Der Chateauneuf-Overkill

Chateauneuf ist kräftig, und Chateauneuf ist heftig. Und Uwe Bende ist absolut schmerzfrei. Wenn man das kombiniert, kommt da eine Probe mit 36(!) Flaschen Chateauneuf raus, ein richtiger Chateauneuf-Overkill. Ja, ich bekenne, ich habe schlapp gemacht. Die allerletzten Weine, die jungen Geschosse, fanden ohne mich statt. Die fehlen jetzt auch in meinem Bericht zu dieser ansonsten sehr hochkarätigen Probe.

Hier dekantiert der Chef selbst

Gleich im ersten Glas ein dicker Brummer, der 2011 Clos des Papes Blanc mit seinen „bescheidenen“ 15,5% Alkohol. Ein junger, kräftiger, kräuteriger, etwas korpulent wirkender Wein, der sicher seine Fans finden wird. Ich tue mich trotz unbestrittener Qualität mit solchen Weinen etwas schwer – 91/100.

Ja, Chateauneuf kann alter, sehr gut sogar. Das zeigte gleich der erste Rotwein, ein erstaunlich vitaler, über 100jähriger 1911 Clos Papal von Abbé Mame. Ein großer Wein mit erstaunlich dichter Farbe, wirkt durch die massive Säure immer noch frisch, ist im besten Sinne kernig, kräftig und enorm lang am Gaumen – 95/100. Sehr hell dagegen die Farbe des sehr eleganten, feinen, filigranen 1918 La Nerthe. Der wirkte zu Anfang etwas schüchtern, entwickelte sich aber zunehmend im Glas, wirkte frisch, sogar noch mit etwas rotbeeriger Frucht, wurde immer burgundischer und brachte immer mehr feine Süße – 96/100. Frucht zeigte auch noch der so stabile 1926 Chateauneuf von Paul Etienne, der mit erstaunlich dichter Farbe und mit geiler Nase noch voll im Saft war, dazu reichlich Kaffee, Mokka und eine gute Säure – 94/100. Dürfte noch ein längeres Leben haben.

Der 1945 Chateauneuf von Dufouleur hatte in der Nase viel flüchtige Säure und war trotz dichter, reifer Farbe auch am Gaumen sehr schwierig. Das war eher eingelegtes, süß-saures Gemüse als reifer Chateauneuf – 82/100. Sehr elegant und fein dagegen, altersfrei und burgundisch im besten Sinne mit schöner Süße der 1945 Chateauneuf von A. Verda – 94/100. Mit dichter Farbe ziemlich fruchtlos, eckig und rustikal wirkte der 1947 Chateauneuf von T. David C. Foillard, was aber wohl an einem Korkfehler lag, der mit der Zeit immer stärker wurde. Eine absolut geile, schmelzige Nase hatte der 1947 Domaine de la Roserie von Jules Pellet & Cie. Der Gaumen kam da zwar nicht mit, war aber gefällig, weich süß und einfach gut zu trinken – 92/100.

Anstrengend und rustikal wirkte der 1949 Chateauneuf von L. de Vallouit. Auch hier war des Rätsels Lösung aber ein Korkfehler, der erst mit der Zeit stärker hervor trat. Großes Kino aber der 1949 Clos des Papes mit einer fantastischen Nase, am Gaumen gelungener Spagat zwischen der Kraft eines Chateauneufs und burgundischer Pracht, Fülle und Eleganz. Voll da, altersfrei und mit toller Länge – 97/100. Für das eher schwierige Jahr erstaunlich süß und füllig war 1958 Fortia – 91/100. Gut trinkbar, wenn auch etwas schwierig war auch 1958 La Nerthe, hatte aber eine laktische Nase, viel Säure und erinnerte an einen überlagerten Joghurt – 85/100.

Hatte der gute Uwe wirklich Angst, 36 Flaschen würden nicht reichen? Da brachte er doch zum Hauptgang der Dado-Küche noch eine Magnum 2000 Domaine de Beaurenard. Der war gefällig, füllig, lecker, reif und süß – 91/100. Und #37 in der Gesamtliste.

Cuvée MCII stand auf diesem Barbe Rac von Chapoutier. In dieser Cuvée waren diverse Jahrgänge aus der Zeit von 1954 bis 1964. Das war alter, reifer Chateauneuf, rustikal, kernig, man meinte einen dreckigen Keller und ein paar Spinnweben mit zu schmecken. Aber dieser Knochen von Wein war trotzdem nicht ohne Charme, besaß eine unglaubliche Länge und zeigte den Langsamtrinkern im Glas immer neue Facetten – 92/100. Großer Stoff wäre ohne Kork der 1959 Chateauneuf von Morin gewesen. Man spürte (ich habe ihn getrunken) unterm Kork die gewqaltige Substanz dieses Weines, der sicher oberhalb von 93/100 gelegen hätte. Da werde ich mal nach suchen. Der 1959 Fines Roche aus der Magnum war reif, herrlich süß und gefällig, sehr fein, schmelzig mit viel Milchschokolade – 93/100.

Der erste Eindruck beim 1961 Clos de l´Oratoire des Papes war der einer alten, überlagerten Tüte Haribo-Lakritz. Wurde im Glas etwas besser, blieb aber auf der rustikalen Seite – 89/100. Viel Kraft und Substanz hatte der 1962 Vieux Telegraphe Selection Jarousse, aber leider auch Kork. Einen leichten „Treffer“ hatte auch der 1964 Cuvée de Vatican, der eigentlich alle Anlagen für einen guten Wein hatte. Großartig mal wieder 1965 Clos des Papes aus diesem Unjahr, aber bei dem stimmte einfach alles, dazu dieser generöse Schmelz und die schöne Süße – 94/100.

Ein Riese ist eigentlich 1978 Clos des Papes. Aber Uwe Bende bot ihn hier – wohl aus Budgetgründen – aus einer mit Murmeln(!) aufgefüllten Flasche, an der er wohl schon mal kräftig genuckelt hatte. Das was wir jetzt bekamen, war nur noch alt und weitgehend oxidiert – 87/100. Ohne Murmeln und voll intakt bekamen wir den großartigen, reifen 1978 Pegau Cuvée Reservé ins Glas. Der wirkte erst weich, burgundisch und auf hohem Niveau etwas harmlos, drehte aber enorm im Glas auf, wurde deutlich kräftiger, länger und präsentierte sich als absolut stimmiger, großer, reifer Wein – 96/100. So ein richtiger Schmuse-Chateauneuf zum Reinsetzten war der runde, weiche, sehr leckere, würzige 1978 Beaucastel mit generöser Süße – 95/100. Den hätte ich deutlich lieber aus der Magnum gehabt, als den etwas belanglosen, harmlosen 1978 Clos du Mont-Olive im Nachbarglas – 87/100.

Süß, reif, weich und gefällig der 1979 Marcoux – 90/100. Kräftig, kernig, aber auch weitgehend charmefrei der 1981 Clos du Mont-Olivet – 88/100. Kräftig, animalisch, aber zumindest im momentanen Stadium eher schwierig zu verkosten der 1986 Clos des Papes – 87/100.

Im Flight vorher, de res ohnehin nicht brachte, wurden meine Notizen nicht nur deshalb kürzer. Gaumen und Geist ermatteten mit der Zeit einfach. Doch bei diesem Flight jetzt wurde ich noch mal hellwach. Großes Chateauneuf-Kino war der lange unterschätzte 1990 Domaine du Pégau Cuvée Laurence, der einfach Zeit zur Entwicklung gebraucht hatte und jetzt in einem perfekten Trinkstadium war, nicht nuttig oder aufdringlich, auch nicht übermäßig süß, einfach absolut stimmig und perfekt balanciert, aber mit enormer Kraft und Länge – 96/100. Einfach hedonistisch schön der im Vergleich opulentere, süßere, sehr würzige 1990 Beaucastel, bei dem aber gute Struktur und Säure noch für ein längeres Leben sorgen dürften – 95/100. Mehr oder minder heftige Korkfehler hatten wir ja an diesem Abend eigene, aber musste es ausgerechnet beim legendären 1990 Clos des Papes sein, der sonst das Zeug zum Wein des Abends gehabt hätte? Schade.

Noch nie so gut im Glas hatte ich den 1998 Beaucastel. Das war geiles, giftiges, opulentes, würziges Zeugs in Hommage-Qualität – 96/100. Mehr hätte ich mir dagegen von 1998 Domaine de la Janasse Vielles Vignes versprochen, der sich auf hohem Niveau derzeit wohl im Übergang zwischen der jugendlichen Fruchtphase und dem zweiten Chateauneuf-Leben befindet – 93/100. Eine glatte Enttäuschung für mich der hoch gelobte 1998 Bois de Boursan Cuvée Felix aus der Magnum, der an diesem Abend ziemlich neben den Schuhen stand – 86/100. Letzterer wurde übrigens in 2 Gläsern serviert, die aber beide das gleiche, enttäuschende Resultat brachten.

Ein allerletzter Flight rauschte noch förmlich an uns vorrüber, große Weine, die aber auf eine inzwischen abgeschlaffte Truppe trafen. 2001 Marcoux Vieilles Vignes, 2003 Domaine du Pegau Reserve, 2003 Chateau Rayas. Alle drei Riesen jenseits der 95/100, große, alkoholreiche Weine, die ich gerne nüchtern und aufnahmebereit getrunken hätte. Notizen davon habe ich keine. Um mit Trappatoni zu sprechen: ich (und nicht nur ich) haben fertig.