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Magnum Best Bottle 2016

Es dürfte wohl die Probe des Jahres gewesen sein, unsere Magnum Best Bottle im Berens am Kai. Schon fast traditionell treffen sich Weinfreunde zu dieser vinologischen Weihnachtsfeier und verwöhnen sich gegenseitig mit dem Besten, das ihre Keller hergeben. 

Da dieser Dienstag eigentlich Ruhetag war, gehörte uns das Lokal, in dem eine große Tafel für uns aufgebaut war, praktisch alleine. Und wir wurden nach Strich und Faden verwöhnt. Barbara Beerweiler sorgte mit ihrem Mädels-Team nicht nur für charmanten, perfekten Service. Sie brachte auch alle Weine  bestens ins Glas. Da muss sich die liebe Barbara auch hinter absoluten Top-Sommeliers nicht verstecken. Und Holger zauberte mit seiner Crew auf höchstem Niveau ein vielgängiges Menü, das perfekt zu den Weinen passte.

Als Apero kam eine 1994 Brauneberger Juffer Sonnenuhr Auslese #11 von Fritz Haag aus der Magnum ins Glas. Die zeigte bei aller Leichtigkeit eine schöne Fülle, Honignoten, Bienenwachs und ein feines Süße-/Säurespiel – WT93.

Als Guter Übergang zu den Roten diente ein 2009 Chardonnay Cuvée Indigene von Peter Michael, auch der natürlich wie alle Weine des Abends aus der Magnum. Der war nun alles andere als schmächtig. Schließlich hatte er 17 Monate in neuen Fässern gelegen und reichlich Batonnage über sich ergehen lassen müssen. Reichlich Aprikose und etwas Pfirsich, natürlich viel Holz, süßer Schmelz und sehr langer Abgang - WT93.

In Zweierflights begann danach ein schier unglaubliches, rotes Feuerwerk. Mit verschwenderischer Süße überzeugte der reife, aber alles andere als alte 1945 Gazin -WT97. Der zeigte eine feine Kräuternote, viel Minze und sogar einen Hauch Eukalyptus. Noch fast brutal jung die Farbe des bestechenden 1955 Vieux Certan, der enorm im Glas zulegte und dabei immer mehr von seiner herrlichen Kirschfrucht und der Bitterschokolade zeigte. Mit seiner perfekten Struktur hat er aus Flaschen wie dieser sicher noch 2 Jahrzehnte Zukunft. Und als mir Uwe 3 Stunden später sein aufgehobenes (!, wo nimmt der plötzlich diese Disziplin her, sind das schon die Einflüsse der Eifel?) Glas reichte, da merkte ich, dass meine WT99 eigentlich geizig waren.

Ging das, 1953 Haut Brion 1983 Palmer in einem Flight? Das ging problemlos, weil der Haut Brion keine Runzeln zeigte und der Palmer schon stückweit offen war. Schlichtweg perfekt präsentierte sich dieser 1953 Haut Brion mit reichlich Cigabox, Teer, ätherischen Noten und Tabak, enorm kräftig und unendlich lang, dabei aber auch elegant und finessig – WT100. Für diese wie eigentlich alle Magnum dieses Abends galt, dass jede für sich als Höhepunkt jede Probe dieser Erde krönen könnte. Wir hatten sie halt alle zusammen, ein einmaliges Erlebnis. Sehr jung auch noch der 1983 Palmer, den ich noch nie so gut im Glas hatte. Mit seiner pikanten Frucht, Zedernholz, druckvoller Aromatik und den für große Palmers so tyoischen, burgundischen Konturen war das ein Palmer auf dem Weg zur Legende – WT98.

Montrose trinken ist nicht immer einfach. Oft ist das so eine Art Dominastudio für den Gaumen. Aber wenn Montrose gut ist, dann ist er richtig gut. So beim modernen Zwilling 1989 und 1990 und hier jetzt beim Klassiker 1959 Montrose und 1961 Montrose. Beide noch so frisch mit durchaus präsenten Tanninen. Der 59er so straff, so eine tolle Struktur, mit erster, feiner Süße und Potential für lange Jahre – WT97. Der 61er, die Zwillingsflasche vom letzten Jahr, der etwas offenere, süßere, gefälligere, aber auch hier ist keine Eile geboten – WT97.

Und schon kam das nächste Gigantentreffen. 1970 Latour ist der etwas klassischere Zwilling des 82ers. Ein großartiger, sehr langlebiger Wein mit immer noch massivem Tanningerüst. Zur vollen Entfaltung braucht der Luft ohne Ende. Und die hat ihm der liebe Rainer gegeben, der schon früh morgens tätig war, um uns das perfekte Latour-Erlebnis zu gönnen. Dieser unglaubliche Kraftbolzen mit seiner extrem druckvollen Aromatik versuchte sich in ersten Charme-Anflügen, und auch die Latour-typische, leicht bittere Walnuss-Aromatik zeigte erste, dezente Süße – WT100. Sicher ein Wein, der 2070 erfolgreich seinen 100sten feiern könnte. Letzteres gilt wohl auch für 1970 Lafleur, ein superkonzentriertes Tier von Wein mit der dazugehörigen, superdichten Farbe und Kraft ohne Ende. Wurde mit seiner genialen Struktur und dem massiven Tanningerüst seiner Rolle als großer Pauillac aus Pomerol voll gerecht. Auch das ein WT100 Wein. Wenn die liebe Elke den jetzt noch morgens dekantiert hätte…. Egal, bei der nächsten Probe lassen wir sie vorher beim Rainer schlafen. Dann können die morgens zusammen dekantieren.

Nix Pause, die nächsten zwei Legenden standen an. Als mir der Markus vor längerer Zeit 1974 Mayacamas und 1975 Heitz Martha' s Vineyard zur Wahl anbot, stand für mich schnell fest: die wollte ich beide. Und so wurde der wie Markus in der Schweiz lebende Thomas dazu verdonnert, eine der beiden Flaschen zu kaufen. Jetzt hatten wir sie also beide, den Markus und den Thomas am Tisch und die beiden Kalifornien-Legenden im Glas. Den 1974 Mayacamas hatte ich zuletzt 2013 in einer derartigen, perfekten Magnum im Glas. Das war hier jetzt wieder absolute Perfektion, ein unsterblicher, immer noch so dichter Riese, würzig mit viel Leder und Minze – WT100. Im anderen Glas mit 1975 Heitz Martha´s Vineyard ein Riese, der in dieser unglaublichen Form dem 74er inzwischen die Rücklichter zeigt. Eine gewaltige, noch sehr jung wirkende Minz- und Eukalyptusorgie mit viel Sattelleder, Tabak und teeriger Mineralität. Da waren wir uns am Tisch alle einig. Mehr geht nicht – WT700. Ganz herzlichen Dank unseren beiden DeutschSchweizern für diese absoluten Traumflaschen.

Und wenn man dann wirklich meint, mehr geht nicht, dann öffnet sich im Glas plötzlich die vierte Dimension. Schlichtweg sprachlos machte dieser 1982 Latour, die jüngere Variante des 70ers. Ein blutjunges Monument, das mit dieser irren Dichte einen derartigen Druck erzeugte. Latour mag anders gehen, aber sicher nicht besser – WT100. Das gilt auch für 1982 Mouton Rothschild, den legitimen Nachfolger des legendären 45ers. Zeigt immer noch jugendliche Röstaromen, viel Cassis, Minze, der ersten Hauch Eukalyptus, viel Sattelleder und die berühmte Bleistift-Mineralität – WT100. Beide Weine haben noch etliche Jahrzehnte vor sich. Die hier und heute miteinander im Glas haben zu dürfen, das war unbeschreiblich schön.

Ich habe dann irgendwann angefangen mir nur noch kurze Notizen zu machen. Alle Weine der heutigen Probe hatte ich schon häufiger im Glas, und sie sind alle in den Jahrgangsübersichten ausführlich beschrieben. Wenn man da in einer solchen Probe sitzt und nur noch – wie das einige meiner Kollegen machen – auf die Tastatur des Laptops hämmert, dann entgeht einem soviel. Das ist dann, wie wenn man bei einem großen Feuerwerk fotografiert. Da kommt nur die Hälfte rüber. Dieses einmalige Weinfeuerwerk hier musste man mit allen Aaahs und Ooohs auf sich wirken lassen. Hemmungslos genießen statt zu sezieren. Außerdem gingen mir langsam die Superlative aus. So hier bei diesem einmaligen 1989 Haut Brion, der nach etlichen, etwas verschlosseneren Jahren jetzt wieder da ist, wo er in seiner jugendlichen Fruchtphase mal war. Das Zeug knallt dermaßen am Gaumen mit wunderbarer Süße, besser geht einfach nicht – WT100. Der in seiner Jugend etwas unterschätzte 1990 La Mission Haut Brion wirkte im direkten Vergleich jünger, dichter und kräftiger, ist aber ebenfalls auf dem Wege zur Perfektion – WT98+.

Sehr spannend und voller hedonistischer Eindrücke auch die nächste Paarung. Einfach geiles Zeugs, dieser 1989 Masseto. Der war nicht so dick und massiv wie die neueren Jahrgänge, eher auf der eleganten, finessigen Seite. Mehr Bordeaux als Italien, ein großer, sehr schokoladiger Pomerol mit süßem Schmelz ohne Ende - 97/100. Aus dem unterschätzten Jahrgang 1988 brillierte der 1988 Lafleur, der sich langsam immer mehr öffnet und mit der klassischen, kräuterigen Eleganz in der Nase und dem gewaltigen Konzentrat am Gaumen immer mehr in die Riege der großen Lafleurs des letzten Jahrhunderts einreiht – WT98. Sicher immer noch ein halbwegs kluger Kauf.

Einziger Ausfall unserer Probe war der 1982 Gruaud Larose, und das gleich in zweierlei Hinsicht. Der Gruaud, als 82er eigentlich ein Gigant, hatte Kork. Und sein Spender, ein sehr namhafter, deutscher Winzer, glänzte durch Abwesenheit. Hatte sich angeblich in der Woche vertan. Da blieb uns allen schlicht die Spucke weg. So etwas hatten wir noch nie erlebt. Aber was soll´s, so gibt es halt fürs nächste Jahr einen weiteren, verfügbaren Platz. Und die betörende 1982 Pichon Comtesse de Lalande konnte sich als Solist mit all ihrem Charme frei entfalten, ein hedonistischer, großer Wein mit unwiderstehlichem Schmelz, erinnerte aus dieser perfekten Magnum an die goldenen Zeiten dieses Weines zwischen 1985 und 2005 – WT98.

Für Aufsehen hatte der liebe Torsten auf der Hinfahrt mit zur Probe in der S-Bahn mit der offenen, frühzeitig zuhause dekantierten 1990 Hermitage La Chapelle Magnum von Jaboulet-Ainé. Gut so Torsten, denn so konnte dieses gewaltige, immer noch blutjunge Geschoss in unserer Probe mit der gewohnt explosiven Aromatik alles zeigen – WT100. Ist inzwischen auch nicht mehr billig, aber trotzdem noch jeden Cent wert, zumal die Musik hier noch etliche Jahrzehnte spielt. Da stand der 1990 Clos des Papes aus Chateauneuf wenn überhaupt nur um Nuancen hinter. Einfach ein anderer Wein, südliche Rhone gegen den Norden, enorme Kraft und Fülle, so würzig mit süßer Erdbeere, Klassestoff mit ebenfalls großer Zukunft – WT99.

Begleitet wurde die Probe zusätzlich von einem Tischwein, einem 1985 Lagrange-à-Pomerol aus der Jeroboam. Der zeigte sich weich, gefällig, samtig mit guter Beerenfrucht und Schokolade. So ein richtiger Schmusepomerol mit vollem Verwöhnaroma. Kein Wunder, dass sich diese Jeroboam verdammt schnell leerte – WT92.

Und dann kamen als krönender Abschluss dieses grandiosen Abends noch ein paar Reserveflaschen ins Glas. Was für ein geniales Zeugs, dieser 1985 Phelps Insignia. Tolle Frucht, Minze, Eukalyptus und feine Süße, reifer, aber immer noch jung wirkender, sehr balancierter Old School Kalifornier - WT97. Verdammt gut auch dieser 1945 Leoville Barton, der immer noch eine erstaunliche Kraft und Struktur zeigte, dazu eine gewaltige Länge. Aber da war auch die generöse Süße eines gereiften Bordeaux -WT97. Womit auch die Frage beantwortet wäre, ob Barton jemals reift. Ja, das tut er, spätestens mit 70 Jahren. Balsam für ermattete Gaumen zum Abschluss noch ein so frischer 1996 Bollinger Grande Année. Die Bollingers sind ja nicht gerade filigrane Schmächtlinge, aber dieser hier aus dem großen Champagner-Jahr 1996 zeigte Rasse, Klasse und Eleganz - WT96.

Wir waren uns einig. Diese "Weihnachtsfeier" findet auch im nächsten Jahr wieder statt. Und natürlich möchten wir alle dabei sein. Aber auch das hat einen kleinen Haken. Best Bottle heißt, dass die maximal 20 besten, angestellten Magnums mit ihren edlen Spendern an der Probe teilnehmen. Die Entscheidung darüber fällt jeweils eine kleine Jury. Aber da bleibt jetzt ja ein Jahr Zeit, um kräftig im Keller zu graben oder eine der großen Auktionen zu plündern.

Mehr Fotos der einzelnen Flaschen z.B. auf Facebook bei Uwe Bende, Thomas Krieg, Torsten Görke....

Und natürlich auf der neuen Winterminator Seite auf Instagram, auf der ich viele, spannende Weine poste.