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Paulson Raritäten Dinner

Der zweite Abend des Paulson-Wochenendes war einem vorzüglichen Raritäten-Dinner gewidmet. Bevor wir zu den Weinen kommen, hier noch ein Wort zur Küche, die uns schon am Vorabend und zum Mittagessen auf sehr hohem Niveau verwöhnt hatte. Mit Simon Stirnal steht hier seit Januar ein neuer Küchenchef am Herd, der vorher drei Jahre im Schloss Loersfeld einen Michelin Stern hatte. Unter seiner Leitung hat die ohnehin schon sehr hochwertige Küche des Kronenschlösschens noch mal einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht. Nach insgesamt drei großartigen Menüs dürfte man das wohl beurteilen können. Warum jetzt der Michelin dem Kronenschlösschen den Stern aberkannt hat, ist mir schlichtweg unbegreiflich. Es zeigt nur wieder mal sehr deutlich, dass der Michelin nicht unfehlbar ist und seine Bewertungen mit großer Vorsicht aufgenommen werden sollten. Ich kann die Küche des Kronenschlösschens nur vorbehaltlos empfehlen, ein Stern ist das allemal. Locker drei Sterne, wenn es dafür eine Bewertung gäbe, ist die Weinkarte des Kronenschlösschens wert. Sie gehört eindeutig zu den besten der Republik und ist sehr gastfreundlich kalkuliert. Mit Maitre und Sommelier Florian Richter wird sie von einem der besten seiner Zunft verantwortet.

Ein großartiges Wein-Feuerwerk hatte der liebe Jan für diesen Abend vorbereitet. Unser Apero kam diesmal aus Frankreich, ein 2010 Chartogne-Taillet Les Orizeaux, der sich kräftig und nachhaltig mit guter Frucht, nussig, mineralisch mit dicker Brotkruste, aber auch schon erstaunlich offen zeigte – WT93.

Mit einem reifen Süßweinflight starteten wir in die eigentliche Probe. Wobei der Senior des Abends, ein 1891 Coutet aus Barsac, alles andere als süß war. Erstaunlich hell die immer noch brilliante Farbe, absolut furztrocken wirkend, aber noch so voll da und so frisch mit viel Trockenfrüchten – WT93. Die erwartete, generöse Süße zeigte der 1934 Filhot, vor allem in der betörenden Nase. Auch am Gaumen war der Filhot recht schön, aber im Hintergrundlauernde, erste Nebentöne zeigte, dass der getrunken gehört – WT92. Offen, charming, süß und balanciert war der 1949 Bastor La Montagne – WT92.

Immer noch spürbar restsüß war der 1990 Riesling Brand von Zind Humbrecht mit reifer Aprikose, aber so balanciert, elegant und stimmig mit gewaltigerLänge – WT95. Viel Kraft und Fülle zeigte der allerdings schon sehr reife 1990 Le Montrachet von Louis Latour, der sich schon auf dem Abstieg befindet – WT93. Etwas seltsam der 1990 Grüner Veltliner Vinothekabfüllung von Knoll mit sehr heller, atypischer Farbe, würzig, wie ein Chartogne ohne Bubbles – WT92.

Eleganz pur der 1953 Palmer, so seidig mit feiner Süße, endlos lang am Gaumen, burgundisch im besten Sinne, ein großer, kompletter Palmer – WT97. Schlichtweg perfekt der 1953 Haut Brion, eine Orgie aus Tabak, Cigarbox und teeriger Mineralität, ein so unglaublich druckvoller, kompletter Wein, bei dem von der Nase über den Gaumen bis zum langen Abgang einfach alles stimmt – WT100. Perfektion eigentlich auch der so stimmige, elegante, geradezu aristokratische 1953 Lafite Rothschild mit seiner feinen Mineralität, dem Zedernholz und der feinen, rotbeerigen Frucht, wäre da nicht die etwas schwierige, jodige, medizinale Nase gewesen – WT97.

Sehr fein und elegant, überhaupt nicht alt wirkend, mit verschwenderischer Süße der 1926 Nuits St. Georges in einer Händlerabfüllung von Maurice Bailly – WT95. Schwierig zu Anfang die nach Pilzsuppe riechende Nase des 1937 Clos des Lambrays, die aber mit der Zeit besser wurde. Am Gaumen noch so frisch, so intakt mit traumhafter Frucht – WT94. Die große Malerwerkstatt hatten wir leider mit dem 1949 Charmes Chambertin von Doudet-Naudin im Glas. Da war nicht nur die schwierige Lacknase, sondern auch der seltsame Gaumen mit vielen Nebentönen.

Dieser feine, elegante 1970 La Mission Haut Brion mit guter Frucht und schöner Süße war meine erste, fehlerfreie Flasche dieses Weines – WT93. Es gibt also noch Hoffnung. Ein superdichtes, leider nicht dekantiertes Monstrum war der 1970 Latour – WT99+. Dringende Empfehlung meinerseits: der gehört mindestens 4 Stunden in eine große Karaffe. Und natürlich ist dieser Latour immer noch eine Kaufempfehlung. Schließlich kann er zu einem Bruchteil des Preises dem 1982 Latour durchaus das Und aus der Magnum bekam ich dann noch ein großzügiges Glas des „best ever“ 1970 Cheval Blanc, eher maskulin zwar mit viel Zedernholz, aber so kräftig, druckvoll und lang. Gegen den war alles, was ich von diesem Wein bisher im Glas hatte, nur Tütensuppe – WT96. Ich würde ja gerne noch mehr 70er kaufen, wenn es bei diesem Jahrgang nicht dieses verdammte Lotteriespiel zwischen guten und schlechten Flaschen gäbe.

Die nötige Bettschwere bekamen wir dann mit einem schönen Portwein Flight. Der 1948 Taylor Vintage Port war zwar reif mit trüber Farbe, aber so druckvoll mit verschwenderischer Süße und toller Länge – WT95. Einfach ein geiler Port ohne jedes Spritige mit herrlicher Marzipansüße war der 1963 Taylor Vintage Port, eine der wenigen Hoffnungen für in diesem schwierigen Weinjahr Geborene – WT96. Geradezu blutjung erschien der 1970 Taylor Vintage Port mit sehr dichter, junger Farbe, kompakt und konzentriert am Gaumen, aber mit grandioser Zukunft – WT94+.