Reife Haut Brions in Bad Neuenahr

Tradition und Kultstatus haben sie inzwischen, die sehr beliebten Weihnachtstastings von Elke Drescher (rare-bordeaux-weine.de). Wer hier teilnehmen möchte, überlegt sich das am Besten ein Jahr vorher. Ich habe mich für die nächste Probe am 12. Dezember mit dem spannenden Thema Chateau Palmer bereits angemeldet. Standort wird schon wie in diesem und den letzten Jahren die Alte Post in Bad Neuenahr sein, das hochdekorierte Gourmet-Refugium der Familie Steinheuer. Hier wurden wir auch diesmal wieder auf hohem Niveau kulinarisch verwöhnt.

„Drinking History“ könnte man den ersten Flight überschreiben. Reife Haut Brions aus zum Teil schwierigen Jahrgängen, deren Faszination dann teilweise darin lag, dass es aus dem jeweiligen Jahr überhaupt etwas Trinkbares gab. So gleich zu Anfang 1917 Haut Brion aus einem durch Arbeitskräftemangel geprägten Kriegsjahrgang. Der war erstaunlicherweise noch trinkbar. Sehr reifes, dunkles Braun, in der Nase Waldboden, abgestandener Beeftea, hohe Säure am Gaumen und oxidative Noten. Aber dieser Haut Brion Greis fiel im Glas nicht in sich zusammen, sondern hielt sich erstaunlich – 80/100. 1922 war ein absoluter Rekordjahrgang an der Gironde, allerdings nur, was die Erntemenge anging. Dieser 1922 Haut Brion hatte eine trübe Farbe, in der Nase verblichene, staubige Eleganz und ein paar getrocknete Kräuter. Am Gaumen war da aber noch viel Leben. Geradezu burgundisch wirkte der sehr generöse, erstaunlich süße und wunderbar zu trinkende Haut Brion – 88/100. Sehr vielversprechend die sehr dichte, dunkelrote Farbe des 1928 Haut Brion, aber das war es dann auch. Nase und Gaumen enttäuschten, Malaga, alter Balsamico, Säure ohne Ende – 86/100. Ich habe diesen Wein schon riesengroß erlebt, z.B. auf René Gabriels großer Haut Brion Probe 2006 (WT97), aber auch grottenschlecht. Wer diesen 28er kauft, sollte eine ganze Kiste nehmen. Dann hat er bei dieser hohen Flaschenvariation die Chance auf 2-3 gute Weine. Kein gutes Bordeaux-Jahr war 1933, ganz im Gegensatz zu Burgund und Rhone übrigens. Und doch war dieser 1933 Haut Brion noch erstaunlich gut trinkbar. Auch hier eine sehr dichte, aber deutlich ältere und etwas trübe Farbe. Die Nase erinnerte erst an einen vollen Staubsaugerbeutel, wurde aber mit der Zeit immer besser mit Tabak, Mokka und Kaffee, auch der Gaumen wurde gefälliger – 85/100.

Als Solitär bekamen wir einen sehr raren 1929 La Mission Haut Brion Blanc ins Glas. Die tiefe, schon ins bräunliche gehende, aber immer noch brilliante Fabe eines älteren Sauternes, die Nase leicht medizinal, aber immer noch mit Fruchtresten und Bienenwachs, am Gaumen halbtrocken wirkend mit cremiger Textur und feiner Süße – 90/100. Blind hätte ich hier auf eine gut gereifte Riesling-Auslese getippt.

Und dann kam wieder so ein Achterbahnwein ins Glas, dem man von außen nicht ansieht, wie er drauf ist. Haarscharf zwischen Genie und Wahnsinn bewegt sich 1934 Haut Brion. Schägt der Wahnsinn voll durch, kommt hier das kalte Grausen. Ich hatte alle Varianten schon mehrfach im Glas. Aus dieser Flasche hier bewegte er sich zwischen beiden Welten. Wunderbare Aromatik in der Nase und am Gaumen mit Malagarosinen, Port, Minze, Bitterschokolade, Kaffee, dunklem Toffee und Tabak, aber eben auch mit massiver, vor allem flüchtiger Säure – 93/100. In großen Flaschen auf der Genieseite ist das ein unsterbliches, anbetungswürdiges 100 Punkte Geschoß. Ist der 1945 Haut Brion immer noch nicht voll reif? Leicht laktisch die Nase mit etwas Cigarbox, Leder und Minze, am Gaumen noch geradezu jugendlich mit sensationeller Struktur, geradlinig mit deutlicher, aber gut integrierte Säure – 96/100. Rustikal und im besten Sinne kernig der 1949 La Tour Haut Brion aus einer nicht näher definierten Händlerabfüllung, Kein Alter, gute Struktur, Tabak, alte Ledertasche, Bitterschokolade und ein dickes Steak vom Holzkohlengrill, noch langes Leben – 95/100. Wer die Chance hat, diesen Wein stattdessen in der überragenden R&U Abfüllung zu finden, bekommt noch 3-5 Punkte mehr ins Glas. Ja, und dann hätte ich weinen können voller Glück, 1950 Haut Brion aus Wineterminators Geburtsjahr in bestechender, noch nie so erlebter Form. Dunkle, voll intakte Farbe, rauchige Nase, Cigarbox, Teer, Tabak, Tee mit Zucker, und am Gaumen diese einfach geile, generöse Süße, einer der schönsten Weine dieses Abends – 98/100.

Ein großer, voll intakter Wein war der 1952 Haut Brion mit der klassischen Pessac Aromatik, aber auch mit Schoko und dunklem Malz – 94/100. In dieser Form jede Suche wert. Schon mal das neue Tabak-Maggi aus einem alten Lederbeutel getrunken? Diese grenzwertige Anmutung verströmte 1953 Haut Brion. Das war sicher eine schlechte Flasche, die dazu noch einen immer stärker werdenden Korkton zeigte. Sicher ist das aus guten Flaschen immer noch ein sehr schöner Wein. Entschädigt wurden wir vom göttlichen 1959 Haut Brion, einem perfekt gereiften Traum-Pessac, Wärme verströmend, viel Tabak und Cigarbox, aber auch Birnenbrot, am Gaumen weich, samtig mit süßem Schmelz und unendlicher Länge – 99/100. Da hätte dann 1961 Haut Brion eigentlich noch eins drauf setzten müssen, denn ich kenne den nur als Jahrhundertwein. Aber aus dieser Flasche, die wohl durch einen leicht undichten Korken Luft gezogen hatte, zeigte er sich trotz Mörderfarbe nur als moderner Zwilling des 28er, holy shit!

Und dann gab es für mich leider bei 1955 Haut Brion eine Premiere. Den hatte ich schon häufig schlecht im Glas, aber so schlecht noch nie. Trübe, dichte Farbe, in der Nase nasser Hund, setzt sich am Gaumen fort, dazu eine billige diffuse Süße, sehr grenzwertig – 78/100. Erstaunlich schön dann 1960 Haut Brion aus einem kleinen Jahr, Kaffee und Cappucino in Nase, am Gaumen gute Säure, die Frische und Fruchtreste vortäuscht – 87/100. Und im Nachbarglas bekamen wir diesen Wein gleich noch mal, diesmal mit etwas mehr Säure. Eigentlich sollte das der 66er sein, aber auf dem zerfledderten Etikett war das nicht richtig zu lesen gewesen. Nach dem kleinen Cappucino kam dann ein großer in Form des 1975 Haut Brion, der auch viel Eukalyptus in der ätherischen Nase zeigte. War am Gaumen etwas harmloser und wirkte wie ein Zweitwein von Heitz Martha´s Vineyard – 93/100.

Weich, gefällig, ätherisch war der sehr schön zu trinkende 1983 Haut Brion, der aber auch besser geht, aber an den grandiosen La Mission des Jahres auch in den besten Flaschen nicht ran kommt – 90/100. Noch ein Weinbaby, aber mit vielversprechenden Anlagen ist der enorm kräftige, mineralische 1986 Haut Brion, der erst ganz am Anfang steht – 92/100. Die mächtigen Tannine garantieren diesem potentiell großen Wein ein langes Leben. Richtig entfalten dürfte er sich kaum vor 2020. Und dann kam endlich die moderne Haut Brion Legende ins Glas. René Gabriel trank sein Glas des 1989 Haut Brion in einem Zug leer und gab nur den knappen, aber sehr treffenden Kommentar „Friede, Freude, Eierkuchen“ ab. Ohne Frage ein 100 Punkte Wein mit hohem Suchtfaktor. Wer aus welchem Grund auch immer Weihnachten alleine feiern muss, sollte das mit einer Magnum dieses Riesen tun. Dann braucht man keine Glocken, denn die klingen ja eh im Glas. Den Engelsgesang bekommt man alleine hin, und der Baum stände nur im Weg, wenn man anschließend ins Bett schwankt. Nur die Farbe stimmte bei 1993 Haut Brion. Der war ansonsten floral, grasig mit viel unreifen, grünen Paprikanoten – 87/100. Schöner Abschluss der 1996 Haut Brion, eine reifere, dichtere, saftigere, aber ebenfalls sehr muskulöse Version des 86ers – 93+/100.

Statt der sonst üblichen Großflasche hatte Elke diesmal als Tischwein zur Vermeidung eines Kork-Gaus auf Einzelflaschen gesetzt. Gleich mit zwei, reichlich verfügbaren Tischweinen wurden wir verwöhnt. Prächtig der 2005 Clarendelle Grand Vin de Bordeaux, ein sehr gelungener, runder, toller Saufwein, saftig mit generöser Süße – 89/00. Der Clarendelle ist so etwas wie der Mouton Cadet aus dem Hause Haut Brion. Ein ideales Trostpflaster für alle, die an ihren harten, unnahbaren 2005er Bordeaux verzweifeln. Gut gefiel mir auch der 1975 Pape Clement, der im direkten Vergleich zum 75er Haut Brion etwas dichter, kräftiger, runder und saftiger, aber nicht so vielschichtig und spannend war – 91/100.

Als später Absacker an der Bar kam zunächst eine immer noch knackig-frische, absolut großartige, stoffige 1995 Wehlener Sonnenuhr Auslese von JJ Prüm ins Glas, sehr mineralisch mit fantastischer Frucht und perfektem Süße-/Säurespiel – 94/100. Danach folgte eine deutlich reifere, aber sehr stimmige, füllige, güldene 1976 Leiwener Klostergarten Auslese vom Weingut Sankt-Urbanshof – 91/100. Das war nur der Anfang dessen, was sich da bei den Unentwegten bis halb vier an der Bar abspielte. Aber da schlummerte ich schon lange und träumte von der nächsten Probe.