon etwas ältlich und hatte dazu wohl einen leichten Kork – 89/100. Immer noch erstaunlich frisch dafür der 1959 Gruaud Larose mit toller Frucht, Süße, Fülle und dem stabilen Säuregerüst des 59er Jahrgangs, dass noch eine längere Zukunft verspricht – 96/100.

Als Ausnahmewein zeigte sich der immer noch so kräftige 1940 La Mission Haut Brion, mit erdiger Mineralität, Tabak, Cigarbox, Teer, Lakritz und getrockneten Kräutern, sehr gute Säurestruktur, wurde im Glas immer süßer und schmelziger – 96/100. 1940 zählt in Bordeaux nicht zu den großen Jahrgängen und war durch den Kriegsbeginn sogar ein verdammt schwieriger. Aber La Mission ist dafür bekannt, dass dort auch in schlechteren Jahren große Weine erzeugt wurden. Kein schlechter Wein war der 1949 Ducru Beaucaillou, der leider etwas unsauber wirkte mit etwas verstaubter Eleganz. Wahrscheinlich war hier ein Kork mit ihm Spiel, denn zuletzt im Februar bei Elke Dreschers großer Ducruprobe hatte ich diesen Wein deutlich besser im Glas. Sehr zugänglich präsentierte sich 1949 Leoville las Cases, ausladend, süß, schokoladig, aber auch mit guter Säure, wurde im Glas immer trüffeliger – 95/100.

Ein süßer, reifer, weicher, schmelziger, burgundischer Traum der sehr elegante 1949 Nuits St. Georges von Bouchard, immer noch mit wunderbarer Frucht und beachtlicher Länge – 96/100. Und schon wieder hatten wir einen Korkfehler, diesmal mit übler Korknase. Unterm Kork spürte man bei diesem 1937 Chateauneuf-du-Pape von Corcol einen lakritzigen, süßen, kräftigen und immer noch so jungen Wein mit Mörderpotential, ohne Kork sicher in der 95+/100 Liga.

Eine kräftige Farbe hatte der 1969 Hermitage Cuvée des Moines von Marius Chierpe, immer noch sehr gute Frucht, aber auch eine gewisse Härte und einen recht kurzen Abgang – 92/100. Ziemlich daneben der 1964 Nuits Cailles von Morin mit heller, sehr reif wirkender Farbe, in der Nase Orangensaft der billigsten Sorte, am Gaumen immer mehr Bratensoße – 84/100. Sehr würzig, minzig mit feiner Süße, Kraft und Länge der 1952 Chateauneuf-du-Pape La Gardine – 94/100.

Ein Stück kalifornischer Weingeschichte bekamen wir jetzt ins Glas. Charles Krug stammte ursprünglich aus Preussen und hatte die gleichnamige Winery 1860 gegründet. Robert Mondavis Eltern erwarben 1943 das damals inaktive Weingut und Mondavi startete hier seine Weinkarriere. Der 1965 Charles Krug Cabernet Sauvignon dürfte der letzte Wein sein, der noch Robert Mondavis Handschrift trug, denn 1966 startete der sein eigenes Weingut. 1965 war ein gutes Weinjahr in Kalifornien mit früh trinkreifen Weinen. Von daher war die voll intakte, rubinrote Farbe sehr erstaunlich. Ein kleiner, feiner Wein mit rotbeeriger Frucht und hoher Säure – 88/100.
Noch ein Jahr vor Charles Krug gründete der aus Spanien stammende Giovanni Gaja sein Weingut. Sein Urenkel Angelo Gaja stieg 1961 in das Weingut ein, und sein Erstlingswerk, den 1961 Gaja Barbaresco durften wir jetzt trinken. Der war noch voll da mit erstaunlich präsenter Kirschfrucht, mit erdiger Mineralität, mit altem Sattelleder, mit guter Säure und feiner Süße. Ein Wein mit Rasse und Klasse – 95/100.

Immer noch blutjung war der rassige 1995 Vega Sicilia Unico, ein sehr komplexes, tiefgründiges Konzentrat mit superber Frucht, rote und schwarze Johannisbeeren, sehr mineralisch, viele Kräuter, etwas Minze, mit deutlicher Säure noch etwas wild in der Aromatik. Zu den 94+/100 kommen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sicher noch 2-3 mehr. Extrem langlebig dürfte auch der sehr feine, elegante 1989 Grand Puy Lacoste mit seiner wunderbaren, rotbeerigen Frucht sein, bei dem derzeit das immer noch intakte Tanningerüst wieder etwas im Vordergrund steht. Aber keine Sorge, der kommt in ein paar Jahren wieder richtig und dürfte sehr langlebig sein – 93+/100. Irritierend zu Anfang die Nase des 1998 Lamarein von Josephus Mayr, der zweite Jahrgang diese exotischen Geschosses aus getrockneten Trauben. Erinnerte zu Anfang in der Nase eher an das Sortiment eines großen Drogeriemarkt vom Haarwaschmittel bis zum Tapetenkleister, entwickelte sich aber enorm im Glas und baute immer mehr aus, wurde komplexer, tiefgründiger und fordernder am Gaumen. Ein mächtiger Wein, bei dem ein guter Schluck völlig reicht – 95/100. Wer davon eine ganze Flasche trinken möchte, sollte sich vorher ein Schild mit der Adresse umhängen, wo man ihn später abliefern soll.

Ob wir nicht etwas leiser sein könnten, kam die wiederholte Frage von Oliver Speh. Nein konnten wir nicht, wir hatten enormen Spaß und es ging uns saugut. Das einsame Pärchen, das da irgendwo sich gegenseitig anschweigend den Hochzeitstag verbrachte und dem unsere ausschweifende Weinorgie zu lebenslustig war, auf dieses bedauernswerte Einzelschicksal konnten und wollten wir keine Rücksicht nehmen. Schorn hat zwar inzwischen einen Stern, von der Küche wohlverdient, aber es ist eher ein (Wein)Freudenhaus als eine Kathedrale. Und so machten wir uns mit viel Freude über die australische Paarung her. Immer noch altersfrei zeigte sich der vibrierende, großartige, komplexe 1975 Penfolds Grange mit junger, pflaumiger Frucht, hoher Mineralität, Kaffee und Schokolade. Da ist noch Musik für lange Jahre, und aus guten Flaschen wie dieser wird der Grange noch zulegen – 96+/100. Das ist gerade das faszinierende bei den besseren Grange-Jahrgängen. Reif sind sie nicht, wenn sie dick, üppig, exotisch, süß und marmeladig sind. Reif ist ein Grange, wenn aus dem Marshmallow eine feine Praline wird, und das kann Jahrzehnte dauern. Der potentiell große, junge, aber heute etwas korpulent wirkende 1997 Penfolds Grange kommt da irgendwann auch hin, aber es braucht noch eine Weile – 94+/100. Marshmallow-Fans trinken ihn natürlich bevorzugt früher.

Langsam wurden die Gaumen müde, und da tat eine extra Portion Minze richtig gut. Die kam jetzt in zweifacher Ausführung aus Kalifornien. Eine sehr präzise Struktur hatte der 1986 Spottswoode Cabernet Sauvignon, süße Frucht, Minze, Leder, dazu eine erstaunliche Frische, am Gaumen immer noch kräftig und lang – 94/100. Erstaunlich jung aus dieser Flasche noch der 1990 Heitz Martha´s Vineyard, diese geniale Mischung aus Coca Cola und Wick Medinait, mit Minze und Eukalyptus satt, mit süßer Fülle, aber auch enorm dicht und kräftig, kann noch zulegen – 95/100.

Mit dem Schlussakkord waren wir dann wieder in Bordeaux. Immer noch so jung der derzeit etwas kompakt wirkende, sehr dicht gewirkte 1999 Palmer, sehr elegant mit wunderbarer Frucht, mit erdiger Mineralität und einer feinen Portion Trüffe, aber auch noch mit kräftigen, reifen Tanninen. Ich würde ihm noch 2-3 Jahre geben, dann wird das einer der schönsten 99er, und das für lange Zeit – 93+/100 mit Potential für 95/100. Ein Traum 1983 Palmer, den ich ja gerade erst auf Sylt in ähnlicher Top-Form im Glas hatte, einfach Eleganz pur, ein Wein, bei dem von der Nase bis zum Abgang einfach alles stimmt – 97/100. Aber das ist ein so faszinierender, facettenreicher Wein, den könnte ich derzeit täglich trinken, mittags und abends, vielleicht sogar zum Frühstück. Dieser 83er zeigt aber auch, wofür gute, kühle Weinkeller da sind und warum es lohnt, auf große Weine aus großen Jahren zu warten. Kaum glauben konnte ich, was ich dann als 2001 Mouton Rothschild ins Glas bekam. Für den konnte ich mich bisher nie begeistern, weder 2004 in den Arrivageproben noch in den Jahren danach. Das war immer ein etwas monolithischer, unnahbarer Klotz. Und jetzt plötzlich das hier, einfach sexy, herrliche, süße und dekadent leckere Frucht, Leder, Minze und der Mouton-typische Bleistift – 95/100. Da werde ich mal auf die Suche gehen.