Traumweinprobe

Aus einem der best sortierten, deutschen Weinkeller durfte ich im Oktober im Rahmen einer großen Raritätenprobe perfekt gelagerte Traumweine am laufenden Band trinken.

Zweimal reifer Dom Perignon hieß es gleich zum Einstieg. Goldgelb der 1975 Dom Perignon, nur noch dezente Perlage, gute, etwas dominante Säurestruktur, zeigte dadurch nicht nur die klassische Brotkruste reifer Champagner, sondern erinnerte auch etwas an vergorenen Brottrunk – 92/100. Bernsteinfaben der große 1964 Dom Perignon, immer noch so vital und komplex mit enormer Kraft, nur doch dezentes, am Gaumen deutlich spürbares Mousseux, schöne Edelfirne, bleibt sehr lang am Gaumen – 96/100.

Noch sehr jugendlich, mineralisch mit frischer Frucht der faszinierende 1999 Marcassin Chardonnay Marcassin Vineyard, viel gut eingebundenes Holz, enorme Kraft und Länge, reife Zitrusfrüchte, gewaltiger Druck am Gaumen, baut enorm im Glas aus und dürfte sich sicher noch gut 10 Jahre auf sehr hohem Niveau halten – 98/100. Ein echtes Meisterwerk, das sehr eindrucksvoll zeigte, dass sich große kalifornische Chardonnays schon lange nicht mehr hinter Burgund verstecken müssen. Chancenlos war im direkten Vergleich der 1999 Montrachet von Marc Collin, auch der sehr mineralisch mit feiner Frucht, eher etwas auf der eleganteren, leichteren Seite, mineralisch mit guter Länge – 93/100.

Colafarben war der 1945 Rieussec, eine gewaltige Aromenexplosion schon in der Nase, was sich nahtlos am Gaumen fortsetzte, traumhafte, karamellige Süße, Crême Brulée, Riccola und mit der markanten Bitternote im langen Abgang auch ein Schuss Appenzeller Alpenbitter – 99/100. An einen älteren Rosé erinnerte die Farbe des 1945 Grillon aus Haut Barsac. Kein Powerhouse, eher ein sehr feiner, fast halbtrockener, nur leicht gezehrter, filigraner, finessiger Wein – 92/100.

Kraft ohne Ende zeigte der tiefdunkle 1950 Cheval Blanc in einer belgischen Thienpoint-Abfüllung, nur mit der Eleganz haperte es etwas – 96/100. Aber Farbe ist längst nicht alles. Das zeigte sehr eindrucksvoll der enorm komplexe und vielschichtige 1947 Barolo Riserva von Borgogno mit italienischer Grazie, mit fantastischer, kräuteriger Süße und einem Schuss Kaffee – 97/100. Sehr elegant, geradezu filigran mit zarter Himbeerfrucht der von deutlicher Säure geprägte 1978 Bonnes Mares von Comte de Vogüe – 93/100.

Reif ist der 1964 Latour schon seit langen Jahren, aber er hält sich auf hohem Niveau. 1964 Geborene sollten damit aus gut gelagerten Flaschen mit viel Freude ihren Geburtstag feiern können. Wir haben mit dieser Flasche schon mal vorgefeiert. Ein sehr eleganter, charmanter Latour mit immer noch intaktem Tanningerüst, feinem, süßem Schmelz, sehr mineralisch mit der Latour-typischen Walnussnote – 94/100. Und im anderen Glas der schier unglaubliche, absolut perfekte 1990 Beauséjour Duffau Lagarosse, mit dem dieses sonst eher mittelmäßige Gut das Kunststück eines großartigen 100/100 Punkte Weines fertigbrachte. Und so hatten wir ihn auch im Glas, ein gewaltiges Konzentrat in der Nase und am Gaumen, rauchig die Nase mit Teer und dunklen Früchten, am Gaumen Kraft ohne Ende und enormer, aromatischer Druck, perfekte Tanninstruktur, hohe Mineralität und irre Länge. Wird noch Jahrzehnte zu den besten Weinen des letzten Jahrhunderts gehören. Angeblich ist dem Gut ja in 2009 zum zweiten Mal dieses Kunststück gelungen. Ich hatte den 2009 Beauséjour Duffau Lagarosse im Oktober diesen Jahres einmal bei Extraprima in Mannheim im Glas und konnte das damals nicht nachvollziehen.

Und gleich noch zweimal bekamen wir Perfektion ins Glas. Der 1990 Chambertin von Armand Rousseau ist für mich ein moderner Klassiker. Ein absolut stimmiger, immer noch so junger, riesengroßer Burgunder, an dem ich stundenlang nur riechen könnte. Aber diese Aromenexplosion setzte sich am Gaumen fort, zum Niederknien und in einer Liga mit den zahlreichen, älteren Burgunder-Legenden, die ich schon trinken durfte – 100/100. Schade, dass Parkers mickrige 90/100 sich nicht im Preis widerspiegeln. Unter € 1000 geht bei dieser gesuchten Rarität nichts. Völlig anders in der Stilistik, aber auf gleichem Niveau im anderen Glas der 1990 Beaucastel Hommage Perrin. Endlich zeigte dieser Wein, den ich nach der begeisternden Fruchtphase nur noch völlig zugenagelt erlebt habe, wieder, was er drauf hat. Ein gewaltiges Pfauenrad an Aromen, (ge)würzig, Lakritz, pfeffrig, kaum fassbare Geschmacksdichte und Länge, dabei so absolut stimmig und harmonisch – 100/100. Wohl dem, der davon im Keller hat.

Legendär dann das nächste Trio, dreimal Chateau Margaux aus großen Jahrgängen in perfekten, belgischen Vandermeulen-Abfüllungen. Die Margaux-typische Eisenfaust im Samthandschuh zeigte der immer noch so lebendige 1921 Margaux Vandermeulen. Sehr dicht, die tiefe Farbe, so fein und elegant, dabei enorm druckvoll am Gaumen, für einen gut 90jährigen Wein einfach phänomenal – 98/100. Ein kompletter, großer Wein der 1929 Margaux Vandermeulen mit perfekter Säurestruktur – 99/100. Und dann war da dieser hedonistische 1947 Margaux Vandermeulen, die Eleganz eines großen Margaux kombiniert mit dem süßen Schmelz des opulenten Jahrgangs, Margaux geht nicht besser – 100/100. Dieser Flight zeigte exemplarisch die Qualität des Kellers unseres spendablen Gastgebers und die Sorgfalt, mit der er Weine ersteht und lagert. Alle diese Weine habe ich aus anderen Quellen auch schon deutlich schlechter getrunken.

1955 zählt zu meinen Lieblingsjahrgängen in Bordeaux. Ein sehr verlässlicher Jahrgang und gleichzeitig das Ende einer Ära, denn die üblen 56er Fröste zerstörten im Winter danach zahllose Weinberge. 1955 La Mission Haut Brion Vandermeulen gefiel gut, war aber nicht ganz auf dem Niveau der besten Vandermeulen-Flaschen dieses Weines – 96/100. 1955 Cheval Blanc in einer perfekten Chateauabfüllung dagegen war Cheval at it´s very best, ein überragender Ausnahmewein, ein seidiger, hoch eleganter Ausnahmewein Süße, Schmelz, Fülle und Länge satt – 100/100. Perfekt gereift der 1955 Latour, sehr mineralisch, immer noch gute, rotbeerige Frucht, Minze, gute Säure und erstaunliche Frische und Harmonie, dürfte es in guten Flaschen wie dieser noch lange machen – 96/100.

Phänomenal wieder 1948 Vieux Chateau Certan, bei dem ich blind aufgrund der Dichte, der Kraft und der intensiven Minze in Kalifornien war. Ein Ausnahmewein, der mit Cheval Blanc zur Jahrgangsspitze gehört und noch genügend Standvermögen für lange Jahre hat – 98/100. 1952 Lafleur in einer belgischen Händlerabfüllung hatte nicht die Kraft anderer Jahrgänge dieser Periode, überzeugte aber durch eine feine, kräuterige Süße – 95/100. Sehr elegant und mit viel Finesse der generöse, süße, schmelzige 1952 Petrus Vandermeulen , zeigte aber noch keinerlei Schwächen und war meine bisher beste Vandermeulen-Flasche dieses Weines, bei dem ich sonst in 52 die Chateauabfüllung vorziehe – 96/100.

Ein kräuterig-eleganter, druckvoller Burgunder war der 1949 Charmes Chambertin von André Guy – 93/100. Als sehr gelungener Cheval Blanc Klon ging mal wieder der 1949 Gaffelière-Naudes durch. Dieser Cheval für Schlaue, in vielen Jahrgängen bis 1964 für deutlich weniger Geld auf Augenhöhe mit Cheval Blanc, überzeugte mit wunderbarer Fülle, Eleganz, generöser Süße, Kaffee-/Schokonote, feinem Schmelz, druckvoller Aromatik und mit guter Länge am Gaumen – 97/100. Deutlich mehr hätte ich mir vom 1949 Chambertin Clos de Bèze von Drouhin Laroze aus der Magnum versprochen. Wenn der mal richtig groß war, ist es sehr lange her. Verhalten kräuterige Eleganz mit deutlicher Bitternote im Abgang – 90/100.

Praktisch auf Augenhöhe waren im letzten Rotweinflight dieser denkwürdigen Probe 1982 Pichon Comtesse de Lalande und 1982 Les Forts de Latour. Die Comtesse nur dann enttäuschend, wenn man sie aus Ihrer Glanzzeit kennt. Jetzt sit das einfach „nur“ noch ein großer, gut gereifter Pauillac – 96/100. Les Forts zeigte keine Spur von Müdigkeit und ging als großer, perfekt gereifter Latour mit feiner Süße und der klassischen Latour-Aromatik durch – 96/100. Aus guter Lagerung sicher immer noch ein guter Kauf.

Eigentlich noch viel zu jung war die 1995 Wehlener Sonnenuhr lange Goldkapsel von JJ Prüm mit faszinierendem Süße-/Säurespiel – 93+/100.

Quasi als Absacker tranken wir an der Bar des Hauses hinterher noch den zeitlos schönen 1985 Grand Puy Lacoste und seinen derzeit aromatischen Zwilling, den 1985 Cos d´Estournel. Beides sehr elegante, eher schlanke Weine, immer noch frisch mit betörender, rotbeeriger Frucht, einfach feine Gaumenschmeichler auf 93/100 Niveau.

Es versteht sich wohl von selbst, dass ich unserem honorigen Gastgeber, der aus verständlichen Gründen ungenannt bleiben möchte, zum Geburtstag, zu Weihnachten und zu allen anderen, denkbaren Feiertagen gratuliere. Schließlich habe ich da bei einem kurzen Gang durch den Keller noch reichlich Weine entdeckt, die ich gerne mal im Glas hätte.