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Richtig was im Glas

Es gibt diese Weltmeisterschaften im Wein-Nippen, meist kommerzielle Proben, bei den sich 20 und teilweise mehr Leute eine Flasche teilen müssen/dürfen. Da ist das Motto dann „dabei sein ist alles“. Und dann gibt es das Gegenteil davon, wunderbare Proben generöser Gastgeber, bei denen die Gläser wertvoller Pretiosen gut gefüllt sind, und man solche Weine mehrfach nachprobieren kann. Welche Art Proben mir lieber sind, muss ich wohl nicht näher ausführen. Und an einer solchen Probe, bei der ein edler Spender großzügig Trouvaillen aus seinem Keller öffnete, durfte ich kürzlich wieder teilnehmen.

Ausgelegt war diese Probe im Berens am Kai eigentlich für 8 Leute. Durch kurzfristige Absagen waren wir aber nur eine Weine Sechserrunde. Und so gab es nicht nur Feines aus Holgers Küche auf die Teller, sondern von riesengroßen Weinen auch richtig was ins Glas.

Perfekter Start war ein 1996 Salon Le Mesnil Blanc de Blancs Brut, ein Musterbeispiel dieses großartigen, langlebigen Champagner-Jahrgangs. Schlank, eher etwas auf der kargen Seite mit kalkiger Mineralität, frisch geriebener Boskop-Apfel, Brioche, Zitrusfrüchte, immer noch so taufrisch mit intaktem, feinperligem Mousseux und guter Säure. Dürfte sich noch über längere Jahre entwickeln und durchaus noch zulegen – WT96+.

Weiter ging es mit einem prächtigen, weißen Burgunderflight. Drei noch junge Weine, die sich in den großen Zalto-Burgundergläsern pudelwohl fühlten und deutlich ausbauten. Sehr straff wirkte zu Anfang der 2010 Le Montrachet von Bouchard, sehr mineralisch mit genialer, präziser Struktur und deutlich spürbarem Holzeinsatz. Noch so blutjung mit unglaublicher Länge, aber auch sehr elegant und finessig, geradezu tänzerisch am Gaumen. Und dann kam mit viel Luft diese einfach geile Frucht und der Montrachet wurde etwas runder. Das war schon spannend, wie dieser Wein, der der großen Lage alle Ehre machte, immer mehr zulegte. Nicht nur am Gaumen, sondern natürlich auch in der Bewertung – WT98.

Im Vergleich dazu wirkte der 2010 Chevalier Montrachet La Cabotte des gleichen Erzeugers etwas saftiger und runder mit mehr Schmelz. Der zeigte weniger Holz, dafür mehr Fett und Frucht, einfach genial zu trinken – WT96.

Aus der Art schlug der eigenwillige, hoch spannende 2010 Batard-Montrachet von Jean Joel Gagnard. Der hatte eine deutlich dunklere Farbe, wirkte etwas oxidativer mit unglaublicher Power und Länge. In der Aromatik so eine Art weißer Ausone, lakritzig, sehr kräuterig, stoffig, sehr harzig, leicht ölig, aber auch mit feinem Tannenhonig und Orangenzesten – WT97.

Quasi wiederauferstanden sind die Burgunder aus 1976. Ursprünglich als Jahrhundertjahrgang gefeiert, dann abeschrieben und vergessen, jetzt plötzlich wieder da.

Als sehr feiner, eleganter, fast zarter Wein mit sehr feinen Himbeernoten kam der 1976 La Romanée von Bouchard ins Glas, absolut stimmig und harmonisch. Bei dem hatte ich das Gefühl, dass er sich mit zunehmender Luft etwas verschloss, denn er wurde mit der Zeit kompakter und etwas rustikaler – WT96. Sicher aber ein Wein mit noch enormem Potential.

Das galt auch für den schlichtweg atemberaubenden 1976 Richebourg von DRC in einer Leroy-Abfüllung. Der kam mit „gesunder Landluft“ ins Glas, wurde aber rasch feiner, finessiger und eleganter mit absolut betörender Frucht und ganz feinem, süßem Schmelz. Die enorme Kraft dieses Weines, der eine irre Länge zeigte, war in feinste Seide gehüllt, dazu kam immer mehr die Würze eines großen Richebourg – WT97.

Irritiert schaute unser Gastgeber auf das dritte Glas, in dem eigentlich nichts hätte sein dürfen. Ich hatte mir erlaubt, einen Wein aus seinem Geburtsjahr in die Probe zu schmuggeln. Eine sehr tiefe, noch junge Farbe hatte dieser 1974 Tyrell´s Hunter River Dry Red aus Australien. „from Hermitage grapes grown on red volcanic soil“ hieß es auf dem Etikett dieses 1976 in Canberra als Best Commercial Red Wine prämierten Weines. Hatte zu Anfang das torfige eines älteren Whiskys. Immer mehr kam Asphalt, Graphit, Minze, dann auch Eukalyptus und Lakritz und zeigte eine gute Mineralität. Spannend, kräftig und noch längst nicht am Ende – WT95.

Reifer, großer Cabernet Franc war der absolut betörende 1952 Cheval Blanc in einer Chateauabfüllung. Da kam einfach Freude ins Glas mit immer noch erstaunlich schöner, rotberriger Frucht, mit Kaffee und dunklem Toffee, sehr kraftvoll und lang am Gaumen – WT97. Da kam leider der 1950 Cheval Blanc aus einer unbekannten Händlerabfüllung nicht mit. Der 1950 Cheval Blanc ist – so auch hier – ein Wein mit unbändiger Kraft, der aber meist haarscharf an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn liegt. Der hier tendierte leider zur falschen Seite und wirkte nicht nur mit seiner schon fast tiefschwarzen Farbe eher oxidativ, dazu mit viel Maggi. Als Nipper mit kleinem Schluck hätten wir den schnell abgehakt. So aber konnten wir ihn stehen lassen und später noch mal probieren. Da zeigte er sich dann deutlich gefälliger mit feiner Süße statt Maggi – WT93.

Und dann traten zwei Giganten gegeneinander an. Unser Gastgeber wusste, dass der 1970 Latour sehr viel Luft braucht und hatte ihn frühzeitig dekantiert. So zeigte er sich von seiner besten Seite. Unglaublich kraftvoll, dicht mit enormem, aromatischem Druck am Gaumen, mit der klassischen Walnussnote, guter Frucht und intensiver Mineralität. Ein großer Latour gemacht für die Ewigkeit – WT99. Und doch fand er hier seinen Meister in einem schlichtweg perfekten 1970 Heitz Martha´s Vineyard, der sich noch so jung und druckvoll zeigte mit der klassischen Mixtur aus Minze, Eukalyptus, Sattelleder und Cola mit irrer Länge – WT100.

Auch im nächsten Flight war es der Heitz, der vorne lag. Dabei brauchte der 1978 Heitz Martha´s Vineyard eine ganze Weile im Glas, bis aus dem netten, durchaus beeindruckenden, fruchtigen, freundlichen Kalifornier dieses immer dichtere Tier von Wein wurde, immer minziger, immer mehr Eukalyptus, ein Martha´s, wie er im Buche steht, der aber in dieser Form noch ein paar Jahre braucht, um alles zu zeigen – WT98. Letzteres gilt auch für den 1978 La Mission. Der zeigte sich als gewaltiger, dichter Brocken mit unglaublicher Struktur und Wahnsinns-Potential, aber eben reichlich verschlossen – WT96+. Ja, und der La Mission kann auch Minze und Eukalyptus. Aber wir hatten es hier wohl mit zwei perfekten Flaschen zu tun, aus denen beide Weine noch länger brauchen. Dies spannende Duell schreit nach mehrfacher Wiederholung über den Verlauf der nächsten 20 Jahre.

Und noch mal Kalifornien war angesagt. Der ersten der beiden weine war für mich nicht schwer zu erkennen. Handelte es sich doch um meinen Lieblings-Kalifornier, 1991 Caymus Special Selection. Der hat diese wunderbare, betörende, süße Cassisfrucht, die feine Minze, dazu aber auch eine umwerfende Frische und Leichtigkeit, einfach sexy und hedonistisch schön ohne irgendwie dick oder überladen zu sein – WT99. Wirkt immer noch jugendlich und möchte scheinbar nicht altern. Seit 1996 habe ich diesen Ausnahmewein, sicher der deutlich beste, jemals produzierte Caymus Special Selection, über 20mal mit weitgehend konstanten Bewertungen im Glas gehabt. Das könnte durchaus noch 10 Jahre so weitergehen. Schade, dass der 1991 Togni Cabernet Sauvignon wohl aus einer schlecht gelagerten Flasche kam. Eigentlich ist auch das ein großer, immer noch jugendlicher Kalifornier mit sehr präzisen Konturen. Aber aus dieser Flasche hier wirkte er schon verdammt müde – WT92.

Eine feine Probe war das. Während das zurückgebliebene Quintett wohl noch eine Weile weiter gezaubert hat, habe ich mich kurz vor Mitternacht nach einem letzten Schluck des 1976 Richebourg ins Reich der seeligen Träume verabschiedet.