Februar 2013

"Balm"sam für Gaumen und Seele

Ein feiner Abend war das im Kreise Schweizer Freunde, die sich spontan im Balm in Meggen mit Schätzen aus dem heimischen Kellern zusammengefunden hatten. Beat Stoffer, Patron dieses so gastlichen Hauses, und sein Team verwöhnten uns kulinarisch auf hohem Niveau.

Zwei deutsche Rieslinge gab es als Apero. Noch sehr jung der schlank und sehnig wirkende 2006 Königsbacher Idig GG von Christmann mit straffer Säure, ein Langstreckenläufer – 91+/100. Wunderschön die rauchige, mineralische, angenehm herbe Nase des 2007 Gimmeldinger Mandelgarten GG von Christmann, der reifer als der Idig wirkte, aber weniger Tiefgang und einen kürzeren Abgang besaß – 89/100.

Und dann kam gleich im ersten Flight aus einem der größten Burgunder-Jahrgänge des letzten Jahrhunderts der Wein, der eigentlich der Star des Abends hätte sein müssen, 1937 Grands Echezeaux aus der Barolet Collection. Aber – shit happens – ausgerechnet der war es nicht mehr. Tiefes, dunkles Schwarzbraun, in der Nase Liebstöckel und alter Balsamico, am Gaumen sehr gezehrt mit strenger Säure, auf dem raschen Weg ins Jenseits und zumindest mit einem Bein schon da. Das galt leider auch für einen der beiden 1937 Morey St. Denis aus der Barolet Collection, der mit heller Farbe und leicht staubiger Mottenkugelnase schnell im Glas starb. Die andere Flasche(!) – Baschi und Andi hatten dieselbe Idee gehabt – war zumindest trinkbar. Tiefe, dichte Farbe, aber immer noch mit leichten Rotreflexen, reife Nase mit etwas Balsamico, am Gaumen malzige Süße, aber auch herbe Strenge – 85/100.

Eigentlich ist 1978 Ducru Beaucaillou immer noch ein wunderbarer Wein. Aus dieser eindeutig zu alten Flasche gefiel nur die recht schöne, rotbeerige, gefällige Nase. Am Gaumen war das eher eine Art strenger Bordeaux aus den 60ern – 87/100. Immer noch so jung dagegen die elegante, frische, süße, schmelzige 1983 Pichon Comtesse de Lalande mit süßer, roter Frucht – 92/100. Warum mich hier bei der Ursprungsbewertung der Geiz geritten hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Die letzten beiden Schlucke der Comtesse waren sicher 94/100 wert. Ladehemmung auf hohem Niveau hatte der eigentlich so dekadent schokoladig-leckere 1989 Gazin. Der hatte eine leicht unsaubere Nase mit Brett und wirkte rustikal und kräftig mit viel Tannin – 93/100.

Ein beeindruckender, jugendlicher Kraftprotz war 1991 Dunn Howell Mountain, so eine Art Montrose aus Kalifornien mit noch Jahrzehnten Zukunft – 95/100. Etwas verwirrt hat mich 1991 Dominus. Eigentlich ist das ein muskulöses Tier von Wein, aber plötzlich zeigte sich der Tiger hier als schnurrende Schmusekatze, sehr elegant, zugänglich, finessig, vielschichtig mit reife, roten Früchten – 94/100. Gibt es von 1998 Tertre Roteboeuf zwei Versionen? Den hatte ich mehrfach so im Glas wie heute, mit geiler Nase, aber tanninbetontem, etwas strengem Gaumen – 93/100. Und es gibt die andere Version, bei der der Gaumen mit der Nase wetteifert, auf bis zu 98/100 Niveau. Beide Varianten übrigens bisher mehrfach getrunken. Schade, dass man von draußen nicht erkennen kann, was einen erwartet.

Und dann kamen die beiden Siegerweine dieser spontanen Best Bottle. Erstaunlich offen, ja sogar elegant zeigte sich der 2001 Dunn Howell Mountain. Dahinter verbirgt sich natürlich ein gewaltiger Wein mit präziser Struktur, mächtigen Tanninen und sehr langem Abgang. Aber es ist für mich das erste Mal, dass ein junger Dunn schon soviel Trinkspaß bereitet – 95/100. Eindeutiger Publikumssieger war der hedonistische, üppige 2003 Quinta Sardonia, der in seiner mineralischen, würzigen art und der satten, reifen Frucht sehr an Aalto erinnerte – 94/100. Zweimal bekam er am Tisch sogar von Gregor und Andreas die 98/100.

Etwas verhalten startete der kräftige, breitschultrige 2004 Redigaffi im Glas, baute dann aber in gewaltigem Tempo immer mehr aus und wurde offener und süßer. Reife dunkle Früchte, Minze, Schokolade, mineralisch und würzig mit genügend Kraft und Struktur für eine längere Entwicklung – 95/100. Sehr gesucht, teuer und von Parkers Antonio Galloni hoch bewertet ist der 2004 Miani Merlot Buri aus dem Friaul, der am Tisch irgendwie unterging. Dabei war das ein enorm ausbauender, schmelziger, süßer Merlot mit viel Potential. Als die Abfrage am Tisch kam, war ich bei 94, später beim letzten Schluck dann bei 96/100. Vielleicht bekomme ich ihn ja irgendwann noch mal ins Glas, dann nehme ich mir mehr Zeit. Möglich, dass der noch sehr junge, aber schon zugänglich wirkende 2006 Redigaffi in den nächsten Jahren noch weiter zulegt, das nötige Tanningerüst und die Substanz hat er. Heute war er für mich auf Augenhöhe mit dem 2004er – 95/100.

Früher hatte ich mit den Weinen von Delia Viader eher Probleme. Aber was diese sympathische Winzerin als 2007 Viader auf die Flaschegebracht hat, gefiel mir außerordentlich gut. Das war kalifornischer Suchtstoff pur, fleischig, saftig, mit süßer Brombeere und Blaubeere, modern und offen zwar, aber auch mit guter Struktur, lebt sicher nicht ewig, aber warum auch? – 95/100. Und unter die Räder des vorherigen Flights und des Viader kam der noch etwas verschlossene, verhalten wirkende 2007 Petrolo Galatrona. Macht nichts, in 5 Jahren macht er die anderen nieder – 92+/100.

Eine schöne Runde war das. Danke an Gregor fürs Organisieren und an Leisi für den perfekten Sommelier. Irgendwann gesellte sich auch Beat, der Patron, zu uns. Erinnern kann ich mich noch an einen, später am Stammtisch getrunkenen, wunderschönen 2009 Gantenbein Chardonnay. Das war noch einer der fülligeren Chardonnays, bevor die Gantis dann endlich in 2010 beschlossen, große Meursaults zu machen. Der harte Kern soll dann noch bis tief in die Nacht Bier getrunken haben. Da ließ ich schon längst den „Balm“sam auf meiner Seele wirken und träumte tief und fest von den nächsten Proben.

Ein klassischer Stappen-Sonntag

Ab morgen ist erst mal wieder Schluss mit Lustig. 5 Tage kein Alkohol. Aber heute war Sonntag, Stappen-Sonntag. Und den genossenen wir zur großen Küche des Gasthaus Stappen in Liedberg mit einem, reifen, cremigen, sehr nachhaltigen 1983 Perriet Jouet Belle Epoque Reserve Special, der immer noch gutes Mousseux besaß, reifer Champagner vom Feinsten – 94/100. Sehr zugänglich, aber doch enttäuschend war das 2011 Kirchenstück GG von Bassermann-Jordan – 91/100. Was man nicht nur in 2011 aus dieser großartigen Lage machen kann, zeigen eindrucksvoller Bürklin-Wolf und aus dem gleichen Hause wie Bassermann-Jordan von Winning. Und dann trauten wir uns noch an ein blutjunges Potentialmonster namens 2011 Hubacker von Keller, das erst dann richtig aufblüht, wenn all die anderen polierten 2011er schon verwelkt sind. Da half nur dekantieren und ab in große Gläser. So bekamen wir zumindest schon mal einen kleinen Ausblick auf das, was dieser beeindruckende Wein mal in ein paar Jahren ins Glas bringt – 93+/100. In einer anderen Karaffe wartete derweil schon länger ein 1970 Latour. Dessen geniale, trüffelige Walnussnase deutet einen echten "dreistelligen Sonntagswein" an. Und als solcher kam er dann auch ins Glas. Noch so jung, so dicht, mit solch gewaltiger Tanninstruktur. Latour pur auf höchstem Niveau, gemacht für mindestens 30, wenn nicht 50 weitere Jahre. Lange vorher dekantieren, schlückchenweise genießen, ein Meisterwerk – 100/100. Wie schön, dass in sieben Tagen wieder Sonntag ist.

Ein feiner Barolo

Home sweet home. Das pappige Air Berlin Brötchen war genauso daneben wie die (vollbesetzte), alte 737 mit durchgesessen Sitzen. So wird man halt schon bei der Rückkehr aus einem Traumurlaub wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Gepäckausladung in Düsseldorf komplettiert das „Gesamterlebnis“ mit ewigen Wartezeiten. Und das, wo zu später Stunde laut hörbar mein Magen knurrt. Kurzer Anruf im Saittavini. Ja die Küche hat noch auf, sie freuen sich auf uns. Also sofort weiter zu Michelangelo Saitta. Eine große Portion Spaghetti und ein superber, lange im Fass vergessener 1999 Barolo Bussia Reserva von Parusso, kernig, süß, komplex und mit genügend Tannin für lange Jahre - WT93+. Und schon war die Welt wieder in Ordnung.

Versprochen ist versprochen

Michelangelo Saitta hatte mir am Vorabend von seinem jährlichen Mitarbeiteressen erzählt. Und ich hatte in weinseeliger Laune verkündet, da käme ich dann mit einer Großflasche dazu. Und was man verspricht, sollte man auch halten. Meine Wahl fiel auf eine 1985 Sori Tildin Doppelmagnum von Gaja, ein guter Griff. Der Wein war schlichtweg genial, immer noch so frisch und jung, brauchte viel Luft, zeigte dann in der wunderbaren Armatik immer neue Facetten, delikate Kirschfrucht, Rosenblätter, Minze, Lakritz, Teer, Tabak, Anis, Schokolade, so balanciert und lang am Gaumen - 96/100.

Garantiert nichts vom Pferd

Kein Stutenfricassé, kein Rennpferdschnitzel, einfach genial war das große vegetarische Menü im Husarenquartier in Erftstadt. Wenn ein großer Koch (Herbert Brockel hat zurecht 17/20 im GaultMillau und einen Michelinstern) mit Verstand und Talent an das Thema fleischlose Küche drangeht, kommt etwas richtig Großes bei raus. An unserem Tisch hat es auch die bekennenden Fleischfresser in Verzückung versetzt. Einige von ihnen waren jetzt schon zum wiederholten Male hier. Und wenn ein Steakliebhaber 100km für ein vegetarisches Menü fährt, dann heißt das schon was. Unkonventionell auch die Weinkarte des Husarenquartiers. Statt großer Namen viel unbekannte Winzer, denen man hier eine Chance gibt. Das drückt sich dann natürlich auch in erfreulich günstigen Weinpreisen aus. Eine Neuentdeckung war für mich z.B. der sehr mineralische, komplexe 2010 Riesling Pettenthal vom Weingut Huff, der am Tisch und natürlich auch bei mir großen Anklang fand – 90/100. Viele namhafte Güter versuchen derzeit, am „Roten Hang“ Parzellen zu erwerben. Das mir bisher unbekannte Weingut Huff werde ich im Auge behalten. Als Apero hatten wir eine knackig frische 2011 Brauneberger Juffer trocken von Fritz Haag gewählt – 86/100. Und natürlich durften es auch noch zwei deutsche Rote sein. Mit geiler Frucht war der 2009 Spätburgunder Alte Reben von Huber (92/100)eine Klasse besser als der im Vergleich etwas verhalten wirkende, subtile 2009 Recher Herrenberg von Stodden – 89/100. Und über den Wolken waren wir mit dem 1999 Palme d'Or Nicolas Feuillatte, einem Traum einem herrlich füllig-schmelzigem Champagner mit Zitrusfrüchten, gerösteten Mandeln und Brioche, taufrisch und animierend – 94/100. Saugut ging es uns im Husarenquartier. Da könnten wir glatt mal wieder hinreiten.

Und wie schmeckt gefälschter 1950 Petrus?

Würden Sie sich einen gefälschten 300 Euro Schein andrehen lassen? Wohl kaum. Bei Wein sieht das anders aus. Fälschungen sind nicht immer sofort als solche zu erkennen, und auf der Käuferseite siegt oft die Gier über den gesunden Menschenverstand. Und wenn dann noch das Falsifikat über eine renommierte Quelle kommt, einen Fachhändler oder ein großes Auktionshaus, dann ist es ganz aus.
Auch ich bin früher trotz aller Vorsicht schon häufiger mal reingefallen. Eine dieser Jugendsünden war ein vor langen Jahren erworbener 1950 Petrus Vandermeulen. Der sei absolut echt und stamme aus einem sehr zuverlässigen Keller, wurde mir damals aus sehr professionellem Munde versichert. Natürlich wollte ich die Flasche haben, war ja schließlich mein Geburtsjahr und 1950 in Pomerol riesengroß. Was ich damals nicht wusste: 1950 hat es bei Vandermeulen anscheinend keinen Petrus gegeben. Zumindest habe ich noch überhaupt keinen 50er Vandermeulen gesehen, auch nicht auf alten Vandermeulen-Preislisten. Den Jahrgang gab es bei denen wohl genauso wenig wie die ominösen 59er Clos des Tarts, die immer wieder auftauchen. 1955 war nach meiner Kenntnis bei Vandermeulen der letzte Jahrgang. Die Flasche Petrus verschwand damals in der hintersten Ecke meines Kellers. Rausgeholt habe ich sie erst wieder für meine große Vandermeulen-Probe im September letzten Jahres. Da fiel es mir natürlich wie Schuppen von den Augen. Keine Vandermeulen-Kapsel, kein Vandermeulen-Etikett, keine Vandermeulen-Flasche, einfach nur eine dreiste Fälschung, bei der auf dem Etikett der Dreck praktischerweise gleich mitgedruckt war. Nein, die kam nicht auf die Probe. Die diente nur noch als Anschauungsobjekt und Warnung.
Aber aufgemacht haben wir sie dann kürzlich doch, im Vorprogramm von Elke Dreschers großer Ducru Beaucaillou Probe.
Und wie schmeckt so ein gefälschter 1950 Petrus Vandermeuelen? Nicht mal schlecht, süß, jung, fruchtig, feiner Schmelz, ein schöner 91/100 Wein, würde ich locker bis zu € 50 für hinlegen. Nur mit Petrus (in 1950 ein Jahrhundertwein auf 100/100 Niveau), dem Jahrgang oder Vandermeulen hatte das nun wirklich nichts zu tun. Einfach nur eine billige, dreiste Fälschung. Egal, wer lieber das 20fache oder mehr mit schönen Etiketten für ähnliche Weine hinlegt, wird bei Ebay und in anderen Quellen locker fündig.