Sylter Neueste Nachrichten

Sylt mit seinem riesigen, gastronomischen Angebot ist ein einziger Wine Lovers Dream. Und natürlich sind die Dinge hier ständig in Bewegung. Wir haben uns angeschaut, was es zur Zeit insbesondere für Weinfreunde Neues gibt und dabei feine Tropfen ins Glas bekommen.

Da war der Wineterminator platt. Die Weinkarte von Jörg Müller auf Sylt war mit deutlich über 1000 Positionen und unglaublicher Jahrgangstiefe schon immer ein Traum. Aber jetzt hat Der gute Ben (nein, das ist nicht Uncle Ben vom 5-Minuten-Reis, das ist Master Ben of Very Good Wine) den Keller aufgeräumt und die Karte auf 1.600 Positionen ausgebaut. Dabei sind - wohlgemerkt! - 200 Positionen runtergeflogen und etliche Hundert Positionen von Weinen dazugekommen, die in vielen hochwohlgeborenen Sternetempeln schon längst ausgetrunken sind. Schlichtweg atemberaubend! Da kam ich mir vor wie damals Kevin in New York in diesem gigantischen Spielzeugladen. Vorsichtig haben wir uns zum genialen Menü (ging los mit gratinierten und überbackenen Austern zum Reinsetzen und ging auf sehr hohem Niveau weiter) rangetastet mit einem 2007 Brunnenhäuschen GG von Wittmann. Das war ein extrem aromatisches Geschmacksmonster mit gewaltigem extrakt und der passenden Extraktsüße. Wenn meine bezaubernde Gattin (eigentlich bekennender Fan holzig-dicker Chardonnays) sagt: der ist mir zu dick, dann heißt das schon was. Puristen mögen sich da mit Grausen abwenden. Hedonisten – und in diesem Fall gehöre ich voll und ganz dazu – hätten von diesem Traumstoff gerne eine ganze wanne voll – 96/100. Da kam auf extrem hohem Niveau selbst das feinere, elegantere, sehr würzige 2007 Kirchspiel GG von Keller nicht mit – 94/100. Wer deutsche 2007er GGs im Keller hat, sollte sich jetzt und in der näheren Zukunft drüber hermachen. Langes Leben ist da nicht angesagt, und besser werden die Weine nicht mehr.

Big Ben of the Big Winelist

Und jetzt wartete in der Karaffe ein 1996 Chambolle Musigny Les Amoureuses von Roumier mit einer verschwenderischen Traumnase auf uns. Der erinnerte mich in seiner reifen, fülligen Art, seiner verschwenderischen Süße, den Rumtopffrüchten, der unglaublichen Dichte, Kraft und Länge an große Burgunder aus den 20ern – 95/100. Sicher auf die Karte wieder drauf kommt der großartige 1988 La Conseillante. Der war wegen der schlechten Parker-Bewertungen (87/100 und „old“) runtergeflogen. Nur das der gute Onkel Robert diesen – wie alle 88er Bordeaux – Langstreckenläufer zuletzt 203 verkostet hat. Wir schrieben jetzt aber 2013, und dieser süße, leicht edelrustikale Conseillante mit seiner üppigen Frucht und der tollen Struktur zauberte ein sehr zufriedenes Lächeln auf Bens, JMs und mein Gesicht. Damit war der erste Abend zwar zu Ende. Aber unser Kurzurlaub noch nicht! We'll be back hieß es natürlich. Diese Karte macht einfach süchtig, die Küche natürlich auch.
Ein zweiter Abend begann früh auf der Müllerschen Terrasse, wo wir zur großen Küche des Restaurants die um diese Jahreszeit unendlich lang scheinende Sylter Abendsonne genossen, und endete ebenda tief in der Nacht. Wir blieben nicht lang allein, und immer mehr schöne Weine kamen in größer werdender Runde ins Glas. Den Anfang machten zwei wohlfeile Bordeaux-Magnums. Schlichtweg ein Traum 2000 Grand Puy Lacoste, diese elegante, schmelzige Wiedergeburt des großen 82ers und ein GPL wie er im Buche steht – 95/100. Und natürlich haben wir uns die letzte Magnum des kräuterig, lakritzigen, immens druckvollen und nachhaltigen 1989 Le Gay nicht entgehen lassen, dieses großartigen Lafleur für Schlaue – 97/100. In Bestform zeigte sich danach auch 1998 La Fleur Petrus, den ich noch nie so gut im Glas hatte – 94/100. 1998 entpuppt sich immer mehr als großartiges Pomeroljahr. Und dann war da für mich von einem der Tische noch ein Glas dieses Weltklasse-Merlots 2004 Masseto, sehr jung, aber mit einer schokoladigen Wahnsinnsaromatik – 97/100. Zu jung war mir immer noch der von einem anderen Sylter Gastronomen und weinspezi ausgesuchte 2001 Loibner Steinertal Riesling halbtrocken von FX Pichler. Der hat Süße, Fülle und Kraft, aber die noch etwas fehlende Harmonie wird sich da wohl erst in 5-10 Jahren einstellen – 90+/100. Tief in der Nacht wählte ich dann aus der Karte noch einen ganz besonderen Wein. Der war zwar reif, aber auch immer noch mit deutlicher Frische, guter Säure, viel Williamsbirne, dazu enormer Kraft und Fülle. Die versammelte Weinintelligenz am Tisch wühlte gedanklich in den GGs aus 2007. Ja, das war schon ein völlig unerwarteter Riese, dieser 1978 Erdener Treppchen Riesling Kabinett von Dr. Loosen – 94/100. Da musste dann auch noch in Form des ebenfalls immer noch taufrischen 1980 Erdener Prälat Kabinett von Dr. Loosen die kleinere Version dieses Weines dran glauben – 90/100. Was für eine Nacht, und wie gut, dass Taxi Filippo nicht nur uns, sondern auch unsere Räder mitnahm.
Irgendwann war dann natürlich auch Sonntag, und da gehört etwas Sonntägliches auf den Teller. Nach göttlichen Steinbuttbäckchen in Jörg Müllers Pesel kam eine fantastische Seezunge. Und damit die beiden gut schwimmen konnten, haben wir erstmal einen Schiefermeister in Form des großartigen 2009 Scharzhofberger GG von Kesselstatt getrunken – 92/100. Schlichtweg atemberaubend danach 2008 Hermannshöhle GG von Dönnhoff, wird dem 2009er demnächst die Rücklichter zeigen und weiter zulegen(!) – 95+/100. Und mit deutschen Spitzenwinzern am Nachbartisch haben wir uns dann noch eine außerirdische, perfekte 2009 Gottesfuss Alte Reben Magnum von Van Volxem geteilt, vielleicht der jemals beste Wein des Gutes – 96/100. Ja, es war Sonntag. Wie schön. Und wenn ich an diese genialen Bäckchen vom Steinbutt denke, bekomme ich sofort wieder Hunger.

Sylt bekam Anfang Juni einen neuen Weintraum, den Weinraum von Wein-Urgestein Olaf Mauksch in Westerland in der Elisabethstrasse. Mittwochs saßen wir inmitten der Noch-Baustelle auf den frisch gelieferten Polstern und genossen mit Olaf einen rassig-mineralischen 2011 Enkircher Steffensberg von Immich-Batterieberg. Und dabei träumen wir von einem gelungenen Sylter Weinsommer. Und am darauffolgenden Sonntag war es dann soweit, große Eröffnung mit riesigem Auftrieb. Ich bin mir sicher, diese Hütte brennt diesen Sommer, und ich habe eine neue, feste Anlaufstelle.

Weine in der Stilistik zu machen, für die Saarweine zur vorletzten Jahrhundertwende weltberühmt waren, das ist Niwos erklärtes Ziel bei Van Volxem. Mit dem tiefgründig-mineralischen, harmonisch trockenen, natürlich noch verdammt jungen 2011 Altenberg Alte Reben kommt Roman diesem Ziel verdammt nahe. Ein großer Wein der sich über 20 Jahre und mehr entwickeln wird. Den tranken wir übrigens in der Strandmuschel in Rantum. Eine Strandbude mit Flair, guter Küche und erstaunlicher Weinkarte. Allein weit über 50 Grosse Gewächse, ein großer Teil davon zusätzlich auch in der Magnum. Der Spruch "heute gehen wir an den Strand" bekommt da einen völlig neuen Klang. Da war ich zum ersten, aber sicher nicht zum letzten Mal.

Wie schön, dass es auf Sylt auch große Flaschen für den kleinen Durst gibt. Ein zugänglicher, hedonistischer Traum mit feiner Bittermandelnote der 2010 Ampelaia von Elisabetta Foradori, hier offen ausgeschenkt aus der Jeroboam. In Johannes Kings neuer Essboutique in Keitum gab es zu wunderbaren Schweinereien aus der kleinen Karte (dazu Alessandro Papes allererstes, irres Sylter Meersalz!) erst meinen Lieblingsapero, den 2004 Wehlener Sonnenuhr Kabinett von JJ Prüm. Danach den schon reif mit der intensiven Schiefer-Petrolnote, aber andererseits durch die knackige 96er Säure noch frisch wirkenden 1996 Graacher Himmelreich Auslese von JJ Prüm. Baute unglaublich im Glas aus, wurde immer frischer mit gewaltiger Länge am Gaumen. Und was Johannes King, der an diesem Nachmittag selbst in der Küche stand, da zauberte, war vom allerfeinsten. Schon mal Sylter Spargel gegessen? Der steckte am Rand meines Spargelrisottos quasi als Dekoration. Dünn, unscheinbar und so unglaublich aromatisch. Das war nicht Feinheimisch, das war VeryFeinheimisch. Und so ging das die kleine Karte rauf und runter weiter. Kräuter vom eigenen Bauernhof, hervorragendes Rapsöl. Ein traumhafter Nachmittag war das in einem gastronomischen Kleinod, das in diesem Sommer zu den Sylter Hotspots zählen dürfte.

In komplett neuem Gewand präsentiert sich in Kampen das legendäre Gogärtchen. Frischer, moderner, jünger und in Kampen wieder „the place to be“. Beeindruckend, was das Team um den bisherigen Sturmhaube Chef Florian da in kurzer Zeit hingelegt hat. Wer in den letzten Jahren einen Bogen ums Gogärtchen gemacht hat, weil er keinen Rollator besaß, ist jetzt richtig. Dazu hat der umtriebige, sehr engagierte Sommelier Patrick Schweiger in Rekordzeit nicht nur eine spannende, umfassende Weinkarte aufgebaut. Auch der begehbare Weinkeller selbst mit Probenraum ist sehenswert. Und während ganz Deutschland über das miese Maiwetter fluchte, erlebten wir im Gogärtchen zum göttlichen 2011 Halenberg GG von Emrich- Schönleber mit seiner strahlenden Brillianz eine traumhafte, nicht enden wollende Hochsommernacht mit ungewöhnlichen Temperaturen.

Ein echtes Highlight bot für uns genau zur richtigen Zeit das Hotel Budersand in Hörnum. Zum vierten Mal wurde dort das Weinfest der großen Gewächse veranstaltet. 20 ausgewählte, namhafte, deutsche Winzern, die allesamt persönlich anwesend waren, präsentierten auf dieser einmaligen Veranstaltung im Golfrestaurant Strönholt des Hotels Budersand Große Gewächse. Nicht nur das fantastische, schon so zugängliche, junge Zeugs aus 2011, sondern auch reifere Gewächse, so z.B. eine faszinierende Minivertikale Frauenberg von Kühling-Guillot. Reif, zugänglich und mit der typischen, kalkigen Mineralität der 2008er, Riesenpotential mit straffer Säure der 2010er, der noch 10 Jahre weggelegt gehört, deutlich zugänglicher der große 2011er. Ein schlafender Riese auch mit salziger Mineralität der 2011 Rothenberg wurzelecht GG. Zu den herausragenden Weinen unter vielen gehörten für mich 2011 Marienburg Fahrlay von Clemens Busch, 2011 Idig von Christmann, 2005 Berg Rottland von Balthasar Ress, 2008 Pfarrwingert GG von Meyer-Näkel, 2011 Heerkretz von Wagner-Stempel, der 2011 Lump Silvaner GG von Horst Sauer und mit 2011 der erste, richtig große Halenberg von Schäfer-Fröhlich. Warum der erste, richtig große? Weil der vor 12 Jahren übernommene, desolate Weinberg richtig auf Vordermann gebracht werden muss. Jetzt ist das mit 2011 ein Halenberg, der sich hinter keinem anderen Wein dieses Namens verstecken muss. Für 2012 sicher ein Musskauf. Entspannt und locker die Atmosphäre, sehr fachkundig das Publikum, darunter praktisch alle namhaften Sylter Sommeliers. Selbst Jörg Müller ließ sich diese Veranstaltung nicht entgehen. Für das nächste Jahr ist das 5. Weinfest der Großen Gewächse schon fest geplant. Ich werde den Termin rechtzeitig auf die Website setzen. Wer immer noch eine Ausrede braucht, endlich mal ein paar Tage auf Sylt zu verbringen: das ist sie. Das haben sich auch die Winzer gesagt, die man in den Tagen davor und danach an den angesagten Futter- und Trinkstellen der Insel traf.
Ganz heißer Tipp ist übrigens die Terrasse des Budersand. Da gibt es zwar tagsüber „nur“ eine sehr feine Bistrokarte, aber man kann dazu beliebig in der jederzeit verfügbaren, großen Weinkarte des abendlichen Sternetempels baden. Das kombiniert mit der traumhaften Aussicht auf den Hafen und übers Meer auf Amrum und Föhr ist ein perfekter Ort zum Seele baumeln lassen.

Auf dem Rückweg von der Veranstaltung im Budersand waren wir noch bei Hottie im Coast, dessen Weinkarte wirklich "hot" ist. Wo gibt es sonst noch 1990 Marienburg Auslese trocken von Clemens Busch? Ein Riese, an dem wir nicht vorbei kamen. Und dieser Riese aus der 0,5 l Flasche braucht Zeit, Luft, eine Karaffe und große Gläser. Tiefes Goldgelb, ölig wirkende Konsistenz, baut unglaublich aus und wird immer fruchtiger mit reifen Zitrusfrüchten, immer heller(!), kräuteriger mit Anis und explosiver in der Aromatik. Unglaublich, was für ein gewaltiger Extrakt und was für ein aromatischer Druck da mit geradezu schmächtigen 11,5% Alkohol ins Glas kommen – 95/100. Wobei die Punkte über dieses einmalige Erlebnis nichts aussagen. Die meisten Gäste würden wohl an so etwas nur nippen und fragen, ob es nichts Frischeres gibt. Die wahren Kenner aber würden nicht nur die Punkteskala voll ausschöpfen, sondern auch mit ihrer gesamten Barschaft wedeln, um davon noch ein Fläschchen zu bekommen. Auf Hotties mit viel Sachverstand und Liebe zum Wein aufgebauter Weinkarte finden sich neben weiteren, alten Busch-Jahrgängen noch zahllose, andere Trouvaillen. Da werden wir im Sommer mal ausgiebig plündern kommen.





Auch das ist Sylt. Gestern Sommer pur, heute tiefe Bewölkung, kräftige Nordwestwinde und mal gerade 12 Grad. Aber so waren wenigstens die Radwege frei, auf denen wir uns bei heftigem Gegenwind das Mittagessen verdienten. Und das genießen wir jetzt in der Vogelkoje, natürlich windgeschützt draußen. Seit Gerhard Diehm die Leitung der Vogelkoje im letzten Jahr übernommen hat, weht hier ein frischer Wind, den man in diesem Jahr erst richtig spürt. Perfekt zum Kojenbrot mit frischen Krabben der kraftstrotzende, sehr mineralische und immer noch den jugendlichen Helden spielende 2004 Berg Rottland von Schloss Schönborn – 93/100. Aus der sehr umfassenden und von Sebastian mit sehr viel Sachverstand zusammengestellten Weinkarte der Vogelkoje haben wir dann noch einen spannenden Roten ausgegraben. Im Charakterfach spielt der spannende 2009 Rothenberg Spätburgunder vom Dreamteam Leitz & Becker. Samtig, seidig, elegant mit feiner, eher subtiler Frucht, sehr mineralisch und dann am Gaumen enorm druckvoll und einen gewaltigen Spannungsbogen aufbauend – 94/100. Und da wir nun mal bei den deutschen Roten waren, die mittlerweile qualitativ extrem zugelegt haben, war auch noch ein 2006 Im Sonnenschein Spätburgunder R von Rebholz dran. Kräftig, rustikal mit deutlicher Säure, geht besser – 90/100. Der 2007 Hochheimer Reichestal Spätburgunder R von Künstler hätte den mit links platt gemacht, entwickelte aber mit der Zeit immer mehr Fehltöne. Da geh ich im Sommer noch mal ran. Wir trösteten uns stattdessen mit einem genialen 1999 Lupicaia, einem charmanten Kraftbolzen mit der Opulenz großer Super Tuscans, gehört in die Liga der großen „aias“ – 94/100.
Noch ein Tipp zur Vogelkoje. Gerade in der Hautsaison ist das ein Taubenschlag. Wer sich und seiner Haut etwas Gutes tun will, verzichtet mal mittags oder nachmittags auf die Strandsonne und setzt sich da entspannt auf der Terrasse unter einen großen Sonnenschirm oder in einen der vielen Strandkörbe und genießt die Leichtigkeit des Seins. An den Strand für einen Absacker an der Buhne 16 kann man dann immer noch gehen, wenn die geballte Abendmeute anrauscht.

Und manchmal ist es auf Sylt auch schön, wenn sich nichts ändert, so z.B. in der Kampener Wiin Kööv, wo wir natürlich mit Klaus und Muffel tief in diverse Gläser geguckt haben. Da und an anderer Stelle werdet Ihr mich im Sommer häufiger sehen. Wenn da also irgendwo jemand sitzt, der dem Typ auf der Fronseite der Website mit den zwei Gläsern ähnlich sieht – das bin ich. Einfach mal Hallo sagen und vielleicht ein schönes Glas zusammen trinken. Ihnen und Euch allen vom Wineterminator einen schönen, spannenden Syltsommer.