Mai 2013

Im DīVine

Spontan waren wir bei Toni und Christoph im D´Vine gelandet, mit dabei ein paar hoffentlich schöne Tropfen. Da ich ja wusste, dass Toni auf Weine aus seinem Geburtsjahr steht, hatte ich zwei Neuerwerbungen aus 1979 mit. Die 1979 Niederhäuser Hermannshöhle Spätlese halbtrocken von Dönnhoff hatte eine tiefe, fast güldene Farbe. In der Nase war sie leicht oxidativ und mit Sherrynoten, am Gaumen absolut trocken mit massiver Säure, die sich im Abgangrichtig in den Gaumen krallte – 85/100. Leider komplett hin mit schon deutlich ausgefällter Farbe war der 1979 Nederburg Paarl Cabernet Sauvignon Superior aus Südafrika. Beides übrigens Ebay-Erwerbungen aus jüngster Zeit. Ich habe den Eindruck, dass sich Ebay in letzter Zeit bei Wein immer mehr zu einer „Entsorgungsplattform“ entwickelt. Da ist größte Vorsicht angesagt.
Eine Mörderfarbe hatte der 1961 La Marzelle aus St. Emilion in einer Barrièreabfüllung, rauchig-tabakige Nase, Kraft, Dichte, Länge und sogar noch Jugend – 93/100. Sehr mineralisch die komplexe Nase des 2001 Grünen Veltliners Kellerberg Smaragd von F.X. Pichler, der jetzt gerade in die zweite, Wachauer Genussphase kommt, am Gaumen Würze, Fülle, Kraft und Länge, dazu burgundische Pracht, hat reichlich Zukunft und kann noch zulegen – 96/100. Ein sehr mineralisches, blutjunges Geschoss mit messerscharfer Präzision und grandioser Zukunft ist das 2011 Pettenthal GG von Kühling-Guillot – 92++/100. Sehr fein mit herrlicher Säure, rosa Grapefruit, Finesse, Spiel und Länge das 2010 Kirchspiel GG von Keller – 94/100.
Eine seltsame Mischung der 1994 Saffredi, vorne Pferd, hinten Elisenlebkuchen. Viel Weihnachtsgewürz mit generöser Süße – 94/100. Reif, weich mit großem Rosenbeet und Teernoten der 1970 Barbaresco von Gaja – 93/100.

Und wieder im DīVine

Eigentlich wollten wir an diesem Samstagmittag bei herrlichem Sonnenschein auf der Terrasse des D´Vine nur etwas guten Spargel essen und dazu einen jungen Riesling trinken. Gute Freunde gesellten sich spontan zu uns. Argwöhnisch beobachtete ich nur eine große Tasche, in der sicher keine schmutzige Wäsche war. Und als dann auch der gute Uwe mit zwei Weinträgern auftauchte, ahnte ich Fürchterliches. Die hatten sich um uns drum herum verabredet und wollten es krachen lassen.
Na gut, wir waren mit unserer Vorspeise schon durch und auch mit dem 2011 Morstein GG von Wittmann. Der hatte eine superbe Frucht, war sehr mineralisch, rassig mit guter Säure und feinem Schmelz im Abgang, zeigt schon enorm viel, kann aber sicher noch zulegen – 94/100. Mit subtiler, nobler Eleganz kam danach ein 2011 Nackenheimer Rothenberg wurzelecht GG von Kühling-Guillot ins Glas, wurde immer druckvoller und tiefgründiger mit feiner Kräuternote, aus der Thymian hervorstach.Erinnerte mich an Uwes Vorreblaus-Bordeaux vom Wochenende zuvor. Bei diesem Wein würde mich nicht wundern, wenn da zu den heutigen 94/100 noch bis zu 5 mehr ins Glas kämen. Suchen, kaufen, bunkern!
Sehr spannend der 2003 Doosberg Drei Trauben von Peter Jacob Kühn, enorm dicht und kräftig, in der Nase Honig, Quitte und Wildkräuter, am Gaumen cremige, sehr nachhaltige Textur – 95/100. Sehr fein, sehr elegant, sehr finessig, filigran und mineralisch das 2011 Brunnenhäuschen GG von Wittmann – 94/100. Stammte übrigens wie die ersten beiden Weine von der im Bereich deutsche GG´s großartig bestückten Weinkarte des D`Vine. Großes Kino dann der 2001 Idig von Christmann, reife, gelbe Früchte, Pfälzer Fülle, Pfälzer Kraft. Klar ist da etwas Boytritis iom Spiel gewesen, aber das schadete dieser Wuchtbrumme nicht, massig Extrakt, Trinkspaß ohne Ende – 95/100. Wir orderten noch einen Reparaturschluck, den 2011 Riesling Alte Reben von Van Volxem, ein perfekter „Sommer-unterm-Baum-Wegsaufwein“ auf hohem Niveau, erfrischend und mineralisch – 89/100.
Doch mit Gehen war vorerst nichts, Rainer öffnete seine Tüte. Heraus kamen die neuesten Trouvaillen von Winebid aus den USA, wo sich viele meiner Weinfreunde derzeit als Schatzsucher betätigen. Dass das nicht ohne Risiko ist, bekamen wir jetzt eindrücklich vorgeführt. Der 1991 Silver Oak Napa Valley war einfach nur oxidiert und alt. Auch der 1991 Silver Oak Bonny´s Vineyard aus der Magnum war nicht gerade taufrisch mit deutlicher Schärfe und keinerlei Trinkspass mehr. Beide Weine waren wahrscheinlich „fachgerecht“ in Texas auf einer Veranda gelagert gewesen. Soviel zum Trendthema Winebid.
Da sah jetzt der Chateauneuf-Missionar seine Chance. Ein erstaunlich feiner 1990 Barbe Rac von Chapoutier kam ins Glas mit schöner Frucht, nur Parkers 96/100 suchte ich in meinem mundgeblasenen Gabriel-Glas vergebens. Mit 91/100 habe ich den ähnlich tiefer bewertet, wie den sehr gelungenen 2007 Clos des Papes, bei dem es bei mir an diesem Frühsommernachmittag mal gerade zu 94/100 (Parker 99+/100) reichte. Mit 97/100 waren wir dann aber wieder alle in unserem Element mit einem außergewöhnlich guten 1953 Haut Brion, der in der halben Flasche noch keinerlei Müdigkeit zeigte.
Zwischendurch tauchte in der größer gewordenen Runde auch noch die ein oder andere Flasche von der D´Vine Karte auf. So eine sehr feine und elegante 2007 Kirchenstück Goldkapsel von Künstler – 92/100. Einfach traumhaft trinkt sich derzeit 2005 Trilogia, der auf 95/100 Niveau als so eine Art griechischer Mouton durchgeht. Unbedingte Empfehlung. Und da ich den Winzer gut kenne, habe ich Christos Kokkalis spontan angerufen. Der hatte den 2005er selbst schon länger nicht im Glas gehabt. Am nächsten Tag rief er zurück – in Griechenland wurde orthodoxe Ostern gefeiert – und schwärmte in den höchsten Tönen von einer Magnum dieses Weines, den er sich gerade mit Freunden gönnte.
Und dann bekam ich noch mal ganz große Augen, als Rainer einen 1978 Ridge Monte Bello öffnete, diesmal aus einer absolut perfekten Flasche in Bestzustand. Auf gleichem Niveau wie erst kürzlich auf der California Wine Legends, aber etwas jünger wirkend. So dicht, so kräftig, so minzig, lang, komplex und druckvoll. Kalifornischer Traumstoff mit Bordeazx-Stilistik – 97/100. Uwe ließ sich da nicht lumpen und legte mit einem 1934 Corton von Chanson nach, ebenfalls aus einer perfekten Flasche. Das war ein sehr kerniger, kräftiger Burgunder mit Kraft ohne Ende, der eher nach Bordeaux passte – 95/100.
Inzwischen war es längst Abend, Hunger stellte sich ein, oder war das nur schiere Frsslust? Auf der Terrasse des D´Vine wurde es inzwischen empfindlich kühl, drinnen war das Lokal komplett ausgebucht. Da murmelte jemand was vom Holger. Na gut. Kurz nachhause, schnell umgezogen, einmal in den Weinkühlschrank gegriffen und ab ins Berens am Kai. Da saßen Rainer und Uwe schon und nuckelten seelig an einer 2002 Graacher Himmelreich Auslese von JJ Prüm, einer dekadent leckeren, fast alkoholfreien, sehr mineralischen Edellimonade mit feinem, süßem Schmelz und knackiger Säure – 94/100. Ich saß noch nicht ganz, da hatte ich schon diesen unglaublichen 1952 La Mission Haut Brion im Glas, diesen gewaltigen Ausbund an Cigarbox, Tabak, Teer und Minze mit endlosem Abgang. Mit 99/100 war der auf gleichem Niveau wie das außerweltliche Spargelragout mit frischen Morcheln, das mir der Holger zubereitet hatte. Schon unglaublich, wenn so ein 52er kräftiger und präsenter ist als der von mir mitgebrachte 1987 Sassicia. Das war beileibe kein schlechter Wein. Weich, reif, Mokka, Waldboden, Kaffee, generöse Süße und enorm druckvoller Aromatik – 95/100. Für alle, die einen großen Wein aus 1987 suchen, sicher erste Wahl. Gibt´s gegen gutes Zureden noch bei Alpina.

Muttertag bei Stappen

Wie schön, dass sich die liebe Mutti zum Muttertag das Gasthaus Stappen in Liedberg gewünscht hat. Da freuten sich auch der Papi und der „Rest“ der Familie über die geniale Küche und die wunderbaren Weine. Ein Traum die 2005 Hölle Goldkapsel, der trockene Topwein von Künstler, kräftiges Goldgelb, sehr kraftvoller Auftritt mit hoher Mineralität und schon fast burgundischen Konturen, feine Extraktsüße, sehr spannend mit enormem Tiefgang, sehr langer Abgang und Gläser, die viel zu schnell leer sind – 96/100. Gut gefiel uns auch der 2009 Gantenbein Chardonnay, der letzte der alten Machart. Nussig, mineralisch, leicht buttrig, vanillig und – wenn man schon häufiger den grandiosen 2010er mit der neuen, burgundischen Stilistik im Glas hatte – ehrlich gesagt auf hohem Niveau auch etwas plump – 92/100. Daneben gegriffen hatte ich leider mit den beiden, mitgebrachten Rotweinen. Das hätte ich von Carmen Stappens intelligenter, gastfreundlich kalkulierter Karte deutlich billiger und auch besser haben könnnen. Irritierend schon die verdammt reife Farbe des 1976 Musigny Vieilles Vignes von Comte de Vogüe mit deutlichen Brauntönen. Da kenne ich etliche Burgunder aus den 50ern und davor, die deutlich jünger wirken, und das setzte sich leider in der Nase und am Gaumen fort. Herbstlaub und feuter Waldboden statt Frucht, am Gaumen etwas malzige Süße und leicht lakritzige Noten. Aber da gibt es nichts schön zu reden, das ist in diesem Zustand ein freudloses, überaltertes Gesöff – 83/100. Ich kann nur hoffen, dass das eine klassische „Ebay-Trouvaille“ war, und die zweite Flasche aus anderer Quelle mehr bringt. Nicht überzeugen konnte leider auch der elegante und feinduftige 2001 Romanée St. Vivant von Camille Giroud. Der sang einfach nicht richtig und wirkte verhalten mit deutlichen Tanninen. Trotz Händlerabfüllung hätte ich mir von der Lage deutlich mehr versprochen – 88/100. Wie gut, dass wir zum Dessert noch einen sehr versöhnlichen Abschluss ins Glas bekamen, 1970 Taylor Vintage Port. Aus der halben Flasche war das ein reifer, aber altersfreier Port mit immer noch feiner Kirschfrucht und wunderschöner Marzipansüße, weich und samtig ohne Ecken und Kanten, aber auch ohne irgendwelche spritigen Noten, blieb ewig am Gaumen, einfach ein Traum – 95/100.

Vive la Bourgogne

Ich liebe Burgunder, und ich liebe auch das Burgund. Beides vor Ort gemeinsam erleben zu dürfen, ist ein echter Traum.

Über ein verlängertes Pfingstwochenende haben wir uns diesen Traum erfüllt. Mit der Lufthansa Nonstop nach Lyon, dort in den Leihwagen und nach 1 ½ Stunden Fahrt waren wir mitten im Burgund. Klare Vorstellungen hatten wir von dem, was wir im Burgund treiben wollten. Die Gegend wollten wir genießen, denn wo sich Reben so wohlfühlen, dass sie Weltklasseweine produzieren, kann es nicht so ganz verkehrt sein. Gut essen wollten wir und dabei die Weinkarten nach Trouvaillen absuchen und nach Herzenslust plündern. Nur Winzer wollten wir keine besuchen. In kalten Kellern stehen und aus zu kleinen Gläsern zu junge, unfertige Weine aus dem Fass zu probieren, das überlassen wir gerne den bezahlten Verkostungsknechten und Schreiberlingen dieser Erde.

Unser erstes Ziel war die Hostellerie Levernois bei Beaune, ein malerisch und sehr ruhig in einem großen Park gelegenes Relais&Chateau. Ein schlichtweg traumhaftes, von einem sehr sympathischen Inhaberpaar engagiert geführtes Hotel, in dem wir gerne länger geblieben wären, aber dafür hätten wir früher buchen müssen. So mussten wir nach einer Nacht in die Nachbarschaft umziehen, deutlich weniger komfortabel, dafür allerdings auch deutlich preiswerter und in Fußreichweite der Hostellerie, die das Ziel unserer abendlichen, kulinarischen Gelüste blieb.

Unter Weinproben steht auf diese Kurzreise auf dem Wineterminator, denn letztendlich war das, was wir hier in einer kleinen, feinen Gruppe trieben, nicht anderes als eine, sich über mehrere Tage erstreckende Probe schöner, ausschließlich großer Gewächse aus dem Burgund. Gleich nach unserer Ankunft starteten wir damit bei einem feinen Lunch für erstaunlich kleines Geld im Bistro der Hostellerie Levernois. Aus der spektakulären Weinkarte des Restaurants mit über 1000 Positionen von allem, was im Burgund gut ist, haben wir einen fantastischen 2007 Meursault Perrières von Lucien Le Moine ausgeguckt. Der treibt Meursault auf die Spitze, sehr mineralisch und würzig mit hedonistischer Fülle und gewaltiger aromatischer Dichte, knallt trotz cremiger Textur richtig am Gaumen – 95/100. Völlig anders der sehr viel feinere, sehr viel elegantere 2004 Meursault Perrières von Pierre Morey, der aber trotz leiserer Töne eine unglaubliche Länge am Gaumen zeigt – 93/100.

Perfekter Einstieg

Danach ging es dann erstmal mit den Leihrädern des Hotels Richtung Beaune und von dort in die Weingegend. Das Wetter wurde immer schöner, die Sonne kam raus. Nach über 60 schweißtreibenden Kilometern landeten wir wieder im Hotel. Da hatten wir uns einen perfekten Apero verdient, den wir in herrlicher Abendsonne auf der Terrasse der Hostellerie Levernois genossen. Der 2005 Meursault Charmes von Comte Lafon war reif, würzig mit sanfter, fruchtiger Fülle und viel Tiefgang, Charme war bei diesem großen Meursault Programm – 94/100.

Den anschließenden Abend im Sternerestaurant starteten wir mit einem Duell zweier Weltklasse Chablis. Sensationell der 2007 Chablis Les Clos von William Fevre mit unerhörter Mineralität (man lutscht am Felsen) und Präzision. Hat der Dönnhoff als Berater? Reife Zitrusfrucht, Jodnoten und gut eingebundenes Holz – 96/100. Sehr viel verhaltener zu Anfang mit intensiver Kräuternote der 2007 Chablis Les Clos von Vincent Dauvissat, gewaltige Länge, explodierte nach einiger Zeit förmlich im Glas, erst ganz am Anfang – 94+/100. Enorm druckvoll und immer noch so jung der würzige 2002 Vosne Romanée Aux Brûlées von Jean Grivots mit kühler Schwarzkirsche und toller Struktur – 95/100. Auf gleichem Niveau, aber völlig anders in der Machart der ausdrucksstarke 2005 Charmes Chambertin von Lucien Le Moine mit Fülle, Kraft, Frucht und Freude satt – 95/100. Ein Volltreffer war unsere Weinwahl, und dreimal erwischten vier zielsicher jeweils die letzte Flasche. Und mindestens die Klasse unserer Weine hatte auch der sehr aufmerksame, professionelle Service. Beide Sommeliers – einer davon spricht perfekt deutsch – kennen ihre Karte extrem gut. Auf ihre kompetenten Empfehlungen kann man sich voll verlassen.

Bei eher trübem Wetter ging es am nächsten Tag Richtung Côte de Nuits. Wir hatten uns für das Auto entschieden, auch angesichts der Strecken, und dankenswerterweise einen in unserer Runde gefunden, der freiwillig „trocken“ blieb. Sehr gut und eigentlich am besten hat mir gleich zu Anfang das Dörfchen Aloxe Corton gefallen, von dem aus wir zur Lage Le Corton wanderten, die mich als einziger Weinberg wirklich beeindruckte. Ein Feldherrenhügel mit gewaltigem Ausblick.

Meine neue Adresse?

Natürlich stellten sich mittags pünktlich Hungergefühle ein. Gleich am Anfang von Nuits St. Georges landeten wir im Restaurant l´Alambic, das ich bedingungslos empfehlen kann. Wer sich vom Äußeren nicht abschrecken lässt und sich die düstere Kellertreppe hinuntertraut, landet in einem sehr schönen, großen Gewölbe und wird dort mit kreativer Küche und einer großen Weinauswahl verwöhnt. Ein Hammer der 2005 Chambertin von Jean & Jean-Louis Trapet, der mit seiner samtigen, druckvollen Aromatik und der enormen Kraft an die Eisenfaust im Samthandschuh von Chateau Margaux erinnerte, ein großer, in der Jugend sicher schwieriger wein, der jetzt eine erste Trinkreife erreicht – 95/100. Wunderschön auch der noch sehr junge, aber sehr elegante, finessige 2009 Clos de Vougeot von Mongeard-Mugneret aus der Halben, der erst ganz am Anfang steht – 92+/100.

Der Verdauungsspaziergang führte uns zum Rebberg von Romanée Conti. Ob die Reben dort wissen, dass ihre Trauben 50mal teurer sind, als die der Reben nebenan? Zumindest haben die Reben nicht arrogant geguckt. Viele Fotos gibt es vom legendären Kreuz am Anfang der Romanée-Conti Besitzungen, das auf Fotos deutlich gewaltiger aussieht als in Natura. Da steht man dann, links des Weges Romanée St. Vivant, dahinter La Tâche, rechts Romanée Conti und dahinter Richebourg. Alles reichlich unspektakulär und eher mit dem Charme eines Spargelfeldes, aber Terroir kann man halt nicht sehen. Und, zumindest was die großen Namen in Burgund angeht, wohl auch bald nicht mehr schmecken. Preislich gesehen kann man das Burgund langsam in Absurdistan umtaufen. Ein mengenmäßig sehr begrenztes Angebot und eine ungeheure Nachfrage, vor allem aus dem asiatischen Raum, führen zu Preisen, die jenseits von Gut und Böse liegen. Da ist Lafite Rothschild zum Teil noch richtig billig gegen..

Ein Grund mehr war das für uns, am Abend noch tiefer in der weitgehend fair kalkulierten Karte der Hostellerie zu graben. Einfach nur geil der hedonistische 2009 Beaune Clos des Mouches Blanc von Drouhin, gebrannte Mandeln, Fülle, Schmelz, ein perfekter „Touristen-Burgunder“ auf 1er Cru Niveau – 92/100. Schlichtweg sensationell der gewaltige Mineraliencocktail namens 2006 Corton Charlemagne von Lucien Le Moine, der Corton Charlemagne auf die Spitze treibt – 96/100. Und mittendrin diese absolut irre, altersfreie 1992 Hochheimer Hölle Auslese trocken von Künstler, die ich auf dieser Karte nicht erwartet hätte – 95/100. Und als Abschluss noch ein 2005 Vosne Romanée Aux Malconsorts von Lucien le Moine, dicht, enorm kräftig, superbe, reife Frucht und das alles so harmonisch und stimmig, erst ganz am Anfang – 94/100.

Eine große Fahrradtour war für den nächsten Tag angesagt. Quer durch saftige Felder und Wiesen mit reichlich blonden Charolais Rindern fuhren wir im Bogen zu den großen Weißweinhängen der Côte de Beaune. Neben viel Sonne drohten immer wieder riesige, schwarze, prall gefüllte Wolkentürme. Und was macht man als Radfahrer, wenn man sich mit einem viel zu kleinen Leihrad mit kaputter Schaltung bis Puligny gequält hat und sich plötzlich die Schleusen des Himmels öffnen? Ab ins Montrachet, das beste Haus am Platze und um Asyl bitten. Haben wir trotz Radlerhosen bekommen, zumindest für die Bar. Sensationell die über 30seitige Weinkarte mit zum teil erstaunlich günstigen Preisen. Da haben wir uns dann spontan für einen "kleinen" Wein aus der Region entschieden, den schlichtweg außerirdischen 2009 Batard-Montrachet von Sauzet. Ein in jeder Beziehung großer Wein, so eine Art weißer Chambertin mit gewaltigem Auftritt am Gaumen und ebenso gewaltiger Länge – 96/100. Gut, der war etwas teuerer als das Benzin, das wir durch die Benutzung des Rades gespart haben, aber jeden Liter wert. Vom Chef des Hauses höchst persönlich wurden wir dazu mit allerlei schmackhaften Kleinigkeiten versorgt. Nach uns war noch eine weitere Fahrradtruppe eingetroffen, die die erste Hälfte des Weltuntergangs voll ausgekostet hatten. So wie die aussahen, hätten die eher in eine Trockenkammer als an ihren reservierten Tisch im komplett ausgebuchten Restaurant gehört. Wir gönnten uns noch einen großartigen 2005 Clos de Vougeot von Méo-Camuzet aus der Halben, sehr kräftig mit druckvoller Aromatik und beeriger Frucht, erst ganz am Anfang – 94+/100. Und an einem samtig-fülligen 1999 Mazis-Chambertin Cuvée Madeleine Collignon vom Hospice de Beaune aus der Halben mit ersten Reifenoten konnten wir auch nicht vorbei – 93/100. Das Montrachet hatte diesen Wein seinerzeit auf der Hosice-Auktion ersteigert und für sich abfüllen lassen. Nicht auszudenken, was uns da ohne Regen entgangen wäre. Beim nächsten Burgund-Besuch gehört das Montrachet zu unserem Pflichtprogramm.

Asylsuchend im Burgund

Mit dem Taxi fuhren wir später noch nach Beaune. Muss man dahin? Gut, da gibt es das berühmte Hospice de Beaune und noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten. Ansonsten ist Beaune eine einzige, große Touristenfalle mit Restaurants, um die die Einheimischen eher einen Bogen machen und zahllosen, hoffnungslos überteuerten Weinläden, die alle auf reiche Asiaten warten. Zwei „Must Sees“ gibt es aber in Beaune. Da ist zum einen die vielleicht größte Weinbuchhandlung dieser Erde, Athenaeum, die auch reichlich Weinzubehör aus allen Teilen der Welt führt. Wir kamen da mit einer Riesentüte raus und hätten sicherlich noch deutlich mehr gekauft, wenn wir mit dem eigenen Auto im Burgund gewesen wären. Und dann ist da eine Weinhandlung namens Magnum, auf deren kleiner Terrasse man alle Weine für ein klitzekleines Korkgeld trinken kann. Und da gerade der nächste, große Guss nahte, genehmigten wir uns einen wohlfeilen, großartigen 2009 Corton Charlemagne von Lucien Le Moine. Der hatte eine gewaltige Fülle und enormen, aromatischen Druck, wovon jetzt wohl noch ein Teil Babyspeck war, der die enorme Mineralität etwas überdeckte. Aber wir hatten locker 94/100 und enormen Trinkspaß im Glas. So unscheinbar diese Weinhandlung auf den ersten Blick wirkt, es ist die mit Abstand größte des Burgund mit einem Absatz von über 300.000 Flaschen im Jahr. Sehenswert sind natürlich das große Raritätenkabinett mit DRC, Roumier, Leroy, Jayer, Rousseau und allem, was sonst noch in Burgund rar und teuer ist, fast so eine Art Louvre des Weins. Und dann ist da ein großes Angebot alter Weine. Ein Beispiel ein 1923 Grands Echezeaux von Lionel Bruck für € 380 in sehr gutem Zustand.

Am letzten Abend badeten wir im Bistro noch mal ausführlich in der grandiosen Weinauswahl der Hostellerie Levernois, wohl wissend, dass das Angebot im nächsten Jahr (wir kommen in jedem Fall wieder!) sicher nicht besser und in keinem Fall günstiger sein würde. Viel Luft brauchte der 2008 Clos Vougeot Blanc der Domaine de la Vougerie. Wirkte zu Anfang sehr kompakt und verschlossen, baute dann mit Luft und Wärme aus, es blieb aber eine deutliche Säure, 2008 war halt kein Schmusejahr. Die Nase erst floral, immer offener und verschwenderischer werdend, aber auch mit deutlichen Holz- und Vanillenoten. Am Gaumen kräftig und balanciert, aber durch die hohe Säure auch fordernd – 91/100. Ein großer, kompletter, noch sehr junger Wein mit enormem Tiefgang auf Grand Cru Niveau der 2007 Puligny Montrachet der Domaine Leflaive, hohe, aber reife Säure, gewaltiges Alterungspotential – 95/100. Nomen est Omen beim 2007 Charmes Chambertin von Armand Rousseau, einem Charming Chambertin mit feinem, fruchtigem Schmelz, der uns aber nicht umhaute – 92/100. Und dann war da noch mal die Kraft und die Herrlichkeit in Form eines 2007 Pommard 1er Cru Les Rugiens von Lucien Le Moine, ein großer, maskuliner Burgunder für Bordeauxfans. Yep, that one sings – 94/100.

Mit strömendem Regen verabschiedete sich das Burgund am letzten Tag. Wir fuhren auf kleineren Sträßchen durch malerische Weinorte und erreichten in letzter Sekunde noch das Restaurant Greuze in Tournus, wo fast wie bestellt noch ein letzter, freier Tisch auf uns wartete. Großartiger Abschluss einer fantastischen Burgundreise war dann ein traumhaftes Mittagessen in diesem wunderbaren Restaurant mit sehr kreativer Sterneküche und einer perfekt sortierten, sehr gästefreundlich kalkulierten Weinkarte. Aus der wählten wir erst einen 2010 Chassagne Montrachet La Romanée von Paul Pillot. Der war schlichtweg atemberaubend und erinnerte mich in seiner Klarheit, seiner Finesse, Eleganz und seinem Tiefgang an ganz große Weine von Ramonet. Ein noch so blutjunger, für Jahrzehnte gemachter Wein, sehr fein, hoch elegant, filigran, kaum spürbares Holz, wunderbare Frucht, hohe Mineralität, Finesse und Mineralität pur, kommt meinen Vorstellungen für einen richtig großen, Weißen Burgunder sehr nahe – 95+/100 mit viel Luft nach oben. Danach auf Empfehlung von Etienne, dem sehr kenntnisreichen Sommelier, ein außerirdischer 2009 Chassagene Montrachet Les Chevenottes von Jean-Marc Pillot, der in seiner unglaublich komplexen, druckvollen Aromatik und seiner Fülle schon in Richtung Batard ging. Sehr weich, schmelzig mit cremiger Textur und toller Länge, zu richtiger Größe fehlte ihm vielleicht etwas der Biss – 94/100. Und dieses charmante Restaurant, dessen Chef nicht nur großer Koch, sondern auch Weinfreak ist, wird für uns alleine schon ein Grund für einen nächsten Burgund-Trip sein.

Perfekter Abschluss im Restaurant Greuze

Im Weinhaus Gut Sülz

Als Geheimtipp für Freunde insbesondere gereifter, deutscher Weine gilt es immer noch, das gemütlich-rustikale Weinhaus Gut Sülz von Andreas Lelke in Königswinter. Die einstmals hoch ausgezeichnete Karte ist zwar inzwischen deutlich geplündert, aber wir fanden trotzdem bei unserem Besuch noch reichlich spannende Weine.
Eigentlich führte uns der 2001 Hubacker GG von Keller hierhin, von dem wir die leider letzte Flasche vernichteten. Kräftiges Goldgelb, wunderbare Nase mit reifen, gelben Früchten, spürbare, aber nicht störende Boytritis, am Gaumen sehr gute Struktur und immer noch straffe Säure, nicht so wuchtig wie heutige Hubackers, entwickelte feine, schmelzige Extraktsüße – 93/100. Weiter ging es mit einem 1999 Wachenheimer Goldbächel PC von Bürklin-Wolf. In der Nase leichter Muffton, wie aus altem Pappkarton, am Gaumen taufrisch, straff gewirkt, trank sich einfach sehr schön, ohne die „Pappnase“ wäre da mehr als 90/100 drin gewesen. Und dann kam dieser geniale 1999 Rüdesheimer Berg Schlossberg von Breuer, ein großartiger, absolut stimmiger Wein mit gewaltigem Extrakt, sehr hoher Mineralität und trotz enorm kraftvollem Auftritt bei nur 12,5% Alkohol cremiger Textur – 95/100. Da sind sicher noch 10 weitere Jahre drin. Pech hatten wir dann leider mit einem 2004 Pinot Noir Tafelwein von Friedrich Becker, der fruchtlos wirkte und von Schluck zu Schluck schlechter wurde. Da war wohl ein deutlicher Flaschenfehler im Spiel. Wir versöhnten unsere Gaumen mt einem Schluck des sauber gemachten, mineralischen, sehr gut zu trinkenden 2010 Caspar C Spätburgunder vom Deutzerhof – 89/100. Und dann war da natürlich noch ein gelungener Absacker, die 1999 Oberemmeler Hütte Auslese des Weingutes Von Hövel, reif zwar, aber immer noch mit animierendem Süße-/Säurespiel – 92/100.

Und noch mehr Le Moine

Ja, sie hatten es uns im Burgund sehr angetan, die ausdrucksstarken Burgunder von Lucien Le Moine. Mounir Saouma und seine Frau Batem sind ein sehr engagiertes Zweierteam, das alles selbst und weitestgehend von Hand macht. Nur eigene Weinberge haben sie nicht. Als eine Art Micro-Negociant kaufen sie nur Lesegut vom Feinsten und bauen den Wein mit gnadenlosem streben nach Perfektion aus. Im besten Sinne haben ihre Burgunder einen kalifornischen Touch.
Und die burgundischen Le Moine Festspiele gingen für uns weiter, jetzt zuhause im Gasthaus Stappen. Nach einem formidablen, saftig-mineralischen 2011 Alte Reben von Kirsten (92/100) kam ein schlanker, kalkig-mineralischer 2009 Chassagne-Montrachet Les Embrazées von Thomas Morey ins Glas (90/100). Und dann die leider letzte(!) Flasche des 2008 Vosne Romanée Les Suchots von Lucien Le Moine. Aus dem im letzten Jahr noch so harten, kernigen Knochen ist ein ausdrucksstarker, nachhaltiger Traumburgunder geworden mit seidiger Eleganz, süßer Frucht und hohem Suchtfaktor. Und aus den konservativen 93/100 wird sicher noch mehr, denn dieser Wein hat noch eine enorme Zukunft.