Burgunder von 1878 bis 1976

Grosse Burgunder von 1898 bis 1976

Zu einer spektakulären Probe alter Burgunder hatte Uwe Bende nach Bochum geladen. Grosse Namen, große Jahrgänge – das hörte sich nicht nur verdammt gut an – es schmeckte auch so.

Mit drei Weißweinen starteten wir in den Abend. Etwas unausgewogen wirkte die kräftige 2007 Cuvée Barberini von der Domaine de la Solitude mit zuviel Säure für zuwenig Frucht – 87/100. Nicht mehr wirklich trinkbar war der tief goldgelbe 1969 Meursault von Paul Dargent mit einer gewöhnungsbedürftigen Mischung aus Oxidation, Sherry und Essig. Umso erstaunlicher, noch dazu für einen €9 Wein aus diesem grottigen Jahr, war der 1980 Chateauneuf-du-Pape Blanc von der Domaine de Cabrières. Wunderbare Nase, rauchig, nussig mit nur einem Hauch Pattex, am Gaumen schöne Fülle und erste, noch dezente Alterstöne – 90/100.

Zum Eintrinken gab es dann noch einen jungen 2006 Chambertin von Nicolas Potel. Der war noch ganz am Anfang. Ein erstaunlich fülliger, kräftiger Wein mit saftiger, süßer Waldbeere und gutem Tannin- und Säuregerüst. Dürfte noch zulegen – 94+/100.

Eher zum Abgewöhnen dann die ersten beiden Weine des 76er Flights. Das lag weniger am Namen. Die besseren Burgunder aus 1976 haben sich erstaunlich gut entwickelt. Es lag auch nicht an den Lagen oder dem Winzer. Es lag ausschließlich an der Herkunft. Aus scheinbar seriöser Quelle hatten Uwe und ich Anfang diesen Jahres mehrere 76er Rousseaus bei Ebay erworben. Die waren äußerlich ok, aber der Inhalt aller Flaschen war grottig. Das musste ein Posten gewesen sein, der irgendwann misshandelt worden war. Wie ein vermeintlicher Profi solchen Müll überhaupt anbieten kann, erschließt sich mir nicht. Aber man lernt ja nie aus, schon gar nicht bei Ebay. Der 1976 Charmes Chambertin von Armand Rousseau mit in die Flasche gefallenem Korken präsentierte sich als untrinkbarer Leichenwein. Der 1976 Clos de la Roche von Armand Rousseau präsentierte sich wie die vor einem halben Jahr getrunkene Zwillingsflasche, bräunliche, ältliche, leicht trübe, traurige Farbe, weich am Gaumen, etwas Süße, aber auch deutliche Alterstöne, am Gaumen keinen Deut besser, baute immer mehr ab und wurde noch morbider - 80/100. Da haben Uwe und ich (es waren unsere beiden letzten Flaschen aus dieser Quelle) Lehrgeld bezahlt, aber so konnten wir wenigstens unsere Erfahrung weitergeben.
Deutlich besser aus seriöserer Quelle ein 1976 Clos des Lambrays von der Domaine de Lambrays mit schöner Himbeer- und Erdbeernase, am Gaumen pikant mit feiner, süßer Frucht – 90/100.

Und dann ging es ins Eingemachte, gleich dreimal der legendäre Jahrgang 1919. Noch voll intakt und so vital war der faszinierende 1919 Clos Vougeot von Leon Rigault, reif und weich zwar mit schmeichlerischer, wunderbarer Süße und einem Hauch altem Balsamico, aber auch mit gutem Säuregerüst – 97/100. Sehr dicht die Farbe des kräftigen, etwas rustikalen 1919 Volnay Santenots von Morin, der ebenfalls kein spürbares Alter zeigte – 93/100. Dicht auch die Farbe des unsterblich wirkenden 1919 Nuits St. Georges 1er Cru von Morin, kräftig und charmant zugleich mit schöner Länge am Gaumen – 95/100.

Erstaunlich lebendig war trotz bräunlich-reifer Farbe der älteste Wein der Probe, ein 1898 Musigny von Leon Rigault, sehr malzig die süße Nase, am Gaumen viel Kaffee und schmelzige Fülle - 96/100. Die Genusspunktzahl wird dabei dem einmaligen Erlebnis eines immer noch bestens trinkbaren, 114 Jahre alten Weines nicht gerecht. Das sind einfach einmalige Erlebnisse, die sich tief in die Weinseele einbrennen. Eigentlich wirkte der Musigny noch eine Spur frischer als der 1934 Richebourg von Drouhin im Nachbarglas. Auch der hatte eine bräunlich-reife Farbe, in der Nase Milchkaffee mit viel Zucker, am Gaumen Kraft, Fülle und Süße, aber auch erste, oxidative Töne – 95/100. Reif auch die Farbe des 1935 Clos Vougeot von Morin, die zu Anfang etwas schwierige Nase mit Aceton wurde mit der Zeit immer besser, der Gaumen war deutlich gefälliger mit schöner Süße – 92/100.

Gespannt war ich auf den nur sehr schwer zu findenden 1926 Nuits St. Georges Vandermeulen. Mitte der Neunziger war der in Belgien auf einer großen Vandermeulen-Verkostung zum Jahrhundertwein und besten Wein der Probe gekürt worden. Aber jetzt, 17 Jahre später, nagte an diesem Monument auf extrem hohem Niveau leicht der Zahn der Zeit. Reife, leicht trübe Farbe, süße, verführerische Nase, auch am Gaumen süß, weich und mit viel betörendem Schmelz, einfach saugut zu trinken. Analog zur Edelfirne kam mir hier spontan der Begriff Edelreife in den Sinn, denn die hatte dieser immer noch großartige Wein – 97/100. Deutlich besser hätte von er Papierform her der 1929 Musigny von Henri de Bahèzre sein müssen. Bei dem überzeugte nur die sehr dichte Farbe. Die Nase war dumpf, der Gaumen kurz und austrocknend, von Süße, Schmelz oder Eleganz keine Spur – 85/100. Aber das ist ja gerade das spannende bei alten Burgundern. Name und Lage sagennoch lange nichts über die Qualität des weines aus. So brillierte im anderen Glas aus gleichem Jahr der 1929 Gevrey Chambertin Clos de la Justice von Pierre Bouré. Der wirkte um Jahrzehnte jünger mit einer immer noch fruchtigen Traumnase, und überzeugte auch am Gaumen mit fruchtiger Fülle – 95/100.

Als Tischwein gab es dann zwischendurch den 1964 Savigny les Beaunes Vergelesses von Dubreuil-Fontaine. Das war vielleicht nicht der komplexeste aller Weine, aber ein hochwertiger Saufburgunder, sehr gefällig mit schöner Süße – 90/100.

Der 1945 Vosne Romanée von Grivelet hatte eine sehr vielversprechende, altersfreie Superfarbe – und leider Kork! Wie vom anderen Stern präsentierte sich der großartige 1945 Clos Vougeot Chateau de la Tour von Morin, wie ein Romanée von Dönnhoff mit messerscharfer Präzision, ein perfekter, noch so junger Traum, helle, aber voll intakte Farbe, Frucht, Süße, Spannung, Mineralität, Harmonie, Säure, großer Burgunder und großer 45er - 100/100. Da kam der 1945 Pommard Clos de la Commareine von Jaboulet-Vercherre nicht mit. Auch das ein sehr schöner, reifer, eleganter Burgunder mit feiner Süße, aber kein großer 45er – 93/100.

Nein, nicht alle Flaschen des legendären 1947 Chambertin Vandermeulen sind automatisch Jahrhundertweine. Diese hier mit schlechtem Füllstand und einer sehr ältlichen Nase war wohl irgendwann misshandelt worden. Am Gaumen bäumte sich der Chambertin zwar noch mal auf und ließ die Klasse, die er in guten Flaschen hat, erahnen, mit Süße, Fülle, Kaffee und immer noch spürbarer Kraft, aber es blieb bei der Ahnung – 92/100. Ganz anders der schier unglaubliche 1950 Chambertin von Vedrennes-Orluc. Der präsentierte sich ähnlich genial wie beim EM-Viertelfinale, als der gute Uwe davon die erste Flasche öffnete, Burgundische Pracht und Fülle mit gewaltiger Länge und viel Kaffee, einfach ein großartiger Chambertin, praktisch altersfrei und mit noch Potential für viele Jahre – 97/100. Warum ich dem bei aller Begeisterung – ist ja schließlich auch mein Geburtsjahrgang – keine 100 gegeben habe? Weil dafür die Nase zu verhalten war, und weil die 100/100, die uns der Vandermeulen Chambertin versagte, jetzt beim 1955 Gevrey Chambertin Vandermeulen im Glas waren. Und zwar ohne wenn und aber! Ein irres, gewaltiges Konzentrat mit schier unglaublicher Power und Komplexität. Das war jetzt meine sechste Flasche dieses Weines. Alle lagen auf diesem außerirdischen Niveau. Reiht sich nahtlos ein in die Riege unsterblicher Vandermeulen-Weine.

Ein tänzerischer Traum, der in seiner luftigen, spielerischen Art an große Haag-Rieslinge erinnerte, war der 1950 Vosne Romanée von den Caves Porrot-Papigny. Sehr hell zwar die ansonsten intakte Farbe, aber keinerlei Alterstöne in der Nase oder am Gaumen. Ein filigraner, sehr feiner und auch feinduftiger Wein mit ebenfalls feiner Süße, sehr elegant und harmonisch – 95/100. Ganz anders der enorm druckvolle, großartige 1955 Vosne Romanée Vandermeulen mit gewaltiger Länge am Gaumen – 97/100. Während beim Vandermeulen eher eine Rockband klassische Musik intonierte, war beim 1955 Musigny von Bouchard wieder Kammermusik angesagt. Eleganz pur mit wunderbarer, feiner, schmeichlerischer, rotbeeriger Eleganz, ein Wein zum Meditieren – 96/100.

Immer wieder für eine Überraschung gut sind alte Lagen-Beaujolais. Bei der Qualität dieser Weine und ihrem Standvermögen kann es sich damals nicht um Gamay gehandelt haben. Das waren sicher Pinot-Reben. So auch bei diesem immer noch so präsenten, jung wirkenden, fruchtigen, noch etwas bissigen 1949 Moulin-à-Vent von Nicolas Bretonnières mit guter Säurestruktur – 94/100. Ein sejhr gefälliger, perfekt gereifter, weicher, schmelziger, warm-würziger Burgunder der 1949 Nuits St. Georges von den Caves de la Dame – 95/100. Das soll früher mal die Edel-Linie von Bouchard gewesen sein. Da werde ich jetzt die Augen nach offenhalten. Viel Zeit und Luft brauchte der 1969 Charmes Chambertin in einer nicht mehr identifizierbaren Händlerabfüllung. Der hatte eine so fürchterliche, abweisende, kloakige Nase, das ging zu Anfang gar nicht. Doch mit der Zeit wurde die Nase besser und gefälliger, so dass der gefällige Gaumen mit der wunderbaren Süße punkten konnte, dann 92/100.

Eher halbtrocken wirkte ein ebenfalls nicht identifizierbarer 1955 Barsac, etwas Honig, bretonische Salzkaramellen, stramme Säure – 91/100.

Spektakulärer Abschluss einer großartigen Probe war dann unerwartet aus den Tiefen von Uwes Keller ein 1849 Ranchio de Banyuls. Diese oxidativ ausgebaute, aufgespritete Spezialität wirkte wie eine Mischung aus Digestive und Süßwein und wirkte einfach zeitlos schön.