November 2012

In der Traube in Grevenbroich

Heute war Allerheiligen, nicht Allerseelen. Aber für uns war das eher Allerseeligen. Wir genossen bei Kaufmann in der Taube ein wunderbares Menü mit den legendären Klassikern wie dem einmaligen Störmousse mit Kaviar oder dem lauwarmen Wildlachs mit Stilmus. Dazu genossen wir große, aber sehr fair kalkulierte Weine aus der nach wie vor einmaligen Weinkarte. Traumhaft balanciert und harmonisch fast trocken die 1983 Wiltinger Kupp Auslese von Le Gallais(Egon Müller), elegant, reif, weich, mit traubiger Frucht und guter Säure, entpuppte sich nicht nur als wunderbarer, beinahe alkoholfreier Apero, sondern auch als schöner Begleiter unserer Vorspeisen – 92/100. Letzteres galt auch für die etwas fülligere 1985 Scharzhofberger Auslese von Egon Müller. Tiefes, brilliantes Goldgelb, in der Nase weiße Früchte, Bienenwachs, Schiefer, am Gaumen herrliche Fülle und nur dezente, durch die Säure perfekt abgepufferte Süße, baute enorm im Glas aus – 93/100. Wird sich aus guter Lagerung noch lange auf diesem Niveau halten. Ich habe es ja schon oft genug empfohlen, möchte es aber hier ausdrücklich noch mal tun. Gereifte Spät- und Auslesen habe eigentlich nichts mehr mit der Kategorie Süßwein zu tun. Das werden einfach große, harmonisch trocken wirkende Weine, die sich hervorragend als Speisebegleiter nutzen lassen. Mit ihrer schwerelosen Eleganz und dem niedrigen Alkohol von meist nur 7% ist das großer Spaß ohne Reue. Unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

Grosses Burgunderkino war dann aus der Magnum der 1978 Beaune 1er Cru Clos des Ursules von Jadot. Wir hatten uns hier auf Herrn Kaufmanns Urteil und seinen Ratschlag verlassen. Mit einem sehr guten Wein hatte ich gerechnet, aber nicht mit dieser Klasse. Es macht schon einen gewaltigen Unterschied, ob solch ein Wein ein paar Jahre im Regal eines Händlers verbracht und danach vielleicht noch zwei Besitzer gesehen hat, oder ob er, wie hier, 1980 erworben wurde und seitdem unberührt im Weinkeller gelegen hat. Noch so jung und vibrierend war dieser Wein mit tiefer, altersfreier, brillianter Farbe, mit herrlicher Frucht, reifer Herzkirsche, und Mokkanoten. Dazu eine gute Struktur mit dem dazugehörigen Säuregerüst und feiner, süßer Schmelz, blieb sehr lang am Gaumen – 95/100. Fantastischer Abschluss eines großartigen Lunches der immer noch rassige, perfekt gereifte 1971 Champagner Pol Roger Reserve Special. Auch das eine perfekt gelagerte, nie bewegte Flasche. Das verhaltene Mousseux nur noch leicht am Gaumen spürbar, klar, dass war mehr Wein als junge Krawallbrause, aber was für ein Wein! So komplex, so faszinierend und lang am Gaumen, da sind meine konservativen 95/100 schon fast eine Beleidigung. Die Traube mit ihren heiligen Hallen und der fantastischen, klassischen Küche ist nach wie vor jede Reise wert, und Fans gut gereifter Weine und Champagner werden sich hier wie im Paradies fühlen. Was Dieter Kaufmann, der dazu ein sehr charmanter Gastgeber ist, hier mit seinen kaum merkbaren 75 Jahren auf die Beine stellt, verdient uneingeschränkte Bewunderung.

Und wie schmecken alte Mondottes und Belairs?

Ja, ich wollte es wissen. La Mondotte hat seit 1996 einen Ruf wie Donnerhall. Dem hohen Preis entspricht allerdings auch die Qualität. Als Chateau La Mondotte war das nicht klassifizierte Gut 1971 von den Neippergs erworben worden. Auf gutem Terroir wurden aus den Reben alter Rebstöcke allenfalls mittelprächtige Weine erzeugt, die auf Canon-la-Gaffelière ausgebaut wurden. Das änderte sich 1996. Aus Chateau La Mondotte wurde La Mondotte, aus einem kleinen Wein wurde ein großer. Drastische Ernereduzierung, sehr sorgfältige Arbeit im Weinberg und im neuen, eigenen Mondotte-Keller ergaben einen großartigen Wein, der seit 1992 sowohl qualitativ als auch preislich zur Spitze in St. Emilion zählt. Und von all dem hatte der 1982 Chateau La Mondotte, der jetzt vor uns im Glas stand, nichts. Das war ein kleiner, harmloser Wein, der längst das Zeitliche gesegnet hatte. Jetzt habe ich es wenigstens einmal ausprobiert, aber das reicht. Gerne wieder Mondotte, aber ohne Chateau und nur ab 1996.
Und noch so einen Loser hatten wir im Glas, Chateau Belair aus St. Emilion. Das Nachbargut von Ausone hat sich in den letzten Jahrzehnten wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Freiwillig hätte ich davon nie auch nur eine Flasche gekauft. Aber die Firma Segnitz machte mir Ende der 80er und in den 90ern stets ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte, ein paar Flaschen Petrus in der Subskription, aber nur zusammen mit einer Kiste Belair. Das war in der Mischkalkulation ein sehr interessanter Deal für mich, aber ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn die Belairs beim Transport vom LKW gefallen wären. Das war in meinem Keller der typische Wein, bei dessen Anblick sich das „nein, heute lieber nicht“-Syndrom einstellte. Der 1989 Belair, den wir jetzt vor uns hatten, gehört da noch zu den besseren. Ein weicher, eleganter, nicht sonderlich komplexer Wein auf dem Höhepunkt – 88/100. (Auf ähnlichem Niveau übrigens am Tag darauf der 1996 Belair, der ebenfalls in den nächsten Jahren getrunken gehört – 88/100.) Und gleichzeitig für ein als Premier Grand Classé B eingestuftes Gut in diesem Riesenjahrgang eigentlich eine Frechheit. Zu einem großen Terroir gehört halt auch ein entsprechender Winzer. Und eine Einstufung von Weinen anhand der Lage und des Terroirs ist wie in Deutschland bei den Großen Gewächsen aus Konsumentensicht absoluter Blödsinn. Terroir kann man nicht trinken, sondern nur, wenn darauf ein engagierter Winzer auch die entsprechenden Weine erzeugt. Auf Belair scheint sich seit 2008 das Mondotte-Wunder zu wiederholen. Das Weingut wurde 2008 komplett von Moueix übernommen und steht heute unter der Leitung von Christian Moueix Sohn Edouard. Umbenannt wurde es in Belair-Monange nach Anna-Adèle Monange, der Großmutter von Christian Moueix. Und wie bei Mondotte auch entstanden plötzlich mit drastischer Erntebegrenzung(unter 20h) und sorgfältiger Weinbergs- und Kellerarbeit wieder große Weine, wie es sie auf dem Gut vor ewigen Zeiten mal gegeben hatte.

Dicke Dinger zu Bernds Jahresprobe

Jahresprobe nennen die das hier in Düsseldorf, wenn einmal im Jahr die besten Freunde zu einer großen Probe eingeladen werden, und man sich damit einen Platz in deren Proben sichert. An diesem Abend war die Jahrgangsprobe von Bernd, der außer für seinen großartigen Keller vor allem für seine sterneverdächtigen Kochkünste berühmt ist. Letzteres führte er uns wieder eindrucksvoll vor. Die Weine dazu kamen ausschließlich aus der Magnum.

Leicht restsüß(was er nicht war, das war allenfalls Extraktsüße) und etwas diffus wirkte die 2008 Hermannshöhle GG von Dönnhoff. Auch die sonst so messerscharfe Präzision und die Mineralität dieses Weines traten kaum hervor. Der schien sich irgendwie in einer Art Übergangsstadium zu befinden – 91/100. Fröhlich im besten Sinne war das Bockenauer Felseneck GG von Schäfer-Fröhlich mit knackiger Säure, präzisen Konturen, hoher Mineralität und puristisch schöner Frucht – 94/100.

Aus halben Flaschen tranken wir zwischendurch passend zum gereichten Gang eine 2002 Kiedricher Gräfenberg TBA von Weil. Immer noch gute Säure, aber schon sehr weit, gebranntes Karamell, sehr rosinig, schmelzig, gut balanciert und lang, eher BA als TBA – 96/100.

Spanien hieß das Thema des nächsten Magnum-Zwillings. „Wie ein weich gespülter Priorat“ hieß es sofort am Tisch. Wie wahr. Erstaunlich weich, würzig und mild war dieser 1998 Clos Erasmus, sehr harmonisch mit viel dunklen Beeren – 94/100. Umso wilder das nächste Teil, der im besten Sinne kalifornische 2001 Terreus von den Bodegas Mauro, minzig mit satter Frucht, sehr mineralisch, präzise struktur, enorme Länge – 97/100.

Die Wehmut packte mich schon irgendwie bei der 1982 Pichon Comtesse aus einer perfekten Magnum. Das war ein großer Wein mit hedonistischer Süße, offen, schmelzig, zugänglich, wunderbar zu trinken. Aber es war eben nicht mehr diese süchtig machende, absolut perfekte Traum-Comtesse, wie wir sie im letzten Jahrhundert so oft ins Glas bekamen – 97/100. Wer diesen Wein aus dieser Phase nicht kennt, der findet diese Comtesse im jetzigen Stadium einfach nur groß(was sie zweifelsohne ist) und kann unsere Jammerei nicht verstehen. Natürlich geht Pomerol auch ohne Schokolade, so beim aus der Magnum immer noch so kräftigen, maskulin wirkenden, immer noch so jungen 1985 l´Evangile, der bis auf den fehlenden Schmelz alles hat – 95/100.

Atemberaubend, was danach ins Glas kam. Erst war ich bei den größten, jungen Bordeaux, dann bei Harlan und landete beim Ausflug über die größten Weine der Welt, als praktisch alles andere ausgeschlossen war, bei 2003 Chateauneuf-du-Pape Da Capo von der Domaine Pegau. Einfach ein riesengroßer, perfekt strukturierter, sehr balancierter Wein, bei dem alles stimmt. Mit Parkers 100/100 kann ich mich voll identifiziere. Von der Papierform her hätte das mit 16,1% Alkohol ein Monstrum sein müssen, war es aber nicht. Davon den großen Schluck, den uns allen die Magnum garantierte, das war Faszination pur. Und diesen enormen Alkohol so zu verstecken und zu verpacken, dass man ihn erst (zu) spät merkt, das ist schon meisterlich. Aber ein gut gefülltes Glas reicht auch. Wer davon eine ganze Flasche trinken möchte, sollte sich vorher ein Schild umhängen, auf dem steht, wo er später abgeliefert werden möchte. Und zart besaitete Engländer bleiben besser gleich ganz weg, so wie Neil Martin. „Not my cup of tea“ schreibt der auf Parkers Website und gibt 90/100.

Zwei kalifornische Magnums kamen jetzt noch. Erstaunlich jung, frisch, mit der klassischen Dillnote und jugendlicher Frucht der 1993 Silver Oak Alexander Valley – 94/100. Sehr überrascht war ich von 1998 Viader aus diesem eher schwächeren Kalifornien-Jahr. Ein sehr eleganter Wein, der als gut gereifter Bordeaux durchging, und dem der hohe Cabernet Franc Anteil einen Hauch von Cheval Blanc verlieh – 94/100.

So schön ja volle Gläser sind, diese Granaten fordern mit der Zeit dann doch ihren Tribut. Und jetzt kamen als Abschluss auch noch flüssige KO Tropfen. Wahrscheinlich waren wir beide nicht in bester Form, ich nicht mehr und der 2003 Clos des Papes noch nicht. Dick, süß, füllig, reichhaltig, sehr üppig – einfach von allem zuviel. Sicher wird das mal mehr als Kakaopulver mit massig Alkohol, aber nicht mehr an diesem Abend – 90+/100.