Elkes Burgunderträume

Eine großartige Burgunderprobe hatte Elke Drescher im letzten Sommer gemacht. Die schrie nach Wiederholung, und so gab es in diesem Jahr Elkes Burgunderträume.

Fast wären diese Träume ja zum Alptraum geworden, denn für diesen Samstag waren 35 Grad angesagt. Aber Elke ist nicht nur eine liebenswerte, charmante Gastgeberin, sie hat auch für alles eine Lösung. Mit einem mobilen Klimagerät wurde der Probenraum soweit temperiert, dass die Pfütze auf dem Stuhl nie größer wurde als die Probenpfütze im Glas. Und als Sommelier hatte Elke kurzfristig Oliver Speh herbeigezaubert. Der Oliver ist so etwas wie das Schweizer Offiziersmesser der Sommelerie. Der kann einfach alles. Und so brachte er trotz widrigster Umstände alle Weine perfekt dekantiert und temperiert ins Glas. Chapeau!

Unglaublich, wie gleich im ersten Flight ein fast siebzigjähriger Meursault den jungen Burschen die Schau stahl. Dieser 1955 Meursault Charmes Cuvée Genevrières Vandermeulen war einfach großer, kompletter, perfekt gereifter Weißwein ohne Runzeln, immer noch geprägt von würziger Frische, in der Nase an kandierte Früchte erinnernde, feine Süße, am Gaumen Kraft, Struktur, Länge und eine gute, tragende Säure – WT96. Ein echter Crowd Pleaser im Glas daneben der 2008 Aubert Chardonnay Ritchie Vineyard mit tropischer Frucht, weichem, nussigem Schmelz, Vanille und cremiger Struktur, wirkte insgesamt reif, kann seine kalifornische Herkunft nicht verleugnen – WT93. Bei aller Cremigkeit deutlich mineralischer mit mehr Struktur und stärkeren Anklängen ans Burgund der 2011 Aubert Laureen Vineyard – WT94. Sehr enttäuschend der 2005 Meursault Charmes von Comte Lafon, der im Vergleich zum 55er auf hohem Niveau flach und langweilig wirkte. Dazu zeigte er (ich hatte diesen Wein im Frühjahr im Burgund deutlich besser im Glas) oxidative Noten und schien sich im Glas verabschieden zu wollen – WT89?.

Wunder kann man von einem über hundertjährigen Wein nur in absoluten Ausnahmefällen erwarten. Dieser 1911 Musigny von Colcombet Frères hier verhielt sich eher „altersgerecht“ mit Liebstöckel, Kaffeenoten, malziger Süße, war aber trotz deutlich spürbarer Oxidation noch gut trinkbar. WT88 für den reinen Genuss, der Einmaligkeits- und Erlebniswert liegt natürlich deutlich höher. Wie ein großer, perfekt gereifter Ausnahmeburgunder schmecken kann, zeigte eindrucksvoll der 1919 Pommard Cuvée des Dames de la Charité vom Hospice de Beaune, abgefüllt von Bichot. Da war noch eine brilliante Farbe, erstaunliche Frucht, sogar Frische, für die die gute Säure verantwortlich zeigte, statt Gebrechen sehr solide Struktur und erstaunliche Fülle und Länge – WT97. Zwar noch ohne Schmerzen trinkbar, aber schon weitgehend oxidiert der 1923 Clos Vougeot der Compagnie Médocaine – WT82.

Begeisternd auch der 1929 Beaune Cuvée des Dames Hospitalières vom Hospice de Beaune, abgefüllt von Faiveley, noch so frisch wirkend, so animierend mit geradezu pikanter Frucht, traumhaft finessig und am Gaumen tänzelnd – WT96. Deutlich besser kenne ich den 1929 Gevrey Chambertin Clos de la Justice von Pierre Bourée, der aus dieser Flasche hier einfach zuviel flüchtige Säure hatte – WT87. Eine sehr positive Überraschung der 1934 Aloxe Corton von Grivot, frisch, fruchtig, fröhlich und vital, voll da mit hohem Genussfaktor – 93/100.

Das große Jahr merkte man dem 1937 Corton von Guichard Potheret nicht unbedingt an, ein schöner, solider Brununder mit leichter Ladehemmung – WT91. Ganz anders dagegen der 1937 Clos de Vougeot von Duval & Fils, das war 1937 pur, großer Burgunder aus großem Jahr, mit toller Statur, feinem, süßem Schmelz und gewaltiger Länge – WT98.Offen, karamellig und sehr zugänglich aus dem besten der schwierigen Kriegsjahre der 1943 Pommard von Golmard Sauvageot mit generösem Schmelz, Kaffee, dunkles Toffee und Schoko satt, so eine Art Trinknutella für Erwachsene – WT96.

Erstaunlich jung, filigran, pikant und fruchtig wirkte zu Anfang der 1945 Bonnes Mares von Guichard Potheret, der mit der Zeit im Glas enorm ausbaute und dabei reifer, generöser und süßer wurde – WT96. Auch der 1945 Clos Vougeot in einer unbekannten Händlerabfüllung (Lafitte?) zeigte sich altersfrei, unendliche Eleganz gepaart mit dichter Struktur und Säure für ein noch langes Leben, das so viele 45er auszeichnet – WT95. Schlichtweg atemberaubend dann der legendäre 1947 Chambertin Vandermeulen, einer der größten Weine, die ich je im Glas hatte, aus einer perfekten Flasche und fünf(!) Stunden vorher dekantiert. So jung, so unglaublich druckvoll und komplex, so irre lang, Worte können diesem Wein kaum gerecht werden – WT100.

Schnell trinken war angesagt bei einem 1949 Gevrey Chambertin aus einer unbekannten Händlerabfüllung. Als großer Burgunder präsentierte er sich mit der ersten Nase und dem ersten Schluck mit Süße, Fülle, Schmelz und pikanter Frucht, doch dann ging es in atemberaubendem Tempo abwärts, immer mehr kam die Aromatik rostiger Nägel und aus anfänglich euphorischen WT96 wurden schnell WT87. Der 1949 Gevrey Chambertin von Lalignant Chameroi versuchte gar nicht erst zu blenden. Der kam gleich als reifer, älterer und ziemlich freudloser Wein ins Glas – WT86. Ein großer, kompletter Burgunder hingegen der 1949 Vosne Romanée von Laporte & Fils mit schöner Frucht, mit Fülle, guter Struktur, Länge und feiner Süße – WT95.

Deutlich zeigte auch diese Probe wieder, dass es nicht unbedingt die großen Namen sind, die für besten Genuss stehen, sondern die großen Flaschen. Und die können auch von unbekannteren Erzeugern und aus unbedeutenderen Lagen stammen. Großer Name der 1950 Musigny von Comte de Vogüe, der Inhalt staubig und zu alt – WT80. Grosse Flasche der 1950 Vosne Romanée von Peyrère, einfach ein irres, druckvolles Zeugs mit einer Wahnsinnsaromatik – WT96. Und dann war da noch dieser 1953 Clos de Vougeot von Pasquier Desvignes mit sehr junger Farbe, mit Kraft und Substanz, aber da lag ein leichter Schatten auf der Frucht, wahrscheinlich ein leichter, schleichender Kork – WT90.

Und dann hieß es noch mal: anschnallen. Leider erst kurz vorher war der 1955 Clos de Tart Vandermeulen dekantiert worden. So konnte dieser unsterbliche, noch so irre jung, auch in der tiefen, undurchdringlichen Farbe, erscheinende Riese nur ansatzweise zeigen, was er drauf hat. Ein gewaltiges Konzentrat sehr präsenter Frucht, reichlich Kraft und Länge – WT96+. Wer davon noch mal eine echte Flasche erwischt(es gibt reichlich Kopien), bitte unbedingt 5 Stunden Luft in der Karaffe gönnen. Der schiere Wahnsinn dann der etwas weicher und generöser erscheinende 1955 Gevrey Chambertin Vandermeulen, auch da ist so unglaublich viel dahinter, ein unglaublich druckvoller, vielschichtiger Wein, der im Glas und am Gaumen explodiert, einfach perfekt – WT100. Eine herbe Enttäuschung war da vor allem im direkten Vergleich der 1959 Richebourg aus einer Händlerabfüllung, der von den beiden 55ern förmlich hingerichtet wurde. Kein schlechter Wein mit immer noch guter Säure, wirkte aber auf hohem Niveau für Jahrgang und Lage ganz schön schlapp – WT90.

Als Abschluss kam dann noch ein 1978 Chambertin von Jaboulet-Vercherre. Der brachte burgundische Pracht und Fülle, die Kraft und den Charme eines großen Chambertin auf reduziertem 78er Niveau und wirkte insgesamt noch recht jung – WT93. Ein gelungener Abschluss war das noch aus einem anderen Grund. Zeigte dieser 78er doch sehr deutlich, auf welch hohem Niveau wir vorher gejubelt und gejammert haben. Burgunder aus der Zeit vor 1960 sind zwar wie alle alten Weine Glücksache, aber wenn sie gut sind und aus entsprechender Lagerung stammen, dann sind das Weine, von denen man Träumen kann. Bin ich nächstes Jahr am 19.7.2014 bei der dritten Auflage von Elkes Burgunderträumen wieder dabei? Na klar, das lasse ich mir nicht entgehen.