Dani gibt Vollgas

Festlich gedeckt war die große Tafel im Gourmet Stübli der Braui in Hochdorf. Weinfreund Daniel Juchli hatte zu einer großen Raritätenprobe eingeladen. Unglaublich, was da ins Glas kam. Die Messlatte für die weiteren Proben des Jahres liegt jetzt verdammt hoch.

Als Apero bekamen wir eine 1989 Trittenheimer Apotheke Auslese vom Weingut Franz-Josef Steffen. Das war sicher in der Jugend ein pappsüßer, schwer zu genießender Wein. Jetzt im Stadium der Reife präsentierte sich diese Auslese sehr stimmig, immer noch frisch mit guter, die inzwischen verhaltenere Süße balancierender Säure und feiner Schiefer-Kräuter-Würze – 90/100.

Und dann ging es Schlag auf Schlag los mit beeindruckenden, kenntnisreich zusammengestellten Flights und dazu mit großartiger Küche. Werni Tobler legte sich mächtig für uns ins Zeug. Einfach unendlich schmeckte der 2009 Grüne Veltliner Honivogl Smaragd von Hirtzberger. Brilliantes Goldgelb, straffe, mineralische Nase mit reifen, gelben Früchten, gute Struktur am Gaumen, deutliche Extraktsüße, sehr würzig, viel Kraft, Volumen und Länge, dürfte gut altern – 95+/100. Heller die Farbe des 2009 Riesling Kellerberg Smaragd von F.X. Pichler, der eine schöne, zugängliche, nussig-würzige Nase besaß, am Gaumen aber etwas unruhig wirkte. Das sollte sich mit der Zeit geben – 92+/100. Schon ins Altgoldene ging die Farbe der 1996 Hermannshöhle Spätlese von Dönnhoff. Die Nase wirkte reif und leicht süßlich, zeigte aber auch viele Anklänge an einen gut gereiften, weißen Burgunder. Am Gaumen war da ein völlig anderer Wein, sehr mineralisch, jung mit massiver Säure und gut eingebundener Restsüße – 92/100.

Einfach ein Gedicht war der stimmige 1924 Clos Haut Peraguey aus Sauternes in einer Cruse-Abfüllung. Das war Sauternes in Perfektion, so harmonisch, brilliante, bräune Farbe, gute Säure, dezente Süße, englische Orangenmarmelade mit dem markanten Bitterton und dunkles Toffee – 96/100. Goldgelb die 1966 Mettenheimer Goldberg Riesling TBA von Philipp Wissmann, weich, etwas diffuse Süße, war nie groß und wird es auch nicht mehr – 84/100. Gewöhnungsbedürftig die Nase der bräunlichen 1935 Forster Mariengarten Riesling BA von Mosbacher mit viel räsigem Alpkäse, am Gaumen erst gezehrt und deutlich über den Punkt wirkend, nicht mehr viel Süße, wird mit Zeit und Luft zugänglicher, nur riechen darf man halt nicht dran – 86/100.

Deutlich jünger wähnten wir uns im ersten Rotweinflight, der eindrücklich zeigte, wie gur Bordeaux aus dieser Zeit altern können. Sehr schön diese Nase des kernigen 1926 Brane Cantenac mit etwas Pferdestall, am Gaumen tolle Struktur mit deutlicher Säure, steht wie eine Eins im Glas – 91/100. Sehr dunkel und trüb die Farbe des enttäuschenden 1926 Haut Brion, ältlich die Nase mit Balsamico, der Gaumen von Säure geprägt. Schien auf dem Jenseits und bäumte sich aber plötzlich noch mal auf, wurde zugänglicher und teeriger mit etwas Tabak – 85/100. Wunderschön der praktisch zeitlose 1928 Cos d´Estournel mit pikanter Frucht und viel süßem Schmelz am Gaumen – 94/100. Als sehr stabiler Kraftprotz erwies sich der 1928 Palmer, der enorm im Glas ausbaute und sich dann an die Spitze des Flights setzte. Reife, generöse Nase, auch am Gaumen malzige Süße, dazu kräftige Säure und eine enorme Länge – 95/100.

An einen großen Cheval Blanc aus den 50ern erinnerte mich dieser prächtige 1934 Léoville Barton. Traumnase, an de rich stundenlang riechen könnte, Eleganz pur, seidig und weich am Gaumen, ewige Länge – 97/100. Deutlich heftiger und kräftiger war 1934 Leoville las Cases, der mit viel Minze in Bitterschokolade wie After Eight wirkte – 95/100. Reif und doch nicht alt war der schier unglaubliche 1940 La Mission Haut Brion aus einem schwierigen Jahr, wunderbare Nase mit Teer, Tabak und schwarztee, am Gaumen absolut stimmig, aber auch mit enormem Druck, ein großer Wein ohne Alter – 94/100. Unverschämtes Flaschenglück hatte der Dani an diesem Tag, und wir natürlich mit ihm. So präsentierte sich auch der 1945 Cos d´Estournel als großer, kräftiger, kompletter Bordeaux mit immer noch spürbaren Tanninen und sicher noch längerem Leben – 96/100.

Als moderne, jüngere Variante des legendären 28ers ging 1947 Paternina Gran Reserva durch. Was für ein großartiger, dichter, stoffiger, komplexer Rioja, der in dieser Form als Pirat jede hochkarätige Bordeauxprobe sprengen kann – 97/100. Und dann tippte ich beim Wein im anderen Glas schon wieder auf Cheval Blanc, diesmal auf den 47er, aber es war 1947 Cos d´Estournel in einer Form, in der ich ihn noch nie erlebt habe. Dekadente Süße, Schmelz, Fülle, Länge, was für ein Riese – 99/100.

Schlank und jung mit immer noch so guter Struktur und Säure kam 1949 Clerc Milon ins Glas. Dort baute er enorm aus und entwickelte feine Süße und Länge – 93/100. An den großen 82er des Gutes erinnerte der spektakuläre 1949 Gruaud Larose, der in der gesamten Anmutung inklusive Farbe noch so unglaublich jung war, Superbe Nase mit Pferdestall und viel Minze, am Gaumen elegant und sehr druckvoll zugleich, immer noch jede Suche wert – 97/100. Ein Mörderteil dann der 1949 Léoville Poyferré, einfach obergeile Nase mit Schmelz ohne Ende, am Gaumen Kraft ohne Ende, Säure und Jugend, legte iommer weiter zu und war nicht weit von der absoluten Perfektion – 98/100. Bei Gruaud hatte ich schon das Gefühl, dass es nicht besser ginge, dann legte der Poyferré noch eins drauf und jetzt stand im vierten Glas dieser außerirdische 1949 Latour vor mir. Dabei war das kein Hammerteil, sondern einfach ein sehr feiner, schmelziger, süßer, so kompletter, absolut stimmiger, sehr langer, einfach perfekter und immer noch altersfreier Latour – 100/100.

Eigentlich konnte das unmöglich so weitergehen. Doch als ich die Farbe des nächsten Weines sah, da genügte ein kurzes Reinriechen ins Glas. Das war der Wein der Probe, schiere Perfektion, 1950 Cheval Blanc in Weltklasseform. Wohl selten hat mich ein Wein so sprachlos gemacht.

Spannend dann auf sehr hohem Niveau der Vergleich von 1952 Pichon Comtesse de Lalande und 1952 Pichon Baron. Der sehr kräftige Baron zeigte hier Stil und Niveau. Er ließ mit 94/100 der feineren Comtesse mit ihrer unendlichen Eleganz den Vortritt – 95/100.

Richtig blutjung, auch in den Farben, wurde es dannim vorletzten Flight der Probe. Aber was heißt hier blutjung? Auch diese drei 84er aus dem Sunshine State California waren schließlich schon 29 Jahre alt. In seiner Jugend galt der 1984 Dominus als der missglückte Versuch, in Kalifornien einen großen Bordeaux zu erzeugen. Inzwischen wird er immer besser, ein großartiger Dominus, sehr minzig, immer noch mit reichlich Kraft, Struktur und Länge – 94/100. Da sind in guten Flaschen wie dieser wohl noch locker 10 weitere Jahre angesagt. Wer den Geruch vier Wochen lang getragener, verschwitzter Wandersocken liebt, wird die Nase aus dem Glas mit 1984 Heitz Martha´s Vineyard nicht mehr rauskriegen. Pfui Deibel, der bewirbt sich mit Figeac um die korkähnlichste Nase. Dabei hat dieser Wein so eine gewaltige Substanz mit viel Minze und Eukalyptus. Intensivstes Belüften macht ihn trinkbar, dann wir er gut, dann ist er leer – 92+/100. Wenn Sie davon eine Flasche haben, bitte einen Tag vorher dekantieren oder besser noch 10 Jahre weglegen. Dass es auch anders geht, zeigte der 1984 Heitz Bella Oaks. Der wurde im Glas immer süßer, offener, minziger, fast etwas kitschig und trank sich einfach saugut – 94/100.

Zum Abschluss wurden wir noch mit einem großartigen 1983 Mouton Rothschild verwöhnt, sehr elegant mit der typischen Mouton-Aromatik, Leder, Minze, Bleistift und Cassis, einfach betörend, sehr mineralisch am Gaumen – 94/100. Überraschend gut auch 1983 Lator-à-Pomerol aus der Magnum, von dem ich nicht vermutet hätte, dass er überhaupt noch trinkbar sei. Aber das war ein perfekt gereifter Pomerol ohne Schwächen, sehr fein, elegant und seidig am Gaumen, „a pure joy to drink“ – 92/100.

Links Daniel Juchli, der edle Spender

Ich müsse wohl etwas sehr schönes erlebt haben, meinte die Stewardess auf dem Rückflug als sie das zufriedene, glückliche Lächeln in meinem Gesicht sah. Da hatte sie wohl recht.