Petrus & Friends

Petrus gibt es nicht alle Tage. Und wenn der in einer guten Flasche auf den Tisch bzw. ins Glas kommt, dann sollte das im Kreise guter Freunde sein. Und wenn von denen jeder noch etwas Spannendes mitbringt, dann wird daraus eine hammerharte Probe.

Die Spielregeln dieser Probe waren simpel. Uwe Bende als Veranstalter stellte den 1967 Petrus und eine Reihe anderer, gereifter Weine. Die wurden zu einem, wie bei Uwe üblich, sehr fairen Obolus umgelegt. Dazu hatte jeder Teilnehmer aus seinem Keller zwei absolute Highlights angeboten, aus denen die Runde vorher per Mail den Wunschwein bestimmte. So kam eine hochkarätige Mischung zustande, die es zumindest in Teilen in sich hatte.

In netter Neunerrunde trafen wir uns im Oberkasseler Dado. Eine schöne Tafel, gutes Futter, Gabriel Gläser. Spannend gleich der Einstieg, ein 2003 Mittelheimer St. Nikolaus Zwei Trauben von Peter Jacob Kühn. Umstritten war dieser biodynamisch erzeugte Wein in seiner Jugend. Inzwischen ist das unstreitig ein großer, gut gereifter Riesling. Feine Kräuternote, reife Aprikose, schöne Fülle und für den Jahrgang immer noch erstaunlich gute Säure, Boytritis spürbar, aber nicht störend, bleibt sehr lang am Gaumen – 94/100.

Und dann ging es gleich rot ins Eingemachte, wenn auch mit eher gemischten Resultaten. Eine schwierige, leicht stechende Nase hatte der 1966 Latour. Am Gaumen war er oxidativ mit deutlichem Essigstich. Mit Luft bäumte er sich im Glas noch mal auf und ließ den aromatischen Druck erahnen, den dieser Wein in guten, ja selbst normalen Flaschen hat, blieb aber oxidativ – 87/100. Einfach eine Sch…Flasche, schade. Auch den 1961 Montrose, den Uwe Bende aus seinen zwei letzten, halben und wohl nicht optimalen Barrière-Flaschen zusammengekippt hatte, zeigte nicht die gewohnte Klasse. In der Nase mischten sich zur guten Frucht erste Anklänge von Möbelpolitur und auch am Gaumen ließ der Montrose trotz aller Fülle die gewohnte Kraft vermissen – 90/100. Auch der 1983 Latour, der aus der Magnum eigentlich ein echtes Hightlight hätte sein müssen, wirkte ziemlich müde und war um Längen von der sonstigen Klasse dieses Weines entfernt – 92/100. Einzig der immer noch so jugendliche 1986 l´Arrosée aus der Magnum brillierte wieder – 94/100.

Klar, alle waren heiß auf den Petrus. Wann bekommt man solch einen Wein als Normalsterblicher schon mal ins Glas. Aber in welchem der drei Gläser war jetzt der mit Spannung erwartete Petrus? 1967 gehörte in Bordeaux nicht unbedingt zu den Brüllerjahren. Um so erstaunlicher war das, was wir hier ins Glas bekamen. Kein Alter zeigte der 1967 Vieux Chateau Certan, war sehr kräftig mit Teernoten und deutlicher Mineralität, im besten Sinne rustikal mit hoher Säure, besser zum Essen als solo – 92/100. Weich, reif, sehr aromatisch, aber auch ein stückweit harmlos wirkte zu Anfang der 1967 Vieux Bourgneuf, von dem ich schon einige schöne Flaschen getrunken habe, baute enorm im Glas aus und wurde süßer und schmelziger – 92/100. Eine dichte Farbe ohne Alter hatte der 1967 Petrus, der aus dieser Flasche mit sehr druckvoller Aromatik und feiner Süße auch ohne Blick aufs Etikett ein großer Wein war, der es in dieser Form noch etliche Jahre macht – 94/100. Später stellte Uwe Bende noch den ursprünglich als vierten vorgesehenen 1967 La Conseillante dazu. Aber bei dem hatte sich irgendwann vor einiger Zeit der Korken Richtung Wein selbständig gemacht. Trotzdem war der Conseillante immer noch beachtlich. Sehr dichte Farbe, spürbare Kraft, natürlich durch den reingefallenen Korken oxidative Noten und etwas Liebstöckel, hätte sonst vielleicht der beste Wein des Flights sein können – 88/100.
Alle vier 1967er waren in erstaunlich guter Verfassung und deutlich besser, als es der Jahrgang vermuten lässt. Trotzdem, oder gerade deshalb, wäre ich beim Kauf von 67er Bordeaux sehr vorsichtig. Nur bei wirklich einwandfreier Herkunft aus sehr kühlen Kellern würde ich diese Weine kaufen.

Und dann waren wir im Rotweinhimmel. Nur Nuancen lagen zwischen den drei großen Pessacs, die alle ganz nahe der Perfektion waren. Sehr jung noch der 1947 La Tour Haut Brion in einer R&U Abfüllung für die Schaffermahlzeit, deutliches Tannin- und Säuregerüst, für den Jahrgang eine gewaltige Struktur, die klassische Pessac-Aromatik mit Cigarbox ohne Ende, baute im Glas enorm aus und zeigte immer mehr Süße – 95/100. Noch eine Spur dichter, länger und kräftiger der unsterbliche 1949 La Tour Haut Brion, auch der in einer Schaffermahlzeit-Abfüllung von R&U – 99/100. Ein Riese wie schon vor einer Woche wieder der 1952 La Mission Haut Brion mit Tabak, Teer, Cigarbox und viel Minze, quasi eine große Mentholzigarre – 99/100. Und dann war da dieser irre 1953 Latour-à-Pomerol, der war so extrem süß, wie frisch aus dem Candystore, weich, aber ohne Alter, massig kandierte Kräuter und süße Lakritzstangen, ein dekadent leckeres, vollreifes Mörderteil, dem nur die leicht oxidative Note die Maximalwertung verdirbt – 98/100.
Natürlich habe ich mich zwischendurch schon gefragt, was diese Punkte-Rumeierei soll. Einzeln hätte jeder dieser Weine in anderen Proben die Maximalnote und Standing Ovations bekommen. Solch große, einmalige Weine gleich als Quartett in dieser Qualität erleben zu dürfen, das hatte was. Alle vier Weine kamen übrigens von Uwe Bende. Schön, dass der liebe Uwe nicht nur erfahrener Raritätenhändler, sondern auch gnadenloser Weinfreak ist. So hatte er den eigentlich nicht vorgesehenen 1953 Latour-à-Pomerol einfach aus Neugier dazugestellt.

Noch nie auch nur annähernd so gut hatte ich den 1982 Leoville Poyferré im Glas, so süß, so dicht, so komplex und lang mit reifer, süßer, dunkler Frucht – 96/100. Korkig leider der sonst so zuverlässige 1982 Gruaud Larose. Wehmut kam dann nicht nur bei mir mit der 1982 Pichon Comtesse de Lalande auf. Wer diesen Wein aus seinen ersten 20 Jahren nicht kennt, erfreut sich einfach an einem großen, reifen Pauillac mit viel Zedernholz auf 96/100 Niveau. Nur ist eben dieses einst so betörende, hedonistische 100/100 Burgfräulein inzwischen in die Jahre gekommen und zeigt deutliche Runzeln. Ob dieser Wein die Kurve noch mal kriegt. Mir kommen da inzwischen doch Zweifel. Reichlich Warten ist immer noch bei 1982 La Mission Haut Brion angesagt, zumindest bei Flaschen wie dieser, die aus meinem sehr kalten Keller stammte. Ein immer noch sehr junger, konzentrierter, riesengroßer Pessac mit Mörderpotential, der sich über Jahrzehnte weiterentwickeln wird – 96+/100. Wird mal jahrzehntelang als 100/100 Wein auf Proben für Furore sorgen.

Absolut sprachlos machte der 1990 Beauséjour Duffau-Lagarosse, eine der modernen Weinlegenden unserer Zeit. Gut, der springt nicht so aus dem Glas wie andere Riesen aus 1990 (obwohl er genau in der kurzen, knackigen Fruchtphase damals getan hat), es ist vielmehr die schier unglaubliche, messerscharfe Präzision dieses Weines, die ungeheure Dichte und Mineralität, die extrem konzentrierte, dunkle Frucht, die unbändige Kraft und Länge und die Viskosität einer hypothetischen, trockenen TBA. Möglich, dass er noch 10 Jahre bis zur endgültigen Reife braucht, aber dann wird er nur anders, denn besser geht nicht – 100/100. 2009 soll dieses sonst eher namenslose Chateau übrigens zum zweiten Mal dieses Wunder vollbracht haben. Ich habe den 2009er bisher erst einmal probiert, im letzten Herbst bei Extraprima in Mannheim. Da zeigte er sich ziemlich abweisend, was aber nichts heißen will. Hedonismus pur der 1990 Cheval Blanc, für mich die moderne Wiedergeburt des 47ers. Nach kurzer, etwas verschlossener Phase ist er wieder voll da mit dekadenter Fülle und Süße, aber auch mit einer irren Struktur – 100/100. Ein absoluter Star, dem 89er fast ebenbürtig, war 1990 Haut Brion bis Anfang dieses Jahrtausends. Dann schien er etliche Jahre zu schwächeln, was aber nur daran lag, dass er sich wie andere 90er auch stückweit verschloss. Das scheint weitgehend vorbei, denn er läuft wieder zu alter Stärke auf, ein sehr kräftiger, konzentrierter Haut Brion mit gewaltigem Potential – 97/100. Vierter im Bunde dieses Hammerflights 1990 Latour, für lange Zeit der Exot unter den Latours und der Kalifornier aus Pauillac. Wirkt derzeit etwas zuviler und leicht verschlossen, man spürt aber die gewaltige innere Dichte. Ein großer Latour, der in 5-10 Jahren als 100/100 Latour Legende wieder auferstehen wird.

Petrus and Friends bzw. with Friends hieß die Devise unseres Tastings. Da ließ ich dann auch meiner eigenen Neugier freien Lauf und öffnete noch meine Reserveflasche, einen 1993 Petrus, der seit der Subskription unberührt in meinem Keller lag. Der wirkte noch sehr jung mit dichtem Purpurrot. Superbe Struktur, konzentrierte, rotbeerige Frucht, immer noch mächtige Tannine, sehr mineralisch mit Eisen, Bitterschokolade mit sehr hohem Kakaoanteil, im derzeitigen Stadium eher linkes als rechtes Ufer, sicher mit großem Potential für noch gut 20 Jahre, aber die Musik spielte heute schon – 95+/100.

Weit mehr als ein Reparaturschluck war dann noch das, was als Abschluss ins Glas kam. Der edle Spender des leider korkigen Gruaud rückte noch zwei junge Weine vom Weingut Keller aus Rheinhessen raus. Sehr fein, filigran, elegant mit hoher Säure, präziser Frucht und leicht salziger Mineralität die 2011 Abtserde, die mal richtig groß wird, aber dafür noch 5+ Jahre braucht – 92+/100. Deutlich offener, mit satter Frucht, Fülle und Süße, aber ebenfalls mit viel Potential der derzeit etwas ungestüme 2011 Morstein – 93/100.