Weinlegenden am laufenden Band

Ganz spontan wurde die Idee geboren, doch trotz Ferienzeit in einer Best Bottle ein paar hochkarätige Weine zu verkosten. Schnell fand sich aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen eine motivierte Runde, die sich in paar Tage später mit den entsprechenden Buddels im Gepäck im D´Vine einfand. Christoph Suhre hatte speziell für uns ein großartiges Menü komponiert, das selbst bei reiner Wasserbegleitung den Abend wert gewesen wäre. Sein Partner Toni Askitis, frisch gebackener Diplom-Sommelier, zauberte souverän die Korken aus den Flaschen. Dabei ließ sich der gute Toni auch nicht von den zwei Sommelier Weltmeistern an unserem Tisch, Markus del Monego und Andreas Larson aus Schweden, aus der Ruhe bringen.

Frisch, fruchtig, mineralisch und den Gaumen animierend als perfekter Apero eine 2009 Zeltinger Sonnenuhr Spätlese von JJ Prüm, die – das ist die neue Handschrift von Katharina Prüm – voll trinkbar war – 90/100. Und dann gleich der erste und einzige Totalausfall des Abends. Ein 1976 Clos St. Hune von Trimbach hatte einen immer stärker werdenden Kork. Jammerschade, denn das ist immer noch ein Riese. Stattdessen kam dann einen 1998 Hochheimer Hölle Versteigerungsspätlese von Künstler ins Glas. Die war sehr weich, reif, süß mit feinem Schmelz und (zu)wenig Säure – 89/100. Blutjung noch der sehr würzige, mineralische 2008 Riesling Singerriedel Smaragd von Hirtzberger mit Marille pur, jetzt in einem faszinierenden Jungweinstadium, wird sich wohl demnächst etwas verschließen und dann nach ein paar Jahren Wartezeit für lange Jahre einen großen, komplexen Wein abgeben – 93+/100. Sowohl der Singerriedel, als auch das Grüne Veltliner Pendant, der Honivogl, haben ein gewaltiges Alterungspotential. Kräftig und lang mit wenig Frucht, dafür um so mehr Petrol eine 1997 Hattenheimer Wisselbrunnen Spätlese trocken aus den besseren Jahren von Schloss Reinhartshausen – 87/100. Tief und ins Güldene gehend die Farbe der 1971 Brauneberger Juffer Beerenauslese von Licht-Bergweiler, rosinige Süße, das Obere der Crême Brulée, feine Bitternote – 91/100.

Und damit war unser Stehkonvent beendet. Draußen zogen gewaltige Gewitterwolken mit Blitz und Donner auf. Wir verzogen uns an die schön eingedeckte Tafel und ließen uns auch nicht durch eine Dame an einem der Nachbartische schrecken, deren Dusche anscheinend seit einer Woche kaputt war, und die das durch literweisen Gebrauch von Chanel No 5 überdeckte. Was können doch manchmal geöffnete Fenster und ein guter Durchzug für ein Segen sein.

Als Trinkreihenfolge hatten wir von jung nach alt festgelegt, was sich in vielen Proben bewährt hat. Die Feinheit älterer, gereifter Weine kommt so besser zur Geltung als wenn der Gaumen schon durch einen jugendlichen Granatenhagel ermattet ist. Senior unserer Verkostung war ein 1920 Latour aus einer perfekten Flasche mit top shoulder und Originalkorken. Der wirkte zu Anfang reif, weich und burgundisch im besten Sinne mit sehr feinen, aber immer noch präsenten Tanninen. Enorm, wie dieser, à point dekantierte Wein mit der Zeit im Glas zulegte und ausbaute und dabei immer dichter, komplexer und länger wurde. Ja, da war auch noch Frucht, Dörrpflaume, etwas Karamell, die leicht bittere, für Latour typische Walnussnote, am Gaumen erstaunliche, gut eingebundene und stützende Säure – 97/100. Gut, Latour ist ein 1er Cru und 1920 war ein großes Weinjahr. Da kann man eine in diese Richtung gehende Performance schon fast erwarten. Anders beim 1930 Paternina Gran Reserva aus einem extrem schwierigen Jahr, bei dem allein die Tatsache, dass er überhaupt noch trinkbar war schon eine Meisterleistung darstellte. In der Nase Oloroso Sherry mit der Schärfe eines Madeira, aber auch etwas Karamell und Süße, am Gaumen lakritzig, oxidativ, viel Säure, gut trinkbar, aber die Nase war deutlich besser als der Gaumen – 86/100.
Mit zwei großen 49ern ging es weiter. Die eigentliche Überraschung für mich war dabei der schlichtweg sensationelle 1949 Moulin-à-Vent von Piat. Wenn ich nicht schon mehrfach große und überragende, ältere Lagenweine aus dem Beaujolais im Glas gehabt hätte, wäre ich hier ins Grübeln gekommen. Aber im Gegensatz zu heute gab es damals im Beaujolais wohl noch außer Gamay alte Pinot Noir Rebstöcke, von denen dann noch Trauben für solche Ausnahme-Burgunder geerntet werden konnten. Dieser hier wirkte noch so jung, so kräftig, so fruchtig, so expansiv mit gewaltiger, druckvoller Aromatik, lang am Gaumen mit kräftiger Säure. Da konnte man sich nur vor verbeugen – 97/100. Weniger überraschend die außergewöhnliche Qualität des 1949 La Tour Haut Brion in einer belgischen Händlerabfüllung. Auf diesem Gut, dass immer im Schatten von La Mission und Haut Brion stand, wurden damals Weine voll auf Augenhöhe mit den beiden berühmten Brüdern gemacht, die sich allenfalls durch ihre etwas kernigere Art unterschieden und natürlich durch den deutlich niedrigeren Preis. Dieser hier war enorm dicht und kräftig mit vielLakritz, Teer und Cigabox in bester Haut Brion Art, sehr mineralisch, explodierte förmlich am Gaumen mit gewaltiger Länge, dabei noch so jung und bald zeitlos wirkend mit immer noch junger, rotbeeriger Frucht, einfach perfekt – 100/100.

Pomerol in seiner allerschönsten Art zeigte sich in einem 1953 l´Evangile in einer deutschen R&U Abfüllung für die Bremer Schaffermahlzeit, zeitlose Eleganz, so fein und finessig, so elegant mit süßem Schmelz, burgundische Pravcht und Fülle – 97/100. Mehr linkes als rechtes Ufer im anderen Glas der noch viel zu jung erscheinende, enorm dichte, kräftige 1959 Lafleur in einer holländischen Abfüllung von Thiessen, ein Muskelpaket für etliche Jahrzehnte – 95+/100.

Und dann bekamen wir als Solitär eine der Legenden der Weinwelt schlechthin ins Glas, den 1961 Latour-à-Pomerol in einer belgischen Abfüllung von Lafite. Einer der rarsten, besten und leider meistgefälschten Weine dieser Erde. Echt habe ich ihn bisher nur einmal aus zwei Flaschen getrunken, die auf hohem Niveau schon etwas müde waren. Gefälschte 61 Latour-à-Pomerol hatte ich schon genug im Glas. Es war einfach Zeit, für eine echte Flasche in Bestform. Die hatten wir hier. Once in a lifetime. Was für ein unglaubliches, explosives Geschmackserlebnis, immer noch tiefe, fast altersfreie Farbe, leicht ins likörige gehende, reife Frucht, Trüffel satt, portige Noten, ja, da war ein leichter Hauch von Überreife, ein Wein der auf die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn zusteuerte und ewig lang am Gaumen blieb, die Fülle und der aromatische Druck eines 61 Petrus, dabei gleichzeitig Harmonie und erstaunliche Eleganz, machte sprachlos und glücklich zugleich – 100/100. Andächtig habe ich hinterher noch am leeren Glas gerochen. Hallelujah.

Harte Kost vor allem zu Anfang der bissige, ungeneröse 1966 Giscours mit seiner hohen Säure, baute im Glas etwas aus, blieb aber eher ein kantiger Wein für Gaumen-Masochisten – 87/100. Deutlich schöner aus gleichem Jahrgang der 1966 La Lagune, der vor allem im direkten Vergleich weicher, reifer und schmelziger war. Auch hier ließ sich allerdings, wenn auch auf hohem Niveau, durch das harsche Resttannin und die hohe Säure der Jahrgang nicht verbergen – 92/100.

Seit 1999 hatte ich den 1981 Phelps Eisele Vineyard nicht mehr im Glas. Für den scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, denn er hat sich seit damals kaum verändert. Geht als großer Bordeaux durch, erstaunlich fein, fruchtig und minzig – 94/100. Wer einen 81er mit Zukunft sucht, liegt hier mit Sicherheit besser als in Bordeaux selbst. Das gilt auch für den 1981 Heitz Martha´s Vineyard, den ich allerdings schon deutlich besser im Glas hatte. Bei diesem kernigen, sehr kraftvollen Charakterstoff mit Minze und Eukalyptus ohne Ende störte diesmal die strenge, an Figeac erinnernde Nase – 93/100.

Als jugendlicher Traumstoff mit enormem Potential präsentierte sich wieder der 1986 Gruaud Larose, Cassis, Leder, Zedernholz, eine leicht animalische Note, mächtige, aber reife Tannine, Kraft ohne Ende, aber auch die Eleganz eines großen St. Julien, ein Wein für drei weitere Jahrzehnte, der noch zulegen wird – 96+/100. Erstaunlich weit diesmal der kräftige 1986 Cos d´Estournel, würzig mit viel Säure – 94/100. Dieser Wein, den ich schon deutlich besser, aber auch schlechter im Glas hatte, gibt mir ohnehin Rätsel auf. Da schmeckt einfach jede Flasche anders.

Sicher nicht glücklich zusammengestellt war der letzte Flight, in dem ein hochklassiger, aber auch wuchtiger Chateauneuf die anderen Weine schier erdrückte. Einfach saugut und saujung war die geniale 2000 Chateauneuf du Pape Cuvée Reservé der Domaine Vieille Julienne. Enorm reichhaltig, würzig, mineralisch, mit viel Lakritz, Veilchen und Kräutern, ein gewaltiges Konzentrat, das den Gaumen komplett mit Beschlag belegte, trotz der sicher deutlich mehr als 15% Alkohol aber nicht brandig oder überladen wirkend – 96+/100. Würde ich gerne mal im reiferen Legendenalter von 40-50 Jahren trinken. Den 1988 Nuits St. Georges Les Boudots von Leroy hätte ich gerne solo oder in anderer Zusammenstellung im Glas gehabt. Ein sicher hochklassischer Burgunder, der hier etwas verloren wirkte, kraftvoll mit reifer Frucht dunkler Beeren, viel Säure und immer noch stabilem Tanningerüst – 91/100.
Positiv überraschte der anscheinend aus sehr kühlem Keller stammende 1997 Mouton Rothschild. Das war nie ein großer Wein, so wie 1997 zwar ein teurer, aber in Bordeaux nie guter Jahrgang war. Aber es war ein immer noch recht lebendiger Spaßmouton mit dichter Farbe, eine von Röstaromen geprägte Weinoperette – 90/100. Deutlich reifer und weiter habe ich diesen Wein in der letzten Zeit schon im Glas gehabt. Wer ihn besitzt, sollte sich zügig daran erfreuen, es wird Zeit.

Mit einer weiteren Paukenschlag schloss unsere Verkostung, dem legendären „Herrenbaiken“. So tauften wir seinerzeit den 1986 Rauenthaler Baiken Eiswein #17 Versteigerung von den Staatsweingütern Eltville, von dem es auch noch eine etwas kleinere Version, den „Volksbaiken“ gab. Der „Herrenbaiken“ machte Anfang der Neunziger in diversen Proben insbesondere Fans großer und größter Sauternes eindrucksvoll klar, wo der Hammer wirklich hängt. Mit güldener Farbe, einem Pfauenrad an Aromen und der intensiven Säure großer Eisweine blieb er minutenlang am Gaumen – 99/100.