Elkes Burgundertäume

Absolut Kult sind sie, diese Weinproben bei Elke Drescher (www.rare-bordeaux-weine.de) in Wachtberg. Der „Firmensitz“ ist ein geräumiges Einfamilienhaus mit riesigem Garten. Je nach Anzahl der Probenteilnehmer wird im Haus umgeräumt und es entsteht eine große, gemütliche Tafel. Aus Köln kommt ein Caterer, der fürs Kulinarische sorgt. Die Weine kommen praktischerweise direkt aus dem Keller des Hauses und landen natürlich in Gabriel-Gläsern. Die Gäste kommen aus ganz Deutschland und den umliegenden Ländern. Die Atmosphäre ist leger, ungezwungen, man kennt sich oder lernt sich schnell kennen und hat viel Spaß miteinander. Und last not least ist die charmante, quirlige Elke natürlich eine perfekte Gastgeberin.

Burgund war das ungewöhnliche Thema einer Probe im kleineren Kreise Ende Juni. Ungewöhnlich deshalb, weil Elke Drescher eigentlich auf Bordeaux spezialisiert ist. Aber das mag sich mit der Zeit ändern, denn jeder ernsthafte Bordeauxfreak landet irgendwann bei den großen, reifen Burgundern, die sich in Vergleichsproben oft als die größeren Bordeaux entpuppen.

Deutliche Reifetöne zeigte der 1995 Meursault Clos de la Barre von Comte Lafon zu Anfang vor allem in der Nase, doch Luft tat ihm gut und er baute gut aus und wurde nussiger und mineralischer. Am Gaumen zeigte er noch viel Kraft, gute Säure und feinen Schmelz – 91/100. Recht verhalten die florale Nase des 2002 Meursault Clos de la Barre von Comte Lafon, am Gaumen eher schlank, auch der brauchte einfach Zeit, Luft und auch Temperatur und entwickelte sich zunehmend – 90/100. Trotzdem meine ich, dass beide Weine sicher vor Jahren besser waren. Es ist lange her, dass Weiße Burgunder über Jahrzehnte alterten. Ich würde heute etlichen großen kalifornischen Weißweinen ein größeres Alterungspotential zubilligen als ihren burgundischen Vorbildern. Das zeigte sich dann beim 2007 Meursault Charmes von Comte Lafon, einem Charmeur auf hohem Niveau, nicht sehr complex, aber mit explosiver, anmachender Aromatik – 93/100. Aus ganz anderem Holz geschnitzt war der 2009 Corton Charlemagne von Henri Boillot. Sensationelle, explosive, sehr mineralische und generöse Nase mit spürbarem Holz, das aber gut mit der traumhaften Frucht harmonierte. Am Gaumen sehr kräftig mit druckvoller Aromatik, sicher noch am Anfang, aber es fällt verdammt schwer, diesen Wein jetzt nicht zu trinken – 95/100.

Auch in Burgund began man in den sechzigern mit dem Unfug, Kunstdünger zu nutzen. Wer das tat, und es machten sehr viele, bekam große, frühreife Trauben, sehr hohe Erträge und als Ergebnis dünne Schlabberweine. Das waren die Burgunder, die auf dem Markt waren, als ich Anfang der 80er mit dem ernsthaften Weintrinken begann. Kein Wunder, dass ich Bordeauxfan wurde. Bei dem Burgunderzeugs hat es mich nur geschüttelt. Erst alte, reife Burgunder aus der Zeit vor 1960 haben mich später wieder zurück zu Burgund gebracht. Und war der Boden erstmal durch Kunstdüngermissbrauch ruiniert, brauchte es ewig, bis er sich erholte. Auch die von vielen Gütern eingesetzte Biodynamie wirkt da keine spontanen Wunder. Auch sie braucht Jahre, wirkt dann aber sehr nachhaltig. Gute, sorgfältig arbeitende Winzer, nicht nur in Burgund, erkennen Sie heute am begrünten Boden zwischen den Rebzeilen, an den vielen, umher fliegenden Insekten. Und wenn Sie dann noch sehen, dass da jemand mit dem Pferd arbeitet statt mit dem Trecker, weil er die wertvollen Böden nicht zu sehr verdichten möchte, dann sind sie richtig. Die vier nachfolgenden Weine, die ich alle nicht in meinem Glas gebraucht hätte, stammten sicher nicht von einem solchen Gut. Von allen vieren war der 1973 Pommard von Lupe-Cholet immer noch der trinkbarste. Kein Strahlemann mehr, aber immer noch mit Fruchtresten, etwas Struktur, baute sogar aus im Glas und wurde gefälliger. Enttäuschend der ziemlich monolithische 1995 Chassagne Montrachet 1er Cru Clos St. Jean von Guy Amiot & Fils mit der Aromatik von Hustensaft. Der Hustensaft ging mit der Zeit, die Enttäuschung blieb. Schon erstaunlich, was man alles 1er Cru nennen darf – 85/100. Das galt auch für den 1990 Savigny les Beaune 1er Cru Les Vergelesses von Dubreuil-Fontaine Père et Fils, frisch gedüngtes Feld in der Nase, am Gaumen ein ordinäres, gewöhnliches Gesöff – 78/100. Wenigstens gut trinkbar ohne Alterstöne war der solide 1990 Chambolle Musigny 1er Cru Derrière La Grange von Louis Remy – 87/100.

Der sehr leckere Hauptgang ließ das gerade erlebte schnell vergessen. Dazu gab es aus der Magnum einen 1996 Puligny Montrachet Clos des Caillerets von Clos des Lambrays. Mit viel Battonage hat man hier einen auch in der Farbe erstaunlich reifen, geradezu saftigen Burgunder erzeugt, der zumindest zu Anfang viel Trinkspaß machte. Kein schlechter Wein, aber mir war er zu sehr gemacht und wurde dadurch rasch langweilig – eigentlich noch zu großzügige 90/100.

Wie gut Burgund inzwischen wieder schmecken kann, zeigte eindrucksvoll ein roter 2009 Monthélie-Les Duresses von Comte Lafon. Der hatte absolute Grand Cru Qualität. Frisch, fruchtig, spannend, ein Hauch Exotik, tolle Kirschfrucht, seidige Fülle am Gaumen – 92/100. Passt als Pirat prima in jede Pinot-Probe.

Unsere charmante Gastgeberin mit dem Traumflight

Und damit waren wir bei den Weinen, für die wir alle gekommen waren. Eine völlig andere Welt tat sich hier auf. Weine mit einer enormen Kraft und Fülle, burgundische Eleganz gepaart mit druckvoller Aromatik. Da musste noch keiner ins Wein-Altersheim. Die Stars natürlich die beiden Weine von Vandermeulen. Einfach Wahnsinn, was dieser 84jährige 1928 Gevrey Chambertin Vandermeulen ins Glas brachte, immer noch dichte, intakte Farbe, erstaunliche Frucht, enorme Kraft und gute, für Frische sorgende Säure, enorme Länge, zum Niederknien – 97/100. Der große Finessenmeister dann der 1929 Gevrey Chambertin Clos de la Justice von Pierre Bourée, ein klassischer 29er ohne Alter, sehr fein, sehr elegant, sehr schmelzig, herrliche Süße und schöne Länge – 96/100. Ich mochte die anderen Leute am Tisch ja schon, aber mussten die unbedingt von diesen Weinen auch was ins Glas haben? Und dann dieser unglaubliche 1955 Gevrey Chambertin Vandermeulen, den man blind schon an dieser Irrsinnsfarbe erkannte, was für ein gewaltiges Konzentrat, war für eine enorme Power, verpackt in eine Cashmerehülle, ein Pfauenrad an Aromen, unendliche Länge. Ja, das ist ein unsterblicher Wein, der La Turque unter den Burgundern, seit 1997 die sechste Flasche und auch diese hier ohne Wenn und Aber 100/100. Nur, wenn die jetzt bei Ebay „vom Band laufen“ – allergrößte Vorsicht. In den wenigsten Vandermeulen-Flaschen ist da das drin, was auf dem leicht austauschbaren Etikett steht. Die einzige Enttäuschung in diesem Hammerflight war der 1955 Charmes Chambertin von Barrière. Der war reif, leicht oxidativ, zu Anfang noch recht schön, baute dann aber rasant schnell ab. Aus 92 wurden 90, dann 87 und dann habe ich ihn schnell ausgetrunken, bevor es noch weniger wurde.

Ein Wechselbad der Gefühle beim 1947 Echezeaux von Vedrenne-Orluc, Dichte, Länge, feine Süße, aber da wird ein leichter Kork immer spürbarer mit sehr bittrem Abgang, Schande, war das doch eigentlich ein großer Wein in der 96/100 Liga. Und mit der Zeit geschah das Unfassbare. Der Echezeaux kämpfte sich zurück, unterjochte förmlich den kaum noch spürbaren Kork, großes Kino im Glas und glückliche Gesichter bei all denen, die ihn nicht frühzeitig weggeschüttet oder ausgetrunken hatten. Ein gewaltiges Teil auch der 1947 Musigny von Marey & Liger Belair, sehr vielschichtig, aber mit mehr Kraft als Eleganz, baute enorm aus und entwickelte eine deutliche Eukalyptusnote, war da Heitz mit drin? – 95/100. Am schönsten von den dreien trank sich der 1950 Vosne Romanée von Peyrère. Der hatte nicht die Kraft der beiden anderen Weine, aber dafür mehr Eleganz und Finesse, dazu eine generöse Süße, einfach ein kompletter, großer, sehr sinnlicher Burgunder – 95/100.

Wir waren beim letzten Flight. 1953 ist ein seh gutes Jahr, Musigny ein großer Name, Calvet leider nicht unbedingt. Anstrengend die Nase des 1953 Musigny von Calvet, anstrengend auch der Gaumen, nein, der war es nicht – 80/100. Sehr fein, weich und elegant hingegen der 1953 Pommard von Vedrenne-Orluc mit feiner Süße – 93/100.

Alleine für die beiden Vandermeulens wäre ich statt der 100 km pro Strecke, die ich zu Elke stets mit dem Rad zurücklege, auch 200 gefahren. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt. Der Burgunderfunken ist bei Elke Drescher übergesprungen. Für das nächste Jahr hat sie eine weitere Burgunderprobe versprochen. Und ich Glücklicher darf wieder dabei sein.