Prowein Kick Off Best Bottle

Dreizehn begeisterte Weinnasen haben tief in ihre Keller gegriffe. Prowein Kick Off Best Bottle war angesagt. Große Weine waren zu großer Küche im Restaurant Schorn angesagt. Und Olivier Speh holte mit seinem neuen Durand die Korken selbst aus den ältesten Flaschen schneller als ein Kranich die Goldfische aus dem Gartenteich. Geschickt meisterte er auch die nicht immer ganz einfache Zusammenstellung der einzelnen Flights. Schließlich gab es bei dieser Best Bottle nur eine einzige Vorgabe: Herzblut, ein Jeder grabe in seinem Keller so tief er kann.

Mit zwei Weißweinen starteten wir in diesen spannenden Abend, der natürlich von einem großartigen Schorn-Menü begleitet wurde. Faszinierend der 1996 Rüdesheimer Berg Schlossberg Chartawein von Geheimrat J. Wegeler Erben mit puristischer Zitrusfrucht, toller Statur, Kraft und Länge, erster Petrolnote und immer noch massiver, aber reifer Säure – 93/100. Wirkte geradezu zeitlos und dürfte sich auf diesem Niveau noch länger halten. Diffus und reif wirkte der 2005 Riesling Brand von Zind Humbrecht. Füllig, barocke Dimensionen, zuviel Süße, am Gaumen etwas austrocknend. Nein, der steht derzeit neben der Spur und braucht wohl noch 5+ Jahre, hat aber sicher Potential für deutlich mehr als die heutigen 87+/100.
Zind Humbrecht, einstiger Parker-Liebling mit hohen und höchsten Bewertungen, macht Weine, die in ihrer Jugend schwer zu trinken und auch schwer zu verstehen sind. Nach 15-20 Jahren gibt sich das, dann sind diese Weine grandios und wirken harmonisch trocken. Aber wer hat heute noch soviel Geduld, gerade bei Weißweinen? Vor ein paar Tagen fand ich dazu auf dem Parkerforum ein interessantes Statement des großen Meisters selbst: „Austrian rieslings have replaced my taste for Alsatian rieslings save for Clos Ste. Hune...the French are making them too sweet...the Austrians get them dry and intense”. Nicht auszudenken, wenn Parker jetzt noch auf den Geschmack der Großen Gewächse aus Deutschland kommt.

Eine Hochrisikoflasche war das, was danach kam. Vidange, also noch unter Low Shoulder war der Füllstand des 1900 Haut Bailly. Doch im Glas war das nicht spürbar. Der Haut Bailly hatte immer noch eine dichte Farbe, war noch so kräftig mit guter Säurestruktur, einfach wunderbar die Nase mit viel Tabak, Minze und Kräutern, auch der Gaumen überzeugte und deutete eher auf einen 50 Jahre jüngeren Wein hin. Nicht auszudenken, wie so etwas noch in guten Flaschen schmeckt. Der Weinbuchhalter in mir gab 93/100, der Weinliebhaber kam aus dem Schwärmen nicht mehr raus.

Spektakulärer, noch so vitaler Start

Als Cheval Blanc für Schlaue entpuppte sich wieder mal der 1955 Gaffelière-Naudes. Wunderbar schmelzige, generöse, reife Tabaknase, am Gaumen keinerlei Alterstöne, ein absolut stimmiger Wein mit seidiger Eleganz und langem Abgang, absolut auf Cheval Blanc-Niveau – 97/100. Fast auf diesem Niveau der 1955 Domaine de la Gaffelière, etwas üppiger und jünger wirkend, nicht ganz so elegant, eher eine Spur rustikaler – 95/100. Dabei ist dieser Wein, der mit all den anderen Gaffelières nichts zu tun hat, nicht mal ein Grand Cru. Ein simples „Commune de St. Emilion“ steht da auf dem Etikett. Im dritten Glas hatten wir dann mit 1948 Gaffelière-Naudes in einer Hanapier-Abfüllung den Bruder des 48 Cheval Blanc im Glas, noch so jung, so kräftig, so nachhaltig. Da spielt die Musik noch 20 Jahre – 96/100.

Die Chevals für Schlaue

Vom 1900 Haut Bailly mit seinem miesen Füllstand hatte ich mir nicht mehr viel versprochen, vom deutlich besser gefüllten(us) 1887 Batailley aber eigentlich deutlich mehr. Nur war das eben richtig alter Wein. Ältlich und braun die Farbe, in der Aromatik die ausgelesene Zeitung in den inzwischen kalten Kaffee getaucht. Immerhin starb man nicht beim Trinken – 70/100.

Schwer les und trinkbar: 1887 Batailley

Geradezu unsterblich können alte Riojas sein. Wer die jetzt ganz vorsichtig ohne Dekantieren einschenkt und schnell trinkt, der bekommt davon längst nicht alles mit, denn diese Riesen brauchen Luft, Luft und noch mal Luft. So zeigte der 1922 Marques de Riscal Reserva mit seiner sehr dichten Farbe zu Anfang zwar eine generöse, süße, süchtig machende Nase, wirkte aber am Gaumen etwas verbrannt und metallisch. Doch das gab sich rasch. Unglaublich, wie dieser dichte, immer noch recht jung wirkende Wein zulegte und immer mehr ausbaute. Der dürfte nicht nur in gut gelagerten Flaschen wie dieser in 10 Jahren seinen 100sten erleben, sondern durchaus noch deutlich mehr – 98/100. Schlanker, eleganter, aber zu Anfang etwas spröder wirkte der 1922 Marques de Lacuesta Gran Reserva mit viel Kaffee und leicht portigen Noten. Die immer noch gute Säurestruktur dürfte auch diesem Wein noch ein sehr langes Leben bescheren. Baute ebenfalls im Glas enorm aus. Wer ihn zu schnell austrank, landete bei 94/100. Bei meinem letzte, eine Weile aufgehobenen Schluck war ich bei 97/100. Beide Weine nach wie vor jede Suche wert.

91jährige Giganten aus Rioja

Ein sehr stimmiger, immer noch frisch wirkender Wein mit erstaunlicher Frucht war der elegante 1953 Batailley in einer deutschen Abfüllung von Erdmann & Köhler – 92/100. Sehr gut gefiel auch 1959 Pape Clement, der durch die hohe, etwas aggressiv wirkende Säure noch recht jung wirkte. Da könnte durchaus in den nächsten Jahren noch mehr kommen – 92/100. Deutlich in den Schatten gestellt wurde er aber vom 10 Jahre älteren, aber nicht so viel älter wirkenden 1949 Pape Clement. Der hatte eine erstaunlich dichte, junge Farbe, eine generöse, karamellige Nase, aus Butter in der Pfanne sebstgemachte Karamellbonbons, sehr schöne Frucht und wiederum hohe Säure. Buaute enorm im Glas aus und war sehr druckvoll am Gaumen – 96/100.

Eine ziemliche Pleite war trotz äußerlich sehr gutem Zustand (vts) 1936 Pétrus, wahrscheinlich eine Händlerabfüllung. Sehr reif die Farbe, auch in der Nase ziemlich alt und mit deutlichen Oxidationstönen, dazu kam ein leichter Kork. Und trotzdem konnte der letzte Schluck sogar mit feiner Süße überzeugen. Aber 1936 gehörte für Bordeaux ohnehin zu den schwierigeren Jahren – 83/100. Eine Sensation hingegen der unsterbliche 1923 Lanessan, der nicht nur in der Farbe immer noch so jung erschien. So süß, so schmelzig, so komplett und komplex, alte Lanessans sind einfach eine Bank – 96/100.

Ein sehr feiner, schmeichlerischer, immer noch erstaunlich jung wirkender Wein war 1977 Beringer Cabernet Sauvignon Private Reserve mit viel Cassis, einem Hauch Minze und süßem Schmelz am Gaumen – 93/100. Sollte in jedem Fall noch so lange durchhalten, dass 77 Geborene damit ihren 40. feiern können. Sehr überrascht hat mich 1972 Penfolds Grange, für den ich mich früher nie erwärmen konnte. Aus dem Säuerling mit den harschen, exzessiven Tanninen ist plötzlich ein prächtiger, großer Wein geworden. Wirkte an diesem Abend wie der Bordeaux unter den Shiraz, wobei man den Bordeaux nur in der rauchigen, speckigen Nase wiederfand. Ein enorm dichter, junger Wein mit großartiger Struktur, unglaublicher Länge und gewaltigem Potential. Kann durchaus noch zulegen – 96+/100.

Zweimal Satter Genuss

Zweimal daneben gegriffen haben wir leider mit 1947 Gaffelière-Naudes und 1949 Gaffelière-Naudes, die eigentlich beide große Weine hätten sein müssen. Aber der 47er war war oxidiert mit sehr reifer Farbe und irritierend hoher Säure – 83/100. Der 49er stank wie die Hölle und war einfach nur fehlerhaft. Dafür entschädigte uns der großartige 1983 Latour, ein reifer, großer Latour, trüffelig und mit der typischen Walnussaromatik, weich mit süßem Schmelz und trotzdem enormem Druck, wird sicher noch mindestens ein Jahrzehnt auf diesem Niveau bleiben und ist jede Suche wert – 95/100.

Was ist nicht alles in den letzten 20 Jahren über 1982 Cheval Blanc geschrieben worden, diesen einstigen 100 Punkte Darling, der die unglaubliche Frechheit besaß, sich einfach mal für längere Zeit zu verschließen. Das tun sie nun mal, die großen Weine, und das ohne Vorwarnung. Das gute daran ist der immer weiter gefallene preis dieser einst unerschwinglichen Ikone. Aber wer ihn noch haben möchte, sollte sich beeilen. Es sollte sich bald rumsprechen, dass dieser Cheval wieder auf der Überholspur ist. Zeigt schon wieder dieses einmalige Cheval Blanc Parfüm, diesen meisterhaften Spagat aus Kraft und seidiger Eleganz, diesen gewaltigen, aromatischen Druck am Gaumen und diese großartige Länge – 97+/100. Gemacht hat sich auch der ewig verschlossene 1986 Cheval Blanc, den ich eigentlich schon abgeschrieben hatte. Denn im Gegensatz zum 82er war der noch nie groß. Aber da tut sich trotz immer noch pelziger Tannine was. So gut hatte ich ihn noch nie im Glas, und inzwischen bin ich mir sicher, da kommt noch mehr – 93+/100. Irgendwie durch Zufall war der 1935 Bodegas Palacio Reserva Especial übriggeblieben und dann in diesen Flight gerutscht. Da war es nicht einfach, sich zu behaupten. Aber dieser kernige, rustikale Wein mit seiner leicht verbrannt wirkenden Aromatik erledigte das gut und ohne spürbares Alter – 89/100.

Da half leider auch das rote Etikett nichts. Der 1989 Barolo Falletto di Serralunga von Bruno Giacosa war schlicht weg oxidiert und hin. In guten Flaschen ist das ein großartiger, spannender und noch sehr langlebiger Wein jenseits der 95 Punkte. Aber diese Flasche hier durfte wohl mal einen Sommer lang ausgiebig in einem Schaufenster sonnenbaden. Noch so jung und vital mit gewaltigem Potential dafür der 1969 Chambertin Clos de Bèze von Ph. Duroche. Ein enorm kräftiger Burgunder mit verschwenderischer Nase und viel Schmelz und Süße am Gaumen – 94/100.

Einfach nur ärgerlich dann zwischendrin der 2002 Chevalier Montrachet von Vincent Girardin. Das war bestimmt mal ein großer Wein, ein teurer noch dazu. Aber wenn solch ein Wein nach zehn Jahren schon derartige Reife zeigt und vor allem deutlich oxidative Noten, dann gibt es da nichts mehr schönzureden. Ich würde für diesen Wein in diesem Zustand keine € 20 mehr geben – 85/100.

Auch mit dem nächsten Flight kam ich nicht so richtig zurecht. Den 1994 Caymus Special Selection kenne ich deutlich anders und besser. Wo war die geile Frucht geblieben? Stattdessen seltsame Strenge, die nicht zu Caymus passt. Wahrscheinlich war hier ein schleichender Kork mit im Spiel – 89/100. Kein schlechter Wein war 1994 Angelus. Wenn ich hier etwas zu meckern habe, dann dass auch der immer mehr 94er wird, die Frucht verschwindet, die bitteren Tannine bleiben, ein Kandidat fürs mittelfristige Austrocknen also – 91/100. Bei meinen eigenen Flaschen wird das nicht passieren. Die werden das nächste Weihnachtsfest wohl nicht mehr erleben.

Erstaunlich jung zeigte sich 1985 Lynch Bages, der gerade die zweite Karriere startet. Wie so viele der 85er war der etliche Jahre abgetaucht(Mouton!!) und kommt jetzt wieder. Wunderbare, Lynch Bages typische Frucht und immer noch präsente Tannine – 93/100. Sehr überzeugend 1985 l´Eglise Clinet mit Süße, Schmelz, Struktur und Klasse, ein enorm druckvoller, spannender, schokoladiger Pomerol ohne Alter – 95/100.

Zwei 85er, die jede Suche wert sind

Mit zwei Klassikern endete unsere Probe, beide völlig unterschiedlich und doch auf Augenhöhe. 1982 Grand Puy Lacoste ist Cabernet und Pauillac vom Allerfeinsten mit wunderbarer Johannisbeer- und Blaubeerfrucht, mit dem perfekten Spagat aus Kraft und unnachahmlicher Eleganz, toller Länge am Gaumen und einem voll intakten Tanningerüst, das noch ein längeres Leben garantiert – 96/100. 1997 Phelps Insignia ist Kalifornien in seiner schönsten Form, die satte, dekadent leckere, süße kalifornische Frucht kombiniert mit Eleganz und Finesse, keiner dieser überzüchteten, kalifornischen 100-Punkte-Boliden, einfach ein runder, saftiger, aber nicht aufdringlicher Wein, bei dessen Genuss man meint, von einem Liegestuhl am Pool der Auberge du Soleil in die kalifornische Sonne zu blinzeln – 96/100.