Reife Kalifornier

Spontan trafen wir uns an diesem Samstag Abend zu einer Best Bottle im Dado und ließen uns von Yves Deval-Block und seinem Team kulinarisch verwöhnen. Als Thema unserer Verkostung hatten wir uns „Reife Kalifornier“ ausgesucht.

Reife Kalifornier hieß in diesem Fall 1990 und älter. Das Jahr 1990 markierte eine Zäsur in der Entwicklung kalifornischer Weine. In den 70erm und 80ern ähnelten die kalifornischen Weine stark ihren Vorbildern aus Bordeaux. Das galt nicht nur für die Aromatik, sondern auch für die Notwendigkeit, zu reifen und für das Lagerpotential. Erst in den Neunzigern kamen dann vermehrt die alkoholreichen, früh trinkbaren Fruchtbomben auf den Markt, die das heutige Bild kalifornischer Weine prägen. Kalifornische Weine aus beiden Epochen haben in unserer Runde eine lange Tradition. Das lag auch mit daran, dass einer von uns früher mit der Wine Gallery das erste und einzige Fachgeschäft für kalifornische Weine betrieb. Nur für Altweinprofi Uwe Bende, der spontan aus Bochum zu uns stieß, war das Thema ältere Kalifornier absolutes Neuland. Er bereicherte unsere Probe um zwei reife Bordeaux und den Einstiegswein, einen 2005 Grüner Veltliner Vinothek von Knoll. Ein würziger, fülliger, kräftiger Wein, der etwas gewöhnungsbedürftig war. Der hatte nicht nur Extraktsüße und die bei Wachauer Smaragden gar nicht so seltene Boytritis, sondern wohl auch echte Restsüße und erinnerte etwas an Vendanges Tardives aus dem Elsass – 92/100.

Der erste Rotweinflight führte uns in ein Jahr, das in Kalifornien ganz im Gegensatz zu Bordeaux durchaus gute Weine hervorbrachte und zu zwei Weingüter, die heute nicht mehr zur Topklasse gehören. Cuvaison wurde 1969 im Napa Valley gegründet und 1979 von der Schweizer Familie Schmidtheiny übernommen. Der 1980 Cuvaison Cabernet Sauvignon hatte eine sehr dichte, kräftige Farbe, in der verschwenderischen Nase Eukalyptus, Minze und Karamell, auch am Gaumen ein kräftiger Eukalyptus-/Minzecocktail, perfekt gereift ohne Schwächen oder Alterstöne mit schöner Länge, die für die damalige Zeit strammen 14% Alkohol kaum spürbar – 95/100. Bereits 1857 wurde Buena Vista in Sonoma vom ungarischen Grafen Harasthy gegründet. Verschwitzte Lederschuhe hatte der 1980 Buena Vista Cabernet Sauvignon in der Nase, war schokoladig, malzig mit feiner, filigraner Frucht und erinnerte mit seiner deutlichen Kräuternote auch etwas an Magenbitter. Am Gaumen war er seidig und elegant mit eher leisen Tönen, blühte aber zu begletendem essen deutlich auf – 92/100.

Mit immer noch jugendlicher Kirschfrucht punktete der 1985 Grgich Hills Cabernet Sauvignon, ein offener, fruchtiger Wein, der immer minziger wurde, sehr lang am Gaumen mit perfekter Struktur und sicher noch langer Zukunft – 94/100. Enorme Zukunft dürfte auch der 1986 Dominus besitzen. Tiefdunkle Farbe, hohe Bordeaux-Affinität, kühle Minzfrische, viel Leder, sehr druckvoll und kräftig, legte im Glas immer mehr zu, stabiles Tanningerüst – 96/100.

Noch etwas frischer als der 86er wirkte im nächsten Flight der 1985 Dominus, ein rassiger Wein mit Schwarzkirsche, Minze, Bitterschokolade und etwas Jod, immer noch so jung mit guter Tannin- und Säurestruktur und Potential für lange Jahre – 96/100. Deutlich reifer war der offene, weiche, schokoladige, geradezu schmusige 1985 Opus One. Fiel im Glas kurzzeitig in ein Loch und wurde säurelastig, bekrabbelte sich aber wieder deutlich und wurde immer minziger, ein letztes Aufbäumen? – 93/100. Den Dominus würde ich bedenkenlos nachkaufen, beim Opus One wäre ich vorsichtig.

Perfekt in die Riege der reifen Kalifornier paßte in seiner minzigen Art der reife, sehr elegante 1975 Les Carnes Haut Brion, mineralisch Tabak, Cigarbox, sehr finessig und jünger wirkend, ein Wein wie aus einem Guß, den ich noch nie so gut im Glas hatte – 94/100. Malzig und karamellig die Nase des im Vergleich deutlich reiferen, sehr weichen, eleganten 1983 Dehlinger Russian River Valley Cabernet Sauvignon – 90/100.

Und dann bekamen wir noch mal 1985 Dominus ins Glas, diesmal wohl eine sehr kühl gelagerte Flasche, die in ihrer Entwicklung noch deutlich hinter der ersten zurücklag, Bitterschokolade vom Holzkohlengrill, superdichte Farbe, Teer, Lakritz, deutlich spürbare Tannine und nach ein paar Jahren weiterer Lagerung schreiend – 92+/100. Eine schöne, präzise Frucht besaß der 1985 Phelps Cabernet Sauvignon. Die hohe Säure ließ ihn sehr bissig und vermeintlich jung erscheinen, trank sich sehr gut, dürfte aber keine lange Zukunft mehr haben – 90/100.

Wann warden Dunn Weine eigentlich reif? Und werden sie das überhaupt? Dieser 1986 Dunn Howell Mountain hier zeigte eine puristische Frucht, immer noch deutliche Tannine, eine sehr präzise Struktur und wirkte noch so jugendlich. Gut, da war auch erste, verhaltene Süße, aber bei diesem großen, langen, noch so frisch wirkenden Wein kommt sicher irgendwann noch mehr – 94+/100. So schwierig wie der in Kalifornien nicht einfache Jahrgang erschien zu Anfang der sehr bissige, von deutlichem Holz geprägte 1988 Sterling Cabernet Sauvignon Reserve, so als wollte er es den großen 88er Bordeaux gleichtun. Doch mit Zeit und Lufzt wurde dieser komplexe Wein immer reifer, zugänglicher und süßer. Meine zu Anfang sehr verhaltene Bewertung stieg und stieg. Bei 93/100 war das Glas leer.

Nur für Blitztrinker war der 1952 Nenin in einer belgischen Händlerabfüllung geeignet, den Uwe Bende mitgebracht hatte. Ein Traum die erste, facettenreiche, verschwenderische Nase, doch aus dem großen Pralinenkarton wurde rasch billige Milschschokolade. Dann ging es weiter Richtung Nagellack und Möbelpolitur. Schade. Als Gentleman zeigte sich im anderen Glas der tiefdunkle 1986 Kenwood Artist Series Cabernet Sauvignon und entzog sich der unfairen Konkurrenz durch einen immer stärker werdenden Kork.

Eine klassische Bordeauxnase hatte der 1986 Laurel Glen Cabernet Sauvignon mit Leder, Zedernholz und Graphit. Auch am Gaumen ging dieser immer noch recht junge, fruchtige Wein als Medoc aus dem gleichen Jahrgang durch – 92/100. Gefällig, offen, reif der 1987 La Jota Howell Mountain mit viel süßem Haribo-Lakritz in der Nase – 92/100.

Zeitlos schön war immer noch der 1970 Mondavi Cabernet Sauvignon Unfiltered, der immer noch gute Frucht zeigte, altes Sattelleder und getrocknete Kräuter. Ein harmonischer, ausgewogener Wein mit nur 12% Alkohol und guter Länge am Gaumen. Alte Mondavis sind nach wie vor jede Suche wert. Das gilt auf für den komplexen, rassigen 1990 Mondavi Cabernet Sauvignon Reserve, der lange Zeit benötigte und sich jetzt in sehr schöner Trinkreife zeigt, auch dieser elegante Wein mit delikater Frucht, Minze, Leder, Zedernholz und erster Süße stilistisch eher mit Bordeaux verwandt als mit den heutigen, kalifornischen Fruchtbomben – 94/100.