September 2013

Ein Samstag im La Vinesse

Sehr engagiert führt Hartwig Fricke als One Man Show seine Weinhandlung La Vinesse im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. Sein großer Kundenstamm ist gleichzeitig auch sein Fanclub und sein Freundeskreis.

Gerade am Wochenende treffen da spontan Weinfreunde aufeinander, und aus einem Gespräch entwickelt sich dann häufiger mal eine Weinrunde. So geschehen an diesem sonnigen Samstag. Eigentlich wollte ich nur kurz Hallo sagen und fragen, was es Neues gibt. Und schon hatte ich die ersten Schlucke im Glas, aus denen sich eine kleine, spannende Weißweinverkostung ergab, ganz spontan so wie die meist spontan vergorenen Weine. Hartwig ist so eine Art Trüffelschwein für preiswerte Weine mit großem Trinkfluss.

Den Anfang machten zwei 2011er vom neuen Brauneberger Shootingstar Günther Steinmetz. Viel zu jung noch und für mich im derzeitigen Zustand noch etwas schwierig zu trinken der 2011 Veldenzer Grafschafter Sonnenberg Riesling alte Reben mit deutlicher Spontinase, gehört weggelegt und wird sicher deutlich zulegen – WT88+. Ein Zeitschloss gehört auch an seinen 2011 Piesporter Falkenberg Riesling „von den Terrassen“. Mit seinen sicher 20g Restzucker präsentiert er sich trotz spürbarer Klasse und Substanz etwas ungelenk, was sich in 5-10 Jahren deutlich geben dürfte. Dann kommen zu den WT91+ sicher auch noch ein paar mehr. Beeindruckt hat mich der 2012 Saar Riesling von Van Volxem. In 2012 zeigt er deutlich mehr Rasse und Struktur und wirkt deutlich trockener als in den Vorjahren, ohne dass dies den Trinkfluss dieses hochkarätigen „Saufweins“ stört – WT90. In 2012 jede Suche wert. Probleme hatte ich dagegen mit dem Erstlingswerk zweier junger Damen von der Mosel. Der im Keller von Heymann Löwenstein ausgebaute 2012 Koberner Riesling von Materne & Schmitt war im Stil eher Wachau als Mosel, sehr kräftig, alkoholreich (13,5%) und fast etwas barock – WT87. Schlank, furztrocken mit saftiger Frucht und guter Länge der 2012 Piesporter Falkenberg Kabinett trocken von Später-Veith, endlich mal wieder ein echter Kabinett mit sympathischen 11,5% Alkohol und keine verunglückte, abgestufte Spät- oder Auslese – WT88. Feingliedrig, elegant, sehr mineralisch mit spannender Nase der 2011 Schiefersteil von Markus Molitor, der mit seiner kräftigen Säure trotz 10-12g Restzucker harmonisch trocken wirkt – WT90. Einfach genial die 2012 Zeltinger Sonnenuhr Spätlese von Markus Molitor, obwohl sie in diesem, für Molitor embryonalem Zustand eigentlich derzeit „Rohmaterial“ ist. Aber dieser harmonisch trockene Wein mit seiner irren, glasklaren Frucht, der gewaltigen Kraft und Substanz trotz nur 12% Alkohol zeigt sich absolut stimmig und macht einfach schon an. Eigentlich eine Art Pflichtkauf, ein Riese, den es einzukaufen und dann einzumauern lohnt. In 5-10 Jahren kommen da sicher mal WT95 ins Glas.

Nach soviel Riesling, soviel fordernder Säure entstand jetzt der Wunsch nach einem schönen Pinot. Und da unsere Runde schnell größer wurde, sollte es nicht bei einem Pinot bleiben. Bei herrlichem Sonnenschein starteten wir im kuscheligen Innenhof mit einen 2007 Beaune 1er Cru Les Grèves von der Domaine La Montille. Eleganz pur war das mit feiner, rotbeeriger Frucht und erster Süße, dabei sehr mineralisch. 2007 ist jetzt nicht gerade das größte aller Burgunderjahre, aber dieser feine Tropfen baute nicht nur enorm im Glas aus. Erdürfte auch durch weitere Flaschenlagerung noch gewinnen – WT91+. Ein großes Burgunderjahr mit kräftigen, konzentrierten Weinen war 2005. Und das hatten wir danach mit einem 2005 Bonnes Mares von George Lignier et Fils im Glas. Süße, leicht portige, dichtgewobene Frucht, Kraft und Fülle ohne Ende, deutliches Tanningerüst, grandiose Zukunft – WT94+. Die nächste Flasche stellte uns Hartwig wieder blind hin. Ich hatte sofort einen Verdacht, und der bestätigte sich. Das war der herrliche, jetzt schon erstaunlich gut zu trinkende 2010 Schlossberg Spätburgunder „R“ von Huber. Traumhafte, offene, süße, aber nicht überladene Frucht in der Nase, am Gaumen der sehr gelungene Spagat von süßem Schmelz und großartiger Struktur, die kräftigen Tannine sind derzeit gut verpackt, sorgen aber sicher für ein längeres Leben – WT94. Und dann kam wieder ein „echter Hartwig“. Blind getrunken waren wir uns schnell einig. Das musste nördliche Rhone sein und zwar richtig geiles Zeugs. Der 2009 Saint Joseph l´Olivaie von Pierre et Jerome Coursodon ist nicht nur in der beinahe purpurnen Farbe blutjung. Superbe, kühle Frucht, Schwarze Oliven, Pfeffer, Minze, einfach Syrah vom Feinsten mit kräftigen, aber reifen Tanninen, macht trotz seiner Jugend schon gewaltigen Trinkspaß und hat in seiner Kategorie das Zeugs zum Preis-/Leistungssieger – WT94. Und dann setzte der nun wirklich allerletzte Wein dieses goldenen Spätsommernachmittags docvh tatsächlich noch eins drauf. Dieser seidige, saftige, enorm druckvolle, schon erstaunlich gut trinkbare 2008 Clos de la Roche von Lucien Le Moine zauberte einfach nur ein breites, zufriedenes Grinsen auf unsere Gesichter – WT95.

Licht und Schatten aus 1979

Toni Askitis vom D´Vine liebt Wein. Ganz besonders mag er natürlich die Weine seines Geburtsjahres 1979. Mächtig stolz war ich deshalb, als ich vor kurzem bei Koppe eine 1979 Corton Magnum von Patriarche ersteigern konnte, mit perfektem Füllstand und Superfarbe. Ja, die wollte ich an diesem Abend mit Toni genießen. Wir freuten uns auf ein großes Weinerlebnis. Und dann hatte dieses Teil einen üblen Kork, der Mega-Gau. Wäre mit Schraubverschluss nicht passiert. Für mich ging bisher nichts über Naturkork. Die inzwischen weitgehend verschwundenen Kunststoffpfropfen waren mir zuwider. Den Glasstöpseln konnte ich nicht viel abgewinnen. Jetzt macht derzeit bei vielen Winzern der Schraubverschluss Furore. Bei jungen Weinen habe ich damit überhaupt kein Problem. Sollte sich auch noch mit den Jahren erweisen, dass Weine damit ebenso gut altern können, dann akzeptiere ich das gerne auch für große Gewächse. Zu ärgerlich sind die regelmäßigen Korkpleiten. Im Restaurant oder bei einem gerade gekauften Jungwein kann ich reklmieren und bekomme Ersatz. Aber was ist mit den auf Auktionen erstandenen, älteren Trouvaillen, oder mit den über Jahrzehnte im Keller gehüteten Schätzen? Da habe ich die A….Karte, und auf die habe ich langsam keine Lust mehr.

Aber Toni wäre nicht Toni, wenn er nicht einen Plan B gehabt hätte. So standen plötzlich zwei 79er Bordeaux auf dem Tisch. Der erste Schluck von 1979 l´Evangile, dieses eigentlich hochkarätigen Pomerols, war sehr metallisch, wie aus der Blechdose. Kurz nach dem Dekantieren blühte er auf, wurde zugänglicher, eleganter mit feinherber Schokolade und verkroch sich dann nach einer Stunde wieder in der Blechdose. Da kommen dann die Maße WT84-90-84 raus, also unbedingt in der Mitte trinken. Ein ganz anderes Kaliber war 1979 Lynch Bages. Voll da ohne jedes Alter mit fantastischer Frucht und wunderbarem Trinkfluss. Steht jetzt auf meiner Suchliste – WT93.
Und damit waren wir in der süßen Abteilung. Von irgendeiner Probe war noch eine 1995 Wehlener Sonnenuhr Auslese Goldkapsel von SA Prüm übriggeblieben. Dabei hätten wir es belassen sollen, denn der Inhalt war sehr enttäuschend. Sehr reife Farbe, Orangenschale, auch als Frucht, massive Säure, die Süße bereits aufgezehrt, wirkte 20-30 Jahre älter – WT85. Statt den auszutrinken stiegen wir auf eine einfach göttliche 2004 Wehlener Sonnenuhr Auslese von JJ Prüm um, die einfach alles hatte, was der krüppeligen Verwandtschaft fehlte. Ein immer noch sehr junger, absolut stimmiger, sehr mineralischer Traum, die Leichtigkeit des Seins mit betörendem Süße-/Säurespiel – WT94.

Sonnenblumenfest in Meerbusch

Ganz Meerbusch schien auf den Beinen, als an diesem letzten Septemberwochenende bei „fetter Sonne“ zum Sonnenblumenfest einfach perfektes Spätsommerwetter herrschte. Bevor ich mich ins Getümmel stürzen konnte, entdeckte ich im Wine Live einen freien Tisch in idealer Sonnenlage. Und kaum hatte ich den Tisch entdeckt und mit Beschlag belegt, entdeckten mich diverse Weinfreunde. Und dann ging die Post ab. Eine ungeplante, spannende Probe entstand mit allem, was der Keller des Wine Live so hergab.

Den Anfang machte ein faszinierender 2010 Morstein Alte Reben vom Weingut Seehof. Der ist kein großes Gewächs, weil der Seehof (noch?) nicht im VDP ist, wirkt weniger laut und kostet deutlich weniger. Er punktet mit glockenklarer, feiner Frucht, intensiver Mineralität, straffer Säure und sehr guter Struktur. Baute enorm im Glas aus und dürfte nicht nur noch zulegen, sondern auch gut altern – WT91+. Klar ist das 2011 Frühlingsplätzchen GG von Emrich Schönleber Nahe pur, aber gleichzeitig auch so offen und im besten Sinne fröhlich mit betörender Frucht. Das ist Wein für Herz und Seele – WT94. Noch eine Weile weiterentwickeln dürfte sich die grandiose 2010 Herrmannshöhle GG von Dönnhoff mit ihrer messerscharfen Präzision, der unerhörten Mineralität und der feinen Extraktsüße – WT95. 2011 Halenberg GG von Emrich Schönleber ist maskuliner als das Frühlingsplätzchen, kräftiger, aber auch leicht floral und kräuterig in der Nase, am Gaumen dicht und lang, ein Riese – WT95. Und dann gab es am Tisch welche, die noch nie einen 2009 Nectar des Bertrands im Glas hatten und andere, die davon einfach nicht genug kriegen können. Ich gehöre zur zweiten Fraktion. Und beiden Fraktionen wurde jetzt mit einer wieder sehr überzeugenden Flasche geholfen. Einfach sexy dieses Zeugs, ohne in irgendeiner Form aufdringlich zu sein – WT94. Jeder andere Bordeaux wäre danach hoffnungslos überteuert und wahrscheinlich auch schlechter gewesen. Also stiegen wir (leider) um auf Pinot. Leider deshalb, weil es dieser 2006 Gevrey Chambertin von Oliver Guyot einfach nicht war. Wenn das nicht einfach nur eine schlechte Flasche war, möchte ich dieses schwerfällig wirkende Zeugs mit seinen dunklen, dumpfen Aromen nicht wieder ins Glas bekommen – WT86. Hin und weg waren wir dagegen vom jugendlichen 2006 Chateau d´Ampuis von Guigal, der sich von seiner allerbesten Seite zeigte, edles Marzipan in Bitterschokolade, weiche reife Tannine, wunderbare Fülle und Länge, einfach Suchstoff pur – WT95. Eher modern in der Stilistik der 2007 Alion aus dem Vega Sicilia Stall, dichte, dunkle Frucht, schwarze Oliven, Kaffee, Leder, generöse Süße, Kraft und Fülle – WT92. Eigentlich war die Sonne längst untergegangen, aber sie ging dann noch mal auf, denn Otmane Khairat kam mit einer herrlichen Doppelmagnum 2009 Maximiner Herrenberg Alte Reben von Carl Loewen um die Ecke. Aus einem 1896 mit wurzelechten Reben bepflanzten Weinberg stammt dieser grandiose Stoff, der mit superber Frucht, salziger Mineralität und gewaltiger Struktur begeisterte. Bei allem aromatischen Druck zeigte er dazu eine beschwingte Leichtigkeit und Finesse. Und dann noch das große Format, ja ich kann verstehen, dass mich da am Tisch jemand für meine WT93 als Geizkragen beschimpfte. Dürfte sehr gut altern. Nein, das ist ein großer Wein, aber kein großes Gewächs. Längst nicht jedes Große Gewächs ist ein großer Wein, aber dieser hier hätte die Bezeichnung Großes Gewächs verdient. Frische und Leichtigkeit zeigte auch der „Schluck fort he road“, mit dem wir unsere Tafel auflösten, eine durch die stramme 96er Säure immer noch so jugendlich wirkende 1996 Lieser Niederberg Helden Spätlese von Schloss Lieser – WT92.

Otmane mit der grandiosen Doppelmagnum