California Dreaming

Wahrscheinlich wird diese Traumprobe als „The legendary Haeflinger-Tasting“ in die Weingeschichte eingehen. Noch nie habe ich so viele reife Kalifornier in dieser bestechenden Qualität in einer Probe erleben dürfen.

Bestens eingestimmt und aviniert waren wir. Erst der Film Bottle Shock und dann das 1976 Paris Tasting. Und jetzt, nach einer längeren, kreativen Pause ein Feuerwerk außergewöhnlicher Raritäten aus Kaliforniens Goldenen Jahren, begleitet von einem großartigen Menü, wie ich es im Großraum Zürich selten auf dem Teller hatte. Ja, es stimmte einfach alles an diesem Abend in der luftigen Höhe des Restaurant Clouds im Züricher Prime Tower.

Ich kam an diesem Abend aus dem Staunen nicht mehr raus. Gut, viele dieser Weine hatte ich Glücklicher schon mal im Glas, aber noch nie in so geballter Form und in so hervorragender Qualität. Das war hier das Ergebnis jahrzehntelanger, akribischer Sammelleidenschaft. Gastgeber Eugen Haefliger ist beruflich ein sehr erfolgreicher Head Hunter. Als Bottle Hunter hat er mindest dieselben Qualitäten.

Mit dem kalifornischen Kult Chardonnay überhaupt starteten wir in den Abend. Marcassin ist das eigene Weingut der legendären Helen Turley. Solche Weine kann man nicht einfach so kaufen. Marcassin ist Kult, teuer und megarar. Wer da dran kommen möchte, muss auf der Mailinglist der Winery sein. Doch das ist leichter gesagt als getan. Alleine die Warteliste zur Mailinglist umfasst wohl über 5000 Adressen. Das heißt dann wohl mindestens 10 Jahre warten, bevor man an die Weine des dann jüngsten Jahrgangs dran kommt. Eugen Haefliger ist sein ewigen Zeiten auf den Mailinglists der renommiertesten, gesuchten Weingüter. So konnte er uns mit dem 1999 Marcassin Three Sisters Vineyard Chardonnay verwöhnen. Das war wirklich großes Kino. Trotz viel Holz und Kraft ein sehr balancierter Wein mit wunderbarer Frucht, feinem Schmelz und toller Länge, mineralisch, exotische Früchte, geröstete Haselnüsse – und kein bisschen müde – 96/100. Wenn ich da an den oxidierten Mist denke, den viele der großen Namen aus Burgund in den 90ern produzierten….
Der 2001 Marcassin Three Sisters Vineyard Chardonnay kam da trotz des eigentlich besseren Jahrgangs nicht mit. Der wirkte fast wie eine Karrikatur des 99ers, zu breit, zu holzig, zu überladen, zuwenig Säure und irgendwo etwas müde. Mit Zeit und Luft glättete er sich etwas, aber es lag irgendwo ein Schleier über diesem Wein, der nur von einem Flaschenfehler, vielleicht einem schleichenden Kork kommen konnte – 91+(?)/100.

Sehr spannend dann gleich der erste Rotweinflight mit Weinen aus den 60ern, also lange noch vor dem Paris Tasting. Eine Handvoll Visionäre waren es damals, die in Kalifornien mit viel Engagement die Grundlagen für den späteren Erfolg kalifornischer Weine legten. Geld hatten sie kaum, einen Heimatmarkt auch nicht, von Exportmärkten ganz zu schweigen. Aber sie hatten den unbändigen Willen, es zu schaffen, diese Pioniere. So der legendäre Joe Heitz, der mit dem 1966 Heitz Martha´s Vineyard den ersten Wein dieses heute legendären Weinbergs produzierte. Sensationell immer noch die dichte, jung wirkende Farbe, die Nase etwas anstrengend mit Minze, Eukalyptus und Zedernholz, auch am Gaumen noch voll da mit reifen Tanninen und guter Säure – 95/100. Und dann dieser betörende 1966 Beaulieu Private Reserve Georges de Latour mit wunderbar süßer Minznase, mit burgundischen Konturen, auch am Gaumen sehr minzig mit pikanter Frucht und guter Säure, noch so Frisch mit enormem, aromatischem Druck und toller Länge – 98/100. Wie vom anderen Stern auch der geniale 1968 Ridge Monte Bello, süchtig machend allein schon diese feine, weiche, gefällige Nase, minzig mit immer noch saftiger Kirsche, Leder, auch am Gaumen so frisch, so ausgewogen und harmonisch, bei aller Nachhaltigkeit mit so einer beschwingten Finesse und Leichtigkeit, tänzelt auf der Zunge, dazu am Gaumen noch eine wunderbare Süße – 99/100. Eine Mörderfarbe hatte der 1968 Heitz Martha´s Vineyard, der in der gesamten Anmutung noch recht jung wirkte, die Nase Eukalyptus, Minze und Kräutern in ihrer jugendlichen Kraft fast etwas roh, auch am Gaumen ein sehr kraftbetonter Auftritt mit unglaublicher Länge, ein Tier von Wein, das sich noch über lange Jahre weiterentwickeln wird – 97/100.

Und dann waren wir ihm legendären Jahrgang 1974, aus dem wir die vier wohl besten Weine bekamen, und die noch dazu aus perfekten Flaschen mit schier unglaublichen Superfarben. Noch so blutjung wirkte der 1974 Mayacamas, kein Hammerteil, eher der große Finessenmeister. In der Nase Minze, frisch gemahlener, schwarzer Pfeffer, erdige Aromen, Lakritz, Leder, sehr komplex und vielschichtig am Gaumen, dabei so fein, einfach Eleganz pur – 98/100. Hat sicher noch lange Jahre vor sich. In bestechender Form zeigte sich auch 1974 Heitz Martha´s Vineyard, dank Eugens Sorgfalt. Leider gibt es inzwischen von dieser Legende auch etliche Wanderpokale, die von Besitzer zu Besitzer und über viele Auktionen wandern. Das kann auf Dauer selbst der beste Wein nicht ab. Aus dieser wohl perfekt gelagerten Flasche war das ein ungemein stimmiger Wein, erstaunlich fein, in der Nase Eukalyptus, Leder, Minze, Tabak und immer noch viel Frucht, am Gaumen balanciert, harmonisch, aber auch mit einem ungeheuren Druck und einem Hauch Exotik, spontan fallen mir in der Erinnerung die besten Flaschen 45 Mouton Rothschild ein, denen dieser Wein sehr ähnelt – 99/100. Hat sicher noch mindestens ein Jahrzehnt Zukunft vor sich – falls es dann irgendwo noch eine Flasche davon gibt. Warum „nur“ 98 für den Mayacamas und 99 für den Martha´s? Weil es in diesem Flight einen überragenden 1974 Ridge Monte Bello gab, einen 100/100 Wein ohne Wenn und Aber. Auch der noch so taufrisch, sehr elegant, minzig in der Nase und am Gaumen, dazu feinstes Handschuhleder, herrlich beerige, junge Frucht, Präzision, Struktur, Länge, Harmonie, ein Wein, bei dem einfach alles stimmte – 100/100. Der undankbare, vierte Platz in diesem Flight sagt nichts über die überragende Qualität des 1974 Robert Mondavi Reserve aus. Auch das ein feiner, eleganter Wein, ohne das Üppige, Ausladende moderner Kalifornier, dafür perfekt strukturiert, sehr nachhaltig und mit feinem, süßem Schmelz und schöner Fülle am Gaumen, baute enorm im Glas aus und ging immer mehr Richtung Fisherman´s Friend – 97/100. Auch das ein Wein, der in guten Flaschen doch lange Jahre vor sich hat. Dazu ist das der mit Abstand preiswerteste der 74er Legenden und nach wie vor jede Suche wert.

Burgundische Konturen dann wieder beim 1976 Beaulieu Private Reserve Georges de Latour, generöse Süße, feiner Schmelz, Minze, kandierte Kräuter, ein Hauch Lakritz, füllt den Gaumen komplett aus und ist dabei zwar dicht und ewig lang, aber auch so samtig mit wiederum dekadent schöner Süße – 98/100. Spontan erinnerte mich der 1978 Diamond Creek Volcanic Hill an Montrose. Ein kerniger, sehniger, etwas rustikal wirkender Wein, sehr mineralisch, Minze, etwas anstrengend am Gaumen mit hoher Säure, wirkt immer noch leicht unfertig – 95/100. Eine Spur drüber für mich der in der Anmutung ansonsten ähnliche 1978 Diamond Creek Red Rock Terrace, auch hier hohe Mineralität, deutliche, leicht astringierende Tannine und der Eindruck, dass das Beste noch kommt, wenn es denn jemals kommt. Aber ähnlich wie bei einem älteren Dunn, bei dem ich mir diese Frage auch immer stelle, kann ich mich der Faszination dieser Weine nicht entziehen – 96/100. Und dann war da noch ein großartiger 1978 Chateau Montelena mit traumhafter Frucht, Cassis pur, mit Fülle, Kraft und Länge. Endlich mal ein reifer, großer Montelena und auch der immer noch so jung mit sehr dichter, junger Farbe – 99/100.

Sehr spannend der Vergleich von drei großen Phelps-Weinen aus 1978. Verantwortlicher Winemaker bei Phelps zu dieser Zeit und Garant für die hohe Qualität war das aus Assmannshausen stammende Walter Schug. Sehr kühle Eleganz zeigte der 1978 Joseph Phelps Insignia, eher Menthol als Minze, sehr mineralisch, geht als großer Bordeaux vom linken Ufer durch, Finesse und Eleganz, extrem langer Abgang, in dem dann doch deutliche Minze zum Vorschein kommt, immer noch taufrisch wirkend – 97/100. Sehr jung auch die Farbe des 1978 Joseph Phelps Backus, ein kompakter, dichter Wein mit toller Struktur, aber auch hoher Säure – 96/100. Hat sicher noch große Zukunft und könnte noch zulegen. Der beste der drei Phelps war für mich der 1978 Joseph Phelps Eisele Vineyard. Wirkte zu Anfang sehr minzig, sehr schlank und bei aller Intensität etwas verhalten. Aber das änderte sich mit etwas Zeit und Luft. Unglaublich, wie der aufdrehte, nicht nur in der offener werdenden Nase, sondern auch am Gaumen, wo er mit jedem Schluck druckvoller, dichter und länger wurde – 98/100. Da dachte ich voll (Vor)Freude an die Magnum, die ich vor langen Jahren von Walter Schug aus seinem Privatkeller kaufen konnte. Außer der Reihe hatte Eugen Haefliger dann auch noch den einfachen 1978 Joseph Phelps Cabernet Sauvignon angestellt. Der war zwar etwas reifer und weiter als die drei Lagenweine, aber selbst das ein faszinierender Wein auf unglaublichem Niveau – 94/100. Über den Höhepunkt weg war 1978 Stag´s Leap Cask 23 mit ersten, deutlichen Alterstönen, trotz extrem dichter Farbe. Klar war da noch Süße und Fülle, aber auch Überreife und balsamische Noten – 93/100.

Zwischendrin kam dann als Tischwein mit der Aussicht auf deutlich mehr als einen Degustationsschluck 1978 Mondavi Reserve aus der Doppelmagnum. Das war mit massivem Kork der einzige Rohrkrepierer der Probe. Doch unser Gastgeber hatte zumindest mit einer perfekten Magnum dieses Weines noch eine hochwertige Ersatzflasche. Ein großer Mondavi Reserve, der dem 74er kaum nachstand. Elegant, hoch aromatisch, Eukalyptus, Leder, Minze, etwas Lakritz, feine Süße, bei aller Reife immer noch erstaunlich frisch mit toller Struktur – 96/100. Alte Mondavi Reserves sind einfach eine Bank, meist noch erstaunlich preiswert und aus guter Lagerung jede Suche wert. Es wird Zeit, für eine umfassende Vertikale dieses Weines.

1978 war einfach ein Riesenjahr in Kalifornien, sicher auf ähnlichem Niveau wie 1974. Das zeigte auch der letzte Flight unserer Traumprobe. Der erste Wein der 1972 von John Shafer gegründeten Shafer Winery war der 1978 Shafer Cabernet Sauvignon, der schon 1981, als er auf den Markt kam, für Furore sorgte. Das tat der Urvater der späteren Hillside Selects(gab es ab 1983) auch an diesem Abend. Immer noch eine sehr jung wirkende Farbe, fantastisch die Nase mit puristisch schöner, dunkelbeeriger Frucht, nicht so üppig wie heutige Hillsides, aber mit gewaltigem Druck, Cabernet in seiner schönsten Form. Auch hier galt: wer nur einen schnellen Schluck nahm, bekam nur einen Teil mit. Enorm, wie dieser Wein im Glas ausbaute. Allein schon diese irre Nase, an der man stundenlang riechen könnte. Ich habe meine Bewertung dreimal korrigiert und bin schließlich bei 100/100 gelandet. Großer Kalifornier und großer Cabernet geht anders, aber nicht besser. Sehr positiv überrascht hat mich auch der 1978 Grace Family Vineyard, der damals bei Caymus vinifiziert wurde. Ein sehr feiner, finessiger Wein mit kühler Eleganz und viel Minze, immer noch voll da – 96/100.
Schlichtweg sprachlos machte mich der noch so unglaublich kraftvolle, aus dieser Flasche immer noch so junge 1978 Caymus Special Selection, bei dem nicht nur die Farbe perfekt war, da geht in der Nase und auch am Gaumen derart die Post ab, der würde sich gut in einer Probe zwischen neueren Special Selects machen – 99/100. Und wo wir bei den Superlativen sind, den schon oft getrunkenen 1978 Heitz Martha´s Vineyard hatte ich noch nie so gut im Glas. Das war schlichtweg Perfektion. Fantastische Nase mit purer, reintöniger Frucht, sehr minzig, Eukalyptus, Sattelleder, Teer, schöner, kräuteriger Würze, auch am Gaumen ein druckvolles Aromenbündel mit schöner Süße und mit langem Abgang. Lag für mich an diesem Abend noch einen Tick über dem 74er – 100/100. Nicht ganz so dramatisch der von Eugen Haefliger noch spontan dazu gestellte 1975 Heitz Martha´s Vineyard. Der wirkte bei ähnlicher Aromatik etwas feiner, reifer und zugänglicher – 96/100.

Als Abschluss des Abends gab es noch ein Glas des 1974 Heitz Angelica. Dieser Süßwein wurde bei Heitz nur in den 70er aus der Mission-Traube produziert, die früher mit spanischen Missionaren nach Kalifornien gelangt sein soll. Mehr eine Kuriosität als ein Highlight war dieser Wein, der 17 Jahre im Holzfass verbrachte, portig, spritig, süss aber ohne viel Tiefgang – 88/100.

Ich habe geschwelgt an diesem Abend, habe geträumt und war im siebten kalifornischen Rotweinhimmel. Dabei habe ich vergessen, genug zu fotografieren, musste mich zwingen, meine Eindrücke zu Papier zu bringen. Solche Erlebnisse sind rar und brennen sich tief in die Seele eines Weintrinkers. Dafür sein Eugen Haefliger ganz herzlich gedankt und natürlich auch seinem Mitstreiter Baschi Schwander, der die Probe mustergültig organisierte.

Als ich am nächsten Morgen beim Frühstück meine Eindrücke Revue passieren ließ, mit Gregor über die Probe diskutierte und meine eigenen, euphorischen Notizen und extrem hohen Bewertungen durchlas, wurde mir erst klar, was für ein einmaliger, singulärer Event das am Vorabend war. Die größten Weine aus Kaliforniens Glanzzeit in einer Probe, und das in perfekter Qualität, wie ich sie noch nie derart geballt erleben durfte. Deshalb sei dringend gewarnt, wer jetzt z.B. bei Winebid versucht, die durchaus noch in kleineren Mengen verfügbaren Highlights nachzukaufen. Im Kraftfahrzeugbrief eines Autos ist die Zahl der Vorbesitzer verzeichnet, beim Wein nicht. Dabei ist „Provenance“, die Herkunft, mindest so entscheidend für das Trinkerlebnis wie die Qualität des Weines selbst. Ein perfekt gelagerter, kleinerer Wein schlägt jede Wanderpokal-Granate. Und ein perfekt gelagerter, großer Wein ist schlichtweg der Himmel auf Erden. Und in diesem Sinne gelten meine extrem hoch erscheinenden Bewertungen nur für solch perfekte Flaschen.

In diesem Jahr ist aus „Haefliger-Beständen“ noch eine Vertikale mit Marcassin Pinot Noirs geplant und eine große Chateau Montelena Probe von 1978 bis heute. Beide Proben dürften längst ausgebucht sein. Da hilft nur der rechtzeitige Blick auf Baschis Homepage www.mybestwine.ch. Und last not least gibt es ja immer noch die Chance einer Grippe-Epidemie. Also rauf auf die Warteliste.