Vorösterliche Probe in der Wiin Kööv

Es war Karfreitag. Wie jedes Jahr trafen wir uns zu einer knackigen, vorösterlichen Probe mit Weinen aus Wineterminators Keller in der Kampener Wiin Kööv. Torsten hatte die Weine vorsichtig stehend nach Sylt kutschiert, Klaus servierte sie uns mustergültig.
Den Anfang machte ein altersfreier 2001 Idig GG von Christmann. Nicht mehr ganz mit der Dramatik der jugendlichen Fruchtphase, in der ich mich 2003 schon mal zu 97/100 hinreißen ließ, aber mit wunderbarer, cremiger Fülle, toller Struktur und langem Abgang – 94/100. Noch ein Stück drüber die noch immer so junge 2005 Hermannshöhle GG von Dönnhoff mit unerhörter Mineralität, messerscharfer Präzision, knackiger Säure und feiner Frucht, kann und wird noch zulegen – 95+/100.
Schlichtweg atemberaubend ein 1997 Riesling Singerriedel Smaragd von Hirtzberger mit explosiver Aromatik, mit Dichte, Kraft, Fülle, Würze und Länge, erst jetzt nach knapp 16 Jahren richtig auf dem Punkt – 97/100. Jung können die Großen Gewächse aus Deutschland ja schon eine Weile mit den großen Smaragden aus Österreich mit, aber dieses gewaltige Alterungspotential mit dem zusätzlichen Aromen-Turbolader, da liegt die wachauer Spitze noch vorn. Das zeigte auch der 1999 Grüne Veltliner Honivogl von Hirtzberger, der am Tisch blind für einen großen Le Montrachet gehalten wurde. Ein sehr komplexes, tiefgründiges, sehr würziges, pfeffriges Superteil, sehr mineralisch mit strahlender Brillianz, das am Gaumen gar nicht mehr aufhörte – 98/100.
Weiter ging es mit den 2010ern von Monteverro, dem dritten Jahrgang dieses neuen Superstars aus der Toskana. Ich kann mich noch gut an die Worte von Monteverro-Besitzer Georg Weber nach den ersten Fassproben erinnern. „Ich bin so glücklich, Monteverro wird endlich erwachsen“. Das kann man nur unterstreichen. Ein großer Jahrgang, perfektes Lesegut und ein inzwischen bestens eingespieltes Team brachten hier Weine auf die Flasche, die auf die beiden Vorgängerjahre noch mal eins drauflegten. Überragend wieder der nur in kleinen Mengen produzierte 2010 Monteverro Chardonnay. Ein rassiger, extraktreicher Riese mit sehr gut eingebundenem Holz und gewaltiger Struktur, perfekter Spagat zwischen kalifornischer Fruchtfülle und Kraft auf der einen und burgundischer Eleganz und Finesse auf der anderen Seite, sehr lang am Gaumen, 95+/100 mit Potential für 1-2 mehr. Der 2010 Terra di Monteverro legt ebenfalls auf die Vorgänger noch eins drauf mit größerer Dichte und toller Struktur – 93+/100. Wird wahrscheinlich erst im nächsten Jahr richtig aufblühen. Mörderpotential hat 2010 Monteverro, allerdings mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Fangen wir mit der Schlechten an. Er ist verhaltener und springt nicht so aus dem Glas wie seine Vorgänger. Ein stimmiger, riesengroßer Wein mit irrer Struktur und Länge, aber auch mit massiven, mundbeschlagenden Tanninen. Potentialtrinker können sich da heute schon durchaus an bis zu 94+/100 erfreuen. Geduldige, und das ist die gute Nachricht, werden nach ein paar Jahren Lagerung mit mindestens 3 Punkten mehr belohnt. Als Fassprobe war 2010 Monteverro einer der größten Jungweine, die ich je im Glas hatte. Ich bin mir sicher, die Versprechungen von damals wird er voll erfüllen.
Und damit kamen wir zu zwei gereiften Paarungen. Groß der 1982 Figeac trotz der etwas gewöhnungsbedürftigen Nase, aber da ist soviel Kraft und Dichte am Gaumen, kräuterige Würze, Minze und immer noch frische, dunkle Frucht, dürfte noch enorm langlebig sein – 95/100. Wie vom anderen Stern 1982 Trotanoy, diese perfekte Mischung aus dem Besten von Petrus und Lafleur – 99/100.
In Mode sind derzeit überall die 1983er Verkostungen. Da könnte ich bald jede Woche auf eine gehen. Wir haben es uns hier einfacher gemacht. Als Essenz dieser Proben haben wir uns auf die wohl beiden besten Weine des Jahrgangs beschränkt. Einfach traumhaft trinkt sich derzeit 1983 Palmer mit seidiger Eleganz, mit burgundischer Pracht und Fülle, mit schöner süßer Frucht, viel Zedernholz und großartiger Länge – 97/100. Der könnte der Wein des Jahrgangs sein, wenn es da nicht diesen schier unglaublichen 1983 Cheval Blanc gäbe. Der hat vor langen Jahren als kleiner Bruder des legendären 82ers angefangen. Seitdem legt er kontinuierlich zu und hat, obwohl er seit ewigen Zeiten reif wirkt, noch so gewaltiges Potential. Ein Traum in Seide mit dem unnachahmlichen Cheval Blanc Parfüm, mit dekadent süßer, leicht portiger Fülle, Eleganz pur, so druckvoll in der Aromatik und so unglaublich lang – 98/100.
Zwischendrin noch schnell ein Lehrstück für alle Leser von Jahrgangstabellen. 1992 ist kein guter Bordeaux-Jahrgang. Aber 1992 Petrus ist ein hervorragender Wein. € 80 habe ich dafür 1993 in der Subskription gezahlt. Und der Petrus hat sich für mein Vertrauen und für fast 20jährige, sorgfältige Lagerung mit einer sensationellen Performance bedankt. Ein großer, enorm druckvoller Petrus, kraftvoll und elegant zugleich, immer noch so jung, mit feiner, opulenter Süße, mit hervorragender Struktur und Länge. Da musste man nicht auf das Etikett gucken, da war pure Begeisterung im Glas – 96/100.
Und dann noch ein spannendes Übersee-Duell zum Schluss. Immer noch so jung der 1994 Henschke Hill of Grace, der wie ein Bordeaux unter den Shiraz das animalische, rustikale, kraftvolle, exotisch-opulente, Süße eines großen Shiraz mit der Eleganz eines gut (an)gereiften Bordeaux verbindet. Der noch so junge „Hügel der Grazie“ trägt seinen Namen zu Recht – 97/100. Im anderen Glas ein völlig verkannter, großer Kalifornier, von Parker mit 86/100 als „old“ abgewatscht. Und warum? Weil dieser 1994 Stag´s Leap Cask 23 wie auch der 95er des Gutes wieder so gemacht wurde, wie früher die großen Kalifornier. Keine alkoholische Trinkmarmelade für den Sofortgenuss, sondern großer Wein, der altern kann und altern muss. Schlichtweg außerirdisch gut war er jetzt, ledrig, Tabak, viel Minze und Eukalyptus, dazu die dekadent leckere Süße eines großen Weines auf dem Weg zum Höhepunkt, ein Traum – 96+/100. Und warum das Plus? Wir hatten den Cask 23 trotz Muffels aufopferungsvoller Mithilfe einfach nicht geschafft. Die halbvolle Karaffe blieb offen drei Tage (!) im Weinkühlschrank stehen. Da entdeckte ich sie am Abend vor der Abreise. Und da ich vor nichts fies bin, kam der Cask 23 natürlich sofort in mein Glas und auch das von Klaus. Eine Leiche? Mitnichten. Der stand wie eine Eins ohne jeden Hauch von Oxidation. Ganz großes Kalifornien-Kino und jede Suche wert, passt stilistisch zu den California Wine Legends, die ich kürzlich in der Braui trinken durfte.
Und da Klaus und ich gut drauf waren, und Muffel noch als Verstärkung eintraf, konnten wir gleich noch einen anderen Irrtum ausräumen. 1989 Clinet war mal ein begehrter, gesuchter 100 Punkte Star. Bis er sich Anfang dieses Jahrhunderts wieder verabschiedete. Und prompt bekam der Clinet von den professionellen Schreiberlingen eins auf die Mütze. Selbst bei meinem so erfahrenen Freund René Gabriel hieß es 2004 in seinem Bordeaux Total: 17/20, austrinken. Dabei hatte der Clinet nur das getan, was alle großen Bordeaux irgendwann machen. Er hatte sich verschlossen. Bei sehr tanninbetonten Jahrgängen wie z.B. 88 passiert das früher und dauert auch länger, bei Jahrgängen mit üppiger Frucht wie 89 passiert es halt später. Und bei diesem 89er hier geht diese Phase jetzt zuende. Einen großen, jung wirkenden, enorm druckvollen Pomerol hatten wir da im Glas, einen 89er Clinet, der sich wieder dorthin entwickelt, wo er herkommt – 97+/100. Nicht suchen, nicht kaufen, bitte alle in meinen Keller.