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Große Screaming Eagle Probe

Eine Wahnsinnsprobe war das, was Eugen Haefliger da zu seinem Geburtstag auf die Beine gestellt hat. Alle Jahrgänge von Screaming Eagle, dem wohl kultigsten aller Kultweine, konnten wir verkosten. Ort des Geschehens war das Restaurant Adelboden in Steinen, wo uns Franz Wiget zu den Weinen mit einem großartigen Menü verwöhnte.

Er ist ultrarar und extrem teuer, dieser Screaming Eagle. Sicher steht er damit in einer Liga mit Petrus und Romanée Conti. Als der erste Jahrgang, der 1992 Screaming Eagle, 1996 auf den Markt kam, kostete er ab Weingut $ 50. Heute ist er unter $ 10.000 kaum zu bekommen.

Kurz zur Geschichte des Gutes. 1986 kaufte die Immobilienmaklerin Jean Philipps das Gut. In den ersten Jahren verkaufte sie die Trauben an andere Weingüter. Erst 1992 begann sie, unter dem Label „Screaming Eagle“ einen eigenen Wein zu produzieren. Als Winemakerin entschied sie sich für die damals noch relativ unbekannte Heidi Barrett, die Frau von Montelena Inhaber Bo Barrett. Mit diesem ersten Jahrgang erreichte Screaming Eagle schnell Kultstatus. Im Frühjahr 2006 machten ihr der mit einer Walmart Erbin verheiratete Milliardär Stanley Kroenke und sein „ein Angebot, dass sie einfach nicht ablehnen konnte“. Heute ist Sta Kroenke der Alleininhaber des Gutes. Winemaker ist Nick Gislason. Als Berater ist inzwischen auch der umtriebige, vielreisende Michel Rolland (berät u.a. auch Monteverro) engagiert. Das Gut wird als Estate Manager von Armand de Maigret geleitet, der an unserer Probe als kenntnisreicher Kommentator teilnahm.

Wir hatten in dieser Probe alle, wirklich alle jemals produzierten Screaming Eagle. Und dazu gehört auch der vielleicht verrückteste Wein, der zeigt wohin ein solcher Kultstatus führt. Auf einer kleinen Fläche von weniger als 1 Hektar wird Sauvignon Blanc angebaut. Den gibt es seit dem Jahrgang 2011 in maximal 50 Kisten, von denen 20 gleich im Keller des Inhabers verschwinden. Der Rest geht an ein paar Stammkunden. Und da Amerikaner grundsätzlich alles zu Geld machen, was Profit verspricht, landen davon auch stets ein paar Flaschen im freien Handel. So ist derzeit der aktuelle 2013 Sauvignon Blanc bei Lucullus in der Schweiz für schlappe SFr 3.300 + MWSt. erhältlich. Und wie schmeckt so ein Edelteil? Wir durften alle drei bisher produziertem Jahrgänge verkosten.

2011 Screaming Eagle Sauvignon Blanc war ein frischer, freundlicher Sauvignon Blanc mit dem klassischen Stachelbeeraroma, aber auch etwas vanilliger Süße – WT89. Der 2012 Screaming Eagle Sauvignon Blanc war etwas etwas dicker, üppiger und kräftiger geraten mit deutlich weniger Finesse – WT88. Der animierende, leicht röstige 2013 Screaming Eagle Sauvignon Blanc lag mit jugendlicher Passionsfrucht zwischen den beiden – WT90. Sicher kein Wein zum Altern, sondern einfach zum jung genießen. Das Gut kann wenig dafür, dass hemmungslose Spekulation den Wert dieses Weines in stratosphärische Höhen schießt, nimmt aber selbst mit gut $ 250 schon einen Preis, den man nur als Schutzgebühr bezeichnen kann. Würde Petrus auf einer kleinen Parzelle einen frischen, leichten, weißen Sommerwein anbauen, so würde der sicher das gleiche Schicksal als Spekulationsobjekt erleiden.

Eine weitere Produktlinie entstand 2006 mit dem Second Flight. Eigentlich war das eher eine Art Zweitwein gedacht. Vier Jahre wurde, so Armand de Maigret, mehr oder weniger herumgebastelt, bis der Second Flight mit dem Jahrgang 2010 eine eigene Identität bekam. Der fleischige 2006 Screaming Eagle Second Flight war jetzt nicht der komplexeste aller Weine, aber sehr gefällig und Merlot-betont. In der Nase Espresso mit einem dicken Stück Bitterschokolade, am Gaumen feiner Schmelz – WT92. Möglich, dass der 2007 Screaming Eagle Second Flight durch eine schwierige Phase lief. Er hatte eine pfeffrig-würziege Nase, etwas astringierend, am Gaumen generöse Fülle, wirkte aber auch etwas konstruiert – WT88. Der 2008 Screaming Eagle Second Flight war eine schlankere, sehr elegante Variante – WT90. Auch der 2009 Screaming Eagle Second Flight war erstaunlich elegant, schlank und balanciert mit viel Finesse, aber wenig aromatischem Druck – WT91. Der 2010 Screaming Eagle Second Flight war ein dichter, kräftiger Wein mit deutlichem Tanningerüst, zeigte viel Länge und großes Potential, blieb aber bei aller Kraft sehr elegant – WT94.

Und dann ging es endlich los mit dem Grand Vin des Gutes, dem Screaming Eagle Cabernet Sauvignon. Erstaunlich schön präsentierte sich 1992 Sceaming Eagle, der Erstlingswein des Gutes. Ein sehr feiner, eleganter, balancierter Wein mit delikater Frucht, bis auf einen leicht metallischen Ton noch voll da und sicher noch lange nicht am Ende – WT97. Überhaupt scheint Eleganz eines der Hauptkriterien bei der Erzeugung des Screaming Eagle zu sein. Hier wird nicht mit der Brechstange ein Bolide erzeugt, womit sich der Screaming Eagle wohltuend von vielen der vermeintlichen kalifornischen Superstars abhebt. Geradezu zart zeigte sich der sehr feine 1993 Screaming Eagle, ein würziger, sehr balancierter Schmeichler – WT93. Für den großen Jahrgang erstaunlich zurückhaltend zeigte sich der 1994 Screaming Eagle, der wiederum eher auf der feinen, eleganten Seite war. Aber unter der Hülle dieses Charmeurs lauern noch deutliche Tannine. Wie bei vielen, anderen großen 94er Kaliforniern habe ich auch hier das Gefühl gehabt, dass dieser Wein gerade eine Pause einlegt und sich auf die zweite Karriere vorbereitet. Da kommt demnächst und für längere Zeit noch deutlich mehr – WT94+. In bestechender Form dagegen wieder der 1995 Screaming Eagle, ein großer, kompletter Wein, bei dem von der superben, süßen, wohldefinierten Frucht über den druckvollen, balancierten Gaumen bis zum langen Abgang alles stimmte. Da war einfach pure Freude im Glas – WT99. Eine schöne Kirsch und Brombeernase hatte der 1996 Screaming Eagle, am Gaumen wirkte er etwas leichtgewichtig, aber mit guter Struktur, Eleganz und Finesse – WT95

Etwas irritierend der 1997 Screaming Eagle, der zwar eine verschwenderische Nase mit süßer Frucht und Röstaromen besaß, am Gaumen mit reif wirkenden Tanninen opulent, weich und reif anmutete. Allerdings kenne ich z.B. auch 97 Harlan aus ähnlichem Stadium, das aber vorüberging – WT95(+?). Ein feiner, sehr eleganter und balancierter Tropfen war 1998 Screaming Eagle, dem man das schwierige Kalifornien-Jahr nicht anmerkte – WT94. Ein Traum die Cassis-Nase des 1999 Screaming Eagle, erstaunlich druckvoll für das Jahr der Gaumen, ein Screaming Eagle mit noch langer Zukunft – WTZ95. In 2000 gab es keinen Screaming Eagle, die Trauben wurden an ein anderes Weingut verkauft. Großes Kino dafür der 2001 Screaming Eagle, ein gewaltiges, kraftvolles Konzentrat mit superber, reifer Cassis und Brombeerfrucht, sehr mineralisch, enormer Druck und Länge am Gaumen, aber trotzdem auch wieder diese Eleganz, die eine Art Markenzeichen von Screaming Eagle ist – WT98. In Kraft, Fülle, Opulenz und konzentrierte Frucht setzte der 2002 Screaming Eagle mit intensiver Röstaromatik da noch eins drauf. Für einige am Tisch war es ein Traumwein, der sprachlos machte. Mir war es – das geht mir bei vielen 2002ern aus Kalifornien so – fast etwas zuviel des Guten. Da ist wohl noch etwas Warten angesagt – WT96+.

Darf man eine solche Ikone respektlos als schwabbelig bezeichnen? Ich tu es einfach. Der 2003 Screaming Eagle hatte reichlich Saft ohne Kraft und wirkte recht mollig und dabei strukturlos, warm-würzig mit reifer, pflaumiger Frucht und Malagarosinen – WT92. Ob da noch mal mehr kommt? Ich wage es zu bezweifeln. Den hatte ich 2010 schon mal so im Glas, mehr Screaming Bussard als Eagle. Der deutlich schlankere 2004 Screaming Eagle mit präziser Struktur, mit Kraft, Druck und Länge, mit generöser Cassis-Nase und wieder dieser Eleganz war ein großer kompletter Wein, ser sich auch gut in einer Probe großer Pauillacs machen würde – WT97. Mit dem 2005 Screaming Eagle ist das Gut selbst nicht sonderlich glücklich. Der entstand in der Phase des Übergangs, nicht nur der Besitzverhältnisse, sondern auch des Übergangs von einem Winemaker zum nächsten. Aus unserer Flasche hier, zeigte sich der Wein sehr schwierig und schien fast im Glas zu zerfallen. Aber vielleicht war es auch nur nicht die beste Flasche. Im letzten Dezember in München zeigte sich der 2005er in Topform und auf WT97 Niveau. Und auf dem Niveau war er auch 2010 in der Braui bei unserer ersten Screaming Eagle Vertikale. Als „“shy vintage“ bezeichnete Armand de Maigret den 2006er Jahrgang, wobei dieser 2006 Screaming Eagle nun wirklich alles andere als schüchtern war. Das kühlere Jahr tat ihm gut. Immer noch sehr jung mit deutlichem Tanningerüst, dunkelbeerige Frucht, wunderbare Balance aus Kraft und Eleganz, gute Struktur und Säure, dürfte gut altern und mit den Jahren noch zulegen – WT95+. Ein Traumjahrgang war 2007 in Kalifornien. Von „Gold in your hand“ sprach Armand de Maigret. Ein gewaltiges Fruchtkonzentrat war dieser 2007 Screaming Eagle, opulent und kraftvoll, und dabei doch so finessig mit geradezu seineidiger Eleganz. Ein Meisterstück, das irgendwann mal die magischen WT100 knacken könnte – WT98+.

Und genau diese wunderbare Eleganz fehlte dem 2008 Screaming Eagle aus diesem (zu) warmen Kalifornien-Jahrgang. Klar hatte der reife Frucht, Opulenz und Röstaromatik satt, aber er wirkte auf hohem Niveau auch etwas korpulent und einfach zu üppig – WT95. Deutlich stimmiger und ausgewogener mit mehr Struktur und Klasse zeigte sich der mineralische 2009 Screaming Eagle mit (für Kalifornien) geradezu puristisch schöner Frucht. Hat große Zukunft und dürfte sich über lange Jahre weiter entwickeln und zulegen – WT96+. Von allem noch etwas mehr, ohne die geniale Struktur zu verlieren, hat der beeindruckende 2010 Screaming Eagle, der in 5-10 Jahren mal zu den größten Weinen dieses Gutes gehören wird – WT97+. Der weichere, üppigere und gefälligere 2011 Screaming Eagle aus einem regenreichen Jahr kam da natürlich auf verdammt hohem Niveau nicht mit – WT95. Und dann endete unsere Probe noch mit einem gewaltigen Paukenschlag. Der üppige, opulente 2012 Screaming Eagle mit seiner süßen Frucht und der verschwenderischen Aromatik hat einfach von allem reichlich. Für mich ist das der neue 97er, für Robert Parker wohl auf, denn der zückte sofort seine 100/100. Ich halte mich da noch etwas bedeckt und hoffe, dass die Einzelteile dieses potentiellen Riesen noch etwas mhr zusammenwachsen – WT97+. Und noch mehr hoffe ich natürlich, dass ich diesen und viele andere Screaming Eagles noch mal ins Glas bekomme.

Eine Mörderprobe war das, eine mehr als nur gelungene Fortsetzung dessen, was 2010 in der Braui bei Werni Tobler mit unserer ersten Screaming Eagle Vertikale begann. Einfach ein einmaliges, singuläres Erlebnis, das sich tief in die Weinseele einbrennt. Dafür sei dem lieben Eugen ganz herzlich gedankt.

Die Eagles und der edle Spender

Muss ich jetzt unbedingt noch die mir inzwischen sehr häufig gestellte Frage beantworten, ob der Screaming Eagle wirklich so gut und sein Geld wert ist? Der Screaming Eagle ist ein großer Wein, der mit immensem Aufwand erzeugt wird. Und er ist sehr rar. Nur ein kleiner Teil der mit Hilfe von David Abreu angelegten Rebberge des Gutes, nur die besten der besten, liefert Trauben für den Screaming Eagle. Alleine in Amerika gibt es deutlich mehr Weinfreaks, die sich den Screaming Eagle spielend leisten könnten, als verfügbare Flaschen. Wer sich damals, als der Screaming Eagle auf den Markt kam, um einen Platz auf der Mailing List gekümmert hat, bekommt ihn heute immer noch zu Preisen, die kaum über den Premiers aus Bordeaux liegen. Und für alle Anderen bietet die große, weite Welt des Weines genügend bezahlbarere Alternativen.