Grosse Mouton Rothschild Vertikale

Wie bekommt man eine große Mouton-Probe mit 24 Jahrgängen hin, ohne dass irgendjemand einen größeren Kredit aufnehmen muss? Man macht das als Best Bottle. Jetzt uerade passiert. Eine Traumprobe von und mit meinen Schweizer Freunden.

Die Idee wurde im letzten Herbst geboren, natürlich im Balm in Meggen bei einer anderen, großen Best Bottle. Warum machen wir nicht einmal eine Themen Best Bottle zu Mouton Rothschild und bauen uns unsere eigene, große Vertikale? Die Idee zündete, und rasch war die Probe ausgebucht. Am ersten Juliwochenende war es dann soweit. Eine Supertruppe netter Weinfreaks badete gemeinsam statt im noch etwas frischen See in Mouton. War das ein Spaß, noch dazu unterlegt durch ein großes Menü aus der geilen Balm-Küche.

Wichtig zu den Bewertungen: das sind alles nur Momentaufnahmen, die den heutigen Zustand der jeweiligen Flaschen wiedergeben. An solch einer Flasche steht nicht dran, bei welcher Temperatur sie wo gelagert wurde, ob und wieviele Vorbesitzer sie hatte. Wer sich für einen bestimmten Wein und seine Entwicklung näher interessiert, sollte in der jeweiligen Jahrgangsübersicht nachsehen. Da stehen chronologisch zusammengefasst all meine Notizen zuu diesem Wein.

Perfekter Apero ein 2008 Chablis Grand Cru Blanchots von Raveneau, dank einem edlen Spender großzügig ausgeschenkt aus mehreren Flaschen. Sehr frisch, sehr mineralisch, Zitrusfrüchte, sehr präzise Struktur, entwickelte mit der Zeit im Glas aber auch nussige Fülle – WT93.

Klar, eine solche Vertikale kann nicht nur aus Hammerweinen bestehen. Da gibt es dann auch und gerade bei den moderneren Jahrgängen etliche, durch die man heute einfach durchmuss. Dabei waren zum Beispiel die eher mickrigen Bordeaux-Jahrgänge 91-94, damals in der Subskription kein schlechter Kauf. Im Vergleich zu heute geradezu lächerlich billig und in der jugendlichen Fruchtphase durchaus mit viel Genuss zu trinken. Nur all zu lange aufheben darf man solche Weine nicht. Klassisches Beispiel dafür ist der 91er. Einfach nur gezehrt und freudlos wirkte der 1991 Mouton Rothschild, noch etwas Süße im Abgang, aber das wars dann wohl, abhaken – WT87. Riesenüberraschung dagegen 1992 Mouton Rothschild mit sogar noch jugendlicher Röstaromatik, mit reichlich Kraft, Fülle und Mouton-typischem Trinkspaß. Gut, da sind noch etwas ruppige Tannine, aber wenn die noch einigermaßen geordnet abschmelzen, könnte der 92er sogar noch zulegen. In dieser Form WT93+. War das einfach nur eine saugute Ausnahmeflasche? Ich werde den 92er im Auge behalten, und wenn sich irgendwo ein gut gelagertes Schnäppchen bietet, schlage ich noch mal zu. Einer meiner Lieblingsweine war jahrelang 1993 Mouton Rothschild, einfach eine hedonistische Mouton-Röstaromatik-Operette, die ich oft mit bis zu WT94 bewertet habe. Und jetzt? Schluss mit lustig. Sehr dicht und jung zwar die Farbe, enorme Kraft, aber auch massig sperriges Tannin mit grünen Noten, Frucht weitgehend Fehlanzeige. Bleibt nur der Blick aufs Etikett. Das Mädel dadrauf scheint sich gerade auf den Umzug ins Altersheim vorzubereite. Schade – WT88. Und was wird aus 1994 Mouton Rothschild? Sehr dicht die Farbe, Leder, ein Hauch Minze, Pferdestall statt Röstaromatik, ein buschikos wirkender und trotz etwas harscher Resttannine gut zu trinkender Wein – WT92. Und wie geht das mit dem 94er weiter? Wird er austrocknen, wie so viele 94er Bordeaux? Ich gehe da auf Nummer Sicher und führe meine verbliebenen Flaschen in den nächsten Jahren ihrer vorgesehenen Verwendung zu.

Dank an Leisi und Dani für perfekten Weinservice

Und damit kamen wir jetzt langsam in die Abteilung Freude. Obschon, 1970 Mouton Rothschild ist leider so eine Art Lotteriespiel. Zwischen WT83 und WT94 ist da alles drin. Diese Flasche hier lag da irgendwo mittendrin, obwohl sie aus einer Kiste stammte(aus meinem Keller) mit bisher nur grandiosen Flaschen. Wirkte auf hohem Niveau etwas hohl und metallisch, auch schon leicht gezehrt, war aber immer noch gut zu trinken – WT89. Ein Wein, der einfach nicht altern will, ist 1987 Mouton Rothschild. Meine Schweizer Freunde lieben diesen Wein besonders, ist doch ein Bild von Baron Philipp de Rothschild drauf, das vom Schweizer Künstler Hans Erni stammt. Ich habe den 87er seinerzeit für € 27 subskribiert, und mein einziger Fehler war, nicht die gesamte Ernte zu nehmen. Ein etwas schlanker, aber sehr eleganter Mouton aus einem Guß, bei dem von der Mouton-Nase mit Cassis, Minze, Leder und Bleistift über den wohligen Gaumen bis hin zum Abgang mit feiner Süße einfach alles stimmte – WT92. Aus kühleren Kellern (und aus denen würde ich diesen Wein jederzeit noch nachkaufen) sind da auch noch bis zu drei Punkte mehr drin. Einer meiner Lieblings-Moutons und eine Art modernere, noch langlebigere Variante des 87ers ist 1983 Mouton Rothschild, den wir wie auf Bestellung aus der Magnum bekamen. Auch das Mouton pur mit der klassischen Mouton-Aromatik, eine Nase zum stundenlang dran riechen, enormer, aromatischer Druck am Gaumen, aber auch seidige Eleganz, reichlich Zukunft – WT95. Ich habe bereits nachgekauft.

Gleich zweimal wurden wir im nächsten Flight vom Korkteufel geärgert, was mehr als ärgerlich war. 1985 Mouton Rothschild ist eigentlich ein sehr feinfruchtiger, eleganter, zeitlos schöner Mouton. Gleichzeitig ist dieser Wein ein Lehrstück für die Entwicklung von Bordeaux. 12 Jahre lang machte dieser Wein enormen Spaß, ein hedonistischer Traum-Mouton. Doch 2000 war plötzlich Schluss mit lustig. Der Lack war ab. Und da sich zur damaligen Zeit etliche Schreiberlinge, von denen es einige bis heute nicht begriffen haben, über die (vermeintliche!) Kurzlebigkeit des Jahrgangs 1985 mokierten, verkaufte ich meine Bestände samt Großflaschen. Dabei hatte sich dieser Mouton wie so viele 85er nur nach langer Fruchtphase für ein paar Jahre verschlossen. Heute kaufe ich für teures Geld nach, den dieser Mouton ist, wenn er nicht gerade wie hier aus einer korkigen Flasche stammt, ein großartiger Wein auf bis zu WT95 Niveau. Das gleiche Künstlerpech wie beim 85er hatten wir dann leider auch beim ebenfalls korkigen 1989 Mouton Rothschild. Dabei ist auch das eigentlich ein Mouton, der erst am Anfang einer langen Entwicklung steht. Großartig dafür aus einer noch sehr jungen Flasche 1990 Mouton Rothschild. Auch dieser Wein war im letzten Jahrzehnt zeitweilig in ein Loch gefallen, brilliert jetzt aber wieder in bester Mouton Art. Einfach dekadent lecker mit immer noch herrlicher, von Röstaromatik geprägter Nase, mit Kaffee, Leder und Cassis ohne Ende. Die Fülle am Gaumen und der unendliche Schmelz täuschen darüber hinweg, dass dieser Wein auch beachtlichen Tiefgang hat. Aus perfekten Flaschen wie dieser wird er sogar noch zulegen – WT95. Nicht unterschätzen sollte man 1999 Mouton Rothschild. Der zeigte zwar die jugendlich fruchtige Frische und Zugänglichkeit des Jahrgangs, ein derzeit sehr feiner, eleganter Mouton ohne Ecken und Kanten, aber darunter verbirgt sich eine Menge Substanz, die für ein längeres Leben spricht – WT93.Und dann ging es ins Eingemachte mit gleich vier Hammer-Moutons. Ein Aha-Erlebnis war für mich 2008 die damals von Baschi Schwander organisierte 88er Probe. Ich hatte diesen lange so ungenerösen, von massiven Tanninen geprägten Jahrgang schon lange nicht mehr auf der Uhr gehabt und meine nicht unerheblichen Bestände in Unkenntnis des Potentials diesen Jahrgangs längst in den 90ern verkauft. Und dann diese Probe, in der 1988 Mouton Rothschild sich als absoluter Überflieger entpuppte. Klar habe ich sofort in allen Flaschengrößen gekauft, was ich kriegen konnte. Immer noch unnahbar präsentiert sich dieser Wein, geradezu bissig mit mächtigem Tanningerüst und tiefer, fast noch jugendliches Purpur zeigender Farbe. Immer noch spürbare Röstaromen, Cassis pur, Leder, Minze, tiefe Mineralität, gewaltiger, aromatischer Druck am Gaumen, aber auch Eleganz und sehr geradlinige Struktur, baut unglaublich im Glas aus – WT98. Wer diesen Wein heute richtig genießen möchte, sollte ihn 5 Stunden vorher dekantieren. Erstaunlich zugänglich zeigte sich 1995 Mouton Rothschild, geradezu weich und elegant, sehr fruchtig und geradezu erotisch, die immer noch massiven Tannine gut verpackt, sehr nachhaltig am Gaumen – WT95. Ein großer, kompletter, dichter und immer noch blutjunger Mouton mit Kraft ohne Ende und gewaltigem Langstreckenpotential war 1996 Mouton Rothschild aus der Magnum – WT96. Sehr ungewöhnlich für den doch sonst so offenen Jahrgang war 1998 Mouton Rothschild mit geradezu brutaler Kraft, Bitterschokolade mit 90% Kakao, massive, immer noch bissige Tannine, wrkt wie der 88er vor 10 Jahren, enormes Potential – WT95.

Vier große, legendäre Moutons waren jetzt im Flight der Flights angesagt. Eine geradezu wilde, an Heitz Martha´s Vineyard erinnernde Aromatik hatte der immer noch so jung wirkende 1959 Mouton Rothschild, kräuterig, Minze, Eukalyptus, herrliche Frucht, schöne Süße im unendlichen Abgang. Weshalb ich diesem legendären Mouton nicht die volle Punktzahl gegeben Habe? Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht doch einen leichten Kork hatte – WT99. Auf dem Wege zur Perfektion befindet sich 1982 Mouton Rothschild. Aus dieser Flasche hier deutlich weiter als noch vor wenigen Wochen in Düsseldorf, und doch noch längst nicht alles zeigend, sehr dicht, kraftvoll mit viel Minze und Eukalyptus, aber auf extrem hohem Niveau leicht defensiv – 98+/100. Wird das nun der legitime Nachfolger des 45ers? Wir werden vielleicht noch 10 Jahre auf die endgültige Antwort warten müssen. Der 82er verhält sich derzeit wie ein Orakel in eigener Sache. Und dann gibt es natürlich noch einen anderen, ganz heißen Kandidaten, 1986 Mouton Rothschild. Das war der größte Jungwein, den ich je im Glas hatte. Am 21.3.89 bei der Mövenpick Arrivage Probe schlug er alles in die Büsche. Schwarz wie Ägyptens Nächte mit unglaublicher, explosiver Aromatik. Bei heute kaum noch vorstellbaren € 25 für die Halbe und € 50 für die 1tel habe ich nicht nur gekauft wie ein Verrückter. Mit meinen Düsseldorfer Freunden in der Glanzzeit des Mövenpick Caveau in Düsseldorf habe ich den Wein auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit(und derer gab es zahllose) getrunken. Der junge 86er Mouton im Glas war, wie wenn sich am Himmel die vierte Dimension öffnet. 15 Monate ging das so, bis ich am 13.6.90 notierte: Vorsicht, der Wunderwein geht wieder zu. Seitdem schleiche ich um meine Kisten und warte. Alle 2-3 Jahre mache ich mal eine Halbe auf, um frustriert festzustellen, dass ich sehr gesund leben muss, um den Höhepunkt dieses Weines noch zu erleben. Denn nur von der Erinnerung zu zehren, ist doch etwas wenig. Hoffnung machte mir die heutige Flasche aus fraglos wärmerer Lagerung. Immer noch junge Farbe mit Purpurreflexen, reichlich Cassis, intensive Minze, sehr ätherisch mit Anklängen von Eukalyptus, auch der sehr kraftvolle Gaumenauftritt war nicht minder komplex als die Nase, dabei erstaunlich elegant und finessig mit unendlichem Abgang. Das war perfekt, ein Jahrhundertmouton, fraglos WT100. Ich bin gespannt, was meine Flaschen in 10 Jahren bringen. Ich übe mich in Geduld und lebe weiter gesund. Die Höchstnote habe ich dann in diesem Flight noch ein zweites Mal gegeben, für den 2000 Mouton Rothschild. Der zeigte sich offener, noch hedonistischer als zuletzt am 12.12.12. Zwar nicht so nuttig wie das Milleniums-Äußere, aber dekadenter und opulenter als alle anderen Weine in diesem Flight. Dabei trotzdem „tout Mouton“ mit Cassis, Minze, Leder und Bleistift, aber eben auch mit verschwenderischer Süße und unendlichem Schmelz, die deutliche Kraft und die kräftigen Tannine gut verpackt – WT100.

Ob ich diesen Wahnsinnsflight nochmal bekomme?

Klar musste man nach diesem Wahnsinnsflight erstmal Luft holen und im Weinhimmel eine Wolke tiefer klettern. Aber die ersten Moutons des neuen Jahtausends waren auch nicht von schlechten Eltern. Als sehr jung und noch etwas bissig empfand ich den vor ein paar Wochen noch deutlich offner getrunkenen(und sofort nachgekauften) 2001 Mouton Rothschild, einen Wein mit enormem Potential – WT92+. Deutlich offener kenne ich auch 2002 Mouton Rothschild, der von René Gabriel (zu recht) über den grünen Klee gelobt wird. Das war ein enorm dichter, kräftiger Wein mit verhaltener, dunkler Frucht, Röstaromen, Kaffee und enormer Statur, der sich wohl stückweit für bis zu einem Jahrzehnt wieder verschließt – WT94+. Noch nie auch nur annähernd so gut im Glas hatte ich den 2003 Mouton Rothschild, der in seiner Opulenz an den 2000er erinnerte, aber nicht ganz dessen Statur besitzt. Jetzt und an diesem Abend einfach in bestechender Form, sehr röstig, die Frucht eher dunkel, dazu Kaffe, Lakritz und etwas Minze, kleidete den Gaumen voll aus – WT97. Ich bin mir bei den großen 2003er nur nicht so sicher, ob das nicht nur ein kurzes Strohfeuer ist. Wer 2003er hat, sollte sie jetzt genießen. Da setze ich längerfristig eher auch den unterschätzten 2004 Mouton Rothschild, der sich hier ebenfalls in bestechender Form zeigte, vielleicht nicht so sexy wie 2003, aber mit mehr Struktur und besserem Tanningerüst für eine längere Entwicklung – WT95.Und dann gab es noch einen letzten Überraschungsflight. Und damit der von Parker sensationell mit 98+ geadelte 2006 Mouton Rothschild nicht alleine stand, packten Gregor&Co noch zwei weitere Weine dazu. Doch zunächst zum Mouton. Das ist zweifelsohne ein großer Wein mit der typischen Röstaromatik junger Moutons. Aber mir fehlte an diesem Abend Dichte, Länge und Komplexität. Der Mouton scheint sich wie im übrigen viele andere der besseren 2006er wieder zu verschließen – WT93+. Völlig daneben leider der hoffentlich fehlerhafte 2006 Clos St. Jean Chateauneuf-du-Pape La Combe des Fous, zu süß, zu diffus, vergorener, alter Apfel, einfach nur fürchterlich und völlig daneben – WT84? Sehr gut gefiel mir dagegen der 2003 Marques de Grinon Emeritus, der mit seiner Kraft, seiner Jugend und der ebenfalls intensiven Röstaromatik ganz gut in das Aromenbild des Abends passte. Sicher kein Langstreckenläufer, aber jetzt einfach herrlich zu trinken – WT94.

Klar, diese Probe(Tausend Dank den Organisatoren für diesen grandiosen Abend) schreit nach Wiederholung und wird wohl ein fester Bestandteil unseres Probenkalenders. Immer am Freitag vor dem Rosenfest, und das Thema des nächsten Jahres tönt spannend: Chateau Latour.

Und für die sehr gewünschten Nachahmer – bin im Großraum Düsseldorf bei rechtzeitiger Ankündigung gerne mit dabei – noch ein Tipp. Die Last der Flaschen lässt sich nach einer ganz simplen Formel einigermaßen gerecht verteilen. Einfach die angedachten Weine in A (sehr teuer und rar) B (teuer und sehr gut) und C (preiswerter und gut) aufteilen. Da sollte dann von den potentiellen Teilnehmern schon die Kombination AC oder BB angeboten werden. Wer es mit CC versucht, darf an dem Abend gerne zuhause Fernsehen.