Von Mayacamas und anderen Wundern

Bei Wein ist das heute ganz einfach. Der ist noch nicht ganz im Fass vergoren, dann kommt schon der erste der schreibenden Spucker und fällt das Urteil, mit dem der Wein dann meist auf Dauer leben muss. Klar sind da frühreife, mit Reinzuchthefen vergorene und alkoholstarke Weine im Vorteil. Und die drei Dinge kombiniert ergeben dann Punktesieger und Überflieger. Und wie sieht die Wirklichkeit aus? Punkte kann man nicht trinken. Schon gar nicht die, die ein Wein im ebryonalen Stadium bekommen hat. Und viele Weine scheren sich einen Dreck um das, was da viel zu früh von den Weinpäbsten prophezeit wurde. Aber das ist es ja dann auch wieder, was Wein von Bacardi unterscheidet, dieses Ungewisse, das schwer Vorhersehbare, die vielen spannenden Überraschungen.

Und von den Überraschungen hatten wir einige an diesem Abend. Horst hatte mit Nina für uns gekocht. Und wir waren mit Trouvaillen aus unseren Kellern gerne seinem Ruf gefolgt. Schließlich war es ja ein Freitag mit der schönen Möglichkeit, am nächsten Tag auch einen eventuellen Rausch gepflegt auskurieren zu können. Und dann waren wir auch gleich bei den frühreifen Weinen dieser Erde. Unser Gastgeber empfing uns mit einer Magnum 2011 Aulerde GG von Wittmann. Die zeigte schon erstaunlich viel, war saftig, kräftig, leicht barock, der Pfälzer aus Rheinhessen – 92/100. Aber das geht mir derzeit bei vielen 2011ern so. Die trinken sich so, als seien sie für schnellen Verzehr gemacht. 2005 lässt grüßen. Aber ich bin mir sicher, dass zumindest die besseren unter den deutschen 2011ern sich im nächsten oder übernächsten Jahr noch mal verschließen, um dann in 5 Jahren deutlich komplexer und vielschichtiger wieder aufzublühen.

Und damit waren wir dann auch schon mitten in den reiferen Gewächsen. Eine Risikoflasche 1953 Gevrey Chambertin von Bouchard stand an. Perfekter Füllstand, voll intakte, altersfreie, rubinrote Farbe, nur der Korken hatte sich aus dem Flaschenhals gelöst und wollte es sich im Wein gemütlich machen. Was für ein Glück, dass die Kapsel dicht hielt. Erste Bedenken verflogen genauso schnell wie die nur anfänglichen Anklänge von Sherry und Klebstoff in der Nase. Nein, das war ein noch sehr vitaler, kräftiger Burgunder mit feinem, süßem Schmelz am Gaumen, Trinkspaß pur – 93/100.

Und dann habe ich noch zwei Weine in die Runde geworfen, die niemand auf der Uhr hatte. Sehr jung in der dichten Farbe und auch sonst in der Anmutung der 1976 Wyndham Estate Cabernet Shiraz aus Australien. Immer noch mit röstigen Aromen die speckige Nase, der Gaumen kam zu Anfang nicht ganz mit, doch legte der Wyndham enorm im Glas zu und wurde immer fruchtiger und präsenter – 91/100. Von „cellaring potential until 1984“ sprach das Etikett. Na ja, die paar Jahre Unterschied. Der Wein im anderen Glas heller in der ebenfalls altersfreien Farbe, sehr elegant, filigran, finessig, burgundisch im besten Sinne. Ein richtiger Nasenbär war dieser 1977 Cabernet Sauvignon von Goyenechea aus Argentinien, auch am Gaumen schön mit feiner Süße, altersfrei, und das alles mit sympathischen 12,7% Alkohol – 92/100. Beide Weine waren wahrscheinlich Ende der 70er preiswert in deutschen Supermarktregalen für den raschen Verzehr zu haben. Da lohnt es doch, mal tiefer in Omas Keller zu graben.

Reif und saftig wirkte der 1985 Durney Cabernet Sauvignon Reserve, in der Nase mit Schokolade, Minze, Teer und viel Leder, am Gaumen erstaunliche Struktur und immer noch intaktes Tanningerüst – 92/100. Ob der 1983 Dominus, der erste erzeugte, jemals richtig reif wird? Etwas geöffnet hat er sich in den letzten Jahren, aber es bleibt ein etwas ruppiger, rustikaler Wein mit immer noch harschen Tanninen – 92/100.

Wenn ich den 1988 Latour nicht aus den Arrivageproben Anfang der 90er kennen würde, in denen er voll überzeugen konnte, würde ich heute einen großen Bogen um diesen Wein machen. Ein enorm dichter, kräftiger Wein mit viel Zedernholz und Paprika, mit störrisch wirkenden Tanninen, der für einstige Glorie wohl noch mal 10 weitere Jahre braucht – 92/100. 10 Jahre warten könnten auch beim 2007 Phelps Insignia helfen. Ein dickes, dichtes, üppiges, opulentes Geschoss mit etwas überreifer, süßer, marmeladiger Frucht, die im jetzigen Stadium alles andere überdeckt. In 10 Jahren könnte das ein Riese sein – 94+/100.

Zum jetzt und heute trinken fand ich den 1997 Phelps Insignia deutlich besser, der ja genau diese 10 Jahre zusätzlicher Reife hat. So wirkte dieser, am Gaumen enorm druckvolle Wein deutlich vielschichtiger und zeigte neben süßer Frucht auch viel Minze, Leder, Mineralität und einen Hauch Eukalyptus – 96/100. Eine Liga drunter spielte der sehr feine, elegante 1997 Silver Oak Alexander Valley, bei dem intensive Minze die sonst so typische Dillnote überdeckte – 93/100.

Wenig hört man heute von Mayacamas, wo in den 70ern legendäre Kalifornier erzeugt wurden. Machen die heute etwas anderes als damals? Oder liegt es nicht eher daran, dass Mayacamas eben immer noch diesen klassischen Stil kalifornischer Weine zeigt, die einfach deutliche Reife verlangen, die altern können und müssen? Es wird Letzteres sein. Mayacamas hat sich nicht dem Diktat der amerikanischen, schreibenden Spucker gebeugt, treibt nicht die (Über)Reife bis zum letzten. Diese Weine kann man nicht einfach im Liquor Store fürs abendliche Dinner kaufen und dann das Dessert weglassen, weil all die Süße ja schon im Glas ist. Das ist puristischer, amerikanischer Hardcore Cabernet. Dieser 1992 Mayacamas Cabernet Sauvignon hat 2 Jahrzehnte gebraucht, um sich halbwegs zu öffnen. Superbe Frucht, feine Minze, Mineralität, gewaltige Struktur, Finesse, aber auch gewaltige Säure und immer noch massive Tannine, kann und wird noch zulegen – 95+/100.

Im Gegensatz zu Mayacamas wirkte der 2007 Flor de Pingus geradezu erschlagend und mächtig, einfach zu dick und zu alkoholisch, heftig, kräftig und sehr süß. Sicher wird der sich noch ändern, wandelt sich noch einiges vom überzähligen Babyspeck in Muskeln und Sehen. Und das muss er auch, sonst wird er den weg in mein Glas so schnell nicht mehr finden – 90+/100. Immer noch sehr jung der sehr komplexe, sehr finessige 1996 Hermitage la Chapelle von Jaboulet-Ainé aus einem eher kleineren Rhone Jahrgang. Aber das ist nördliche Rhone pur, präzise Frucht, ein blutiges Steak vom Holzkohlengrill, Lakritz, erdige Mineralität, dazu gute Säure und ein stabiles Säuregerüst, wird noch über lange Jahre zulegen – 93+/100.

Sehr angetan war ich wieder von 1990 Opus One aus einer Zeit, in der Opus One noch mehr Bordeaux als Kalifornien war. Ein sehr feiner, eleganter Wein mit reifer, dunkler Frucht, viel Minze, dezentem, süßem Schmelz, guter Struktur und langem Abgang – 94/100. Dicht, kräftig und lang mit süßer Fülle der insgesamt aber noch etwas verhalten wirkende 1997 Chateau Montelena. Das Beste kommt hier wohl noch – 93+/100.