Wineterminator meets Winecellarinsider

Wineterminator meets Winecellarinsider hieß es Ende Juni wieder. Jeff Leve hatte es im Frühjahr so gut bei uns gefallen, dass er im Anschluss an eine große, mehrwöchige Verkostungstour durch Bordeaux wieder zu uns kam. Mittags trafen wir uns in kleiner, familiärer Runde bei Michelangelo Saitta im Saittavini. Michelangelo begrüßte unseren amerikanischen Gast mit einem Traumchampagner, einem 1998 Krug Vintage. Bei Krug scheiden sich oft die Geister. Ich liebe diesen vollen, kräftigen Stil, nussig, mineralisch, komplex mit enormer Länge. So ein richtiger Champagner für Rotweinfreaks mit sicherlich noch 2 Jahrzehnten vor sich. Wird noch zulegen(wenn man, was schwer ist, im Keller davon bleiben kann – 96+/100. Danke Michelangelo!
Weiter ging es mit 2011 Rüdesheimer Berg Rottland von Künstler, diesem brillianten, sehr mineralischen Erstlingswerk Künstlers aus dieser renommierten Lage – WT95. Allerdings handelt es sich hier nicht um junge Reben, sondern eine Parzelle mit alten Rebstöcken, die Gunter Künstler mit diesem Jahrgang zum ersten Mal bewirtschaftet.Und dann gab es als perfekte Begleitung frischer Porcini noch die sehr gelungenen 2009 Tinata (WT94) und 2009 Monteverro (WT96) ins Glas.

Der Abend war dann einer Hardcore Best Bottle mit den Düsseldorf Cellar Devils (so hatte Jeff uns im letzten Jahr getauft) im Berens am Kai gewidmet. Große Weine und große Küche sorgten für einen spektakulären Abend.

Als Apero gab es einen 2005 Ruppertsburger Hoheburg Fass #57 von Bürklin-Wolf aus der Magnum, der aus einer kleinen, rein biologisch bewirtschafteten Parzelle stammte. Saftig mit reifer Frucht, in der Nase auch Kräuter und Minze, am Gaumen mineralisch, enorme Fülle und schöne Extraltsüße, aber auch mit guter Struktur und Säure, wie die meisten 2005er Rieslinge jetzt in optimaler Trinkreife – WT95.

In bestechender Form und optimaler Trinkreife präsentierte sich auch einer der größten, im Elsass erzeugten Weine, der 1989 Riesling Clos Sainte Hune Vendanges Tardives von Trimbach. Explosiv schon die füllige Nase, an der ich stundenlang riechen könnte, nur ein dezenter Hauch von Petrol, reife Frucht, Zitrus, Ananas, leicht karamellige Süße, auch am Gaumen Pracht und Fülle, sehr mineralisch, enormer, aromatischer Druck, nicht enden wollender Abgang, die Restsüße der „Vendange Tardive“, die mich vor 4 Jahren bei diesem Wein noch gestört hat, inzwischen perfekt eingebunden und praktisch nicht mehr spürbar. Ein großer, legendärer Wein, der sicher noch mal 2 Jahrzehnte vor sich hat – WT99.

Auf sehr hohem Niveau ging es dann rot weiter. Viel Zeit und Luft brauchte der 1978 Sassicaia, der als gut gereifter Pauillac durchging, immer noch eine enorme Kraft zeigte und mit Minze, Leder, Bleistift und sogar dezenten Röstnoten sehr an Mouton erinnerte – WT95. In erster Trinkreife zeigte sich der enorm kraftvolle 1993 L´Ermita von Alvaro Palacios mit wunderbarer Frucht, Kräutern und lakritziger Note, am Gaumen dicht und lang mit immer noch intaktem Tanningerüst, da besteht keinerlei Eile – WT94. Nicht in diesen Flight (und eigentlich auch nicht in diese Probe) passte der 2004 Gesellmann „G“, eine junge, fruchtige, holzgeprägte, runde, aber auch etwas simple Cuvée aus Blaufränkisch und St. Laurent – WT89.

Und dann war Träumen angesagt. Der nach langen Jahren endlich reife 1961 Musar aus dem Libanon hatte eine dermaßen unglaubliche Nase mit allen Gewürzen des Orients, mit feiner Toffeesüße, die sich am seidigen, im besten Sinne burgundischen Gaumen in betörender, hedonistischer Form fortsetzte und in einem ewig langen Abgang endete – WT98. 1994, als ich den 61er Musar auf einer Drawertprobe zum ersten Mal im Glas hatte, hielt ich ihn für einen riesengroßen Pomerol. Eigentlich müsste man den mal gegen 1961 Petrus stellen. Den habe ich leider nicht, aber ich könnte meine letzte Flasche des vielleicht noch rareren Musar aufbieten. Leider nicht in der Form, wie ich ihn aus der französischen Mähler-Version kenne, war der 1928 Desmirail aus einer wohl belgischen Händlerabfüllung. Der hatte einen deutlichen, animalischen Stinker in der Nase, war rustikal und kräftig, ließ aber jede Eleganz vermissen – WT90. Immer noch kraftvoll, auch in der Farbe, mit guter Struktur und Säure der 1934 Marques de Murrieta Castillo YGAY, sehr würzig mit karamelliger Süße, Leder und Tabak, wirkt deutlich jünger – WT96.

Immer wieder bin ich positiv überrascht von den 83er Bordeaux aus einem Jahr, der teilweise zu Unrecht im Schatten der großen 82er stand. Aber Weine wie 83 Latour, 83 Mouton, 83 Cheval oder 83er La Mission sind einfach 82er für Schlaue, zugänglich, jetzt perfekt zu trinken, einfach sexy und zu deutlich niedrigeren Preisen. So auch der erste Wein des nächsten Flights, 1983 Latour. Das ist einfach voll trinkbarer, enorm zugänglicher Latour, sehr druckvoll mit der klassischen Trüffel- und Walnussaromatik – WT95. Jede Suche wert und mit noch langer Zukunft. Leider aus meinem eiskalten Keller stammte der 1982 Mouton Rothschild, der das Zeug zum Nachfolger des legendären 45ers hat. So hat ihn übrigens seinerzeit auch Moutons langjähriger Kellermeister Raoul Blondin eingeschätzt, der beide (!) Weine als Fassprobe kannte. Nicht täuschen lassen darf man sich von der reif wirkenden Farbe. Das ist ein explosives Powerhouse von Wein mit den klassischen, aromatischen Zutaten eines großen Moutons, dicht gewirkt mit voll intaktem Tanningerüst – WT96+. Wer näher an die WT100 will, muss entweder 5 Stunden vorher dekantieren, oder einen Flasche aus einem wärmeren Keller nehmen. Und dann war da noch dieser geniale 1983 Palmer, der mit seiner verschwenderischen, süßen Nase, seinem seidigen Schmelz, seiner burgundischen Pracht und Fülle und seinem ewigen Abgang einfach süchtig macht. Mit WT97 war auch diese Flasche wieder auf dem Niveau all derer, die ich Glücklicher in diesem Jahr schon trinken durfte. Der Palmer ist jetzt nach fast dreißigjähriger, oft frustierender Wartezeit wieder da, wo er in der knackigen Fruchtphase schon mal war.

Mit dreimal Kalifornien ging es weiter. Noch nie so gut im Glas hatte ich den sehr überzeugenden 1976 Mayacamas mit reichlich Minze, Eukalyptus, Kraft und Fülle, aber auch mit einer, an große, gereifte Pauillacs erinnernden Geradlinigkeit und Struktur – WT95. Der gewaltige 1975 Mayacamas hätte da wohl noch eins draufgesetzt, wurde aber leider von einem üblen Kork ausgebremst. Ein Spaßwein par Excellence war 1985 Silver Oak Bonny´s Vineyard mit kühler Schwarzer Johannisbeere, mit Minze, Eukalyptus und vor allem der für Silver Oak so typischen Dillnote, ein riesengroßer Wein zum beidhändig saufen – WT97.

Und damit landeten wir in Pomerol. Erstaunlich weich und zugänglich der 1990 Trotanoy mit seiner kräuterigen, trüffeligen, schokoladigen Aromatik, den ich kräftiger und dichter kenne – WT95. Immer noch so jung mit gewaltiger Zukunft 1989 l´Eglise Clinet mit enormer Dichte, Kraft und Fülle, Portwein-Bitterschokolade mit reifen Kirschen von Zott, da ist das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht – WT96. Und dann war da noch dieser enorm druckvolle 1989 Clinet, der wieder auf dem besten Wege zu den WT100 seiner Fruchtphase ist – WT97+. Ja, die Legende lebt! Und wer klug ist, kauft nach, solange noch niedrigere Bewertungen diverser Schreiberlinge durchs Netz geistern.

Luft holen war nicht angesagt. Die nächsten Granaten kündigten sich an. Mit 1983 Lafite Rothschild kam wieder so ein 83er Gedicht ins Glas, ein hoch eleganter, perfekt balancierter Schmuse-Lafite – WT96. Wohl dem, der seine Bestände nicht nach China verkauft hat. Das galt auch für den riesengroßen 1989 Lafite Rothschild, der zögerlich anfängt, sich zu öffnen und einen ersten, faszinierenden Ausblick auf eine Legende gibt, die da in 10 Jahren mal ins Glas kommt – WT96+. Voll da und in seiner jugendlichen Opulenz so eine Art moderne Wiedergeburt des 47ers der riesengroße 1990 Cheval Blanc, für den es in dieser Form nur eine Note gibt: WT100. Auch hier gilt mein Rat: nicht dem überteuerten und extrem häufig gefälschten 47er hinterherlaufen, der teilweise auch aus echten Flaschen schon erste Ermüdungserscheinungen zeigt. Fürs gleiche Geld gibt es drei oder mehr Flaschen 90er.

Als perfekter Pauillac aus Kalifornien präsentierte sich im nächsten Flight 1994 Dominus. Diesmal war es bei diesem Achterbahnwein mit den gewaltigen Anlagen und der großartigen Struktur mal wieder eine zugängliche Flasche – WT97. Der sehr dichte 1981 Vega Sicilia Unico mit seiner dunklen Kirschfrucht wirkte etwas korpulent, ein guter, aber kein großer Unico – WT93. In bestechender Form 1996 Shafer Hillside Select, einfach die Kraft und die Herrlichkeit mit geiler Fruchtsüße, Minze, Mineralität, gewaltiger Struktur und schöner Länge – WT97.

Mit dem letzten Rotweinflight kamen wir an die Rhone. In keine Schablone passte der gewaltige, eigenständige 1988 Chateauneuf-du-Pape Reserve des Celestins von Henri Bonneau. Animalisch, fleischig dicht und kräftig, blutiges Steak vom Holzkohlengrill, würzig, kräuterig, süße Kirschfrucht, dabei mit erstaunlicher Frische – WT95. War der jetzt reif? Wird er es jemals? Wahrscheinlich eine rein akademische Frage, denn dieses Zeugs ist so selten und für einen Chateauneuf unbezahlbar, dass ich ihn wohl so schnell nicht wieder ins Glas kriege. Eher enttäuscht hat mich der 1988 La Landonne von Rostaing. Das lag wohl daran, dass ich instinktiv Vergleiche zu den großen La Landonnes von Guigal gezogen habe. Und da wirkte dieser hier schlanker, fruchtiger und auch etwas polierter – WT92. Dritter im Bunde der 2000 Da Capo von der Domaine du Pegau, der bei aller Fülle und Mächtigkeit eine erstaunliche Struktur und Frische zeigte, dazu likörige Kirschfrucht und viel Garrigue. Die wohl annähernd 16% dieses Monsters spürt man erst, wenn langsam der Boden unter den Füßen verschwindet – WT96.

Alle Lebensgeister waren plötzlich wieder da und hellwach, als der letzte Wein ins Glas kam, ein immer noch fast taufrisch wirkender 1997 Jesuitengarten GC von Bürklin Wolf, mit betörender Frucht, wunderbarer Extraktsüße, hoher Mineralität und toller Struktur, sehr elegant und absolut stimmig – WT96.