Live im WineLive

Endlich hat das WineLive die Location, die dieses spannende Konzept schon immer verdient hat. Nix mehr Schrottplatznähe in Oberbilk, das WineLive residiert jetzt in Meerbusch-Büderich im bekannten Lindenhof. Wir haben das neue WineLive auf unsere Art getauft: mit großen Weinen.

Wie wichtig dieser Standortwechsel war, zeigten schon die ersten Tage. Leuchtende Augen bei den beiden Inhabern Otmane Khairat und Jochen Fricke. Die Hütte brennt förmlich, ist stets rappelvoll. Ohne Reservierung geht kaum etwas. Die beiden Ex-Mövenpickler haben sich mit der Düsseldorfer Wein-Ikone Roberto de Santis erfahrene Verstärkung an Bord geholt, und weitere Verstärkung ist in Sicht. Auch die Küche und das Weinangebot wurden (und werden weiter) ausgebaut. Reichlich spannende Events und Weintastings sind für die nächsten Monate geplant. Da werde ich wohl in Zukunft häufiger aufschlagen.

Wir starteten in unseren eigenen WineLive Premierenabend mit einem immer noch erstaunlich vitalen Oldie, einem 1928 Fonplégade Premier Cru aus St. Emilion. Diese 28er Weine mit ihrem einst mächtigen Tanningerüst sind einfach nicht kaputtzukriegen. Dieser hier war natürlich reif, auch in der Farbe, aber immer noch mit pikanter Restfrucht, einer deutlichen Säure, die einen Hauch frische verlieh, und einer generösen Süße, hielt sich sehr gut im Glas und baute nicht ab – 90/100.

Nicht viel anfangen konnte ich mit dem 1997 Viader Cabernet Sauvignon, der eigentlich deutlich besser hätte sein müssen. Vor allem störte mich der überreife Alterston in der Nase, der sich am Gaumen nicht wiederfand, kräftig, mineralisch, Minze, Leder – 88/100. Überzeugen konnte wieder der 1993 Beringer Rhine House Selection mit wunderbarer Frucht, Cassis, Kirsche, Minze und Toffeenoten. Wirkte immer noch so frisch – 92/100.

Von der hellen, leicht trüben Farbe her hätte der 1961 Barolo Riserva von Borgogno eigentlich over the hill sein müssen, aber das ist halt alter, klassischer Barolo. Die sehen einfach so aus. Dieser hier war noch so unglaublich vital und geradezu jugendlich und frisch in der Aromatik, natürlich gestützt von der Barolo-typischen Säure. Rosenblätter, Teer, Kräuter, Bittermandeln, da kamen immer neue Facetten in der faszinierenden Aromatik. Die nächste Flasche dekantiere ich ein paar Stunden vorher – 95/100. Noch etwas drüber der aus dieser Flasche anscheinend unsterbliche 1964 Beaulieu Private Reserve George de Latour. Tiefe, leicht bräunliche, aber sehr brilliante Farbe, Toffee, malzige Süße, Minze, Lakritz, Zedernholz, immer noch pikante Frucht, kräftig und lang am Gaumen – 96/100. Das muss eine perfekt gelagerte Flasche gewesen sein. Unser amerikanischer Freund Jeff Leve hatte davon 2011 zwei wohl misshandelte Exemplare. Denen gab er nur 60/100 und schrieb dazu „Run, do not walk when this wine is for sale. It's as dead as Julius Caesar.”. Das ist das, was unser Weinhobby und das trinken reifer Weine so spannend macht. Wer gut gelagerte, reife Weine im richtigen Moment aufmacht, erlebt Höhepunkte, von denen andere nur träumen können.

Die nächste Überraschung war ein 1990 Chateauneuf-du-Pape Vieux Telegraph. Wer bei Parker nachguckt, findet dazu 89 und die Bemerkung „old“, allerdings aus 2003 stammend. In unseren Gläsern hatten wir etwas völlig anderes, sicher nicht den komplexesten aller Weine, aber einen einfach geilen, hedonistischen Sauf-Chateauneuf zum beidhändig trinken – 96/100. Wird wohl nicht mehr sehr alt werden, aber wenn ich davon noch eine Kiste erwischte, wahrscheinlich zum Schnäppchenpreis, würde sich deren Lebenserwartung bei dem Genussfaktor ohnehin allenfalls in Monaten ausdrücken lassen. Ein immer noch jugendlicher Charakterstoff im anderen Glas mit präsenten Tanninen, deutlicher Säure und guter Struktur der 1998 Chateauneuf-du-Pape von Charvin. Sehr fein die Himbeer-Nase, unbändige Kraft am Gaumen, wirkte erst etwas unnahbar, gab dann aber enorm Gas. Da dürfte die Musik noch lange Jahre spielen – 95+/100.

Wie schön, wenn man sich bei solch einer Best Bottle nicht abspricht, und die Weine doch irgendwie zueinander passen, so jetzt mit dreimal Kalifornien aus dem großen Jahr 1991. So lag der sehr minzige, immer noch junge und kräftige „einfach“ 1991 Heitz Cabernet Sauvignon wieder mal fast auf Martha´s Niveau – 93/100. Jede Suche wert und wahrscheinlich nicht teuer. Absolut grandios mit Legendenpotential der für weitere Jahrzehnte gemachte 1991 Ridge Monte Bello, herrliche Frucht, Fülle und tolle Struktur, noch so irre jung und rassig – 96/100. Immer noch recht jung wirkte auch der 1991 Forman Cabernet Sauvignon, ein klassischer, geradliniger Kali-Cabernet mit einem deutlichen Schuss Pauillac, viel altes Sattelleder und Minze – 93/100.

Gewöhnungsbedürftig war der erste, sehr animalische Schluck des 1938 Beaune von Paul Joseph Bogion. Mehr als großzügige 80/100 waren da nicht drin. Doch dann bekam dieser Stoff plötzlich Flügel. Das Animalische verschwand, stattdessen süße, reife Erdbeere und burgundische Pracht und Fülle am Gaumen. Wir waren bei 94/100, zumindest für diese Momentaufnahme, denn dieses Niveau konnte der Beaune nicht auf Dauer durchhalten. 1938 war in Burgund besser als in Bordeaux. Aber das eigentliche Geheimnis diesen Jahrgangs, in dem sich immer noch solche Entdeckungen machen lassen, dürfte eine kräftige Dosis des großen Jahrgangs 1937 gewesen sein.

Nicht spürbare 10 Jahre lagen zwischen den beiden, nächsten Weinen. Praktisch altersfrei war der geniale 1984 Chateau Montelena, ein großer Wein mit süßer, jugendlicher Frucht, sehr präziser Struktur und immer noch präsenten Tanninen – 95/100. Eine tiefe, dunkle Farbe hatte der 1994 Dalla Valle Cabernet Sauvignon, der sich sehr süß und schon fast etwas aggressiv am Gaumen präsentierte – 93/100.

Nein, da wäre am Tisch wohl niemand drauf gekommen, dass dieser „große Bordeaux vom linken Ufer“ aus viel südlicheren Gefilden stammte. Reif ohne Alter und sehr elegant mit wunderbarer Struktur war dieser 1982 Uitkyk Carlonet Cabernet Sauvignon aus Stellenbosch in Südafrika. Gefällt mir stilistisch besser als die heutigen, südafrikanischen Weine und ist jede Suche wert - 92/100. Große Freude beim nächsten Glas. Wie oft habe ich mich in den letzten Jahren schon über 1990 Montrose geärgert, diesen meist verhinderten 100 Punkte Star. Doch aus dieser Flasche war er offen wie nie zuvor, knallte richtig in der Nase und am Gaumen mit ewigem Abgang. Und der noch fehlende, letzte Punkt kommt sicherlich auch bald dazu – 99/100. Wie schön, dass ich bisher immer nur über anderer Leute Wein geärgert habe und meine Kiste noch zu ist.

Der perfekte Abschluss unserer Wine Live Taufe war ein 1997 Ridge Monte Bello, der sich wieder in Bestform präsentierte. Ein Riese mit fantastischer, saftiger Kirschfrucht, sehr mineralisch, nicht überladen, ein großer Pauillac aus Kalifornien mit grandioser Zukunft – 96/100.