Grosse Weine aus Kleinen Flaschen III

Ich bin ein großer Fan der kleinen Flaschen. Zuhause liebe ich sie, weil man sie reuelos auch alleine aufmachen und austrinken kann. In Restaurants und bei Proben mit Freunden liebe ich sie, weil man ganz einfach die doppelte Anzahl an Weinen probieren kann. Aber altert denn Wein in halben Flaschen nicht deutlich schlechter? Absoluter Humbug. Bei gleichgelagerten Flaschen habe ich bisher kaum Unterschiede zwischen Halben und Ganzen feststellen können. Und unsere aktuelle Probe „Grosse Weine aus kleinen Flaschen III“, die traditionell wieder im Dado stattfand, zeigte deutlich, dass gerade auch ältere Halbe eine Menge Trinkspaß bereiten können.

Kann ein 1955 Pommery Grand Brut noch schmecken, und dann noch aus der 0,375 Flasche, die optisch einem Piccolo ähnlicher sieht als einer normalen Champagnerflasche? Er kann. In der Nase hatten wir zu Anfang Kräuter-Brioche, Karamell und einen Hauch von Sherry Amontillado, dazu am Gaumen Rübenkraut, gute Säure und immer noch spürbares Mousseux in Form leichten Kribbelns. Das war reifer Champagner, den man natürlich mögen muss. Aber auch die unter uns, die so etwas nicht so gerne mögen, konnten sich der Faszination dieses Pommerys nicht entziehen. Der baute nicht ab, sondern immer mehr aus – konservative 88/100. Aus dem Geburtsjahr unserer charmanten Sommelière stammte die 1976 Scharzhofberger Auslese von Van Volxem. Ein sehr feiner, filigraner, eleganter Wein voller Leben, ging schon Richtung halbtrocken und wäre sicher auch ein hervorragender Essensbegleiter – 92/100. Immer noch taufrisch 1999 Fieuzal, in der vielschichtigen Nase Äpfel, Birnen, Quitte und ungeröstete Nüsse, am Gaumen gute Säure – 90/100.

Und damit landeten wir in der Roten Abteilung und gleich beim Senior unserer Probe. Deutschlands Chateauneuf-Pabst Uwe Bende hätte seine helle Freude an diesem 1929 Chateauneuf-du-Pape von Morin gehabt. Sensationell die dichte, noch fast rabenschwarze Farbe, die nur zu Anfang krautige, etwas nach Kartoffelkeller riechende Nase gewöhnungsbedürftig, aber das gab sich rasch. Der Chateauneuf musste sich nach über 80 Jahren in der Flasche erstmal an frische Luft gewöhnen, was er mit Bravour erledigte. Immer mehr spürte man in der Nase Hitze, Sonne und den großen Jahrgang. Am Gaumen balsamisch mit feiner Süße, unglaubliche Kraft und Länge, ein großer Wein, der in dieser Form sicher noch die 100 Jahre voll bekäme – 95/100. Geradezu zart im Vergleich zu diesem Monster im anderen Glas der 1959 Chateauneuf-du-Pape von Barrière mit feiner Erdbeernase, pflaumiger Frucht, sehr elegant, burgundisch mit generöser Süße – 91/100.

Gefährlich lebte der 1950 La Gaffelière, was weniger am Alter als an der suboptimalen ‚lms’ Flasche lag. Sehr fein, elegant, schmelzig, kommt zwar an die legendären 1tel dieses Chateaus nicht ran, bleibt aber ein betörender Wein, obwohl er im Glas langsam zerfällt – 88/100. Eine Mörderfarbe hatte der 1945 Gazin, dazu eine irre Dichte, traumhafte Süße, wirkte sehr komplex und lang am Gaumen mit immer noch deutlichem Tannin- und Säuregerüst, ein Monster für noch dreißig weitere Jahre – 96/100.

Zeit und Luft brauchte der 1953 Chambolle Musigny 1er Cru in einer deutschen R&U Abfüllung, der zu Anfang eine etwas schwierige Nase besaß. Aber das gab sich rasch, und wir bekamen im Glas einen süßen, schmelzigen, dichten Traumburgunder mit toller Länge – 94/100. Noch mehr Zeit und Luft brauchte der 1953 Cheval Blanc, der erst nach 3 Stunden richtig zeigte, was er drauf hatte. So dicht, so jung, so kräftig und doch so unglaublich elegant, pure Seide für den Gaumen, Cheval Blanc par Excellence – 97+(!)/100. Und das war kein Ausreißer. Mit der Zwillingsflasche hatten wir uns vor 6 Jahren über 5 Stunden lang auseinandergesetzt. Dann war zwar immer noch nicht Schluss mit der Entwicklung des Cheval, aber die Flasche war leer.

Sehr dicht die Farbe des 1955 Puy Blancquet, in der Nase erste Reifetöne, am Gaumen elegant, fein und wunderschön zu trinken, aber natürlich nicht mir der Dramatik des Cheval Blanc – 91/100. Schwierig einzuschätzen zu Anfang der 1967 Tinto Franja Roja von José Ferrer aus Mallorca. Rustikal die Nase mit altem Sattelleder und dampfendem Misthaufen, am Gaumen burgundisch mit schöner Süße, aber schwierig und wiederum rustikal im Abgang, entwickelte sich im Glas und wurde süßer, feiner und gefälliger – 89/100.

Einziger, echter Ausfall unserer Verkostung war leider der korkige 1982 Ducru Beaucaillou. Schade, dass wäre ein formidabler Sparringspartner für den 1982 Leoville Barton gewesen. Der war lange Jahre ein sperriges, tanniniges Monster. Doch diese Flasche hier machte große Hoffnung. Sehr dichte Farbe, Kraft ohne Ende, aber er öffnete sich zunehmend und zeigte die Eleganz eines großen St. Juliens mit feinem, süßem Schmelz. Ein faszinierender Wein am Anfang einer sicher noch 20jährigen Karriere – 95/100.

Total unterschätzt habe ich in seiner Jugend den 1989 Mouton Rothschild. Der hat in den letzten Jahren unglaublich zugelegt, wofür diese Flasche das beste Beispiel war. Wahnsinnsfarbe, Wahnsinnsaromatik, Mouton pur mit Cassis, Leder, Bleistift und Minze, noch so jung und mit so enorm druckvoller Aromatik, noch langes Leben – 96/100. Keine Chance hatte dagegen die 1989 Pichon Comtesse de Lalande. Nicht, dass das etwa ein schlechter Wein wäre. Aber aus dieser Flasche hier sang die Comtesse nicht richtig und scheint derzeit eine etwas schwierige Phase zu durchlaufen Ähnliches hatte ich auch schon häufiger bei der 86er Comtesse. Diese hier wirkte verschlossen und sehr tanninbetont, was sich aber irgendwann wieder geben wird – 92+/100.

Eindeutig der größte Wein des Abends war der schlichtweg perfekte 1983 Margaux. Der wirkte wie ein großer Rotwein von Leonardo da Vinci, bei dem einfach alles stimmte. Ein unsterbliches Weinkunstwerk, bei dem der Betrachter/Trinker andächtig und staunend vor dem Glas sitzt und jeden Tropfen einzeln genießt – 100/100.

Zweimal Weiß stand noch auf unserem Programm. Frisch, filigran und animierend der 2007 Fieuzal, Aprikose, exotische Früchte, Lychees, frisch angezündetes Streichholz, so eine Art Riesling aus Bordeaux mit langer Zukunft – 92/100. Ich bin kein Fan weißer Bordeaux und halte insbesondere die großen Namen für hoffnungslos überteuert. Der gut alternde und preislich immer noch im Rahmen liegende Fieuzal ist für mich immer noch eine löbliche Ausnahme und ein Wein, mit dem ich mich regelmäßig eindecke.
Sehr stimmig als Abschluss die elegante 1976 Graacher Himmelreich TBA von S.A. Prüm, Bienenwachs, Honig, feine Frucht, reife, gute Säure und eine wunderbare Leichtigkeit – 95/100.