Bordeaux 2009 vom linken Ufer

Als Jahrhundertjahrgang wurde 2009 Bordeaux schon kurz nach der Ernte gepriesen. Als dann die extrem hohen Parker-Bewertungen draußen waren, gab es kein Halten mehr. Die Preise schossen auf kaum für möglich gehaltene Höhen, und gekauft wurde trotzdem. 22 dieser Weine genossen wir jetzt in einer Vergleichsprobe.

Ein paar Worte zur Bewertung. Wir haben alle Weine blind getrunken und bewertet. Uwe und ich haben das übrigens aus eigens mitgebrachten, mundgeblasenen Gabriel-Gläsern getan. Wenn jetzt bei mir steht „91-93/100“, dann ist 91 der heutige Genusswert und 93 meine heutige Einschätzung dessen, auf welchem Niveau sich der Wein in 5-10 Jahren in der Genussreife bewegt. Ich habe meine Bewertungen nach dem Aufdecken nicht mehr korrigiert. Diese Probe war eine reine Momentaufnahme, die für mich auch noch ein Jahr zu früh kam. Deshalb sind meine Bewertungen auch mit Vorsicht zu genießen. Aber wo noch kein Spaß im Glas war, da muss nicht unbedingt welchen dazudichten. Das überlasse ich gerne den Kaffeesatzlesern unter den Weinjournalisten. Ich werde die ersten 2009er aus meinem Keller wohl erst im nächsten Jahr probieren, wenn überhaupt.

Keine Mühen hatten unsere Gastgeber Karl-Heinz Frackenpohl und Rainer Kaltenecker gescheut, um die namhaftesten Medocs aus 2009 präsentieren zu können. Weggelassen hatten sie lediglich die 1er Crus, die durch ihre utopische Preispolitik aber ohnehin außerhalb der Reichweite normalsterblicher Weintrinker liegen. Quasi zum Eintrinken servierten sie einen kleineren Wein, den 2009 Pédesclaux. Der zeigte sich frühreif, fruchtig und gefällig, nicht sehr konzentriert, schokoladig und noch geprägt von junger Röstaromatik und stark getoastetem Holz – 90/100. Ich habe dagegen den 2009 Nectar des Bertrands gestellt. Da wurde am Tisch sofort von einem ganz anderen Kaliber und von gut und gerne 95/100 gesprochen. Für mich war das ebenso wenig eine Überraschung wie die Tatsache, dass sich der Nectar vom momentanen Genuss her als einer der drei schönsten Weine der Probe entpuppte.

Schon gut trinkbar war der gefällige 2009 Cantenac-Brown mit weicher, vanilliger Nase, am Gaumen eher schlank, fein, mit gutem Säuregerüst – 90-91/100. Konnte das im Glas daneben wirklich der hoc gelobte(94 bei Parker) 2009 Giscours sein? Animalischer Stinker in der Nase, wirkte kernig, unreif und bitter mit deutlicher Paprikanote – 87-90/100. Sehr üppig die kalifornisch wirkende Nase des 2009 Rauzan-Ségla, am würzigen, fülligen Gaumen mit viel Weihnachtsgewürzen, Backpflaumen, Zimt, der diesjährige Nürnberger Elisen(lebkuchen)wein, machte aber enormen Trinkspaß – 93-96/100. Eine dichte, röstig-rauchige Nase hatte 2009 Palmer. Ein dickes, fettes Teil, das mit Palmer, wie er früher einmal war und mit Margaux stilistisch nichts zu tun hatte – 92-97/100.

Sehr gut gefiel mir der ausgewogene 2009 Léoville Barton schon mit der sympathischen, von Zedernholz und Tabak geprägten Nase. Ein sicher langlebiger Wein mit deutlichen Tanninen, aber im Gegensatz zu vielen anderen sehr ausgewogen, elegant mit gutem Säurespiel. Auch der Alkohollevel liegt hier noch im Rahmen – 92-94+/100. Deutlich dichter, kräftiger und opulenter war 2009 Léoville Poyferré mit leichter Strenge in der Nase und insgesamt moderner, üppiger Stilrichtung – 91-93/100. Mehr anfreunden konnte ich mich da mit 2009 Léoville las Cases. Der hatte eine elegante, feine Nase mit superber Frucht, am Gaumen wohldefiniert und bei aller Kraft Eleganz pur – 93-96/100. Im direkten Vergleich mit den drei Leovilles fiel der 2009 Ducru Beaucaillou schon von der etwas aufdringlichen, nuttigen, süßen Nase her ab. Auch am Gaumen war das für mich im jetzigen Stadium just too much – 91-95/100.

Der dichte 2009 Branaire Ducru hatte eine einfach geile, röstige Nase, wirkte am Gaumen aber bei aller Harmonie etwas streng mit deutlichen Tanninen – 91-94/100. Einfach ein Traum die reif wirkende, offene fast burgundische Nase des 2009 Gruaud Larose mit junger Röstaromatik, auch am Gaumen war das ein sehr gefälliger, balancierter, eleganter Gruaud – 93-96/100. Überhaupt nichts anfangen konnte ich mit der 2009 Pichon Comtesse, die in der Nase seltsam nach Banane roch und am Gaumen breit, grob und etwas diffus wirkte – 88-?/100. Die Comtesse hatten wir wohl in einem schlechten Stadium erwischt. Eine üppig-dichte Neue Welt Nase hatte der 2009 Pichon Baron, der am Gaumen heftig, massig und alkoholisch wirkte. Erinnerte mich eher an einen jungen Port als an Bordeaux – 89-95+(?)/100.

Sehr schön die Nase des kräftigen 2009 Clerc Milon, etwas verschlossen am Gaumen, dabei aber nicht so dick wie die anderen dieses Flights, wirkte balanciert mit viel Finesse – 93-96/100. Eine geradezu heiße Nase zeigte der 2009 Grand Puy Lacoste. Üppig, süß, dicht und heftig am Gaumen, nein, das war nicht GPL wie ich ihn kenne und liebe. Allerdings entwickelte er sich rasch im Glas und wurde weicher und gefälliger – 91-95/100. War der 2009 Lynch Bages fehlerhaft? Hitzig die Nase, Rumtopf aus säuerlichen Früchten, völlig daneben, sehr alkoholisch und in dieser Form/Phase untrinkbar. Auf eine Bewerttung, die sicher nicht über 85/100 hinausgegangen wäre, habe ich verzichtet. Einfach Klasse war die wunderbare Charakternase des 2009 Pontet Canet, am Gaumen war das im jetzigen Stadium ein sehr dichter, gelungener Amarone, der mit Bordeaux herzlich wenig zu tun hatte – 92-97/100. Vom Pontet Canet hatte ich mir vor einem halben Jahr aus eigenem Keller eine Halbe gegönnt. Das hätte ich mir damals auch sparen können, denn die ließ überhaupt nichts raus. Der Pontet Canet ist derzeit noch im Larvenstadium. Bis da mal ein Schmetterling draus wird, vergehen mit Sicherheit noch 10+ Jahre.

Kork hatte leider der enorm dichte und kräftige 2009 Lafon Rochet. Was für eine Erholung war das Glas 2009 Calon Ségur. Klar, auch das ein junger, dichter Wein, aber nicht so hitzig, der schmeckte endlich mal nach Bordeaux mit feiner, junger Röstaromatik – 94-96/100. Und dann kam mit 2009 Montrose der erste Wein des Abends ins Glas, bei dem unter der dichten Frucht eine sehr deutliche Mineralität erkennbar war. Dieser Montrose war für mich eindeutig der Wein der Probe, bei aller Dichte und Kraft sehr komplex, lang und groß – 96-99/100. Überzeugt hat mich auch der sonst so kontrovers beurteilte 2009 Cos d´Estournel. Gut, die junge Variante einer alten Rioja-Gemüsenase war es nicht unbedingt. Aber am Gaumen zeigte der erstaunlich balancierte, sehr minzige Cos sogar Frische – 95-97/100.

Einigermaßen ratlos war ich nach dieser Probe, in der sich meine Bewertungen nicht sonderlich von der anderer Teilnehmer unterschieden. War es einfach nur der falsche, immer noch ein Jahr zu frühe Zeitpunkt? Im Gegensatz zu den deutlich offeneren Weinen aus St. Emilion und Pomerol scheinen die Weine aus Medoc noch deutlich länger zu brauchen, bis sich diese heftige Kombination aus Extrakt, Frucht, Alkohol und Tanninen als harmonischeres Ganzes präsentiert. Und ob sich diese modernen Varianten der 47er dann irgendwann mal wirklich als Jahrhundertweine präsentieren (alleine in unserer Probe 100 Parkerpunkte für Cos, Ducru, Poyferré, Montrose und Pontet Canet) wage ich zumindest aus heutiger Sicht zu bezweifeln. Nur zu gut kann ich mich noch an 1986 Mouton Rothschild im vergleichbaren Stadium 1989 erinnern. An den kam keiner der hier verkosteten Weine auch nur annähernd ran.

Mehr Arbeit als Vergnügen war diese Probe. Wie schön, dass es zum anschließenden Essen aus dem Kreise der Teilnehmer noch ein paar reifere Gewächse gab. Das war jetzt deutlich eher wieder meine Welt. Den Gaumen spülten wir erstmal mit einem göttlichen Reparaturschluck, einer 1988 Wehlener Sonnenuhr Auslese von JJ Prüm. Die wirkte aus dieser Flasche schon erstaunlich reif mit güldener Farbe, rosinigen Tönen, feiner Süße, balanciert durch gute Säure, blieb lang am Gaumen haften – 92/100.

Perfekt gereift, aber ohne Alter der 1983 Haut Brion, so fein, elegant und finessig, mit Leder, Teer, Cigarbox, aber auch viel Minze, ätherischen Noten und sogar Eukalyptus, bleibt lang am Gaumen und viel zu kurz im Glas – 94/100. Vor Kraft kaum Laufen konnte der noch unfertige 1986 Haut Brion, viel Brett in der Nase, am Gaumen massive Tannine. Wird mal einer der großen Haut Brions, aber da sind wahrscheinlich die 2009er noch vorher reif – 88+/100. Aber wenn dann solch ein Wein mal reif ist, dann hängt der Weinhimmel voller Geigen. Das zeigte eindrucksvoll 1949 Angelus aus der Magnum. Was für ein Traum, so elegant, so finessig mit wunderbarem Schmelz. Und mit diesem gelungenen Spagat aus enorm druckvoller Aromatik am Gaumen und seidiger Eleganz ist er einem großen Cheval nicht unähnlich – 97/100.

Spannend und polarisierend zugleich dann das Duell 1989 Montrose gegen 1959 Montrose. Die Jungweinfans zogen den dichten, zupackenden 89er vor, diesen 90 Montrose für Schlaue, der erst ganz am Anfang steht und eine großartige Zukunft hat – 96+/100. Möglich, dass er den für mich hier und heute schöneren 59er mal überholt. Der überzeugte mit ätherischer Kühle, mit Frische, enormer Länge, perfekter Struktur und puristisch schöner Frucht. Das immer noch voll intakte Tannin- und Säuregerüst dürfte ihm noch ein sehr langes Leben bescheren. Womöglich überlebt er auch den 89er – 97/100.

Zum ersten Gang unseres Menüs – Yves Deval Block hatte sich hier im Dado passend zur festlich gedeckten Tafel wieder richtig was einfallen lassen – kamen dann drei gereiftere Weiße von Köhler-Rupprecht ins Glas. Sehr dicht, konzentriert, kräuterig und mit enormer Länge die 2000 Kallstädter Saumagen Auslese trocken – 93/100. Ganz anders die 2002 Kallstädter Saumagen Auslese trocken, die seltsam füllig, diffus und schlabberig wirkte – 86/100. Groß und erst ganz am Anfang die schlanke, konzentrierte, sehr mineralische 2004 Kallstädter Saumagen Auslese trocken ‚R’ mit massig Feuerstein und messerscharfer Präzision – 94/100.

Danach wurde dann noch ein gewaltiges Feuerwerk reiferer Weine abgefackelt. Meine Chronistenpflicht habe ich dabei auf das Nötigste beschränkt. Jetzt war eigentlich nur noch Genuss angesagt.

Noch so jung mit frischer, kirschiger Frucht der vibrierende 1990 Ridge Monte Bello – 93/100. Erstaunlich kräftig und lang am Gaumen der 1971 Vieux Chateau Certan – 92/100. Finesse pur der hoch elegante und an den Cheval Blanc des Jahrgangs erinnernde 1964 Gaffelière Naudes in einer Barrières Abfüllung – 93/100. Aus einer wohl perfekt gelagerten Flasche immer noch so jung und geradezu bissig der edel-rustikale, kräftige 1982 Talbot, der in dieser Form sicher noch zulegen kann – 92+/100. Reifer, aber mit wunderbarer Frucht und süßem Schmelz, dazu viel Zedernholz der einfach herrlich zu trinkende 1982 Léoville Poyferré – 94/100. Immer noch taufrisch wirkte der geniale, hedonistische 1985 Lynch Bages mit dekadent leckerer, süßer Frucht, in der Form jede Suche wert – 95/100. Auf gleichem Niveau einer meiner Lieblingsweine, 1982 Grand Puy Lacoste, der sich immer noch so jung und altersfrei präsentiert, sehr komplex und lang mit generöser Süße – 95/100. Ja, und dann war da noch – last not least - ein großartiger 1985 Clos des Papes. Von dem habe ich mir nur noch den Namen aufgeschrieben, denn „ich hatte fertig“. Aber der steht nächstes Jahr in Uwe Bendes großen Chateauneuf-Proben. Dann liefere ich die genaue Beschreibung nach.